24.01.1962

BRUNO SCHULZTräume vom Zimt

Als ein Produkt, das sich "leichter auf dem Grund der deutschen Literatur als auf dem der polnischen" erklären lasse, bezeichnete der polnische Redakteur der polnischen Zeitschrift "Nowa Kultura" das in polnischer Sprache verfaßte Erzählwerk eines polnischen Schriftstellers, das nun folgerichtig - wenngleich erst ein Vierteljahrhundert nach seiner ersten Veröffentlichung - auch in deutscher Sprache erschienen ist: "Die Zimtläden" von Bruno. Schulz*.
"Nowa-Kultura"-Redakteur Wirth, der das Nachwort zur deutschen Spätausgabe verfaßt hat, möchte den Erzähler Schulz in der Nähe des Pragers Kafka placiert wissen, dessen Romanfragment "Der Prozeß" von Schulz ins Polnische übersetzt worden var: "Beide gehören in jene schöne Epoche, deren Demiurg Kaiser Franz Joseph zu sein schien." Für Schulz beschränkte sich diese vom österreichischen Kaiser Franz Joseph beherrschte Welt allerdings einzig auf die Kleinstadt Drohobycz im damaligen österreichischen Kronland Galizien. Dort wurde Schulz 1892 als Sohn eines jüdischen Tuchhändlers geboren, dort hat er - von Aufenthalten in Lemberg, Wien und Paris abgesehen - als Zeichenlehrer bis zu seinem Tod gelebt, und dort spielen alle seine Erzählungen.
Vom jüdischen kleinbürgertum seiner Umgebung wurde er, laut Wirth, als "Sonderling" und "Lebenskrüppel" angesehen; als "eine Art Gnom, schmächtig, mit riesigem Kopf und fiebrigen Augen" beschreibt ihn der Warschauer Literarhistoriker Arthur Sandauer. Von seinem Äußeren verschaffen die melancholischen Schulz-Zeichnungen eine vage Vorstellung, auf denen sich vor nächtlicher Kleinstadtkulisse demütige Männergestalten mit Gesichtszügen des Autors halbentblößten Damen als Objekte perverser Ausschweifungen anbieten. In diesen für den Schulgebrauch höchst ungeeigneten Zeichnungen bekundete der Zeichenlehrer Schulz seine Vorliebe für düstere Szenerien und Traummotive bereits, bevor er im Alter von 42 Jahren mit seinen "Zimtläden" unverhofften Ruhm erwarb.
Nach der Veröffentlichung seines ersten Buches im Jahre 1934 wurde Schulz von der polnischen Literaturkritik als Begründer einer neuartigen Erzählkunst gerühmt, und auf den 1937 erschienenen Erzählungsband "Sanatorium zur Todesanzeige"- hin - in diesen Erzählungen tauchen Negerhorden im Pyjama in den Kleinstadtstraßen von Drohobycz auf, pensionierte. Beamte gehen wieder zur Schule, im Titel-Sanatorium kann der Autor mit seinem verstorbenen Vater sprechen - wurde Schulz sogar Laureat der Polnischen Akademie für Literatur.
In die deutsche "Zimtläden"-Ausgabe sind auch diese traumhaft-grotesken Erzählungen aufgenommen worden. Vorsichtshalber nicht aufgenommen dagegen wurden die Zeichnungen, mit denen die neueste polnische "Zimtläden" -Ausgabe illustriert ist. In Polen war Schulz, nach deutscher Besatzungszeit und anschließender östlicher Kulturdomestizierung, in Vergessenheit geraten und erst 1957 wieder aufgelegt worden.
Nicht ganz so drastisch wie die Zeichnungen, doch ebenso grotesk ist die surreale Welt, die der Prosaist Schulz darstellt. Bruno Schulz: "Meine Existenzform beruht in hohem Maße auf Einbildung." Die als Roman etikettierten "Zimtläden", ursprünglich als Briefe an einen todkranken Freund verfaßt, beschreiben - unabhängig von Chronologie und ohne durchlaufende Handlung - Kindheitserlebnisse, Empfindungen und Tagträumereien des jüdischen Händlersohns in Drohobycz.
In der metaphernreichen und wuchernden Sprache des Expressionismus ("Süddeutsche Zeitung": "Auf diese Prosa war keiner von uns mehr gefaßt") erinnert sich Schulz der "gelben, langweiligen Wintertage", der "unreinen, weibischen Üppigkeit des Augusts" und der "schmarotzenden Pilze der Abenddämmerungen", beschreibt er labyrinthische Wohnungen und nächtliche "Doppelgassen, Zwillingsgassen, Doppelgängergassen, Lügengassen und Scheingassen".
In diesen Zwillings- und Lügengassen befinden sich auch die Zimtläden, nach denen der Erzähler auf abendlichen Streifzügen - vergebens - sucht. Es sind Geschäfte, in denen "bengalisches Feuer, Zauberkistchen, Briefmarken längst verschwundener Länder, chinesische Abziehbilder, Indigo, Kolophonium aus Malabar, Eier exotischer Insekten, Papageien" verkauft werden und die offenbar als Symbol für die zerfallende Welt des vergangenen Jahrhunderts stehen sollen. Das Gegenstück ist die "Krokodilgasse" am Stadtrand, die den "Geist der Zeit", den "Mechanismus des Wirtschaftslebens" symbolisiert. Dort haben sich "die neuzeitlichen nüchternen Formen des Kommerzialismus entwickelt Der Pseudoamerikanismus, dem alten, morschen Grund der Stadt aufgepfropft, ließ hier die üppige, wenn auch leere und farblose Vegetation trödlerhafter, schlechter Ansprüche emporschießen".
Diesem Kommerzialismus gilt die Abneigung des Erzählers Schulz und die seiner Hauptfigur, des greisen Tuchhändlers Jakub. Der senile Patriarch Jakub, dem Vater des Autor§ nachgebildet, ein "Fechtmeister der Einbildungskraft", der "dem grenzenlosen Element der stumpfen Langweile den Krieg erklärte" und "die verlorene Sache der Poesie" verteidigen möchte, untersucht in abendlichen Konversationen mit den jugendlichen Näherinnen Polda und Paulina "die Struktur ihrer mageren und billigen Körper" und doziert dabei: Uns entzückt und ergreift einfach das Billige, das Minderwertige, das Trödelhafte des Materials. Versteht ihr ... den tiefen Sinn dieser Schwäche, dieser Leidenschaft für buntes Dekorationspapier, für Pappmache, für Lackfarben, für Werg und Sägespäne?"
Vater Jakub betreibt eine umfangreiche Zucht exotischen Geflügels und läßt in seiner Wohnung Kondor-Eier ausbrüten; am Ende macht er, ähnlich dem Helden in Franz Kafkas Erzählung. "Die Verwandlung", eine sonderbare Metamorphose durch: Er schrumpft zu einer Küchenschabe zusammen.
Gegen Ende der dreißiger Jahre hatte Schulz noch einen Erzählungsband zur Veröffentlichung vorbereitet und die Arbeit an einem Roman, "Der Messias", begonnen. Beide Manuskripte gingen während des Krieges verloren.
Auch Bruno Schulz überlebte den Krieg nicht. Im November 1942 wurde er in den Straßen des Gettos von Drohobycz von einem SS-Mann durch Genickschuß ermordet.
* Bruno Schulz: "Die Zimtläden". Carl Hanser Verlag, München; 340 Seiten; 18,80 Mark.
Schulz-Zeichnung
Handel mit Eiern...
Autor Schulz (Selbstporträt)
... exotischer Insekten

DER SPIEGEL 4/1962
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