24.01.1962

NASOBEMSchneuzender Schniefling

Es steht noch nicht im Meyer", reimte Christian Morgenstern Anno 1905, "und auch im Brockhaus nicht. Es trat aus meiner Leyer zum erstenmal ans Licht."
Was damals kein Lexikon verzeichnete, war ein von dem einfallsreichen "Galgenlieder"-Dichter ("Ein Wiesel / saß auf einem Kiesel / inmitten Bachgeriesel") ersonnenes Fabelwesen: das Nasobem. "Auf seinen Nasen schreitet", präzisierte - Morgenstern, "einher das Nasobem, von seinem Kind begleitet. Es steht noch nicht im Brehm."
56 Jahre nach Morgensterns poetischer Entdeckung ist der phantastische Nasenläufer nunmehr wissenschaftliches Studienobjekt geworden: Prominente deutsche Zoologen versichern in Fachzeitschriften und Tageszeitungen, daß die Nasentiere tatsächlich existiert haben.
"Dieses Nasobem", schrieb beispielsweise letzten Monat der Gießener Zoologe Professor Wulf Ankel in der "Naturwissenschaftlichen Rundschau", "ist keineswegs eine dichterische Erfindung, sondern es hat wirklich gelebt." Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie in Seewiesen (Oberbayern), Professor Erich von Holst, schwärmte in der "Süddeutschen Zeitung": "Des Biologen Herz wird wohl höher schlagen dürfen, sieht er sich plötzlich einer völlig neuen Tierwelt/ gegenüber."
Derart begeistert zeigten sich die Professoren bei der Besprechung einer jüngst erschienenen wissenschaftlichen Abhandlung, die ein Professor Harald Stümpke einer den Zoologen bislang unbekannten Säugetier-Ordnung gewidmet hat: den "Rhinogradentia" - den "auf den Nasen Schreitenden"*.
In trockener Gelehrtensprache teilt Autor Stümpke einen sensationellen Sachverhalt mit. Im Jahre 1941 - so der Bericht - wurde ein Schwede namens Einar Pettersson-Skämtkvist auf der Flucht aus japanischer Kriegsgefangenschaft auf eine bis dahin unbekannte Inselgruppe im Pazifik, die Hi-Iay-Islands, verschlagen. Er entdeckte auf dein abgelegenen Archipel merkwürdige Lebewesen, die auf Nasen einherspazierten.
Nachdem Pettersson-Skämtkvist über seine Beobachtungen berichtet hatte, machten sich Zoologen zu den Inseln auf. Sie fanden Lebewesen, die dem von Morgenstern erdachten Nasobem tatsächlich glichen, und tauften die Art - zu Ehren des Dichters - auf den Namen "Großes Morgenstern-Nasobem" (Nasobema lyricum). Mehr noch: Die Hi-Iay -Islands beherbergten insgesamt 189 Nasling-Arten, die in die Unterordnungen Monorrhina ("Einnasen-Naslinge") und Polyrrhina ("Vielnasen-Naslinge") eingeteilt wurden.
Doch keineswegs alle Naslinge sind mit Laufnasen ausgerüstet. Rhinogradentia anderer Arten- benutzen ihre Riechorgane etwa als Angeln (so der "Schneuzende Schniefling"). Bei der Gattung der "Nasenblümchen" wiederum, deren grünlich gefärbte Vertreter auf Wiesen und - an bewachsenen Felsenhängen leben, sind die Nasen zu blumenartigen Insektenfangorganen ausgebildet. (Dazu Stümpke: "Die Stärke der Farben und der Glanz der Nasen sind ganz außerordentlich.")
Als kuriosesten Nasling beschreibt Stümpke ein Tier, das die Zoologen "Orgeltatzelnase" getauft haben, weil es 38 zu "Blasinstrumenten nach dem Posaunen-Prinzip" ausgebildete Nasen besitzt, die "unabhängig voneinander einsetzbar" sind und bei den Balztänzen ertönen. Die Tiere konnten, wie ihr Entdecker feststellte, schon nach kurzer Dressur Bachsche Orgelfugen fast fehlerfrei wiedergeben.
Indes, jüngst sind die seltsamen Nasentiere aus der Welt verschwunden. Wie der Leser des Buches "Bau und Leben der Rhinogradentia" aus dem Nachwort des Heidelberger Zoologie-Professors Dr. Gerolf Steiner erfährt, sind die Hi-Iay-Islands mittlerweile infolge atomarer Sprengversuche im Meer versunken. Sämtliche auf der Insel aufbewahrten Präparate, Photographien und Aufzeichnungen der Nasobem-Forscher seien dabei vernichtet worden, der Nasobem - Beschreiber Stümpke habe die Katastrophe nicht überlebt. Nur durch einen "glücklichen Zufall" sei er, Steiner, in den Besitz des Stümpke-Manuskripts gelangt.
Indem Zoologe Steiner das "Werk Stümpkes" als wissenschaftliche Arbeit herausbrachte, bewies er, was in Deutschland kaum jemand für möglich gehalten hätte: daß deutsche Professoren Sinn für Humor haben. Steiner hatte sich sowohl die Ordnung Rhinogradentia als auch die Figur des Autors Stümpke einfallen lassen; er hatte geulkt und damit "etwas in der Geschichte der Zoologie bisher Einzigartiges und wahrhaft Köstliches präsentiert" (so der Gießener Professor Ankel).
Mit teutonischer Gründlichkeit paßten sich einige Kollegen Steiners dem parodistischen Ton des Heidelbergers an und behandelten dessen Werk in Rezensionen wie eine seriöse Arbeit. Andere Wissenschaftler entpuppten sich ebenfalls als Spaßvögel - so der Freiburger Zoologe Professor Alfred Kühn, der Kieler Anatomie - Professor Wolfgang Bargmann und der Anthropologe Professor Gerhard Heberer: Sie beglückwünschten Steiner zu seiner Arbeit. Allein eine Studienrätin a. D. hielt es "für unrichtig, den Autoritätsglauben, der schon gegenwärtig ohnehin nicht sehr stark ist, derartig zu untergraben".
Die sowjetzonale "Liberal-Demokratische Zeitung" aber ließ sich foppen. Die "abenteuerlich seltsame Tierwelt der Hi-Iay-Inseln" wäre erhalten geblieben, schrieb das Blatt selbstkritisch, "wenn es uns, den friedliebenden Kräften, bereits rechtzeitig gelungen wäre, die allgemeine Abrüstung und das Verbot der Herstellung und Erprobung von Kernwaffen durchzusetzen".
* Professor Dr. Harald Stümpke: "Bau und Leben der Rhinogradentia". Gustav Fischer Verlag, Stuttgart; 86 Seiten; 12 Mark.
Nasobem-Forscher Steiner
"Auf seinen Nasen schreitet...
Nasenläufer (nach Steiner)
... einher das Nasobem ...
Nasobem-Dichter Morgenstern
... es steht noch nicht im Brehm"

DER SPIEGEL 4/1962
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