07.02.1962

HEYDE-MITWISSERDie Schatten weichen

Schon vor dem Prozeß gegen den Euthanasie-Professor Dr. Heyde/Sawade geht in Schleswig-Holstein die Großjagd nach den Mitwissern ohne Halali zu Ende. Niemand blieb auf der Strecke.
Von den 22 Richtern, Staatsanwälten, Universitätsprofessoren, Ärzten und Beamten, denen - laut Liste des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses
die Identität des Dr. Heyde mit dem Dr. Sawade bekannt war, haben nur noch zwei Beamte unliebsame Vernehmungen zu erwarten.
Alle anderen Geheimnisträger, die wußten, daß der Obergutachter beim Schleswiger Landessozialgericht, Dr. Sawade, in Wirklichkeit der seit Jahren von der Staatsanwaltschaft Würzburg gesuchte Professor Dr. Werner Heyde war, blieben nahezu unbehelligt. Heyde wird zur Last gelegt, im Dritten Reich die Tötung von nahezu 80 000 Geisteskranken und anderen angeblich Lebensunwerten organisiert zu haben.
Als Sündenböcke unter den 22 Mitwissern blieben übrig:
- der vorzeitig pensionierte Präsident des Schleswiger Landessozialgerichts, Dr. Ernst-Siegfried Buresch, und
- der frühere Erste Staatsanwalt in Flensburg und heutige, vorläufig beurlaubte Leitende Regierungsdirektor im Wehrbereich I (Kiel), Dr. Bruno Bourwieg.
Gegen Buresch wurde bereits im Februar 1960, gegen Bourwieg im März 1961 Anklage wegen Begünstigung im Amt erhoben, ohne daß es bis heute zum Prozeß gekommen wäre. Gegen den 61jährigen Pensionär Buresch hat die Erste Große Strafkammer des Landgerichts in Flensburg ein Verfahren aus "tatsächlichen und rechtlichen Gründen" abgelehnt, weil "für Richter keine Pflicht besteht, verübte Vergehen und Verbrechen anzuzeigen".
Im Januar 1961 entschied dann das Oberlandesgericht in Schleswig, dem elf Monate vorher amtsenthobenen Präsidenten sei nun doch der Prozeß zu machen - freilich erst, wenn im Heyde -Prozeß nachgewiesen worden sei, daß Hauptmitwisser Buresch den Euthanasie-Professor tatsächlich begünstigt habe. Dieselbe Schonfrist wurde dem Dr. Bourwieg gewährt, der von Buresch erfahren hatte, wer Sawade wirklich ist, sich aber zu keiner Amtshandlung entschließen konnte.
Während Buresch und Bourwieg sich möglicherweise doch noch vor Gericht verantworten müssen, sind andere belastete Staatsdiener von Prozeß-Sorgen frei.
Zu den davongekommenen Staatsdienern gehören
- der Senatspräsident des Landessozialgerichts in Schleswig, Richard Michaelis, der wußte, daß Sawade einen falschen Namen trug, ihn aber trotzdem als Gutachter beschäftigte; dem Präsidenten, der nach zeitweiliger Beurlaubung wieder sein hohes Amt übernehmen durfte, wurde als "Strafe" lediglich das Gehalt für 24 Monate um zehn Prozent gekürzt;
- der Landessozialgerichtsrat Dr. Max Meinicke-Pusch, der zwar dem Präsidenten Michaelis, nicht aber der Staatsanwaltschaft meldete, daß der Name Sawade falsch war; Meinicke-Pusch erhielt lediglich einen Verweis;
- der Sozialgerichtsdirektor Hartmut Gerstenhauer und die Sozialgerichtsrätin Maria Stumpf, die beide von der Personen-Identität Heyde/Sawade wußten, nichtsdestoweniger aber ungerügt blieben;
- der Landgerichtsrat Schlüter, der im Sommer 1945 Stubenkamerad Heydes im dänischen Internierungslager Faarhus war und, ihn 1953 als Dr. Sawade wiedertraf, dem aber in einem Ermittlungsverfahren "keine Verfehlung nachgewiesen werden konnte";
- der Flensburger Oberstaatsanwalt Biermann, dem eine Anzeige gegen Heyde vorlag, der aber vergaß, ins Fahndungsbuch zu blicken - er wurde in einem Disziplinarverfahren freigesprochen, und
- der Leiter des schleswig-holsteinischen Landesgesundheitsamtes in Kiel, der Ministerialrat Hans Heigl, der von Heydes Tarnnamen amtlich Kenntnis erhielt; die Kieler Strafkammer lehnte es ab, ein Verfahren gegen Heigl zu eröffnen, weil für ihn "keine Rechtspflicht zu handeln" bestanden habe.
Auch die Reputation des ebenfalls in
die Heyde-Affäre verwickelten Generalstaatsanwaltes Dr. Adolf Voß erlitt keine nennenswerte Einbuße: Der vorzeitig pensionierte Voß amtiert weiter als Präsident der Synode der schleswigholsteinischen Evangelisch-Lutherischen Landeskirche.
Voß hatte sich 1960 in seiner Wohnung mit Buresch über den heiklen Fall Heyde ausgesprochen und seinen Gast über die Aussagen Meinicke-Puschs vor dem Untersuchungsausschuß informiert. Buresch erlitt auf Vossens Toilette einen Herzanfall, und auch Voß litt in der Folgezeit. Der "gute Voß" ("Die Zeit") fühlt sich, jedoch inzwischen wieder kregel. Der Schleswiger Bischof D. Wester hat für ihn gebetet.
Wester hatte über den Generalstaatsanwalt, der sogar der Mitwisserschaft im Fall Heyde/Sawade verdächtigt worden war (SPIEGEL 3/1961), öffentlich verkündet: "Der Schatten, der über dem Namen von Dr. Voß in letzter Zeit lag, wird immer mehr weichen. Sein Name wird makellos sein. Wir hoffen, daß er am Herzen wieder ganz fröhlich wird und bitten Gott, daß er vor den Augen der Welt offenbaren möge, was Rechtens ist."
Voß braucht keinerlei Unbill mehr zu befürchten, genausowenig wie die vor den Parlamentarischen Untersuchungsausschuß zitierten Mitwisser, unter ihnen der Bundesrichter am Bundessozialgericht in Kassel, Dr. Sonnenberg, und die Professoren Doerr, Reinwein, Hallermann (Universität Kiel) und Glatzel (Max-Planck-Institut, Dortmund).
Im Zusammenhang, mit dem Fall Heyde wurde bisher überhaupt nur ein schmerzhaftes Urteil gefällt: gegen den Chefreporter der linksliberalen "Frankfurter Rundschau", Volkmar Hoffmann.
Hoffmann hatte am 20. November 1959 in seiner Zeitung geschrieben: "Selbst Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel (CDU) und Kultusminister Odo Osterloh (CDU) - oder gar das ganze Kabinett? - wußten seit mehreren Monaten, daß sich unter dem Namen Dr. Sawade der steckbrieflich gesuchte Euthanasiearzt und SS-Standartenführer Professor Werner Heyde verbarg, ohne sofortigen Eingriff für nötig zu halten."
Der Reporter wurde daraufhin wegen "politisch übler Nachrede" zu sechs Monaten Gefängnis mit Bewährung verurteilt.
Generalstaatsanwalt Voß
Pensioniert
Journalist Hoffmann
Verurteilt

DER SPIEGEL 6/1962
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