DER SPIEGEL



USA / KUBA-POLITIK

Henne mit goldenen Eiern

Kubas Staatspräsident Osvaldo Dorticos blätterte blasiert in der Taschenbuchausgabe eines Hemingway -Romans. Nach genau 40 Minuten beendete er seine Lektüre, blickte sein Gegenüber an und lachte schallend auf.

Der dem Kubaner gegenübersitzende Hemingway-Landsmann, US-Außenminister Denn Rusk, hatte soeben seine Anklagerede gegen das kommunistische Kuba vor der Außenministerkonferenz der "Organisation Amerikanischer Staaten" (OAS) im uruguayischen Luxusbad Punta del Este beendet*.

Rusk. "Wir dürfen uns nicht von einem kleinen Tyrannen (Castro) entzweien lassen, der plötzlich aufgetaucht ist, sondern wir müssen ihn gemeinsam in seine Schranken verweisen.'

Dorticos entgegnete: "Die kubanische Regierung hat sich die marxistische Ideologie zu eigen gemacht und ist stolz darauf, das erste kommunistische Regime auf amerikanischem Boden errichtet zu haben."

Die höflichen Lateinamerikaner applaudierten beiden Kontrahenten. Der Beifall, der Dean Rusk entgegenschlug, galt freilich mehr der Eloquenz des Ministers als seinen Forderungen. Rusk hatte verlangt:

- das kubanische Regime als unvereinbar mit den interamerikanischen Interessen zu erklären;

- Kuba aus der OAS auszustoßen;

- die wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen zu Kuba sofort abzubrechen.

Wirtschaftliche Sanktionen gegen Kuba oder gar der Ausschluß der Zucker-Insel aus der OAS wurden jedoch von Argentinien, Brasilien, Chile, Bolivien, Ekuador und Mexiko entschieden abgelehnt. Uruguay und anfänglich auch Haiti zeigten sich unentschlossen.

Dean Rusk, eine neue ärgerliche Niederlage der US-amerikanischen Kuba-Politik vor Augen, kämpfte verbissen um einen Prestige-Erfolg. Die Konferenz wurde verlängert. In stundenlangen Hotelzimmer-Gesprächen mit den südamerikanischen Delegierten suchte Rusk das Schlimmste - die totale Ablehnung der US-Forderungen - zu verhüten, denn das wäre ein Propagandasieg für Castro gewesen und hätte außerdem das Verhältnis Washingtons zu Lateinamerika beeinträchtigt.

Dort wartet man nämlich seit März vergangenen Jahres auf einen reichen Dollar-Segen aus der von Präsident Kennedy propagierten "Allianz für den Fortschritt": Die südlichen Nachbarn der USA sollen in Form eines Zehn-Jahres-Kredits 20 Milliarden Dollar als Wirtschaftshilfe erhalten.

Washington, das sich mit einer unparteiischen Verteilung der Gelder durch die Interamerikanische Entwicklungsbank einverstanden erklärt hat, steht jedoch vor einem Dilemma: Es kann die Subventionen nicht freigeben, solange Kuba OAS-Mitglied ist, also ebenfalls in den Genuß nordamerikanischer Subsidien gelangen würde.

Deshalb bermüht sich die Kennedy -Regierung seit Monaten um den Hinauswurf des Castro-Regimes aus der OAS. Bisher hatte sie jedoch nur im Interamerikanischen Verteidigungsrat Erfolg: Kuba wurde Ende April 1961 von den Sitzungen ausgeschlossen, solange es seine engen Bindungen an den Ostblock aufrechterhält.

Wesentlich schwieriger gestaltete sich der Ausschluß Kubas aus der OAS. Hierzu war zunächst einmal eine mit Zweidrittelmehrheit angenommene Empfehlung der 21 Außenminister an den Ständigen Rat der OAS erforderlich.

Und selbst diese Zweidrittelmehrheit war in der vergangenen Woche in Punta del Este erst gesichert, nachdem Rusk finanzielle Befürchtungen des uruguayischen Nationalratspräsidenten Victor Haedo entkräftet hatte.

Haedo: "Herr Minister, wann kommt eigentlich die Milliarden-Hilfe, die Ihr Land versprochen hat?"

Rusk: "Sehr bald, Herr Präsident. Sobald unser Kongreß sie bewilligt hat."

Haedo: "Dann werden wohl unsere Enkel die Glücklichen sein."

Worauf Rusk und seine Berater zu verstehen gaben, daß bald Zahlungen zu erwarten seien, wenn Uruguay seine, die entscheidende 14. Stimme für die US-Forderungen abgebe.

Damit hatte Rusk zwar in letzter Minute einen Prestige-Erfolg errungen, zugleich aber die OAS gespalten.

Die künftigen Großmächte Lateinamerikas - Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko - waren nämlich (ebenso wie Bolivien und Ekuador) mit Dollar-Verheißlungen nicht- einzufangen. Sie verschanzten sich hinter juristischen Bedenken: In der OAS-Charta, erklärt Brasiliens Außenminister Dantas, sei die Möglichkeit eines Ausschlusses gar nicht vorgesehen.

Aufgrund der Empfehlung von Punta del Este wird nun Ende Februar der Ständige Rat der OAS zunächst darüber befinden, ob er den Kubanern die Teilnahme an allen Sitzungen sämtlicher OAS-Gremien untersagen soll.

Doch erst ein Konferenz der Regierungs- und Staatschefs aller OAS-Mitglieder könnte beschließen, die OAS -Charta zu ändern und das kommunistische Kuba vollends hinauszukomplimentieren, denn nach Artikel 33 der OAS -Charta ist die Interamerikanische Konferenz der Regierungschefs "das oberste Organ der Organisation, das über alle politischen Aktionen entscheidet".

Präsident Kennedy hofft nun, hierfür in zweiseitigen Vorverhandlungen mit den sechs südamerikanischen Nein -Sagern doch noch eine eindrucksvolle Stimmenmehrheit zu erzielen.

Kubas Wirtschaftsminister "Che" Guevara riet freilich den Lateinamerikanern, bei ihrer Haltung zu bleiben, und frotzelte. "Kuba ist die Henne mit den goldenen Eiern. Solange (das kommunistische Regime auf) Kuba besteht, werden die Vereinigten Staaten zahlen."

* Der OAS gehören 21 Staaten an: Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Domimikanische Republik, Ekuador, El Salvador, Guatemala, Haiti, Honduras, Kolumbien, Kuba, Mexiko, Nikaragua, Panama, Paraguay, Peru, Uruguay, USA, Venezuela.

Konferenzgegner Rusk (vorn), Dorticos (l.). Der Angeklagte los Hemingway


DER SPIEGEL 6/1962
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