14.02.1962

LORD BYRONEnde in Versen

Die Ärzte, die dem von Fieber Geschüttelten immer wieder Blutegel an die Schläfenadern gesetzt, ihm reichlich Blut abgezapft und das austretende Blut nicht zum Stillstand gebracht hatten, übernahmen auch die nächste Verrichtung.
Sie meißelten dem Toten den Kopf auf, entfernten die Augäpfel, zogen das Hirn aus der Schale und hoben es auf die Waage.
Das Hirn des Mannes, der ausdrücklich gewünscht hatte, nach seinem Tode nicht "zerhackt" zu werden, wog 2160 Gramm, fast 600 Gramm mehr als ein vorzügliches Normalhirn. Ein Arzt füllte Hirn, Herz und Innereien in Krüge und legte das, was unter, seinem Meißel sonst noch übriggeblieben war, in einen durchlöcherten Zinnsarg. Der Sarg wurde in ein Gefäß gestellt, das 700 Liter Alkohol füllten:
Später wandte der Ehrenwerte John Cam Hobhouse entsetzt die Augen ab: "Das hat nicht die leiseste Ähnlichkeit mit meinem lieben Freund Byron."
Länger als einen Monat segelte die Brigg mit dem, was keine Ähnlichkeit mehr mit Lord Byron hatte, von der kleinen Insel Zante an der griechischen Westküste bis zur Themse. Doch noch vor der Ankunft des Schiffes hatte in London ein anderes Vernichtungswerk begonnen. An einem Maitag des Jahres 1824 verbrannten sieben Herren in einem Wohnzimmerkamin die Memoiren des im Alter von 36 Jahren in Griechenland verstorbenen Poeten George Gordon Byron. Vierhundert von des Dichters Hand beschriebene Seiten knisterten auf Buchenscheiten.
Von den Augenzeugen des Brandopfers - unter ihnen der Verleger John Murray, der in zwölf Jahren
ein Millionenvermögen auf das Konto Byrons vereinnahmte - hatten Byrons Memoiren nur zwei gelesen: der irische Schriftsteller Thomas Moore und ein Dichter namens Luttrell. Wenige Jahre zuvor waren die Memoiren dem Dichter Moore in Italien, in ein weißes Ledersäckchen verschnürt, von Byron geschenkt worden. Byron hatte zugestimmt, daß Moore die Memoiren bei dem Verleger Murray für 2100 Pfund verpfändete. Der Ire und Luttrell protestierten als einzige gegen die Verbrennung.
Aber ihr Protest traf bei den Mitverbrennern auf taube Ohren. Die Veranstalter des Autodafés vertrauten dem Urteil eines zeitgenössischen Literaturkritikers, dem Einblick in die Folioseiten vergönnt gewesen war: "Geeignet für ein Bordell."
Die vernichtende Eile von Verleger, Testamentsvollstrecker und Zeugen wurde nicht nur von der Furcht beschleunigt, der tote Byron könnte in seinen Erinnerungen die Erinnerung an den Skandal wiedererwecken, der zu Lebzeiten des Dichters mindestens ebensoviel Aufsehen gemacht hatte wie sein vielleicht berühmtestes Werk, das Poem "Die Pilgerreise des Childe Harold". Mehr noch fürchteten sie, der Verfasser könnte in seinen Memoiren selber die Gerüchte bestätigt haben, die den Skandal begleitet hatten.
Die Ehe Lord Byrons mit Anna Isabella war 1816 nach einjähriger Dauer getrennt worden. Das Gerücht wollte wissen, die Ehe sei separiert worden, weil der 28jährige Lord in inzestuösen Beziehungen zu seiner Halbschwester Augusta gestanden habe.
Seither beschäftigt die Frage, ob Byron seiner Schwester näher gekommen war als erlaubt, die Biographen des romantischen Poeten. Für ihr klärendes Bemühen blieben Byrons Biographen vornehmlich auf ihre Fähigkeiten im Deuten von Briefen angewiesen.
Die Ergebnisse der Deutungen streben auseinander. So ist der französische Schriftsteller André Maurois sicher, daß Byron mit der fünf Jahre älteren Augusta, der Tochter eines gemeinsamen Vaters, des verlotterten Garde-Hauptmanns Jack, Tisch und Bett geteilt habe. Ein Forscher Nichol hingegen sieht in Augusta nur die himmlische Schwester. Der Philosoph Bertrand Russell neigt, wenngleich etwas verhohlen, den Inzest-Mutmaßungen zu. Die Biographen Quennell und Vulliamy weisen Verdächtigungen nicht zurück, bedauern aber das Fehlen gültiger Beweise.
Trotzdem belebte alle Biographen die Hoffnung, aus einer noch verschlossenen Quelle eines Tages Genaues zu erfahren. Sie starrten auf den Nachlaß von Byrons Gattin Anna Isabella, einen Wust von Papieren; den die Familie fast hundert Jahre lang ängstlich vor jedem gründlichen Forscherblick verborgen hielt.
Jetzt präsentiert sich die Engländerin Doris Langley Moore mit ihrem Buch "Der verstorbene Lord Byron" als erste Forscherin, die gänzlich uneingeschränkt Lady Byrons Papiere studieren durfte*. Doris Langley Moore verdankt diese Erlaubnis einem Zufall, einem Leserbrief an die englische "Sunday Times", in dem sie sich der greisen Urenkelin des Lord Byron, Lady Wentworth, als "Byromanin seit meinem vierzehnten Lebensjahr" empfohlen hatte. Das Ergebnis von Doris Langley Moores Studien macht zwar die Byron-Forscher um die Hoffnung ärmer, bei Anna Isabella - Rufname: Annabella - zweifelsfreie Aufschlüsse über des Dichters Verhalten zu finden. Es bereichert sie jedoch um den Nachweis, wer die diskriminierenden Gerüchte aktenkundig gemacht hat.
Die Spur führt stracks zu Lady Caroline Lamb, der Gattin des späteren Premierministers der Königin Viktoria, Lord Melbourne. Mit der jungen Frau Lord Melbournes - damals noch: William Lamb - unterhielt der Poet vor seiner Hochzeit ein heftiges, stadtbekanntes Liebesverhältnis.
Zu der Zeit, als der 24jährige Lord Byron die exzentrische Caroline hofierte und die etwas frostige, dunkelhaarige Annabella Milbanke kennenlernte, genoß er in vollen Zügen den Ruhm, den "Childe Harold" ihm einbrachte. Von dem Poem, annähernd fünftausend Zeilen gereimter Visionen und Erlebnisse von einer Reise durch Albanien, Griechenland und die Türkei, wurden damals bis zu 10 000 Stück pro Tag verkauft.
"Der Gegenstand von Gesprächen, von Neugierde und Enthusiasmus", berichtet die Herzogin von Devonshire, "sind im Augenblick nicht Spanien oder Portugal, nicht Soldaten oder Patrioten, sondern Lord Byron. 'Childe Harold' liegt auf jedem Tisch. Die Männer sind eifersüchtig auf ihn, die Frauen aufeinander."
Die Kutscher verursachten mit ihren Gefährten Verkehrsstockungen vor Byrons Wohnung in der St. James' Street, wohin sie Einladungen ihrer Herrschaften zu überbringen hatten. Der Lord erinnerte sich später: "Kurz, ich war ein Löwe, ein Ballsaal-Barde, ein hot pressed darling."
Die ungewöhnliche Anziehungskraft des jungen Mannes gründete sich nicht nur auf seine dichterischen Qualitäten und auf die Romantik seiner Sujets. Lord Byron war schön, lockigblond, mit großen dunklen Augen und einem vollen Mund. Er war von noblem Rang. Die Baronie war ihm als zehnjährigem vaterlosen und bitterarmen Knaben von einem Großonkel zugefallen - "in einer Epoche, in der Adel eine fast magische Anziehungskraft hatte" (Doris Langley Moore). Biograph Vulliamy: "Die Mischung aus Seiner Lordschaft und seinem Gedicht war ... unwiderstehlich."
Zudem hatte Byron ein kleines, interessantes Gebrechen. "Sie sollten den neuen Poeten kennenlernen", wurde der jungen Caroline Lamb empfohlen: Er habe einen Klumpfuß und kaue seine Fingernägel.
Von Geburt an war Byrons rechter Fuß verkrüppelt. Mit Eisenklammern, Spezialschuhen und Schienen versuchten Ärzte jahrelang, das Übel zu korrigieren. Byron trachtete die Behinderung bei sportlichen Anstrengungen zu vergessen. So verteidigte er seine Schulmannschaft Harrow im Kricketspiel, boxte und brachte es im Schwimmen zur Meisterschaft. Wie der antike Fabelheld Leander durchschwamm er die zwei Kilometer des Hellespont: "Die Strömung war sehr stark und kalt. Auf halbem Wege waren wir nahe an einigen großen Fischen. Wir schafften es ohne sonderliche Schwierigkeiten." In Venedig legte er nächtliche Heimwege durch die Kanäle schwimmend zurück, eine brennende Fackel in der Hand.
Zum Ehestand drängte den jungen Poeten die Hoffnung, sein aufwendiges Dasein zu verbilligen: Zeitweilig hatte er bis zu 25 000 Pfund Schulden angehäuft. Ledig wurde er ihrer erst viel später, als er seinen Landsitz bei Nottingham verkaufte. Die Entgegennahme von Honoraren für das, was er mokant "Poeschi" nannte, verweigerte der Edelmann meistens.
Außerdem ließ auch allmählich das Verhältnis zu Caroline Lamb einen ehelichen Schutzwall nützlich erscheinen, nachdem sich die Dame auf einem Ball aus Eifersucht mit einer Schere umzubringen gedroht und der Prinzregent sein Mißfallen geäußert hatte. Byron: "Ich habe es satt, ein Narr zu sein."
In Verfolg der eigenartigen Idee, durch eine Eheschließung das Stadium der Narrheit zu beenden, fiel Byrons Blick auf die zwanzigjährige Annabella Milbanke. Sie war still - Byron: "Ich habe gern, wenn die Frauen viel reden, sie denken dann weniger" -, dem Studium der Mathematik und Philosophie ergeben und von strengen moralischen Grundsätzen. Byron: "Ich habe nicht den Wunsch, enger mit Miss Milbanke bekannt zu werden. Ich hätte sie lieber, wenn sie weniger vollkommen wäre."
Der prätentiösen Landadeligen hingegen war der Verfasser des "Childe Harold" ein Objekt, das der Bekehrung harrte. Annabella glaubte, daß Byron, ohne es zu ahnen, seine bösen Taten bereue und bloß "ohne Hilfe nicht die Entschlossenheit aufbringe, einen neuen Weg einzuschlagen".
Zu den bereuensreifen Taten des jungen Lords zählte zum Beispiel, daß Byron als 20jähriger aus einem Freudenhaus eine sechzehnjährige Caroline aufgekauft und in Knabenkleider gesteckt hatte - der Knabe kam alsbald in einem Bond-Street-Hotel mit einer Fehlgeburt nieder.
Wie wenig Byron an Annabella, wie viel mehr ihm nur an einer heiratswürdigen Frau gelegen war, schrieb er der Lady Melbourne, die Annabellas Tante und zugleich Schwiegermutter der geliebten Caroline Lamb war: "Nichts als eine Heirat, eine schnelle Heirat kann mich retten. Wenn Ihre Nichte noch zu haben ist, gebe ich ihr den Vorzug."
Seine Gefühle für die Kandidatin kleidete der Poet in die Sätze: "Was die Liebe anbetrifft, das ist eine Sache von einer Woche - vorausgesetzt, daß die Lady einen vernünftigen Anteil daran hat." Und: "Ich habe kein Herz zu verschenken, erwarte auch keins als Gegengabe."
Einen ersten Heiratsantrag lehnte Annabella ab - zu Byrons Erleichterung: "Das wäre ein kaltes Büfett geworden, und ich ziehe warmes Abendbrot vor."
Für das warme Abendbrot sorgte derweil Lady Oxford, Mutter von vielen Kindern. Lord Byron: "Eine Frau ist nur dankbar für ihre erste und für ihre letzte Eroberung."
Zwei Jahre danach kam Lord Byron aber wieder auf Annabella zurück, aus triftigem Grund: als "einzige Chance, zwei Menschen zu erlösen". Der andere Mensch war Byrons Halbschwester Augusta.
Die Rätselei der Biographen setzt mit den letzten anderthalb Jahren vor Byrons Eheschließung ein, die er in London, auf dem Land und im Seebad Hastings zumeist in Gesellschaft seiner Schwester verbrachte. Augustas Gatten, einen Colonel Leigh, hielten die Gelegenheiten, bei Pferderennen Schulden zu machen, meist von Frau und Kindern fern. Autorin Langley Moore merkt an, daß Byron die Schwester zuvor kaum gesehen hatte, daß sie ihm also fast eine Fremde war.
Für ihr Puzzlespiel, ein richtiges Bild zusammenzusetzen, benutzen die Byron-Forscher vornehmlich die Briefe, die Byron mit seiner Vertrauten, der über 60jährigen Lady Melbourne, wechselte. Darin offenbarte der Dichter, daß "die Art von Gefühlen, die mich in der letzten Zeit aufsaugen, ein Gemisch des Schrecklichen ist, das alles andere ... fade macht". Verworren gestand er seine Versuche, "meinen Dämon zu besiegen
- aber mit geringem Erfolg", und seine
Furcht, "daß diese perverse Leidenschaft meine tiefste" wäre. Oft bat er seine Briefpartnerin um Nachsicht für seine "liebe Gans".
Die üppige Augusta war von fröhlicher und etwas törichter Gemütsart. Byron-Biograph Marchand hält sie für "amoralisch wie ein Kaninchen".
Auch die damaligen Themen des Dichters - Byron mischte immer Autobiographisches unter - boten sich als deutbare Indizien an. So begehrt in der ersten Fassung der "Braut von Abydos" ein Türke namens Selim seine Schwester Suleika. "Parisina" kreist, vor einem düsteren mittelalterlichen Hintergrund, um verbotene Liebe. Ein Gedicht beginnt mit den Zeilen:
Ich nenne, ich flüstre, ich atme dich nicht,
es ist Klage im Klang, es ist Schuld im
Gerücht.
Den gröbsten Verdacht jedoch, daß die Beziehungen zu Augusta mehr als brüderlich waren, erweckte Byron mit einem Satz, der wiederum an die Lady Melbourne gerichtet war. In einem Brief kommentierte er die Nachricht, Schwester Augusta sei einer Tochter genesen: "Oh, es ist kein 'Affe', und wenn es einer ist, muß es mein Fehler sein."
Die angekündigte Tochter erhielt den Namen Elizabeth Medora. Sie brannte später mit dem Mann ihrer Schwester durch und behauptete öffentlich, des Dichters natürliche Tochter zu sein.
Auch nach Byrons Hochzeit - zum Fest waren, auf sein Verlangen, keine Gäste geladen - kam Schwester Augusta häufig zu Besuch. In Schilderungen des Zusammenseins zu dritt verbreitete Lady Byron wohldosiert Einzelheiten über ihr Martyrium. Demnach mußte die Gattin mit ansehen, wie Bruder und Schwester sich gegenseitig gleichartige Goldbroschen an die Brust hefteten, in denen jeder eine Locke des anderen verwahrte.
Das Ansinnen der Lady, nach dem Abendessen mit den Geschwistern am Kamin zu sitzen, habe Ehemann Byron abgewiesen: "Du bist hier unerwünscht, my charmer." Nachts habe der Gatte gefordert: "Rühr mich nicht an, rühr mich nicht an."
Später bedichtete Byron seine Erfahrungen in Versen wie:
Ehe stammt aus Liebe wie Essig aus dem Wein,
ein albern, saures Getränk
und
Wärt Laura Petrarks Eheweib gewesen,
wir würden kaum von ihm Sonette lesen.
Nun resultierte Byrons Launenhaftigkeit allerdings nicht nur aus seinem Ehe-Ungemach, sondern war offenkundig auch eine Folge der barbarischen Diät, die er sich aufzwang. Um schlank zu bleiben - mit 19 Jahren wog er, bei einer Größe von 174 cm, 178 Pfund -, schreckte er vor keinem Abmagerungsmittel zurück, trank Essig, nahm heiße Bäder und Abführmittel. Seine Mahlzeiten bestanden häufig nur aus Zwieback und Salat, wozu er Unmengen von Sodawasser trank. Er speiste, um jedweder Versuchung zu entgehen, meist allein.
Auch sonst verdüsterten Mißhelligkeiten das kurze Eheleben des jungen Paares. Regster Besucher des Hauses Piccadilly Terrace Nr. 13 war der Gerichtsvollzieher; er kam allmonatlich. Zwar verkauften Verleger zu jener Zeit Tausende von Exemplaren der "Hebräischen Melodien". Doch Byron nahm immer noch kein Geld an.
Einen großen Teil seiner Zeit verbrachte Byron mit den trinkfrohen Schauspielern vorn Drury Lane Theatre. Daß er während der Wehen vor der Geburt seiner ehelichen Tochter Ada mehrmals gefragt habe "Ist der Balg schon tot?", weist die Autorin Langley Moore als Verleumdung zurück.
Bald nach der Niederkunft verließ aber Lady Byron den Dichter und nahm Tochter Ada mit. Erste Reisepläne der Lady hatte Byron beschleunigt, indem er einen Zettel vor Annabellas Türe legte: "Wenn Sie geneigt sind, London zu verlassen, wäre es wünschenswert, einen womöglich nicht allzu ferne liegenden Tag hierfür zu bestimMen."
Einer rechtskräftigen Trennung ("legal separation") seiner Ehe allerdings widersetzte sich Lord Byron zunächst entschieden.
Ohne Einwilligung Byrons wäre es für die 23jährige Lady Annabella sehr schwierig gewesen, eine Trennung durchzusetzen. Die Gesetze des vorviktorianischen England ermöglichten es zwar dem Mann, sich bei einem Beweis der Untreue seiner Frau sofort scheiden zu lassen. Umgekehrt aber mußte eine Frau, die eine Trennung erlangen wollte, stärkere Gründe als Untreue des Mannes aufführen.
Schon zuvor hatte Annabella versucht, den Geisteszustand des Dichters in Zweifel ziehen zu lassen. Als Indizien glaubte sie seine alkoholischen Exzesse, seine Wutanfälle und bösen Reden deuten zu können, die oft in dem freigebigen Rat an jedermann gipfelten: "Heiraten Sie nie!"
Die Lady durchforschte den Schreibtisch des Gatten und setzte einige Hoffnung auf die Ausbeute - auf das Buch "Justine" des Marquis de Sade und auf eine Flasche Laudanum. Sie fand sogar Ärzte, die bereit waren zu untersuchen, ob der Lord temporär geistesgestört sei. Nur scheiterte der Plan an dem Urteil der Ärzte, die an Byron kein Anzeichen von Wahnsinn entdecken konnten.
Noch bevor der Separationsvertrag unterzeichnet war, offerierte Caroline Lamb der Gattin ihres früheren Geliebten "ein Geheimnis, dem er nicht ins Auge zu sehen wagt". Vorweg beschuldigte sich Caroline, "daß ich nicht (vor der Ehe) zu Ihnen geflogen bin und Ihnen alles gesagt habe, was ich geschworen hatte, nie, nie zu enthüllen ... Ich werde Ihnen etwas sagen, daß er zittern wird, wenn Sie mit dem Wissen davon nur drohen".
Was Caroline dann zu beichten wußte, legte die pedantische Annabella in einem Gedächtnis-"Protokoll einer Konversation mit Lady C. L." nieder. Annabellas Nachkommen bewahrten es mit den Briefen der Lady Caroline Lamb bis zum Jahre 1957 in einem Banksafe auf.
Nach diesen Aufzeichnungen der Byron-Gattin soll Lord Byron seiner Geliebten Caroline mehrmals Andeutungen über strafbaren Verkehr mit Augusta gemacht haben. Seine Geständnisse des inzestuösen Verkehrs seien immer kühner geworden: "Eines Tages sagte C. L. zu Lord B.: 'Ich traue es dir wohl zu - aber nicht ihr.' Das reizte seine Eitelkeit bis zur Raserei, und er sagte: Warum nicht?'" Die Verführung habe ihm keine Mühe gemacht - "sie war schnell vollbracht, sie (Augusta) war sehr willig". Auch soll der junge Lord eingestanden haben: "Sie trägt ein Kind von mir."
Günstig wie die Gelegenheit war, wartete die abgehalfterte Caroline gleich noch mit weiteren Enthüllungen auf. So habe ihr der Lord ebenfalls gebeichtet, "daß er seit seiner Knabenzeit widernatürlichen Verkehr ausübe ... Er erwähnte drei Mitschüler, die er pervertiert habe". Dazu die Biographin: "Diese Enthüllung mag Lady Byron mehr erschüttert haben als den Schuldirektor."
Während seiner Studienzeit in Cambridge war der Dichter einem Chorknaben Edleston in schwärmerischer Neigung zugetan: "Wir sahen uns jeden Tag, Sommer und Winter, und trennten uns jedesmal mit wachsendem Widerstreben." Das Tagebuch, in dem Byron detaillierter auf diese Neigung eingegangen war, fiel, wie die Memoiren, dem Vernichtungseifer des Testamentsvollstreckers Hobhouse zum Opfer.
Sein Entzücken an hübschen Pagen hat sich Byron bis an sein Lebensende bewahrt: Während des griechischen Freiheitskampfes gegen die Türken, in dem Byron die Griechen mit Medizin, Geld und mit der Werbewirksamkeit seines berühmten Namens unterstützte, bis er einem tödlichen Fieber erlag, hatte er in seiner Umgebung einen Knaben Lukas mit vergoldeten Pistolen und farbenprächtigen Jacken schmückerl lassen.
Treuherzig erbringt allerdings die Biographin Langley Moore durch sorgfältiges Studium aller ihr erreichbaren zeitgenössischen Quellen den Nachweis, daß Byron mit dem Knaben Lukas nicht in einem Bett gelegen, sondern dem Knaben sein Bebt erst überlassen habe, als Lukas hustete. Byron: "Ich habe nichts getan, was mich mit dem Gesetz in Konflikt bringen könnte. Jedenfalls nicht diesseits des Kanals."
Caroline Lamb schärfte der trennungswilligen Lady Byron ein: "Lassen Sie sich nicht davon abhalten, zahlreiche Freunde mit einem Teil seines abscheulichen Verhaltens bekannt zu machen." Und sie fügte hinzu: "Verbergen Sie nicht, daß Sie tief fühlen. Wo doch die andern schon in der ganzen Stadt erzählen, Sie seien kalt." Ob nun Annabella diesen Empfehlungen gefolgt ist oder nicht - jedenfalls drehten auf einem Ball, den Lord Byron in dieser Zeit mit Augusta besuchte, die Gäste dem Geschwisterpaar ostentativ den Rücken zu.
Vier Wochen nach der Aussprache der Damen unterzeichnete Byron den endgültigen Separationsvertrag. Zuvor hatte Lady Byron ausdrücklich bestätigen müssen, daß sie den Vorwurf des Inzests, falls es zu einer gerichtlichen Verhandlung käme, nicht zum Gegenstand der Verhandlung machen werde.
Einige Tage darauf gab Annabella schriftlich, sie hielte dafür, daß ein solches "Verbrechen, falls es begangen worden sein sollte, nicht nur tief bereut wurde, sondern seit der Heirat mit
Lord Byron niemals begangen wurde". Derartige Gerüchte seien von Lady Byron "weder ausgestreut noch gutgeheißen" worden.
Um den Schein zu wahren, machte Annabella noch der Schwägerin im königlichen Palast, wo Augusta als Hofdame für das Schlafzimmer der Königin zuständig war, Abschiedsbesuche.
Der scheidenden Gattin schickte der Poet schnell die Verse nach:
Lebe wohl! Ich bin geschleudert
fern von all den Lieben mein,
herzenswund, einsam; zermalmet,
tödlicher kann Tod nicht sein,
deren originale Sentimentalität durch die Übersetzerkunst Heinrich Heines im
Deutschen noch schwülstiger wurde. In "Stanzen an Augusta" würdigte der Lord die Schwester als "einen einsamen Stern, der aufstieg und bis zuletzt nicht unterging".
Byron: "Aller Aufruhr endet bei mir in Reimen."
* Doris Langley Moore: "The Late Lord Byron". J. B. Lippin Company, Philadelphia; 544 Selten; 8,50 Dollar.
Zeitgenössische Karikatur zu Byrons Ehe-Trennung (1816)*: Liebe ist eine Sache ...
Byron als griechischer Freiheitskämpfer
... von einer Woche
Byrons Halbschwester Augusta
Die Mischung aus Seiner Lordschaft ...
Byrons Ehefrau Anna Isabella
... und seinem Gedicht war unwiderstehlich
Byron-Geliebte Caroline Lamb
Geheimnis im Banksafe
Byron-Biographin Doris Langley Moore
Was war mit Augusta?
* Unterschrift: "Die Trennung, eine Skizze aus dem Privatleben Lord Irons, der seine Frau lobpries, aber deren Vertraute verhöhnte." Von links: Byrons Schwester Augusta, Byron, Gouvernante (auf die Byron ein Schmähgedicht geschrieben hatte), Byrons Ehefrau Anna Isabella mit Tochter, Helfer.

DER SPIEGEL 7/1962
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