21.02.1962

BADEN-BADENEin gewisses Staunen

In knapp zwei Stunden hatten sich die beiden Großväter Europas voller Eintracht ihre Sorgen über die Weltpolitik der großen Drei in Washington, Moskau und London von der Seele geredet.
Hernach speisten Konrad Adenauer, 86, und Charles de Gaulle, 71, Tomatencremesuppe, Seezunge, Rinderbraten und tranken dazu roten Wein aus Frankreich und weißen vom deutschen Rhein.
Fast drei Stunden aber benötigten sie alsdann, um über ihre westeuropäischen Haus-Querelen zu disputieren. Doch die Brücke zwischen dem "Europa der Vaterländer" des französischen Generals und dem integrierten Einheits-Abendland des rheinischen Bürgers wurde nicht geschlagen.
Der westeuropäische Integrationsstreit - nicht die Berliner Mauernot oder Chruschtschows Abrüstungsspektakel - war Ausgangspunkt für das Rendezvous der alten Herren am letzten Donnerstag in "Brenner's Parkvilla" zu Baden-Baden gewesen, denn Charles de Gaulle hatte am 5. Februar vor Kameras und Mikrophonen des französischen Hör- und Fernsehfunks in gewohnt bildstarker Sprache dem Plan einer europäischen Integration ungewohnt deutlich abgesagt:
"Weil wir jetzt einen eigenen Willen bekunden, eine eigene Macht aufbauen und eine eigene Politik betreiben, stört dieser neue Kurs das System früherer Konventionen, das unserem Land die Rolle einer integrierten, das heißt, einer ausgelöschten Nation zuteilte. Sicher, daraus ergibt sich ein gewisses Staunen und sogar Bitterkeit."
Ein gewisses Staunen und sogar Bitterkeit teilten sich vor allem dem Bonner Kanzler mit, zumal ihm aus Paris zugetragen worden war, daß sich der General in kleinem Kreise noch heftiger über die Integration Westeuropas mokiert habe.
Hinzu kam schließlich, daß die Franzosen im westeuropäischen Integrationskollegium, dem nach seinem Vorsitzenden benannten Fouchet-Ausschuß, einen neuen Plan für einen europäischen Staatenbund vorgelegt haben, der Großbritannien ausschließt und die Bonner Sehnsüchte nach einer Nato-Atommacht mißachtet.
Oberster Leitsatz dieses neuen Projekts ist de Gaulles altes Glaubensbekenntnis, nach dem die Europäer allein durch ihre Regierungen, nicht aber durch eine europäische Bürokratie oder gar ein europäisches Parlament politisch handeln könnten.
Irritiert ließ Konrad Adenauer Paris wissen, daß er einen Gedankenaustausch mit dem Herrn Präsidenten in nicht allzu ferner Zeit für zweckmäßig halte, ob wohl Sonntag, der 18. Februar, recht sei? Anfang letzter Woche gab der Elys&-Palast Antwort: Am Donnerstag schon, dem 15., würde es besser passen.
So einig Adenauer in Baden-Baden mit de Gaulle in den Fragen west-östlicher Beziehungen war, so uneins über die westeuropäische Zukunft schieden die beiden voneinander. Vergebens hatte Konrad Adenauer auf Charles de Gaulle eingeredet, den Mythos eines "Europa der Vaterländer" der nüchternen Installation funktionsfähiger übernationaler Verwaltungsbehörden mit politischer Spitze zu opfern.
Während das Auswärtige Amt in Bonn letzten Freitag verkündete, "die bisherigen Entwürfe für ein Europäisches Statut" würden im Fouchet-Ausschuß "bei den kommenden Beratungen keine große Rolle mehr spielen", ließ der Quai d'Orsay in Paris wissen, Europa könne "einzig und allein auf die von den Regierungen vertretene bestehende politische Macht begründet" werden.
Nichtssagend hieß es im gemeinsamen Kommuniqué über das Treffen in Baden -Baden: "Die beiden Staatsmänner bekräftigten ihren ... Entschluß, die europäische Einigung politisch zu organisieren."
Ob mehr à la Bonn oder auf de Gaulles Art, das blieb auch nach Baden-Baden im Dunkel.
Baden-Badener Gesprächspartner de Gaulle, Adenauer: Manche Bitterkeit

DER SPIEGEL 8/1962
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