21.02.1962

EDDA GÖRING

Madonna ohne Makel

RECHT

Im ganzen Reich läuteten am 2. Juni 1938 die Glocken. Der Deutschlandsender hatte die Frohbotschaft verkündet, daß im Berliner Westsanatorium die "Hohe Frau" Emmy Göring, geborene Sonnemann, eines Mädchens genesen sei *.

Zur "Hohen Frau" war die Schauspielerin Sonnemann durch den zweiten Mann im Hitler-Staate avanciert: durch Generalfeldmarschall Hermann Göring, den Präsidenten des Deutschen Reichstags, Preußischen Ministerpräsidenten und Oberbefehlshaber der Luftwaffe. Die Aktrice, eine Germania-Erscheinung, hatte dem Militär Göring als Soldatenbraut "Minna von Barnhelm" imponiert, und der Witwer bekundete der Frau Sonnemann alsbald auf Reichstagspräsidenten-Amtspapier: "Ich liebe Dich"

(siehe Faksimile).

1938 hatte Emmy Sonnemann, inzwischen Frau Göring, Gelegenheit, sich im Wochenbett für dieses charmante Billett zu revanchieren. Sie vermeldete aus dem Krankenhaus: "Hermann! Emmy und Edda grüßen Dich! Heil!" Vater Göring erhielt aus Anlaß der Geburt Eddas 628 000 Glückwunschtelegramme.

Als Taufpate Klein-Eddas fungierte bei dem folgenden Festakt im Göring -Schloß Karinhall neben der Luftwaffe, die in corpore dem Kinde Schutz angedeihen lassen wollte, der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler.

Der Zelebrität des Kindesvaters angemessen waren die Waggonladungen von Taufgeschenken - die Luftwaffe beispielsweise errichtete in Karinhall ein sogenanntes Edda-Haus, zu dem ein Theatersaal gehörte, auf dessen Bühne das Kinderballett der Berliner Staatsoper vor dem Säugling tanzte.

Das ohne Zweifel kostbarste Geschenk freilich überbrachte damals der Magistrat der frommen Stadt Köln:

Lucas Cranach des Älteren (1472 bis 1553) berühmtes Gemälde "Madonna mit dem Kinde", vordem Schatz des Kölner Wallraf-Richartz-Museums."

Mit diesem Taufgeschenk beschäftigt sich seit eineinhalb Jahren der Fünfte Zivilsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) in Karlsruhe: Die Urteilsverkündung war für den Mittwoch vergangener Woche vorgesehen, wurde indes verschoben, weil der Senat die schwierige Materie noch nicht bewältigt hatte.

Die Bundesrichter sollen nämlich entscheiden, ob das Cranach-Gemälde, wie von der in München wohnhaften Göring-Tochter beantragt, endgültig in den Besitz Eddas übergehen soll.

Dem Begehren. Eddas steht der Einspruch der Stadt Köln gegenüber, die sich nach dem Ende des NS-Regimes und Görings Zyankali-Tod im Nürnberger Justizpalast auf ihr Eigentumsrecht an dem Cranach-Gemälde besann.

Rechte an der "Madonna" haben nach dem Kriege neben der Stadt Köln und Edda Göring noch die Bundesrepublik Deutschland und der Freistaat Bayern geltend gemacht.

Die Bundesrepublik behauptete, das Bild sei seinerzeit automatisch Parteibeziehungsweise Reichsvermögen geworden; es müsse deshalb der Rechtsnachfolgerin, dem Bund, übereignet werden.

Bayern argumentierte, das gesamte Vermögen Hermann Görings sei nach dem Kriege zugunsten des Freistaates eingezogen worden. Bayern und der Bund einigten sich schließlich, das Bild

- unter Treuhandverwaltung des Bundes - einstweilen in München aufzubewahren.

Da aber auch Edda, inzwischen ein energischer Tven, gegenüber ihren früheren rheinischen Wohltätern Eigentumsrechte an der Cranach-"Madonna" angemeldet hatte, erklärten die juristischen Vertreter Bayerns kulant, daß sich der Freistaat einem rechtskräftigen Urteil in der Streitsache Köln/Edda Göring unterwerfen wolle.

Dieser Streit schien zunächst zugunsten der Rheinmetropole entschieden zu werden. Köln hatte in Köln, und zwar vor dem dortigen Landgericht, die Vorgeschichte der "Madonna"-Schenkung ausgebreitet und bei den Richtern Verständnis gefunden.

Nach Darstellung der Stadt Köln ließ Görings Persönlicher Referent, der Ministerialdirektor Dr. Erich Gritzbach, 1937 dem damaligen Direktor des Kölner Wallraf-Richartz-Museums einen Brief zukommen, aus dem herausgelesen werden konnte, der prominente NS-Herr wünsche im Ausland ein altdeutsches Gemälde zu kaufen; Koln solle dabei behilflich sein.

Göring brauchte angeblich, da es für den Auslandskauf an Devisen mangelte, ein Tauschobjekt und habe dafür ein Gemälde des Florentiners Benozzo Gozzoli im Werte von 200 000 Mark nominiert, von dem sich die Kölner Galerie seinerzeit ohnedies trennen wollte. Das Bild wollte Göring nun kaufen.

Den Kölnern, die inzwischen erfahren hatten, daß Kunstfreund Göring es auf das Cranach-Gemälde "Madonna mit dem Kinde" abgesehen hatte, schien die Herausgabe des Gozzoli unbillig:

Die Cranach-Madonna wurde im Kunsthandel nur mit 50 000 Mark bewertet. Die Rheinländer, gern bereit, dem Paladin des Führers zu Willen zu sein, fanden statt dessen eine andere Lösung.

Im Keller des Kölner Museums lagerte damals als museumsunwürdiges Produkt entarteter Kunst ein Gemälde des van Gogh: der "Jüngling mit dem schwarzen Hut", der im internationalen Kunsthandel freilich noch höher bewertet wurde als der Gozzoli. Dieses Gemälde schob man kurzerhand in die Schweiz ab, wo es der Luzerner Kunsthändler Rudolf Fischer in Empfang nahm.

Fischer hatte bereits vorher den Kölnern die vom Marschall begehrte "Madonna" geliefert, ohne dafür freilich Geld zu sehen - der Kunsthändler wurde jetzt mit dem entarteten "Jüngling" bestens abgefunden. Die Stadt Köln rechnete es sich zur Ehre an, die Muttergottes neben die Wiege der vom evangelischen Reichsbischof Ludwig Müller getauften Edda Göring zu legen als Geschenk.

Obwohl der inkriminierte Gritzbach -Brief, den Köln als Nötigung aufgefaßt wissen will, nicht mehr aufzutreiben ist, entschied das Kölner Landgericht zugunsten Kölns. Durch den Entscheid dieser Instanz wäre die Stadt wiederum rechtmäßig Eigentümerin der "Madonna" geworden, wenn Edda, die sich inzwischen an der Münchner Universität juristische Kenntnisse angeeignet hatte, nicht gegen das Urteil angegangen wäre.

Das Oberlandesgericht Köln, das sich nunmehr mit dem Taufpräsent zu beschäftigen hatte, drehte denn auch den Spieß um und wies die Eigentumsklage der Stadt ab.

Dieses Gericht beschäftigte sich gründlich mit der Geschichte der dreißiger

Jahre und kam zu dem für Köln verblüffenden Schluß, ein Druck seitens des jovialen, damals populären Göring sei nicht erwiesen.

Vielmehr habe der NS-Oberbürgermeister Dr. Karl-Georg Schmidt mit dem Cranach-Geschenk offensichtlich Vorteile für Köln herausholen wollen;

daß die Stadt hinterher dennoch keinerlei Vergünstigungen erhielt, sei rechtlich nicht relevant.

Überhaupt sei es von jeher Brauch gewesen, argumentierte das Oberlandesgericht, "bedeutenden Staatsmännern" große Geschenke zu machen.

Außerdem: Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Gritzbach-Brief von 1937, falls er geschrieben worden sein sollte, und dem Taufgeschenk von 1938 sei nicht zu ersehen.

Damit hatte Edda Göring, inzwischen Rechtsreferendarin, im Kampf um ihr Erbe von Karinhall bereits den zweiten Sieg errungen: 1954 hatte sich der bayrische Staat bequemen müssen, beschlagnahmten Schmuck im Werte von 150 000 Mark, der dem Kleinkind während der Glanzzeit seines Vaters dediziert worden war, wieder herauszurücken.

Köln indes dachte nicht daran, sich so schnell geschlagen zu geben. In der Revisionsbegründung der Stadt wurde nunmehr vorgetragen, daß die rheinische Kommune heute schließlich für das byzantinische Verhalten eines ihrer damaligen Diener nicht einzustehen habe.

Zu prüfen sei überdies, meinte Köln, ob das Geschenk überhaupt je in das Eigentum von Klein-Edda übergegangen ist. Wenn dies nicht der Fall sei, müsse das Bild des älteren Cranach zurückgegeben werden, weil Göring eigentlich das Geschenk hätte zurückweisen müssen, um

"nicht sittenwidrig"

zu handeln.

Die Entscheidung, die nun Karlsruhe zu fällen hat, ist delikat:

Wenn der BGH das Urteil des Kölner

Oberlandesgerichts bestätigt und sich dessen Argumentation zu eigen macht, wird der Ruf des ansonsten autoritären Kunstsammlers Hermann Göring - was den Cranach anbelangt

aufpoliert.

Das Oberlandesgericht, für das die Madonnen-Gabe ohne jeden Makel ist, hat nämlich in seinem Pro-Edda-Urteil ausdrücklich festgestellt, der Marschall habe keineswegs "unwürdig" gehandelt, als er das Cranach-Bild annahm.

Mehr noch: Sittenwidrige "verwerfliche Selbstsucht" könne dem prunksüchtigen Herrn von Karinhall, dem Köln widerrechtliche Bereicherung vorwirft, zumindest in diesem Fall "nicht nachgewiesen" werden.

* Die Berliner Schauspielerin Emmy Sonnemann war die zweite Frau Görings; die erste war die 1931 verstorbene schwedische Karin Freiin von Fock.

Taufpate Hitler, Familie Göring: Aus Köln ein Cranach

Göring-Botschaft an Frau Sonnemann

Göring-Tochter Edda

Für einen entarteten "Jüngling"...

...eine hehre "Madonna": Gemälde Lucas Cranach des Älteren


DER SPIEGEL 8/1962
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