21.02.1962

POLIO-IMPFUNGENAktion Brunhilde

Bayerns Innenminister Alfons Goppel hob den Becher, leerte ihn in einem Zug und sprach: "Der Trunk schmeckt gut."
Minister Goppel lobte Zuckerwasser. Was er am Montag vorletzter Woche im großen Sitzungssaal seines Ministeriums vor eigens herbeigebetenen Reportern hinunterschluckte, sollen sich bis Ende Februar tunlichst viele Bayern, vor allem im Alter von sechs Monaten bis 18 Jahren, in ähnlicher Zubereitung genehmigen: mit Zucker versüßten Impfstoff gegen Kinderlähmung (Poliomyelitis).
Rechtzeitig vor dem infektionsträchtigen Faschingstreiben hatte Bayern als erstes Bundesland die Schluckimpfungsaktion (Methode Sabin) gegen die Polio eingeleitet. Die übrigen Länder, so war vereinbart worden, sollten rasch nachziehen. Werbeaktionen waren bereits angekurbelt. Mit Zuckerwürfeln, Fruchtsaft und Sirup sollte den Bundesbürgern allenthalben Polio-Vakzine einverleibt werden.
Allein, schon wenige Tage nach, dem Beginn der Schluckimpfung in Bayern
mußten die westdeutschen-Gesundheitshüter ihre Werbe- und Aufklärungskampagne abbremsen. Hessen verschob plötzlich den Impftermin von März auf Mai, andere Länder kündigten "Verzögerungen" an. Grund: Der Impfstoff drohte auszubleiben.
Damit geriet ein Programm ins Stokken, das eigens dazu ausersehen war, ein seuchenhygienisches Kuriosum auszuräumen: Ausgerechnet Deutschland, das einst die vorbeugende Medizin entwikkelte und in der Seuchenbekämpfung bahnbrechend war, ist "geradezu ein Paradies für die Polio" (so der Göttinger Universitätsprofessor Gerhard Joppich) geworden:
- Nach vorläufigen Angaben erkrankten 1961 in der Bundesrepublik 4605 Personen an Polio. In 3379 Fällen traten Lähmungen auf 272 der Erkrankten starben.
- Auf die Bevölkerungszahlen umgerechnet, erkrankten in der Bundesrepublik 50 bis 60mal soviel Menschen an Poliomyelitis wie in Holland, Schweden oder Dänemark, mehr als zehnmal soviel wie in England.
- Nach Italien hat Westdeutschland die höchste Polio-Rate in Europa (5,72 Krankheitsfälle auf 100 000 Einwohner).
Obwohl schon seit 1957 ein Spritzimpfstoff (Salk-Vakzine) zur Verfügung steht, hatten sich bis zum vergangenen Jahr nur insgesamt 3,7 Prozent aller Westdeutschen impfen lassen. Selbst von den besonders gefährdeten Kleinkindern wurden in keinem der vergangenen Jahre mehr als acht Prozent mit Salk-Vakzine geimpft - in Holland: 87 Prozent, in Dänemark: 98 Prozent, in Schweden: 70 Prozent.
Nach Auffassung von Professor Joppich, Präsident der "Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung e.V.", hat mithin die spritzenscheue Bevölkerung der Bundesrepublik "selbst dafür gesorgt, daß die Poliomyelitis nach ihrer Vertreibung aus anderen Ländern bei ihr eine Zuflucht besitzt, in der sie wenig behelligt wird".
Was die Westdeutschen bei der Spritzimpfung à la Salk versäumten, sollen sie nun mit der Schluckimpfung à la Sabin nachholen., "Und nachdem die Sache in Bayern so gut angelaufen ist",
erklärte Ministerialrat Dr. von Manger -Koenig vom hessischen Ministerium für Arbeit, Volkswohlfahrt und Gesundheitswesen in der letzten Woche, "ist es bedauerlich, daß die zeitliche Koordinierung des Impfprogramms zwischen den übrigen Bundesländern etwas durcheinandergerät.
Die Terminpläne der Gesundheitshüter waren durcheinandergeraten, als die Hersteller des Impfstoffes - eine englische Tochterfirma des renommierten amerikanischen Chemie-Großunternehmens Pfizer - kurz nach Beginn der Schluckimpfungsaktion in Bayern Lieferungsschwierigkeiten andeuteten: Bei der Prüfung der Impfstoff-Charge 43, die für das westdeutsche Impfprogramm eingeplant war, hatte das amerikanische Gesundheitsamt - in einer von insgesamt 20 Proben - "irgendwelche Veränderungen" (so ein Pfizer-Sprecher) entdeckt. So tauchte die Befürchtung auf, der Impfstoff könne sogenannte Begleitviren enthalten.
Als Begleitviren bezeichnen die Wissenschaftler einen Virustyp, der erst vor anderthalb Jahren entdeckt worden ist. Amerikanische Forscher fanden ihn im Impfstoff, der auf Affennieren-Kulturen gewonnen worden war. Es handelte sich um eine offenbar affeneigene Virusart, von der niemand zu sagen wußte, ob sie für den Menschen schädlich oder - was als wahrscheinlicher galt - harmlos sei. Gleichwohl verlangten die amerikanischen Prüfungsinstanzen, deren rigorose Kontrollnormen auch in der Bundesrepublik voll anerkannt werden, daß Polio-Impfstoff frei von Fremdviren sein müsse.
So blieb den westdeutschen Gesundheitshütern in der letzten Woche nur die Hoffnung, daß sich die Impfstoff-Charge 43 in noch andauernden Prüfungen doch als einwandfrei erweist. Die Entscheidung darüber, ob die Impfstoff-Partie freigegeben werden kann oder nicht, fällt Ende dieses Monats. Neue Chargen können frühestens im März angeliefert werden.
Unabhängig davon, ob genügend Impfstoff zur Verfügung stehen wird oder nicht, richtet sich aber die deutsche Schluckimpfungsaktion nur gegen einen der drei Poliomyelitis-Erreger: gegen das Polio-Virus Typ I ("Brunhilde"). Die Typen II ("Lansing") und III ("Leon") bleiben vorerst unbehelligt.
Zwar hatte lange Zeit als Regel gegolten, daß der Polio-Erreger Typ I rund 90 Prozent, der Typ III etwa acht bis zehn Prozent aller Erkrankungen auslöst, während Typ II nur in seltenen Fällen Polio verursacht. Aber etwa um dieselbe Zeit, als man sich in Westdeutschland entschloß, gegen den Erreger Typ I zu impfen, kamen die Wissenschaftler einer bedenklichen Entwicklung auf die Spur: Aus nicht eindeutig erklärbaren Gründen nimmt der Erreger Typ 111 in manchen Ländern neuerdings zu. Auch in der Bundesrepublik entdeckten Wissenschaftler in den letzten Monaten Anzeichen dafür, daß der Erreger Typ III häufiger (bis zu 30 Prozent) vorkommt.
Das Dilemma: Die von Dr. Albert Sabin gezüchteten Impfviren vom Typ III haben sich bislang als vergleichsweise instabil erwiesen; geprüfte Vakzine steht noch nicht zur Verfügung.
Bei zunehmender Verbreitung des Typ-III-Erregers aber bleibt der Polio in der Bundesrepublik, selbst wenn gegen Typ 1 gründlich geimpft werden könnte, ein vorerst unangefochtenes Reservat. Professor Joppich: "Hier ist eine Impflücke."
Eine andere Lücke haben die Behörden entdeckt - in der Gesetzgebung. Gestopft wurde sie mit einem Passus, der sich in dem von Bayern eigens für die Schluckimpfung gefertigten Gesetz so liest: "Durch dieses Gesetz wird das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit... eingeschränkt."
Denn die "körperliche Unversehrtheit", wie sie in Artikel 2 des bundesdeutschen Grundgesetzes garantiert ist, wird unter Umständen durch die Verabreichung von Sabin-Vakzine beeinträchtigt: Auch wer sich nicht impfen läßt, muß damit rechnen, durch Ansteckung mitgeimpft zu werden. Jeder Sabin-Impfling scheidet spätestens nach einigen Tagen Impf-Erreger in beträchtlichen Mengen aus.
Diese Besonderheit unterscheidet die Sabin-Vakzine grundsätzlich vom Salk -Impfstoff:
- Die Salk-Vakzine (Spritzimpfstoff)
enthält abgetötete Polio-Viren aller drei Typen; sie werden im menschlichen Körper nicht mehr vermehrt.
- Die Sabin-Vakzine (Schluckimpfstoff)
enthält lebende, allerdings abgeschwächte Viren; sie siedeln sich im Darm an, werden dort - wie wilde Polio-Viren - vermehrt und vom Geimpften durch den Darm ausgeschieden.
Als besonderen Vorteil der Lebendvakzine werten Wissenschaftler, daß schon einen Tag, spätestens aber einige Tage nach Einnahme des Impfstoffs ein besonderer Schutzeffekt auftritt.
Die eigentliche Widerstandsfähigkeit gegen wilde Polio-Viren stellt sich, durch Zunahme der Antikörper im Blut, bei der Schluckimpfung erst nach zwei oder drei Wochen ein. Trotzdem finden wilde Polio-Viren, die etwa schon wenige Tage nach der Impfung in den Darm gelangen, keine Angriffsfläche mehr vor: Die (abgeschwächten) Impfviren haben mittlerweile die Zellen der Darmschleimhaut besetzt, so daß die wilden Viren keine Zellen mehr vorfinden, in die sie einschlüpfen können.
Dieses merkwürdige Phänomen, das freilich von begrenzter Dauer ist, macht den Schluckimpfstoff zu einem idealen Mittel zur Bekämpfung von Epidemien. Tatsächlich konnten die Forscher mehrere Polio-Epidemien, etwa in Singapur und in der britischen Grafschaft Hull, mit Schluckimpfstoff zum Abklingen bringen. In osteuropäischen Ländern wurden, zum Teil in Zwangsimpfungen, über 100 Millionen Menschen mit Schluckvakzine immunisiert. Überschwenglich meldete der tschchoslowakische Chefhygieniker Dr. Skovranek
"die völlige Beseitigung der Polio-Viren" in der CSSR.
Gleichwohl war die Meinung der Wissenschaftler über die Schluckimpfung nicht einhellig, zumal verschiedene Vorkommnisse - etwa einige Erkrankungen nach der Westberliner Schluckimpfaktion im Jahre 1960 - nicht völlig geklärt werden konnten. Auch die "Europäische Gesellschaft zur Bekämpfung der Poliomyelitis" konnte auf ihrem letzten Symposion nur den kargen Rat erteilen, daß die Wahl zwischen Spritzimpfung und Schluckimpfung "den einzelnen Staaten überlassen werden sollte, die eine Entscheidung im Lichte
ihrer besonderen Probleme und administrativen Fähigkeiten treffen müßten".
Nach mancherlei Querelen in wissenschaftlichen Gremien (Ministerialrat Dr. von Manger-Koenig: "Zu viele Experten!") entschieden sich aber schließlich die westdeutschen Behörden, eine Schluckimpfaktion mit dem Sabin-Impfstoff Typ 1 einzuleiten, der mittlerweile vom amerikanischen Gesundheitsamt freigegeben worden war. In einem sorgsam abgewogenen Gutachten konstatierte die "Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung": "Die Schutzimpfung gegen Poliomyelitis mit abgeschwächten Lebend-Poliomyelitis -Viren ist wirkungsvoller und einfacher als die Injektionsimpfung."
Freilich wiesen die Polio-Bekämpfer auch auf die "besonders zu fürchtenden Kontaktfälle" hin: auf die Übertragung von Viren durch frisch geimpfte Personen. Denn die Kontaktpersonen", so erklärten die Wissenschaftler, "erhalten möglicherweise die Infektion mit einem Virus, bei dem durch die Menschenpassage eine Änderung von Eigenschaften des Ausgangsstamms eingetreten sein kann."
Hinter dieser wissenschaftlich verklausulierten Erläuterung verbirgt sich ein zumindest theoretisch bedenkliches Phänomen: Die Viren, die von einem Impfling ausgeschieden werden und einen Nicht-Geimpften infizieren, sind mitunter wesentlich virulenter als die eingeimpften, abgeschwächten Viren. Was der Impfling ausscheide, sagte der amerikanische Virologe Melnick einmal, sei "nicht mehr lizenzfähig".
Englische wie auch kanadische Forscher haben beispielsweise festgestellt, daß bestimmte Impfviren, die auf dem Infektionswege mehrere menschliche Darmpassagen durcheilt hatten, bei Affen Lähmungserscheinungen hervorrufen konnten - allerdings nur, wenn diese Viren in das Gehirn der Tiere eingespritzt wurden. Und der Freiburger Hygieniker Professor R. Haas berichtete schon vor geraumer Zeit: "In der Tat sind auch poliomyelitische Komplikationen bei Kontaktpersonen beobachtet worden, bei denen nicht sicher ausgeschlossen werden konnte, daß sie durch Ansteckung mit den vom Impfling ausgeschiedenen und in ihm veränderten Viren hervorgerufen waren."
Trotzdem fand der sehr kritisch eingestellte Freiburger Professor, daß "im allgemeinen die Gefahren der Verbreitung der von den Impflingen ausgeschiedenen Viren und der Ansteckung zweiter und dritter Personen überbewertet worden sind". Zumindest ist -
nach Angaben von Professor Henneberg, dem Vizepräsidenten des Bundesgesundheitsamtes -nicht bekannt, daß ein mit geprüftem Sabin-Impfstoff infizierter Kontaktimpfling krank geworden wäre.
Daß - wie sich ein Wissenschaftler ausdrückte - bei mangelnder Impfbeteiligung "letzten Endes jeder durch den Popo des nächsten mitgeimpft würde", kann nach jüngsten Erkenntnissen ohnedies nicht mehr als begründet gelten. Normalerweise werden nämlich nur Personen in der Wohngemeinschaft des Impflings - die Wissenschaftler benutzten die präzise Vokabel "Toilettengemeinschaft" - mitgeimpft; die Infektionsketten reißen also rasch ab. Um der Kontaktinfektion zuvorzukommen, empfehlen die bayrischen Polio-Impfer aber, daß sich jede "Toilettengemeinschaft" geschlossen impfen lasse.
Während freilich Staaten, deren Bevölkerung weitgehend durch die Spritzimpfung à la Salk geschützt ist, geruhsam abwarten können, ob die Schluckimpfung sich eines Tages als absolut sicher erweisen wird, sehen sich die Gesundheitsbehörden im Polio -Paradies Westdeutschland angesichts der hohen Verlustliste zum Handeln gedrängt. Das mit der Schluckimpfung verbundene Risiko, konstatierte die
"Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung", stehe "in keinem Verhältnis zu den Schäden, die Jahr für Jahr durch Poliomyelitis hervorgerufen werden".
Polio-Schluckimpfung in Bayern' Zucker statt Salk
Polio-Forscher Sabin
Schutzeffekt im Darm
* Im Hintergrund: Bayerns Innenminister
Goppel.

DER SPIEGEL 8/1962
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