21.02.1962

BARDOTFahrstuhl zum Schafott

Ein Mädchen mit Löwenmähne und Schmollmund betritt den Fahrstuhl. Hinter ihm huscht eine Putzfrau in den Lift. Sie stutzt: "So sehen Sie also aus!"
Während der Fahrstuhl emporschwebt, wird das hysterische Keifen der Putzfrau immer lauter: "Ich habe es satt, überall Ihr Bild zu sehen und Ihre Liebesgeschichten zu lesen. Lassen Sie doch die Jungens in Ruhe, Sie läufige Hündin. Schämen Sie sich, jede Nacht herumzuhuren, während mein Bruder in Algerien ist..."
Vom Gegeifer verfolgt, erreicht das Mädchen die Wohnungstür, schlägt sie entsetzt hinter sich zu. Es weint.
Diese Zeter-Szene, die seit Anfang des Monats in einem Buntfilm über französische Kinoleinwände flimmert, rekapituliert
eine wahre Begebenheit aus dem Leben der Hauptdarstellerin: In ihrem jüngsten Film, "Vie Privée" (Privatleben), spielt Brigitte Bardot weitgehend sich selbst. Sie verkörpert einen Filmstar namens Jill, der Gesichts- wie Wesenszüge des Filmstars BB aufweist.
Die Idee zu der exhibitionistischen Schaustellung hatte der 29jährige Regisseur Louis Malle, der als Mitbegründer der französischen Neuen Welle gilt, obgleich er selbst diese Klassifizierung ablehnt ("Wenn der Ausdruck Neue Welle einen Sinn hat, so den eines Schimpfworts"). Malle schwebte vor, aus BB "einen antiken Mythos zu machen".
Schon 1958 hatte sich der Regisseur mit seinem ersten Film, dem Kriminalstück "Fahrstuhl zum Schafott", als solides und originelles Regietalent ausgewiesen. In seinem zweiten Film, "Die Liebenden", überschritt er zum Entzücken der Cineasten die Grenzen der Konvention durch delikat ins Bild gesetzte Liebesszenen.
In "Zazie" schließlich schilderte Malle die Pariser Erlebnisse einer sympathischen Provinzgöre, die in der Großstadt mannigfachen Variationen abgründigen Sex-Lebens begegnet, sich im Gossenjargon darüber ausläßt, ihm aber unangefochten entrinnt.
Nach dem Reißer, der Liebesballade und der Groteske, die dem Regisseur den Ruf eines "der ganz wenigen Filmschöpfer der jungen Generation" ("Neue Zürcher Zeitung") einbrachte, wollte Louis Malle nun einen Film über den Starkult drehen. Er gedachte, das Privatleben einer Diva zu beleuchten - genauer: ihr Bemühen, kärgliche Reste davon vor der Meute der Verehrer, Neider, Reporter und Photographen zu retten.
Das geeignete Objekt zur Vorführung des Starkults schien Frankreichs prominentester Star, Brigitte Bardot, zu sein. Der Regisseur fand, BB müsse sich selbst spielen. Die Schauspielerin willigte ein.
Malle heuerte als Bardot-Partner den Dolce-Vita-Spezialisten Marcello Mastroianni sowie einige Randfiguren an, darunter den Schriftsteller Gregor von Rezzori ("Maghrebinische Geschichten"), der die Rolle eines "Zentraleuropäers von gewinnender Anrüchigkeit" (so das Drehbuch) spielen sollte.
Die Handlung des Films orientierte Louis Malle am Lebensweg Brigitte Bardots. Wie BB wächst die Filmheroine Jill als Tochter begüterter Eltern auf, lernt aus Langeweile tanzen, versucht sich als Photomodell und Tänzerin und wird plötzlich ein Star.
Von nun an wird Star Jill von Gaffern und Reportern gehetzt. In Paris wird sie, wie einst BB, von einer wildgewordenen Menge fast erdrückt. Polizisten müssen sie wegtragen.
Wie BB macht Jill einen Selbstmordversuch. Und der Star in "Vie Privée" erlebt auch, was zu den unangenehmsten Erinnerungen der Hauptdarstellerin Bardot gehört: die unflätige Beschimpfung durch eine Putzfrau im Fahrstuhl.
"Wir haben diese Szene abschwächen müssen", bekannte Regisseur Malle später. "Die Schimpfworte, die in Wirklichkeit gebraucht wurden, wären uns von der Zensur gestrichen worden. Und den Versuch der Frau, Brigitte Bardot die Augen auszustechen, hätte uns das Publikum nicht abgekauft."
Mopsgesicht BB verliebte sich in den Filmregisseur Vadim; Jill verliebt sich in einen Theaterregisseur. Dann aber endet die Parallele. Malles Star interessiert sich für eine Freilicht-Aufführung des "Käthchen von Heilbronn", die der Geliebte in Spoleto inszeniert. Doch aus Furcht vor der Meute wagt sie sich nicht zur Premiere. Um etwas von der Aufführung zu erhaschen, klettert sie aufs Dach eines Hauses und stürzt, vom Blitzlicht eines Photographen geblendet, zu Tode.
Was sich bei den Außenaufnahmen zu diesem Film in Genf, Paris und Spoleto zutrug, entsprach mitunter peinlich genau den Filmszenen. Mitspieler Gregor von Rezzori, der sich nebenbei als Chronist betätigte, zeigte sich "betroffen und beschämt von der unverbrämten Zotigkeit der Zurufe", die er "in einer sittenstrengen Stadt wie Genf zuallerletzt zu hören erwartet hätte". Herumlungerer und Gebildete, Studenten, Ladenbesitzer und Mitglieder der High Society hätten unverhüllt bösartig, bis zur Gemeinheit gereizt, auf BB's Erscheinen reagiert.
Und: "Ich gehe jede Wette ein, daß die weitaus überwiegende Mehrzahl dieser Leute zu ihrem getreuesten Publikum zählt, daß sie keinen Film ausläßt, in dem BB zu sehen ist."
Erfolg beim Publikum sagten denn auch die Kritiker dem jüngsten Bardot -Film voraus, dessen technische Brillanz bestach. Das Bemühen des Regisseurs freilich, aus Brigitte Bardot eine tragische Figur zu machen, überzeugte die meisten Rezensenten nicht.
"In keinem Moment hat mich der Mythos berührt oder bewegt oder auch nur wirklich interessiert", gestand der Kritiker von "Le Monde". "Parispresse" warf dem Regisseur vor, sein Film "bleibe an der Oberfläche wie die sentimentalen Magazine", und die Probleme der Jill-Brigitte seien "nur falsche Probleme'. Denn: "Wer hat sie gezwungen, dieses Metier zu wählen?"
Zu ähnlichem Schluß gelangte auch Mitspieler Gregor von Rezzori. "Es ist unsinnig", schrieb der Maghrebinier, "ihr eine Tragik anzudichten. Gebt ihr einen großen Park, ein Nymphenreservat, laßt sie dort laufen und mit Wind und Rehen spielen, mit ranken Burschen schlafen und ihre Gitarre zupfen, sie wird das glücklichste Wesen auf Erden sein."
Bardot-Regisseur Malle
Mythos mit Mopsgesicht
Brigitte Bardot, von Rezzori in "Vie Privée": Spiel mit Wind und Rehen

DER SPIEGEL 8/1962
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