21.02.1962

„BONJOUR, GRICHA!“

Man hatte mir wohlwollend zugetragen, Brigitte Bardot finde
mich trés sympa - sehr sympathisch, im Jargon von St.-Germain des-Prés -, und ich hatte eine Szene mit ihr zu drehen: Unter Sturzregengüssen der Genfer Feuerwehr brachten wir eine kleine Ziege in Sicherheit. Die Ziege hatte schon tagelang auf ihren Auftritt gewartet, sie litt unter starkem Milchzwang und war sehr empfindlich. Die Szene wurde ein paar dutzendmal gedreht, wir waren naß bis auf die Haut. Brigitte Bardot ist äußerst tierlieb und hatte Mitleid mit der Ziege, und ich versuchte, ihr zu Gefallen, sie etwas abzumelken, kriegte aber einen heftigen Tritt in die Leistengegend und zog mir den Unwillen des Regisseurs zu. Immerhin, die Kollegialität war hergestellt.
"Bonjour, Gricha!", waren die Worte, die sie mir nach Drehbuchvorschrift über die Ziege zuzurufen hatte, und fortan rief sie sie mir auch außerdienstlich, sozusagen, zu, wenn wir uns morgens an Aufnahmetagen sahen. Näher kamen wir einander nicht... Wir drehten noch ein paar Wochen in Paris, und dann ging's nach Spoleto.
Abends saßen wir auf einer Terrasse beisammen, vom konzentrierten Warten bis zum Stumpfsinn erschöpft... Bisweilen schauten wir hinunter und sahen Engel und Heilige im Dreieck eines goldenen Giebels im taubenblauen Himmel schweben, dahinter Giotto-Hügel mit spärlichen Olivenbäumen, altsilbrig und moosgrün.
"Komm mal her, Brigitte!" (Auch ihr gegenüber war man sehr viel lockerer geworden.) Sie trat an die Brüstung, schaute hinaus. Sie ist in der Tat ganz ungemein hübsch gewachsen, ihre Bewegungen sind deliziös, fast scheint es, als vermöchte sie mit den Engeln und Heiligen zu fliegen. Aber sie wandte ihr Merowingerhaupt gleichgültig wieder ab. "Das ist schön, Kind!" Sie gab keine Antwort, ging zu ihrer Gitarre zurück. Es ist keine Klappe gefallen, dachte ich trivial, also braucht sie keinen Aufwand zu treiben.
Tagsüber, bei der Arbeit, der schweren Arbeit des Herumlungerns und Wartens, begrüßte sie mich: "Bonjour, Gricha!" - und sonderbar genug, es reizte mich allmählich, die eintönige Wiederholung kam mir albern vor. Oder war sie gar schon albern gemeint? Reizte sie mein Anblick, die ewige Anwesenheit eines Menschen, dem man nichts zu sagen hat, der einem nichts zu sagen hat, so daß sie mir hämisch entgegentrompetete, wie wenig wir einander zu sagen hatten? Wahrhaftig, es könnte einem auch Besseres einfallen, als auf die Schönheit eines goldenen Giebels voll von Heiligen und Engeln im Gebläu der von der Erde gelösten Nacht aufmerksam zu machen. Es war, bedenkt man die näheren Umstände, geradezu taktlos.
Aber gerade wenn du deine Augen nicht zum goldenen Giebel hebst, um ihn gläubig anzustarren, gerade wenn du in seinem Schatten hockst und ganz was anderes denkst, daran zum Beispiel, auf welch groteske Weise der Mensch seine Zeit verliert, und daß es auch wieder gut ist, daß er sie verliert, wenn du Unsinn plapperst, Zigaretten rauchst und deine faulen Witze reißt, mit einem kleinen Hund spielst, im Schatten dieses Giebels, prägt er sich dir auf vertrackte Weise ein. Ich war gereizt, jeder ist das gegen Ende eines Films, die Leute sind lieb, sind reizend, du bist ihnen von Herzen zugetan, prachtvolle Kollegen, aber du willst sie nicht mehr sehen.
Der kleine Hund. Der kleine Hund gehörte Brigitte, sie ist sehr tierlieb, sie hat eine ganze Menagerie, dieser war ihr zugelaufen. "Brigitte, mein Kind, ein Hund will nicht nur was zu essen kriegen, er will einen Herrn haben. Dieser hier ist so verloren, daß du ihn lieber hättest auf der Straße lassen sollen." Fortan gab's kein "Bonjour, Gricha!" mehr. Verständlich.

DER SPIEGEL 8/1962
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