28.02.1962

„IHR NENNT DAS EINE SÜNDE“

Im Zweiten Programm des Deutschen Fernsehens begründete der Hamburger Verleger Gerd Bucerius ("Stern", "Die Zeit") in einer Diskussion mit dem Chefredakteur der Illustrierten "Stern", Henri Nannen, und dem Vorsitzenden des CDU-Landesverbandes Hamburg, Erik Blumenfeld, seinen Entschluß, aus der CDU auszutreten und sein Bundestagsmandat niederzulegen. Bucerius war mit seinem Austritt einer Entscheidung seiner Partei zuvorgekommen, ob ein im "Stern" erschienener Bericht "Brennt in der Hölle wirklich ein Feuer?" mit der Mitgliedschaft des Verlegers In der CDU und in der CDU/CSU-Bundestagstraktion vereinbar sei (SPIEGEL 7/1962)
BUCERIUS: Da kamen sie alle an zur Sitzung des (CDU-)Bundesvorstandes, alle die Leute, mit denen ich zwölf Jahre, fünfzehn Jahre in der Sache gemeinsam gekämpft habe, viel mit durchgestanden habe ... und die gehen dann hin, und dann bekomme ich einen Beschluß serviert - ohne Anhörung, Journalisten bringen ihn mir , in dem drinsteht: Deine Zeitung hat christliche Empfindungen verletzt, das wird schärfstens mißbilligt; und die Organisationen, die zu entscheiden haben, nämlich der Landesverband in Hamburg und die CDU-Fraktion in Bonn, werden ersucht, beschleunigt zu einer Entscheidung darüber zu kommen, ob die Veröffentlichung mit der Mitgliedschaft des Verlegers in der CDU und der Fraktion vereinbar sind.
BLUMENFELD: Ich bin Mitglied des Bundesvorstandes, habe aber leider an dieser Sitzung nicht teilnehmen können, weil sie mehrfach verlegt worden ist, und zu dem Termin, an dem sie stattfand, befand ich mich im Ausland. Ebenso ...
BUCERIUS: Mißbilligst Du die Erklärung?
BLUMENFELD: Ebenso ...
BUCERIUS: Erik, mißbilligst Du die Erklärung?
BLUMENFELD: Ich mißbillige nicht die Formulierung, sondern ich finde die Veröffentlichung völlig unnötig, weil inzwischen schon die Klärung weit vorangeschritten war ... Gerd Bueerius hatte in seinem Gespräch mit mir, in seinem Gespräch mit Herrn von Brentano, wie ich mir habe sagen lassen, und auch in internen Schreiben an seine Redaktion den betreffenden Artikel mißbilligt ... Ich wiederhole, daß es ... für die CDU darum ging ...
BUCERIUS: Erik, nur weil ich mißbilligt habe, ist der Beschluß falsch oder ...
BLUMENFELD: ... eine klare ...
BUCERIUS: ... ist er in sich falsch?
BLUMENFELD: Nein, weil ...
BUCERIUS: Ist der Beschluß an sich richtig?
BLUMENFELD: ... weil Du selber überhaupt gar keine Stellungnahme bezogen hast, obwohl die CDU durch mich und durch die Bundestagsfraktion wochenlang gebeten hat, eine Erklärung des Verlegers und des Fraktionskollegen zu dem beanstandeten Artikel ...
BUCERIUS: Aha! Also solange ich den Artikel mißbillige, ist dieser Artikel richtig hier?
BLUMENFELD: Wenn die Erklärung des Verlegers und Politikers Bucerius
darauf hinausläuft, daß er sagt: Ich stelle mich hinter diesen Artikel, der da in dem "Stern" veröffentlicht ist, dann allerdings würde eine Situation entstanden sein, sowohl in der Fraktion wie im Landesverband Hamburg, die eine Erörterung und Beschlußfassung im Sinne der Erklärung des Bundesvorstandes nach sich gezogen hätte. Wenn aber die Mißbilligung des Artikels, den ich nochmals als außerordentlich maßlos, schnodderig und in seinen Angriffen höchst widerwärtig empfinde ...
BUCERIUS: Das Wort weise ich zurück, Erik.
BLUMENFELD: Ja, er ist es. Er ist es in den Teilen, auf die es ankommt.
BUCERIUS: Hast Du ihn wenigstens gelesen?
BLUMENFELD: Ich habe ihn ...
BUCERIUS: Die meisten Mitglieder der Bundestagsfraktion haben ihn sicher nicht gelesen.
BLUMENFELD: Ich habe ihn gelesen, und ich habe ihn mehrfach gelesen ...
NANNEN: Um es zu verdammen und zu verbrennen, braucht man es nicht zu kennen. Das ist eine alte Geschichte. Man hätte sachlich darauf Einwendungen erheben können.
BLUMENFELD: Man kann nicht sachlich auf etwas Einwendungen erheben, das wirklich die Axt an die Grundlagen ...
BUCERIUS: Aha! Da sind wir!
BLUMENFELD: Nicht wahr, das muß einmal ganz klar ...
BUCERIUS: Da sind wir!
NANNEN: Das Tabu!
BLUMENFELD: Das Tabu. Herr Nannen, ich habe Ihnen schon einmal in einem Gespräch gesagt, daß Sie sich hier mit *der Veröffentlichung dieses Artikels gegen etwas versündigen, nämlich an der Zusammenarbeit von Christen beider Konfessionen, auf die unser Staat, die Bundesrepublik, sich seit 1949 gegründet hat und dem auch Sie Ihre Meinungs- und Pressefreiheit und Ihre wirtschaftlichen Erfolge zu verdanken haben.
NANNEN: Ich gehöre ja nicht zur Presse, wie Sie wissen, Herr Blumenfeld, sondern ...
BLUMENFELD: Na, so'n bißchen.
NANNEN: ... sondern zur Vergnügungsindustrie. Aber ich bin durchaus Ihrer Meinung. Ich bin nur der Meinung ... daß man darüber sprechen
kann. Je souveräner, je weniger von Tabus eingeengt ...
BUCERIUS: Die Sünde - Erik, Du hast es gesagt: Die Sünde, es ist eine Sünde, wir haben, Herr Nannen hat sich versündigt. Und da liegt genau, darin liegt es drin. Er hat an einen sehr schwierigen, neuralgischen Punkt gerührt. Er hat eine Frage aufgeworfen und sie beantwortet - anders als ich
sie beantwortet hätte. Und Ihr nennt das eine Sünde. Hier steht's.
BLUMENFELD: Wir haben ...
BUCERIUS: Hier steht's!
BLUMENFELD: Wir haben ihn mißbilligt ...
BUCERIUS: Erik, hier steht es im Beschluß des Parteivorstandes der CDU. Hier wird nicht ein junger, schnodderiger, ungeeigneter, flüchtiger Redakteur gerügt, weil er eine schwierige politische Frage fehlerhaft behandelt hat, sondern hier wird gesagt, er habe christliche Empfindungen verletzt. Erik, Ihr habt das Recht, Ihr habt das Recht, Eure politischen Überzeugungen zu vertreten. Aber Ihr habt nicht das Recht, diese politischen Überzeugungen dadurch zu vertreten, daß Ihr die Behauptung aufstellt, christliche Empfindungen seien verletzt; daß Ihr also gewissermaßen den Glauben zum Vorspann für die Politik macht. Genau das ist der Grund, weshalb Du auch bei dieser Erklärung ein solches Mißbehagen empfindest.
BLUMENFELD:
Darf ich feststellen, daß diese Erklärung nicht wörtlich übereinstimmt mit dem stenographischen Protokoll ...
BUCERIUS: O Gott!
BLUMENFELD: ... das ich mir habe
geben lassen, über die Bundesvorstandssitzung? Da ist von dem Worte "christlicher Empfindungen" bei der Abstimmung nicht die Redet. Aber die Frage an den Verleger und Politiker und Parteifreund ist gewesen: Ist der Politiker und Abgeordnete Gerd Bucerius mit diesem Artikel einverstanden, oder setzt er sich von diesem ab? Diese Antwort konnte und mußte die CDU verlangen; und die ist nicht gegeben worden, aus den Gründen, die ich vorhin erläutert habe.
BUCERIUS: Die Frage ist mir nicht gestellt worden.
BLUMENFELD: Du hast Dich dieser Frage entzogen, weil Du ...
BUCERIUS: Nein, nein.
BLUMENFELD: ... Dein Mandat niedergelegt hast und Deinen Austritt erklärt hast, was wir alle sehr bedauern, und dieses Bedauern ist auch in einer Vorstandssitzurig des Landesverbandes Hamburg ausdrücklich noch einmal vermerkt worden.
BUCERIUS: Da bin ich also einem Protokollfehler zum Opfer gefallen?
BLUMENFELD: Einem impulsiven Entschluß, würde ich sagen.
* Die Formulierung, der Vorstand habe die "Stern"-Veröffentlichung einstimmig "als eine Verletzung christlicher Empfindungen schärfstens mißbilligt", stammt von dem Redaktionskomitee, das nach der Abstimmung den Beschluß zu formulieren hatte. Diese Formulierung wurde anschließend von den noch anwesenden Mitgliedern des CDU-Bundesvorstandes gutgeheißen, darunter von den beiden stellvertretenden Parteivorsitzenden Krone und von Hassel.
Blumenfeld
Bucerius

DER SPIEGEL 9/1962
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