28.02.1962

BORMANNPferd ohne Sonntag

Bormann in Amerika; in Argentinien, Brasilien und Chile. Bormann in Afrika; in Algerien, Syrien, Ägypten. Bormann in Rom und schließlich in Moskau. Keiner von Hitlers Paladinen durchwanderte nach Aussage fragwürdiger Zeugen seit 1945 so viele Länder wie der ehemalige Chef der Parteikanzlei und Reichsleiter Martin Bormann.
Hitlers oberster Kanzlist wurde in der Nachkriegszeit zum gegenwärtigen und doch nicht-greifbaren Phantom der großdeutschen Herrlichkeit von gestern - nicht nur, weil er 1945 unbemerkt von der Bühne rutschte und sein Tod bis heute nicht schlüssig zu beweisen ist.
Dem untersetzten, breitköpfigen, specknackigen Politruk des Führers traute man auch am ehesten die Begabung zu, den Untergang des von ihm mitregierten Reichs im Urwald des Amazonas oder gar - von Moskau engagiert - in den Steppen Turkestans zu überdauern.
Keiner der NS-Genossen - weder der Reichsheini Himmler noch der Reichshermann Göring, weder Goebbels noch die Oberpolizisten Heydrich und Kaltenbrunner - war so undurchsichtig, verschlagen und intrigant wie Martin Bormann, keiner war so mächtig.
Seinen im einzelnen schwer feststellbaren Einfluß auf die Staatsführung, aber auch die an Kuriositäten reiche Bormann-Vita hat jetzt erstmals der Zeithistoriker Josef Wulf in einer demnächst erscheinenden Biographie ermittelt*.
Wulfs Ergebnis: Der unscheinbare Bormann, Typ eines Beamten unterer Laufbahn, regierte an der Seite Hitlers das Deutsche Reich wenn nicht zwölf, so doch mindestens sechs Jahre lang. Mehr aus dieser überragenden Machtstellung als aus Bormanns wenig einnehmendem Wesen erklärt sich die tiefe Abneigung, die fast alle NS-Größen gegen ihn hegten: Goebbels fand den dicklichen Konkurrenten unerträglich, der Finanzminister Graf Schwerin von Krosigk bescheinigte ihm eine selbst in höchsten NS-Kreisen auffallende Skrupellosigkeit, der Polen-Gouverneur Hans Frank nannte ihn einen "Lumpenkerl".
Martin Bormann war, wie sein bislang einziger Biograph nachweist, ein ebenso brutaler wie heimlicher Emporkömmling, den ein nie trügender Spürsinn für die Macht und eine einmalige Affinität zur Person Hitlers an die Spitze trugen.
Der 1900 in die Welt gesetzte spätere Schatten Hitlers stammte aus ähnlich kleinen Verhältnissen wie der Führer selbst: Sein Vater blies beim Militär Trompete, wurde Musikwachtmeister und verschied als reputierlicher Oberpostassistent.
Sohn Martin lernte im Ersten Weltkrieg bei der Artillerie - letzter Rang: Kanonier - und danach in der Landwirtschaft. Der Eleve mit Sekunda -Reife fand bald heraus, daß der Weltkrieg vorwiegend durch die Schuld der Juden verlorengegangen sei. Schon 1920 trat er dem "Verband gegen Überhebung des Judentums" bei, dann schloß er sich jenen rechtsextremistischen Jungdeutschen an, die der Freikorpsführer Gerhard Roßbach zu Marodeuren gegen den Staat von Weimar ausbildete.
Die mecklenburgische Roßbach-Filiale, in der Bormann diente, beschloß nach einem Trinkgelage im Mai 1923, einen gewissen Kadow umzulegen, den man für den Verräter des von den Franzosen hingerichteten Freiheitshelden Schlageter hielt.
Kadow wurde von den Roßbachern unter Führung des späteren Auschwitz -Kommandanten Höß totgeschlagen; Höß
erhielt vom Reichsgericht zehn Jahre Zuchthaus, Eleve Bormann kam als Gehilfe mit einem Jahr Gefängnis davon.
Das Sitzen lohnte sich jedoch. Bormann selbst bestätigte in einem von Wulf aufgefundenen Schreiben vom 31. Dezember 1938, daß er für sein Martyrium in Sachen Kadow mit dem Blutorden dekoriert wurde. Bormann: "Auf Grund der neuen Bestimmungen hat mir der Führer ... den Blutorden verliehen, weil ich ... 12 Monate im Gefängnis gesessen habe."
Der NSDAP trat Bormann, der inzwischen Gutsinspektor des Herrn von Treuenfels auf Herzberg bei Parchim in Mecklenburg gewesen war, formell erst 1927 bei; er mußte sich mit der Parteinummer 60 508 zufriedengeben.
Mit dieser Nummer war kein Staat zu machen. Den Boden für seine Karriere legte Bormann, indem er Hochzeit machte. Die Braut hieß Gerda Buch und war die Tochter des Majors Walter Buch, der zu der Münchner Keimzelle der NSDAP gehörte, schon 1923 SA -Führer von Franken war, 1928 Reichstagsabgeordneter und schließlich oberster Parteirichter der NSDAP wurde.
Die Mitgift, die Frau Gerda ihrem Mann in die Ehe brachte, bestand zunächst in einer beträchtlichen Portion NS-Gedankengut, mit dem Altkämpfer Buch seine Tochter gefüttert hatte.
Aus Gefälligkeit nicht gegen Bormann, sondern gegen Schwiegervater Buch ließ sich Hitler herbei, Trauzeuge zu sein. Die Hochzeit der Tochter des berühmten Buch mit dem an der Kadow -Feme beteiligten Bormann wurde von der Parteiprominenz als besonderes Ereignis gefeiert, von dessen Schimmer auch der Bräutigam profitierte.
Schon ein knappes Jahr nach der Hochzeit wurde dem im Wirtschaften erfahrenen Gutsverwalter die Hilfskasse der NSDAP anvertraut. Drei Jahre lang leitete Bormann den Transfer von zunächst nicht allzu riesigen Parteigeldern und wußte sich durch geschicktes Austeilen damals schon Freunde zu verschaffen.
Die Stellung des Kassierers änderte sich radikal mit der Machtergreifung. Da die deutsche Industrie sich gegen die finanziell erschöpften neuen Herren generös erwies, flossen nunmehr die erheblich fetteren Beträge der von Krupp angeregten "Hitlerspende" durch Bormanns Hände.
Es war nur folgerichtig, daß der Verwalter dieser Goldgrube auch im Parteirang aufstieg: Er wurde noch 1933 Stabsleiter beim Stellvertreter des Führers, eine Position, die für Bormann von unschätzbarem Wert war.
Einerseits erhielt der Stellvertreter des Führers am 21. Juli 1933 von Hitler die Generalvollmacht, "in allen Fragen der Parteileitung in meinem Namen zu entscheiden". Zum anderen aber amtierte als eben dieser Stellvertreter des Führers der damals schon leicht exzentrische und in der Partei abseits stehende Genosse Rudolf Heß, der sich- weniger seinem theoretisch allmächtigen Amt als seinen absonderlichen Hobbys wie Astrologie und Nacktkultur widmete. Er überließ die Macht Über die Parteiorganisation bereitwillig dem nach vorn strebenden bulligen Stabsleiter.
Zunächst war Bormann zwar noch seinem Chef Rudolf Heß und nicht
dem Führer unmittelbar verantwortlich. Hitler entdeckte jedoch bald, daß ihm der Finanzmensch eine Aufgabe abnehmen konnte, zu der er selbst sich weder befähigt noch hingezogen fühlte: den Umgang mit dem Geld.
Der gewesene Künstler Hitler, Bewohner von Obdachlosenasylen und Armenquartieren, fand sein Leben lang kein Verhältnis zu den Moneten, die er als Requisit bürgerlicher Spießigkeit ansah. Er lehnte es sogar ab, eine Geldbörse bei sich zu tragen. Kassierer Bormann zahlte und kassierte.
Diesem Mann vertraute Hitler daher schon bald die Verwaltung seines Privatvermögens an, das anfangs vor allem aus den Verkaufserlösen seines Buches "Mein Kampf" bestand. Alt-Kämpfer Max Amann, der die Tantiemen bis dahin mit Hitler abgerechnet hatte, wurde von Bormann beiseite geschoben.
Außerdem hatte Bormann bald Gelegenheit, sich noch näher an Hitler heranzuschlängeln: Er erhielt den Auftrag, seinem aus dem Flachland stammenden Führer in der wildromantischen Bergwelt des Salzkammerguts das nötige, Areal für einen monumentalen Berghof zu beschaffen. Bormann fuhr nach Berchtesgaden.
Er veranlaßte die Bergbauern des Dorfes Obersalzberg, ihre Grundstücke zu einem bescheidenen Preis herzugeben, und ergatterte den gesamten Obersalzberg. Biograph Wulf: "Wie ein Eichhörnchen für den Winter hamstert, sammelte Bormann emsig Parzelle nach Parzelle."
Der ehemalige Landwirt hatte ein geradezu ideales Betätigungsfeld gefunden. Er ließ Kasernen mauern und Straßen In den Felsen sprengen; er organisierte den Bau des wuchtigen Berkhofes und ließ auf dem Gipfel gar ein massives Teehaus entstehen; er stampfte einen landwirtschaftlichen Musterbetrieb aus dem Boden und baute ein riesiges Treibhaus: Der eingefleischte Vegetarier Hitler sollte auf
seinem Berghof autark sein und jederzeit frisches Gemüse zur Verfügung haben. Neben dem Berghof baute sich Bormann ein eigenes Haus; von hier aus dirigierte er den Haushalt seines Herrn.
Zu Hitlers Haushalt gehörte neben zahlreichem Personal seit Mitte der dreißiger Jahre auch jene Dame, die am 29. April 1945 noch für wenige Stunden Frau Hitler wurde: Eva Braun. Da des Führers Freundin von dessen Hofstaat nicht für voll genommen wurde, erspähte Bormanns geübter Instinkt eine neue Gelegenheit, sich seinen Herrn zu Dankbarkeit zu verpflichten. Er befleißigte sich gegenüber der Braun einer Liebenswürdigkeit, die er für gewöhnlich nur der Person des Führers zollte.
So las er dem weniger schönen als ehrgeizigen Mädchen - wie Wulf durch Zeugen ermittelte - "buchstäblich jeden Wunsch von den Augen ab,
was sonst wirklich nicht gerade seine Art war".
Der durch und durch ungalante und zum Kavalier nicht geborene Bauer Bormann tat alles, der Braun ihre peinliche Lage zu erleichtern, und war, wenn Hitler auf dem Berghof weilte, ständig ihr Tischherr.
Während sich Bormann seinem Führer im Privatbereich unentbehrlich machte, robbte er sich auch in der Parteiführung weiter an die Spitze vor, wo der absonderliche, an einer Schädelverletzung leidende Rudolf Heß die Zügel mit der Zeit immer mehr schleifen ließ.
Die "Dienststelle des Stellvertreters des Führers", die formell von Heß, in Wirklichkeit aber schon vor dem Krieg von Bormann geleitet wurde, war bald nach der Machtergreifung über ein reines Parteiamt hinausgewachsen und in Konkurrenz zur Reichskanzlei getreten: Das noch 1933 erlassene Gesetz zur "Sicherung der Einheit von Partei und Staat" hatte sie praktisch in den Rang eines Verfassungsorgans erhoben. Der "Stellvertreter des Führers" erlangte in der Folgezeit vor allem die Befugnis,
- bei der Reichs- und Landesgesetzgebung mitzuwirken und
- bei der Beförderung von Beamten
gehört zu werden.
Außerdem aber legte sich Bormann
- natürlich im Namen des gar nicht
interessierten Heß - alsbald die Aufsicht über sämtliche Personalfragen der NSDAP bei, ein Recht, das ursprünglich dem Reichsorganisationsleiter Dr. Ley zugestanden hatte.
Zur Routinearbeit der Parteikanzlei gehörte es ferner, im Namen Hitlers alle Streitigkeiten zwischen Reichs- und Gauleitern zu schlichten. Diese Regelung führte dazu, daß jeder Provinz -Prinz in der Prinzengarde des Dritten Reiches darauf sehen mußte, mit dem Mann im Schaltwerk der Parteizentrale gut zu stehen.
Wenn Bormann diese Macht zwölf Jahre lang nicht nur wahren, sondern
konsequent ausbauen konnte, lag das nicht allein an dem einmaligen Glückszufall, daß sein Chef ein Spintisierer war, der sich selbst nach und nach um seinen Kredit brachte. Das Geheimnis für Bormanns Erfolg beruhte vielmehr auf seiner Fähigkeit, zu kommandieren ohne hervorzutreten und sich meisterlich auf die Regierungsweise wie auf die persönlichen Gewohnheiten Hitlers einzustellen.
Da Bormann frühzeitig erkannte, daß er sich im Kreis der rivalisierenden Hitler-Höflinge nur behaupten konnte, wenn er seinen wirklichen Einfluß nicht allzu offenkundig werden ließ, bekundete er seine Macht nach außen vorwiegend nur in unscheinbaren Rundschreiben, eine Form, die seinen bürokratischen Neigungen entsprach. Biograph Wulf: "Rundschreiben sind wahrscheinlich Bormanns Leidenschaft gewesen."
Tatsächlich brütete der Parteifamulus am laufenden Band Zirkularnoten an alle möglichen Dienststellen von Partei und Staat aus, vor allem aber an die Gauleiter. Sie waren zwar von Bormann selbst gezeichnet, befaßten sich aber anfangs derart mit Lappalien, daß der Verfasser zunächst nicht ernst genommen wurde.
So dekretierte Bormann:
- im November 1933, daß die Amtswalter der Partei nicht die olivgrünen Mäntel der SA, sondern braune Mäntel zu tragen hätten;
- gleichfalls im November 1933, daß
statt des Grußes "Heil Hitler" auch das einfachere "Heil" zulässig sei;
- im Mai 1934, daß der Arm zum
Hitlergruß nur bei der Nationalhymne, keinesfalls aber bei den Fahnen-Songs der HJ, des BDM oder der Kriegervereine zu heben sei.
Wulf: "So eine Sache war ganz nach Bormanns Geschmack."
Während er nach unten seine Rundschreiben produzierte, buckelte er nach oben und wurde des Führers bester Lakai. Mit einer unvergleichlichen Servilität wußte Bormann es einzurichten, daß er immer zur Stelle war, wenn Hitler eine Auskunft begehrte, ein Buch verlangte oder einen Befehl erteilte. Und mit immensem Fleiß eignete sich der gänzlich farblose Bürokrat die Kenntnisse an, die er brauchte.
Da Hitler im Laufe der Zeit den Überblick über die komplizierte Parteimaschinerie mit ihren tausend Rädern und ihren oft unklar gehaltenen Zuständigkeiten immer mehr verlor, mußte er von dem abhängig werden, der die Maschine zu bedienen wußte. Außerdem aber besaß Bormann noch die Gabe, alle Sachverhalte - sei es aus Partei, Verwaltung oder Wirtschaft - so zu vereinfachen, wie Hitler es selbst zu tun liebte.
Die Folge: Im Gegensatz zu den langatmigen Ausführungen mancher
Spezialisten wußte Bormann seinem ungeduldigen Führer knapp und leichtverständlich zu berichten. Hitler gewöhnte sich schließlich derart an Bormanns dürre Vorträge, daß er leicht nervös wurde, wenn andere Bonzen rapportierten.
Diese doppelte Abhängigkeit führte schließlich dazu, daß Hitler - allerdings erst gegen Ende des Krieges - Bormann stets in seiner Umgebung haben wollte und daß kaum noch ein Besucher zu Hitler vordringen konnte, ohne daß Bormann zugegen war.
Der nicht sonderlich intelligente, aber unbegrenzt diensteifrige Stabsleiter stellte sich mit der Zeit völlig auf Hitler ein. Da der großdeutsche Heros Schmeicheleien schätzte, pries Bormann in Hitlers Anwesenheit dessen Genie als Werkzeug des Weltgeistes. Besonders schätzte er die fundamentale Redensart: "Der Führer ist der Führer."
Bormann nahm schließlich selbst die Lebensgewohnheiten Hitlers an. Da der Schnurrbärtige gern die Nacht zum Tag machte, um vor seinem Hofstaat ungestört monologisieren zu können, ging
auch Bormann spät zu Bett, freilich nicht unbedingt in das seiner Frau Gerda, geborene Buch.
Die Hochzeit mit der Tochter des Parteirichters hatte den unbekannten Bormann in die höchsten NS-Kreise eingeführt. In der Folgezeit war das Paar darauf bedacht gewesen, seine weltanschauliche Zuverlässigkeit durch biologische Aktivität zu beweisen: Frau Gerda gebar
- im April 1930 den Sohn Adolf Martin, Hitlers Patenkind, heute katholischer Priester in der Genossenschaft der "Missionare vom heiligsten Herzen Jesu",
- im Juli 1931 die Tochter Eike Ilse,
- im Juli 1933 die Tochter Irmgard,
- im August 1934 den Sohn Helmut Rudolf,
- im Juni 1936 den Sohn Heinrich
Ingo, Himmlers Patenkind,
- im Mai 1938 die Tochter Eva Ute,
- im August 1940 die Tochter Gerda,
- im April 1942 den Sohn Fritz Hartmut und
- im September 1943 den Sohn Volker.
Trotz dieser mustergültigen Leistung glaubte Gerda Bormann für den Fortbestand der Deutschen Nation noch nicht genug getan zu haben. In heroischer Selbstentsagung ermunterte sie ihren Mann, auch außerhalb der Ehe kleine Nationalsozialisten zu zeugen.
Der ehrliche Martin hatte seiner Gemahlin eines Tages brieflich gestanden, daß er zärtliche Bande zu einer Schauspielerin M. geknüpft habe. Bormann: "Du kennst ja meinen Willen! Wie sollte M. dem lange widerstehen!" Und: "Da muß ich nun wohl doppelt und dreifach vorsichtig sein, damit ich gesund und bei Kräften bleibe."
Die glühende Nationalsozialistin Gerda Bormann antwortete darauf, es sei in der Tat ein Jammer, wenn derart wertvolle Mädchen wie die (ihr bekannte) M. kinderlos bleiben müßten. Frau Gerda: "Nun, im Falle M. wirst Du das wohl ändern." Und: "Daß sie kein Kind bekommt, ist ausgeschlossen, dafür kenne ich Dich zu gut."
Ihr starker Mann, so mahnte Gerda lediglich, möge jedoch darauf achten, daß künftig jede seiner beiden Frauen alternierend niederkomme, damit eine stets für ihn greifbar sei.
Schließlich forderte die Volksvermehrerin ihren Mann sogar auf, das Verhältnis zu der M. eventuell mit Hilfe einer neu zu schaffenden "Volksnotehe" zu legalisieren. Beide Ehen sollten gleichermaßen gültig sein, damit die zweite Frau nicht diskriminiert werde. Sie selbst wollte vor dem Standesbeamten die Erklärung abgeben: "Ich, Gerda Bormann, geborene Buch, bin mit dem Vorhaben meines Mannes, mit M. eine Volksnotehe einzugehen, einverstanden." Fragte Frau Bormann ihr Gespons: "Wie gefällt Dir das?"
Konnte Gerda Bormann mithin hoffen, den biologischen Drang ihres Mannes zweckmäßig zu kanalisieren, so wuchs Bormanns politischer Machthunger konstant mit dem Krieg, der seinem durch das Feldherrngeschäft abgelenkten Führer den Überblick über die Partei- und Staatsführung weiter erschwerte. Hitler delegierte daher neue Aufgaben an den "Stellvertreter des Führers". die Dienststelle des zunehmend fahrigen Rudolf Heß.
Das "Nationalsozialistische Jahrbuch" verzeichnete 1941: "Sämtliche Fäden der Parteiarbeit laufen beim Stellvertreter des Führers zusammen. Ausschließlich von ihm als letzter Parteiinstanz werden alle zum Fortbestand des deutschen Volkes lebenswichtigen Fragen entschieden."
Die Stunde Martin Bormanns schlug, als sich sein temporär umnachteter Chef Heß am 10. Mai 1941 in einer Me 110 nach England absetzte. Zwei Tage später wurde die Dienststelle des für demens erklärten "Stellvertreters des Führers" in "Parteikanzlei" umgetauft. Noch im selben Monat, am 29. Mai 1941, ernannte ein Führerbefehl den Stabsleiter Martin Bormann zum Chef dieser Parteikanzlei und zum Mitglied der Reichsregierung.
Befahl Hitler: "Wo in Gesetzen, Verordnungen, Erlassen, Verfügungen und sonstigen Anordnungen der 'Stellvertreter des Führers' genannt ist, tritt an seine Stelle der Leiter der Parteikanzlei."
Die Insignien des Regimes waren der unauffälligen, unansehnlichen Arbeitsbiene des Führers schon vorher zugefallen Bormann besaß den Blutorden und das Goldene Parteiabzeichen, den SS -Ehrendolch und den Winkel der Alten Garde; er war Reichsleiter und SS-Gruppenführer; der von Bormann privatim als "Onkel Heini" titulierte SS-Boß hatte sich - nach wiederholtem Drängen - sogar herbeigelassen, seinem "lieben Martin" als außergewöhnliche Ehrung nachträglich die niedrige SS-Nummer 555 zu verleihen.
Als formeller Chef der Parteikanzlei widmete sich Bormann vor allem dem
Kampf gegen die angeblich immer noch gefährlichsten Feinde der Deutschen: gegen Juden, Slawen und Christen.
An den Nürnberger Gesetzen und der Reichskristallnacht von 1938 hatte er schon wesentlichen Anteil gehabt. Jetzt, zwei Tage nach seiner Ernennung zum Reichsminister, erschien ein von Bormann unterzeichnetes Dekret, das die Bestimmungen der Nürnberger Gesetze auf die von Deutschland besetzten Ostgebiete ausdehnte.
Dann folgten Schlag auf Schlag aus der allmächtigen Parteikanzlei:
- Im November 1941 unterzeichnete
Bormann eine Verordnung zum Reichsbürgergesetz, hach der das Vermögen ausgewanderter oder deportierter Juden dem Reich verfiel.
- Im November 1942 dekretierte Bormann in einem Rundschreiben an sämtliche- Gau-, Kreis- und Ortsgruppenleiter, daß "die Eheschließung eines Soldaten mit einer Frau, die mit einem Juden verheiratet war ... ohne jede Ausnahme abzulehnen" sei, da eine solche Frau eine zu große "rassische Instinktlosigkeit" bewiesen habe.
- Im Juli 1943 unterzeichnete Bormann die 13. Verordnung zum Reichsbürgergesetz, die den Juden den - allerdings ohnehin kaum wirksamen - Schutz der ordentlichen Gerichte versagte.
- Noch im Februar 1944 ordnete Hitler auf Betreiben Bormanns an, der NS-Ideologe Alfred Rosenberg solle einen "Internationalen Antijüdischen Kongreß" veranstalten.
Als Tagungsort dieses seltsamen Unternehmens war Krakau vorgesehen. Zu den über 400 geladenen Gästen gehörten laut Einladungsschreiben außer Bormann, Goebbels, Ribbentrop und Himmler der "verdienstvolle" Schauspieler Werner Krauß, der Nobelpreisträger Philipp Lenard ("Physiker, bekannter Judengegner") und der Großmufti von Jerusalem.
Hauptredner der Tagung sollte der renommierte Historiker Professor Karl -Alexander von Müller sein; in den Pausen sollten, wie Rosenberg mit Bormann vereinbarte, Wilhelm Furtwänglers Berliner Philharmoniker aufspielen. Außerdem wollte sich die Festversammlung "gute deutsche Filme" wie "Der ewige Jude" ansehen.
Die berufsmäßigen Antisemiten galten jedoch zumindest hinsichtlich der slawischen Polinnen nicht als sonderlich rassebewußt. Im Protokoll über die Vorbereitungen heißt es nämlich, "auf Grund der trüben Erfahrungen, die man mit anderen Kongressen gemacht hat, (werde) erwogen, für die Dauer der Veranstaltung in Krakau ein Bordell mit Nicht-Polinnen einzurichten". Bormann-Biograph Wulf: "Die Rassereinheit galt es ja auf jeden Fall zu wahren."
Der Kongreß fand nur deshalb nicht statt, weil die Alliierten inzwischen in Frankreich gelandet waren und Bormann die Veranstaltung nicht mehr für zeitgemäß hielt. Dem enttäuschten Rosenberg beschied der Parteikanzlist: Der Führer wünsche, daß der Kongreß zurückgestellt werde.
Auch als Reichsminister hatte Bormann die Gewohnheit beibehalten, möglichst im Namen Hitlers zu befehlen. "Der Führer beauftragte mich" und "Der Führer wünscht" wurden die gebräuchlichsten Formeln, mit denen er seine Macht zu tarnen suchte.
So verordnete der von einem primitiven Darwinismus besessene Reichsleiter beispielsweise, daß es nur zu wünschen sei, "wenn Mädchen und Frauen in den besetzten Ostgebieten ihre Kinder abtreiben". Slawen-Kinder wollte der fruchtbare Germane nicht. Auch hier kommandierte er "im Auftrag des Führers". Schon 1941 freilich fühlte er sich in seiner Position derart sicher, daß er die sonst beobachtete Zurückhaltung mitunter aufgab und seinen Einfluß durchblicken ließ.
Als der Münsteraner Bischof Graf Galen beispielsweise seine beiden Predigten gegen das Regime hielt, schreckte Hitler zunächst vor Maßnahmen gegen den populären Oberhirten zurück. Er verfügte in einem Geheimerlaß, daß "ab sofort" kein kirchliches Vermögen mehr zu beschlagnahmen sei.
Der überzeugte Atheist Bormann hingegen, der sich - laut Wulf - "in den Kampf gegen die Kirchen wie der Stier aufs rote Tuch" stürzte, wollte keine Nachsicht. Er gab zu Papier: "Welche Schritte der Führer gegen den Bischof unternehmen wird, muß noch entschieden werden. Sicherlich wäre Todesstrafe angebracht."
Mit anderen Worten: Bormann traute sich damals schon den Einfluß zu, Hitler zu einer wichtigen, von ihm - Bormann - für richtig erachteten Entscheidung zu bewegen.
Auch seine Rundschreiben wurden allmählich selbstbewußter. So gab er beispielsweise schon 1941 allen Reichs- und Gauleitern zu wissen: "Da ich zum engsten Stab des Führers gehöre, soll ich auch weiterhin den Führer begleiten." Dieser Umstand hatte, wie Bormann zutreffend bemerkte, "den großen Vorteil, daß auch während des Krieges alle wichtigen Angelegenheiten ... an den Führer herangetragen werden können".
Etwaige Neider brachte Bormann mit dem Hinweis zum Schweigen, er habe schließlich auch wie ein Pferd, "ja, mehr als ein Pferd" gearbeitet: "Denn ein Pferd hat seinen Sonntag und seine Nachtruhe."
Herausfordernd wieherte das Pferd die Stabsleiter an: "Wer anderer Auffassung ist, der soll baldigst dem Führer mitteilen, wen er an meiner Stelle für geeigneter hält."
Seine Macht wuchs weiter. Als 1942 festgelegt wurde, daß der Reichsführer
SS und der Reichsjustizminister von Fall zu Fall vereinbaren sollten, welche Personen einer "Sonderbehandlung" zuzuführen seien, hieß es in dem Protokoll: "Stimmen beider Ansichten nicht überein, so wird die Meinung des Reichsleiters Bormann, der eventuell den Führer unterrichten wird, herbeigezogen."
Der einstige Gutseleve war Schiedsrichter zwischen einem Reichsminister und dem obersten SS-Chef geworden; seinen Führer brauchte er nur "eventuell" zu konsultieren. Schließlich wurde auch das Oberste Parteigericht Bormanns Kompetenz unterstellt. Der alte Oberrichter Buch war überrundet; er hat seinem Schwiegersohn diesen Schachzug nie verziehen.
Im April 1943 erklomm Bormann dann den Gipfel seiner Karriere: Hitler gab ihm als seinem "persönlichen Sachbearbeiter" den Titel "Sekretär des Führers". Seine Befugnisse wurden am 12. April festgelegt:
- "Erledigung persönlicher Angelegenheiten des Führers;
- "Teilnahme an Besprechungen des Führers;
- "Vortrag der eingehenden Vorgänge beim Führer;
- "Übermittlung von Entscheidungen des Führers an Reichsminister, oberste Reichsbehörden oder Dienststellen des Reiches;
- "Schlichtung von Meinungsverschiedenheiten, Zuständigkeits-Streitigkeiten zwischen Reichsministern und dergleichen."
Da die Zuständigkeit zwischen "Reichsministern und dergleichen" im Hitlerstaat teils bewußt unklar gehalten war, damit die eine Stelle besser gegen die andere ausgespielt werden konnte, war Martin Bormann mit dem 12. April 1943 endgültig zum deutschenVizeführer aufgestiegen. Erdurfte schließlich wie ein altgermanischer Gefolgsmann sogar das Testament seines Führers mitunterzeichnen.
Als Hitler am 29. und 30. April 1945 zunächst seine Schäferhündin, dann seine Frau und schließlich sich selbst umbrachte, war Bormann noch hektisch tätig, den zerfetzten Staatsapparat zusammenzuhalten.
Seiner Freundin Eva Hitler, geborene Braun, erwies er den letzten Dienst, indem er die Vergiftete auf den Gang des Reichskanzlei-Bunkers trug. Der Sekretär des Dritten Reiches ehrte die Toten mit dem Hitlergruß und kabelte alsdann - weiterhin im "Auftrag des Führers" - Befehle an den Großadmiral Dönitz, den er erst am 1. Mai um 14.46 Uhr über Hitlers Hinschied informierte.
"Reichsleiter Bormann", so wurde aus der zernierten Reichskanzlei an Dönitz gefunkt, "versucht, noch heute zu Ihnen zu kommen." Zweck der Reise: "Um Sie über die Lage aufzuklären."
In der Nacht zum 2. Mai 1945 machte sich Bormann auf den Weg zu Dönitz, bei dem er nie eintraf. Zeugen bestätigten gleichermaßen seinen Tod wie sein Entkommen.
Die kinderreiche Frau Gerda, geborene Buch, starb nachweislich am 23. März 1946 um 22.30 Uhr im Kriegsgefangenenlazarett Meran. Ihr
Mann jedoch ist in der Phantasie der Nachkriegs-Zeitgenossen bislang nicht gestorben.
Er wurde beispielsweise 1952 im Franziskanerkloster San Antonio zu Rom entdeckt. Ein Insasse trug sogar am rechten Nasenflügel die gleiche Warze wie Martin Bormann. Indes - es war der Bruder Romualdi Antonuzzi.
* Josef Wulf: "Martin Bormann - Hitlers Schatten". Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh; 240 Seiten und 16 Tafeln mit 24 Abbildungen; 16,80 Mark.
Vize-Führer Bormann, Chef: Vom Kassier ...
Führer-Frau Eva, geborene Braun
... zum Kavalier
Bormanns Hochzeitsauto, 1927 (v. l.: Schwiegervater, Braut, Bräutigam, Trauzeuge Hitler): Auch "Heil" ist zulässig
Gerda Bormann, Kinder (1942): Notfalls eine Volksnotehe
Priester Bormann, Geschwister: Auch Vater ein Frater?

DER SPIEGEL 9/1962
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