14.03.1962

REVOLVER UNTER DEM SCHEUERLAPPEN

In den letzten Tagen des siebenjährigen Krieges hat in den algerischen Städten Algier und Oran das große Sterben begonnen. 120 Bomben detonierten Anfang vergangener Woche innerhalb von zwei Stunden in Algier. 44 waren es wenige Tage zuvor in Oran. Stündlich sterben drei Menschen unter den Kugeln französischer Terroristen. Allein seit Jahresbeginn sind fast 1500 Moslems und Europäer dem von der rechtsextremistischer Geheimorganisation OAS entfachten Terror zum Opfer gefallen. Brutal versucht OAS-Chef Salon, der ausländische Journalisten als unerwünschte Zeugen aus Algerien vertreiben läßt, den Frieden unmöglich zu machen; vergebens stellt sich die Armee - von französischer OAS und algerischer FLN gleichermaßen aufgerieben - dem Chaos entgegen. Aus Oran brachte ein Mitarbeiter der französischen Wochenzeitung "L'Express", dessen Name aus Furcht vor einem OAS-Attentat ungenannt blieb, folgenden Augenzeugenbericht noch Paris.
Ein junger Europäer in schwarzer Lederjacke, einen Feldstecher um den Hals, fegt wie ein Wirbelwind in die- Kneipe. "Sie sind da!" schreit er. "Waffen raus und schnell aufs Dach!" Ein halbes Dutzend Männer, die bisher Karten spielten, springen auf.
"Los, beeilt euch", schreit der Junge. "Sie kommen die Straße herauf!"
Die Männer holen ihre Maschinenpistolen aus einem Wandschrank, stecken
sie unter die Jacke, rennen hinter dem Jungen her und stürzen in ein auf der anderen. Straßenseite liegendes Haus. Atemlos keuchen sie bis zum obersten Stock und steigen dort auf das Terrassendach.
Ein vierzig Jahre alter Mann reicht mir den. Feldstecher: "Sehen Sie nur, da unten versammeln sie sich schon, sicher bereiten die Kerle etwas vor."
Jenseits des mit Abfällen übersäten Niemandslandes erkenne ich eine Gruppe von 50 Muselmanen.
"Frauen sind auch dabei", sagt der Mann neben mir. "Diesen Trick benutzen sie am liebsten. Wenn sie geschossen haben, stecken die Heckenschützen der FLN ihre Waffen immer den Frauen zu, und die verstecken sie dann unter ihren Röcken. Sie wissen nämlich, daß die meisten Soldaten ungern Frauen durchsuchen."
Einer der sechs gibt einen Feuerstoß aus seiner Maschinenpistole ab. Wie ein
aufgescheuchter Vogelschwarm stieben die Moslems auseinander.
In der Ferne leuchtet das Mittelmeer so blau wie auf den Plakaten der Reisebüros. Der kleine Platz unten ist wieder leer, und die sechs Männer steigen nach unten.
"Das war wohl nichts", gähnt einer. Der Wirt hinter der Theke zieht seine Pistole aus denn Gürtel und versteckt sie unter einem Haufen. Scheuerlappen.
"Das war der erste Alarm heute morgen", sagt er. "Wenn de Gaulle nicht nachgibt, gibt's ein Blutbad. Oran wird dann ein neues Budapest."
Am Vorabend des Waffenstillstands erstickt Oran in Haß und Angst. Einige Schüsse gegen ein Verwaltungsgebäude genügten, um in den östlichen Vororten, in denen etwa 40 000 Moslems leben, eine Panik' auszulösen.
Das Gerücht ging um, die OAS plane einen Sturm auf das Algerierviertel. Fünf Stunden lang, bis zum Morgengrauen, warteten die Moslems voller Angst auf den Angriff. Hunderte von Demonstranten zogen durch die Straßen und schwenkten Fahnen der FLN. Andere Moslems sperrten mit Barrikaden die Autostraße.
350 in diesem Stadtteil stationierte Soldaten versuchten, die Ordnung wiederherzustellen: Sie wurden von den Dächern aus beschossen und mußten
drei Stunden lang ausharren, ehe Verstärkungen eintrafen.
In der Zwischenzeit waren hinter den Barrikaden bereits drei Europäer und ein Marokkaner getötet worden. Erst später entdeckte man ihre Leichen.
Diese mörderischen Grausamkeiten, von Angst und Rassenhaß genährt; haben aus Oran eine geteilte Stadt gemacht, deren Beiwohner durch eine unsichtbare Mauer voneinander getrennt werden.
Die Moslems meiden die europäischen Stadtteile wie feindliche Gebiete: Kein Europäer wagt sich in die arabischen Wohnviertel. Er kann sicher sein, nach 20 Metern von einem algerischen Scharfschützen abgeknallt zu werden.
Für mich war der Besuch des Eingeborenenviertels ein ungewöhnliches Erlebnis. Als man dort feststellte, daß ich Journalist sei; drängten sich Hunderte von Moslems uni meinen Wagen, als käme ich von einem anderen Stern. Seit fast zwei Monaten hatten diese Menschen keinen europäischen Zivilisten mehr gesehen. Ihr begeistertes Klatschen und ihre Gier, mit mir zu reden, bestätigten mir, in welch beklemmender Isolierung sie leben.
Fluchtartig hatten Tausende von Europäern und Muselmanen ihre Häuser in den weniger geschützten Stadtvierteln verlassen, um in den Wohngebieten
ihrer eigenen Gemeinschaft Schutz zu suchen.
In einem Viertel am Rande der Stadt, in dem Europäer und Araber bisher zusammenwohnten, fand ich auf den Straßen die Reste verbrannter Möbel, die einmal arabischen Familien gehört hatten. Die' europäischen Nachbarn hatten sie auf die Straße geworfen und dann angesteckt. Nur die eisernen Rahmen der Bettgestelle hatten dem Feuer widerstanden..
Doch die Moslems zahlten mit gleicher Münze heim. Den ganzen Boulevard Edouard Herriot entlang steckten sie die europäischen Läden in Brand, nachdem sie die Schaufenstergitter mit Brechstangen zertrümmert hatten. Abend für Abend flackerten Feuersbrünste auf, und Gruppen junger Burschen - Moslems und Europäer - stürmten durch die Straßen und vollendeten das Zerstörungswerk.
Die Teilung der Stadt führte zu einer Massenarbeitslosigkeit der muselmanischen Bevölkerung. Die Ernährungslage
wurde kritisch.. Ich sah, wie Moslemfrauen die Ruinen eines europäischen Lebensmittelgeschäfts nach Eßbarem durchwühlten.
Um einer Hungersnot vorzubeugen, verteilte die Armee in verschiedenen Stadtbezirken Nahrungsmittel.
Inmitten dieser Anarchie, die ständig größer wird, bemühen sich die Behörden, in ihren Büros hinter einem Wall von Soldaten und Bereitschaftspolizisten verschanzt, das Schlimmste zu verhindern.
Stacheldrahtverhaue, Soldaten mit Stahlhelmen und Berge von Sandsäcken konnten nicht verhindern, daß eine Bombe im Gebäude der Polizeipräfektur explodierte. Weitere Bomben waren in der Wohnung des Präfekten, hoch oben
in einem 16stöckigen Wolkenkratzer, gelegt worden. Die ganze Stadt hatte bereits zwei Stunden vorher gewußt, daß die OAS die Präfektur in Brand stecken wollte, nur die Polizei nicht.
Wie Blinde tasten sich einige Polizisten aus dem französischen Mutterland durch das gefährliche Labyrinth dieser feindseligen Stadt. Sie sind isoliert, eine wirksame Anti-OAS-Polizei gibt es nicht.
Nur 35 Terroristen sind bisher im Gebiet von Oran verhaftet worden, obschon täglich gemordet wird, täglich Banken überfallen und täglich Waffen gestohlen werden. -Während der vergangenen 14 Tage wurde kein einziger Europäer festgenommen.
Die Polizei erklärt, ihre 6000 Mann seien dieser explosiven Situation ohne neue Verstärkung nicht mehr gewachsen. Die Wahrheit ist, daß die OAS in Oran bisher nicht einen einzigen Kratzer abbekommen hat.
Bei Hausdurchsuchungen wurden zwar einige Waffen sichergestellt; doch
hat die OAS an anderen Orten gleichzeitig zehnmal soviel gestohlen. Sie hat sogar einen Teil der beschlagnahmten Waffen wiedererlangt.
Die 200 000 europäischen Einwohner Orans sind sämtlich fanatische Anhänger der OAS. Sogar ehemals kommunistische und sozialistische Wähler ereifern sich ebenso heftig für ein französisches Algerien wie der wildeste Petain-Anhänger.
Blind setzen die Europäer all ihre Hoffnung auf Salan. In ihm erblicken sie den Retter, der die Unabhängigkeit Algeriens verhindern wird. Sie klammern sich an jedes Gerücht, das ihren Glauben an die OAS bestätigt. Einige behaupten, 150 000 Mann der OAS ständen in der Wüste bereit, um die Macht zu übernehmen.
Andere versichern, Salan sei bereits in Washington und verhandele mit Präsident Kennedy. Sie glauben, der Sturz de Gaulles sei nur noch eine Frage von Wochen.
Sie beschreiben einem sogar die Demonstrationen, die angeblich in Casablanca stattgefunden haben sollen; dort seien marokkanische Arbeiter mit großen Schildern aufmarschiert, die Aufschriften wie "Protektorat = Brot, Unabhängigkeit = Hunger" getragen hätten.
Und es sind nicht nur die armen Weißen, die vor dem erschrecken, was die Zukunft vielleicht für sie bereithält. Einer der letzten Europäer, der noch seinen normalen Menschenverstand behalten hatte, erzählte mir kurz vor meinem Abflug nach Paris: "Das Furchtbarste ist, daß die Ärzte, die Anwälte, kurz: die ganze europäische Elite, heute so reden wie sonst nur Straßenkehrer."
Die Europäer sind noch immer überzeugt, daß es General de Gaulle nicht gelingen wird, das Abkommen über die Waffenruhe in Kraft zu setzen. Sie glauben nicht, daß die Armee das Feuer auf sie eröffnet. Die Vertreter der Regierung in Algerien aber verbreiten die offizielle Version, daß schließlich die Dynamik des Friedens und der Widerstand des französischen Mutterlandes die europäische Bevölkerung entwaffnen werden.
Doch die unmittelbare Wahrheit ist, daß bei den Europäern in Oran mindestens 20 000 Waffen versteckt sind. Außerhalb der Stadt besitzt die OAS ein ganzes Netz geheimer Lager mit schweren Waffen, Maschinengewehren und Panzerfäusten. Außerdem wurden in den letzten 14 Tagen rund 2500 Uniformen gestohlen. Im Ernstfall wären also die echten Soldaten nur sehr schwer von den OAS-Männern zu unterscheiden.
Offiziell ist man zwar überzeugt, daß die Armee im allgemeinen den Befehlen der Regierung gehorchen wird. Dennoch geht sie zur Zeit gegen die Moslems mit eiserner Faust und gegen die Europäer mit Samthandschuhen vor.
Ich selbst bin ziemlich skeptisch. Ich fürchte, daß die Armee den Moslems keinen wirklichen Schutz angedeihen lassen wird. Die Tatsache, daß niemand bei den Moslem-Pogromen eingegriffen hat, sagt genug. Algerier behaupten sogar, französische Soldaten hätten die Bomben im Araberviertel gelegt.
Eine Demonstration militärischer Macht in dem Niemandsland, das Europäer und Algerier trennt, könnte vielleicht noch ein Blutbad verhindern, doch es ist die Tragödie Orans, daß der Bruch zwischen Moslems und Europäern vollkommen geworden ist.
Ein Graben trennt sie, sie stehen miteinander im Krieg. Unter den Europäern findet man keinen, der morgen in der Lage wäre, die geteilte Stadt wieder zu vereinigen. Überall stößt man auf eine erschreckende Leere.
Eines Abends wurde ein algerischer Arbeiter durch Beinschuß verletzt. Sein europäischer Arbeitgeber lehnte den Verwundeten an eine Mauer und wischte ihm mit seinem eigenen Taschentuch den Schweiß vom Gesicht.
Eine gutgekleidete Europäerin sah das und schrie voll Abscheu: "Und so was will Franzose sein!" Die rasende Menge stimmte ihr zu.
Soldaten, toter Zivilist: "Und so was will Franzose sein"
Tod an der Mauer von Oran: Mit dem Terror kommt der Hunger

DER SPIEGEL 11/1962
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