11.04.1962

MENSCHHEIT / ÜBERVÖLKERUNG

Mehret euch nicht!

(siehe Titelbild)

Zu Beginn des Jahres 1962 gab es drei Milliarden Menschen auf der Erde. Im Jahre 2000 - also in knapp 40 Jahren - werden es 6,6 Milliarden sein. So die Uno in einem Bericht über die Zukunft der Menschheit.

Niemals zuvor hat die Menschheit als Ganzes vor einer quantitativ so gewaltigen Aufgabe gestanden wie der, die ihr jetzt durch ihre eigene Verdoppelung gestellt ist: Es gilt, innerhalb eines Halbjahrhunderts Ernährungsmöglichkeiten für eine Zahl von Menschen zu schaffen, die doppelt so groß ist wie die der gegenwärtig Lebenden. Wenn die damit verbundenen Aufgaben der Entwicklungshilfe nicht gelöst werden, sieht die Menschheit, wie der Direktor des Bonner Forschungsinstituts für Wirtschaftsfragen der Entwicklungsländer, Professor Fritz Baade, Ende vorigen Jahres warnte, "dem größten Bankrott der Weltgeschichte" entgegen.

Indessen verharren - trotz Größe und Dringlichkeit der Aufgabe - die obersten Menschheits-Instanzen in einer Haltung, die im Sommer 1961 von der "New York Times" als "Sieh nichts, tu nichts"-Haltung charakterisiert wurde. Im vorigen Jahr verkündete das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Johannes XXIII., in seiner Enzyklika "Mater et magistra": "Tatsächlich dürfte, in weltweitem Maßstab gesehen, das Verhältnis zwischen Bevölkerungszahl und Versorgungsmöglichkeiten weder jetzt noch in absehbarer Zukunft zu ernstlichen Schwierigkeiten führen."

Sorgenvoller klang eine Stellungnahme der Regierung Präsident Kennedys zu Ende des vorigen Jahres. Darin erklärte die US-Regierung, daß sie über die gegenwärtige Wachstumsrate der Menschheit beunruhigt sei - insbesondere aber darüber, daß jedes Kind, das heute in der nichtkommunistischen Welt geboren werde, "mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei zu eins in einem Staat zur Welt kommt, in dem das Pro -Kopf-Einkommen unter fünf Dollar (20 Mark) pro Monat liegt". Gleichwohl lehnte die US-Regierung in derselben Erklärung die Geburtenkontrolle als Ziel der Außenpolitik ausdrücklich ab.

Der Direktor des Instituts für Demographische Forschung an der Princeton University, Ansley Coale, bezeichnete die offizielle Ablehnung der Geburtenkontrolle durch die US-Regierung als schlechthin "frivol". Die Vermehrung in den nichtindustriellen Ländern der Erde sei, sagte Coale, zur Zeit so groß, daß diesen Ländern nur zwei Möglichkeiten blieben: Entweder müsse ihre Geburtenquote geringer oder ihre Sterbequote größer werden.

Einen Monat vor der amerikanischen Erklärung hatte das Oberhaupt des Marxismus-Leninismus russischer Observanz, Chruschtschow, ein neues kommunistisches Programm bekanntgegeben. Von den Problemen der sich mit ständig zunehmender Beschleunigung verdoppelnden Menschheit stand darin kein Wort. Sechs Jahre zuvor hatte Chruschtschow sein Russenvolk zu Geburtenfreudigkeit angehalten:

"Unser Land wird um ebensoviel stärker, wie seine Bevölkerung zahlreicher wird. Die bürgerlichen Ideologien haben Menschenfressertheorien aufgestellt, unter anderen die Theorie der Überbevölkerung. Bei uns, Genossen, stellt sich die Frage auf ganz andere Art. Wenn zu unserer gegenwärtigen Bevölkerung, von 200 Millionen noch weitere 200 Millionen hinzukämen, wäre das immer noch wenig."

Im Jahre 1956 berichtete der französische Journalist Robert Guillain aus dem kommunistischen China, daß "dieses Regime wahrscheinlich das erste in der Geschichte sein wird, das die obligatorische Geburtenkontrolle offiziell einführen wird ..."

Guillain entwarf ein modernistisch unterkühltes Bild von der Zukunft des chinesischen - Familienlebens: Parteifunktionäre und -komitees würden den in ihren Rayons ansässigen Familien Vermehrungsquoten zuteilen und die Ehepaare bei der Verwirklichung dieser Maßnahme "beraten und überwachen".

Guillains Prophezeiung hat sich nicht erfüllt. Seit 1958 läßt Mao Tse-tung alle Förderer der Geburtenbeschränkung in seinem Reich maßregeln. Die Zuwachsrate von alljährlich 16 Millionen Chinesen wird als Beweis der pausbäckigen Gesundheit Chinas gefeiert.

Damit ist China auf die Geburtenpolitik Rußlands eingeschwenkt, wo es schon seit den vierziger Jahren für kinderreiche Familien Steuererleichterungen, Orden und hohe Staatspensionen gibt.

China, das heute 700 Millionen Menschen zählt, wird im Jahre 2000 von rund 1,7 Milliarden Menschen bewohnt sein, wie überhaupt die farbigen Völker den größten Anteil an der für die nächsten Jahrzehnte zu erwartenden Menschheitsvermehrung haben werden.

Der amerikanische Geographie-Professor Langdon White teilte mit, daß sich die Bevölkerung

- Ägyptens in 29,

- Indonesiens in 32,

- des Iran in 36 Jahren

verdoppeln werde, wohingegen zum Beispiel die Engländer für ihre nächste

Verdoppelung 230 Jahre benötigen werden.

Die höchsten Geburtenüberschüsse aller Völker erzielen gegenwärtig die mittelamerikanischen Staaten (siehe Graphik Seite 62).

Dagegen hat die Gebärfreudigkeit der slawischen Frau - jahrzehntelang ein Schreckgespenst deutscher Nationalisten

- abgenommen. Die polnische Geburtenquote etwa betrug um die letzte Jahrhundertwende 43 Promille und 1957 nur noch 27,5 Promille: Die höchste Geburtenquote Osteuropas entfällt auf die Bevölkerung Albaniens; sie erreichte im Vergleichsjahr 1957 rund 38,5 Promille.

Die Wachstumsrate der Bundesrepublik betrug 1960 6,4 Promille, die der DDR nur 4,4 Promille. (Eigenartig ist

die Entwicklung in Berlin; dort verzeichnete die Geburten- und Sterbebilanz im Jahre 1957 ein Minus von 7,3 Promille, in Ostberlin ein Minus von 4,2 Promille.)

Aber die Vermehrung der Europäer in West und Ost ist heute für die Menschheitsvermehrung keineswegs typisch. Deren Schwerpunkte liegen neuerdings in den unterentwickelten Gebieten - eine Tatsache, die jüngst den pakistanischen Staatschef, Marschall Ajub Khan, zu dem rustikalen Stoßseufzer veranlaßte: "We want to be able to make them take a pill, then poof, that's that." (Es wäre schön, wenn man sie dazu bringen könnte, eine Pille zu schlucken - und dann puff, und damit hat sich's.)

Eines der bedrohlichsten Merkmale der gegenwärtigen Menschheitsvermehrung ist deren unerhörte Schnelligkeit: Die jetzt in Gang befindliche Verdoppelung der Menschheit wird nicht einmal 50 Jahre dauern.

Die erste, hypothetisch fixierbare Verdoppelung ging hingegen in 2500 Jahren vor sich. Um 7000 vor Christus zählte nach groben Schätzungen - die Menschheit zehn Millionen, um etwa 4500 vor Christus rund 20 Millionen Seelen. Für die nächsten Verdoppelungen benötigte die Menschheit zwar jeweils kürzer werdende, aber bis 1700 nach Christus immer noch sehr lange Zeiträume - nämlich, der Reihe nach

- 2000 Jahre für die Vermehrung von 20 auf 40 Millionen (4500 v. Chr. bis 2500 v. Chr.);

- 1500 Jahre für die Vermehrung von 40 auf 80 Millionen (2500 v. Chr. bis 1000 v. Chr.);

- 1000 Jahre, um auf die 160 Millionen Menschen zu kommen, die um Christi Geburt lebten;

- 900 Jahre für die folgende Verdoppelung und

- 800 Jahre für den Verdoppelungsprozeß, der mit dem Jahre 1700 n. Chr. zu Ende ging.

Um 1700 gab es rund 600 Millionen Menschen. Dann aber setzte die dramatische Beschleunigung der Vermehrung ein, die bis heute für die zahlenmäßige Entwicklung der Menschheit charakteristisch ist. Die beiden nächsten Verdoppelungen vollzogen sich innerhalb von 150 und 100 Jahren. 1850 gab es 1,2 Milliarden, 1950 rund 2,5 Milliarden Menschen, 1960 schon fast drei Milliarden.

Diese Fristen werden durch die eben jetzt ablaufende Verdoppelung nochmals unterboten werden, die aber noch keineswegs die denkbar schnellste sein dürfte. Demographen errechneten, daß die auf das Jahr 2000 folgende Verdoppelung in 33 Jahren ablaufen könnte: Die Bevölkerung der Erde würde dann im Jahre 2033 etwa 13 Milliarden zählen.

Doch selbst, wenn man die Entwicklung nach 2000 als noch nicht abschätzbar außer acht läßt: Allein schon die revolutionäre Dramatik der gegenwärtig ablaufenden Verdoppelung ist unerhört. Es dürfte keinen menschlichen Lebensbereich geben, der nicht von der kaum mehr zu bezweifelnden Aussicht auf eine Erdbevölkerung vor sechs bis sieben Milliarden Menschen betroffen ist.

Das gewaltige Aufgaben-Universum, das durch die Schätzungszahl der Uno erkennbar geworden ist, umfaßt nicht nur agrarische, industrielle, wirtschaftsorganisatorische, psychologische und sogar philosophische Probleme. An erster Stelle steht das Problem einer einheitlichen Menschheitsführung, deren Macht und Autorität bis in die Intimsphäre jedes einzelnen Erdbewohners reichen müßte, wenn, die Menschheit die ihr bevorstehende Aufgabe bewältigen will - und zwar gleichgültig, ob die Menschheit

- sich entschließt, den Zustrom neuer Menschen durch Geburtenkontrolle zu drosseln, oder

- den Versuch unternimmt, dem ungebändigten Zustrom mit der Erschließung neuer Nahrungsquellen zu begegnen.

Der revolutionäre Impuls, der von der gegenwärtig ablaufenden Verdoppelung erwartet werden muß, ist nicht nur deswegen unerhört, weil sie schneller abläuft als alle vorausgegangenen und ein Mehr an Menschen auf die Erde bringt, das sehr viel größer als alle historisch bekannten Zuwachsraten sein wird.

Vielmehr wird die gegenwärtige Verdoppelung noch durch zwei weitere Umstände dramatisiert. Der eine Umstand ist die moderne Verkehrstechnik, der andere die moderne Waffentechnik. Sie haben bewirkt, daß die Menschheit heute enger denn je zusammenlebt.

Konnten die europäischen Erdbewohner sich noch vor hundert Jahren angesichts indischer Hungersnöte für materiell desinteressiert erklären, so ist heute das unmittelbare Engagement aller Erdbewohner an Übervölkerungs -Katastrophen in beliebigen Ländern der Erde überhaupt nicht mehr in Zweifel zu ziehen: Hungersnöte in Großräumen wie Südasien oder Zentralafrika könnten Machtverschiebungen oder gar Kriege

verursachen, von deren Auswirkungen jeder betroffen wäre.

Die Beziehungen zwischen den Menschen, ob sie in China, Kanada, Chile oder Europa wohnen, sind, enger geworden. Zugleich hat auch die Kenntnis des Menschen vom Menschen beträchtlich zugenommen. Zum erstenmal in der Weltgeschichte ist die Wissenschaft imstande, in hinreichend zuverlässigen Zahlen eine Vorstellung vom Gebären und Sterben der lebenden Generation und damit auch eine Vorstellung von der Zukunft der Menschheit zu liefern. Der erste Uno-Bericht über die zahlenmäßige Menschheitsentwicklung wurde 1951, der letzte 1958 veröffentlicht.

Inzwischen aber hat die Menschheitsvermehrung sich noch beschleunigt, und zwar gerade bei den Völkern, die von den wirtschaftlichen Konsequenzen der Vermehrung am härtesten betroffen sein werden: den Völkern der Entwicklungsländer.

Die Geburtenhäufigkeit wird heute in zunehmendem Maße von den ehemaligen Kolonialvölkern als politische Waffe und der Vorschlag der Uno, die Geburtenhäufigkeit zu bremsen, als teuflischer Anschlag des weißen Mannes auf Leben und Zukunft der Farbigen aufgefaßt. In Kingston auf der Insel Jamaika stand an einer Mauer die Inschrift: "Geburtenkontrolle - ein Plan, um Neger zu töten." In Indonesien ließ Staatschef Sukarno weiße Vertragsärzte, die Geburteneinschränkung propagierten, durch die Presse als "Imperialisten" anprangern. Die Hauptinsel des indonesischen Staates - Java - hat die größte Bevölkerungsdichte aller Länder der Welt, nämlich 400 bis 500 Menschen pro Quadratkilometer (Bundesrepublik: 216,9 Menschen pro Quadratkilometer).

Tatsächlich ist die biologische Rivalität bereits heute ein Element der traditionellen Machtrivalitäten nationaler, ideologischer und religiöser Art. Die biologische Rivalität droht auch deswegen gefährlich zu werden, weil im Zuge der bevorstehenden allgemeinen Menschheitsvermehrung das heutige zahlenmäßige Verhältnis der verschiedenen Menschengruppen - ob man sie nun nach politischen, religiösen oder rassischen Prinzipien ordnet - ohnehin so entscheidend geändert werden dürfte, daß sich daraus zwangsläufig tiefgreifende Machtverschiebungen ergeben werden. Zeiten solcher Verschiebungen aber sind Krisenzeiten.

Professor Fritz Baade hat 1960 errechnet, wie sich das biologische Kräfteverhältnis zwischen dem Ostblock, den Ländern "westlicher Lebensart" und den Entwicklungsländern bis zum Jahre 2000 ändern wird*.

Er stellte fest, daß nach 1950

- der Westen 0,77 Milliarden Menschen,

- der Ostblock knapp eine Milliarde

und

- die Entwicklungsländer-Gruppe ebenfalls eine Milliarde Menschen zählten.

Demgegenüber werden laut Baade im Jahre 2000

- die westlichen Länder allenfalls 1,2

Milliarden,

- der Ostblock und die unterentwikkelten Länder aber mindestens je 2,4 Milliarden, möglicherweise sogar je 2,6 Milliarden Menschen zählen.

Der Westen wird also um kaum eine halbe Milliarde, der Ostblock und die Entwicklungsländer hingegen werden um je 1,4 oder gar um je 1,6 Milliarden Menschen zugenommen haben.

Zugleich wird sich eine radikale Verschiebung des rassischen Kräfteverhältnisses vollziehen - und zwar auch innerhalb des Ostblocks. Im Jahre 2000 wird

- China von rund 700 Millionen'Einwohnern auf etwa 1,7 Milliarden angewachsen sein, während

- die Sowjet-Union bis dahin ihre Bevölkerungsziffer um höchstens 180 Millionen auf rund 400 Millionen vergrößert haben wird.

Professor Baade hegt allerdings - trotz drohender Anzeichen und entmutigender Tatenlosigkeit der geistigen und politischen Führer - die Hoffnung, daß die Verschiebungen im Kräfteverhältnis der Völker, Rassen, Glaubens - und Partei-Gemeinschaften keineswegs ein chaotisches Ringen um Macht, Nahrung und Mehrung zur Folge haben werden. Sein stärkstes Argument: Die Aufgabe, einer sich mit bislang unbekannter Schnelligkeit vermehrenden Menschheit Nahrung zu verschaffen, ist so groß und so dringend, daß für ein chaotisches Ringen keine Zeit und kein Spielraum bleiben.

Im Jahre 1960 beschäftigte sich eine internationale Demographen-Konferenz in Vevey am Genfer See mit der Frage, ob die Menschheit überhaupt in der Lage sei, die ihr durch ihre Verdoppelung gestellte Aufgabe zu lösen. Die Antwort fiel sehr pessimistisch aus. Nach Ansicht der Demographen werden im Jahre 2000 etwa 60 bis 70 Menschen auf den Quadratkilometer feste Erdoberfläche kommen. Es sei unwahrscheinlich, daß die Menschheit imstande sein werde, die durch eine derartige Bevölkerungsdichte bedingten Probleme in so kurzer Zeit zu lösen.

Von 1945 bis 1955 - so stellte die Konferenz fest - ist die Erdbevölkerung um elf Prozent, die globale Nahrungsmittelproduktion aber nur um acht Prozent gestiegen. Der düstere Aspekt dieser Tatsache stimmte mit dem anderer Zahlen überein: Nach Erhebungen der Uno mußten vor 1939 rund 39 Prozent, 1950 aber schon 62 Prozent der Weltbevölkerung mit weniger als 2200 Kalorien pro Tag (2500 Kalorien gelten als Existenzminimum) auskommen.

Das Alarmierende an diesen Feststellungen ist, daß sie eigentlich nur den geringeren, wenn auch dringlichsten Teil der Aufgabe betreffen, die durch die Menschheitsvermehrung gestellt ist. Diese Aufgabe umfaßt nämlich, genau genommen, zwei Fragen:

- die sozusagen aktuelle Frage der Nahrungsbeschaffung für 6,6 Milliarden Menschen bis zum Jahre 2000 und

- den nahezu uferlosen Problemkreis, der sich ergibt, falls sich die Menschheit nach 2000 ebenso schnell oder gar noch schneller als zwischen 1960 und 2000 vermehrt.

Das erste Problem - das der Nahrungsbeschaffung für 6,6 Milliarden Menschen - ist nach Ansicht der Wirtschafts-, Ernährungs- und Sozialwissenschaftler im Prinzip lösbar. Die Erde hat genügend Raum und ausreichende Möglichkeiten, eine solche Zahl von Menschen zu ernähren. Fraglich ist die Bewältigung dieser Aufgabe nur deswegen, weil die Zeit für die Mobilisierung des an sich vorhandenen Ernährungspotentials bis zum Jahre 2000 zu kurz ist Die Menschheit wächst schneller als ihre Fähigkeit die Weltwirtschaft und sich selbst zweckmäßig zu organisieren.

Aber selbst wenn es gelingen sollte, 6,6 Milliarden Menschen befriedigend - und das hieße auch: rechtzeitig - zu versorgen, bliebe immer noch das übergreifende, das eigentliche Problem: die Drohung, daß die Erde zu irgendeinem Zeitpunkt nach dem Jahre 2000 übervölkert sein könnte.

Spekulationen darüber, wie viele Menschen die Erde bei voller Mobilisierung aller durch den Boden, das Wasser und die Luft gebotenen Möglichkeiten ernähren kann, sind deshalb schwierig, weil es heute noch nicht möglich ist alle Chancen der Wissenschaft abzuschätzen. Immerhin dürfte die Annahme nicht zu optimistisch sein, daß die Erde das Zehnfache der heute lebenden Menschenzahl ernähren könnte, also rund 30 Milliarden.

Aber es gibt - neben der Nahrungsgrenze - noch eine andere Begrenzung der zahlenmäßigen Menschheitsentwicklung. Sie errechnet sich aus dem

ein für allemal teststehenden Platz, den die Erde den Menschen bietet.

Nimmt man an, daß sich die Menschheit weiterhin im gleichen Rhythmus verdoppelt wie jetzt - also in jeweils etwa 40 Jahren -, dann würde jeder heute lebende Mensch im Jahre 2350 etwa 1000 lebende Nachkommen haben. Es würden also statt 3,033 Milliarden rund 3000 Milliarden Menschen auf der Erde leben, die nicht einmal mehr Platz zum Stehen haben würden. Dann bliebe als einzige Abhilfe nur hoch der Menschenexport nach anderen Planeten und Sonnensystemen, wie ihn der Stuttgarter Raumforscher Professor Eugen Sänger, freilich in einem anderen Zusammenhang, vorgeschlagen hat.

Indessen gibt es reelle Gründe für die Annahme, daß die Menschheit tatsächlich nicht so unmäßig ins Kraut schießen wird, wie es aufgrund der gegenwärtigen globalen Menschheitsentwicklung den Anschein hat. Die moderne Demographie - also die Wissenschaft, die sich mit der zahlenmäßigen Entwicklung der Menschheit befaßt - glaubt daran, daß irgendwann jenseits von 2000 ein Rückgang der Menschheitsvermehrung einsetzen wird und daß dann nur noch so viele Kinder gezeugt werden, wie zur Erhaltung der Menschheit erforderlich sind.

Allerdings gehen selbst die Meinungen der Demographen vom Fach an einem entscheidenden Punkt weit auseinander. Eine Richtung meint:

- Die Verminderung der Wachstumsrate

werde eines Tages automatisch; das heißt ohne Zutun seitens der Staatsregierungen oder der Religionen, eintreten.

Eine andere Richtung der Demographie vertritt hingegen die Ansicht

- Das Vertrauen auf eine sozusagen

selbsttätig wirkende Bremse der Menschheitsvermehrung sei voreilig; zumindest bestehe die Gefahr, daß sie zu spät wirksam werde; man müsse also die Vermehrung durch staatliche oder gesamt-menschheitliche Maßnahmen bremsen.

Die erste Richtung könnte, man als die konservative bezeichnen: Zu ihren faktischen Anhängern gehören neben den Päpsten Pius XII. und Johannes XXIII. die Parteichefs Rußlands und Chinas, Chruschtschow und Mao.

Der Standpunkt des Kommunismus ist bis auf den heutigen Tag durch die Erwartung Karl Marxens charakterisiert, daß sich alle Probleme der Menschheit durch Technisierung und Sozialisierung lösen lassen. Das Problem des "Kein Platz für Menschen" trat überhaupt nicht in das Blickfeld des kommunistischen Erzvaters und wird bis in die Gegenwart auch von dessen Jüngern geleugnet. Wissenschaftler, die Geburtenbeschränkung oder Geburtenlenkung propagieren, werden in Rußland und China noch heute als "Malthusianisten" angegriffen - so genannt nach dem Schöpfer der Bevölkerungswissenschaft, dem britischen Pfarrer Thomas Robert Malthus, der als erster die Gefahr einer Übervölkerung der Erde wissenschaftlich erörtert hat.

Der konservative Optimismus der Kommunisten wird auch von den Päpsten geteilt. So erklärte Pius XII. 1958: "Bei dem Fortschritt der Technik, der Leichtigkeit des Transports, den neuentdeckten Energiequellen, die man kaum auszuschöpfen begonnen hat, kann, die Erde allen, die sie beherbergen wird, noch für lange Zeit Wohlergehen versprechen."

Plus fügte dann noch zwei Sätze hinzu, die ihn als einen - wenn auch vorsichtigen - Anhänger der Theorie von der Selbstregulierung der Menschheitsvermehrung kennzeichnen. "Wer", fragte der Papst, "will für die Zukunft eine gleichbleibende natürliche Geburtenzuwachsrate garantieren? Ist das Wirksamwerden eines inneren Hemmungsgesetzes der Generationstendenz etwa eine Unmöglichkeit?"

Die Annahme des Papstes, daß die menschliche Vermehrung von einem bestimmten Punkt an einem "inneren Hemmungsgesetz" unterliege, ist nicht unbegründet. Es gibt eine Fülle von Erfahrungen, die als Beweismaterial für die Richtigkeit der Theorie dienen.

Freilich, diese Erfahrungen wurden fast ausschließlich in Europa (und Nordamerika) gemacht, wie überhaupt die Bevölkerungswissenschaft bis in die jüngere Vergangenheit hinein vorwiegend in Europa und Amerika betrieben worden ist.

Einer der Gründe hierfür ist die Tatsache, daß die um 1700 einsetzende dramatische Beschleunigung der Menschheitsvermehrung in Europa ihren Anfang genommen und (abgesehen von Nordamerika) erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf die anderen Erdteile übergegriffen hat.

Innerhalb Europas war es England, das als erstes Land die Beschleunigung der menschlichen Vermehrung zu spüren bekam. Zwischen 1750 und 1820 verdreifachten sich die Geburtenüberschüsse in England und Wales. Es war denn auch ein Engländer, der als erster wissenschaftliche Überlegungen zum Thema "Übervölkerung" anstellte: Pfarrer Malthus.

Malthus glaubte am Ende des 18. Jahrhunderts aus statistischen Unterlagen und aus englischen Kirchenbüchern errechnen zu können, daß sich die Menschheit - falls keine Seuchen oder Kriege eintreten - in geometrischer Progression vermehre, also gemäß der Zahlenreihe: 1, 2, 4, 8, 16 und so fort. Demgegenüber steige die Nahrungsmittelproduktion, meinte Malthus, nur in arithmetischer Progression, also nach der Zahlenreihe: 1, 2, 3, 4, 5 und so fort.

Malthus veröffentlichte sein "Bevölkerungsgesetz" zum erstenmal im Jahre 1798. Es besagte, daß jeder Versuch, dem Zuwachs an Menschen durch Steigerung der Agrarproduktion zu begegnen, hoffnungslos sei. Er warnte deshalb davor, den Plagen der Menschheit - Armut, Seuchen, Kriege - in den Arm zu fallen. Im Grunde seien deren Wirkungen nur segensreich.

Die pessimistische Theorie des Pastors Malthus hat sich aber gerade in Europa nicht bewahrheitet. Obwohl sich die Bevölkerung Europas im 19. Jahrhundert beträchtlich vermehrte, entstand in diesem Erdteil keineswegs die von Malthus befürchtete Ernährungslücke. Im Gegenteil, die Nahrungsmittelproduktion überholte die Bevölkerungsvermehrung.

Sogar für die gesamte Menschheit schienen die düsteren Prognosen des britischen Pastors keine Gültigkeit zu haben. Zwischen 1850 und 1950 nahm die Erdbevölkerung um das Doppelte, die Nahrungsmittelproduktion aber um das Zweieinhalbfache zu.

Über die unerwartet positive Entwicklung der Nahrungsmittelproduktion hinaus wurde in Europa eine weitere tröstliche Beobachtung gemacht: Die Zuwachsraten der europäischen Völker begannen, nachdem sie im 19. Jahrhundert national unterschiedliche Höhepunkte erreicht hatten, langsam wieder zu sinken und sind inzwischen wieder an dem Punkt angelangt, wo sie entweder nur eine geringe Vermehrung oder gar eine leichte Verminderung bewirken.

Es war also in Europa das eingetreten, was Pius XII. das "Wirksamwerden eines inneren Hemmungsgesetzes der Generationstendenz" genannt hat. Dabei machten die Demographen anhand des statistisch ziemlich zuverlässig aufbereiteten europäischen Zahlenmaterials noch eine Reihe wichtiger Beobachtungen. Sie stellten fest, daß die Beschleunigung der menschlichen Vermehrung, die in England um 1750 und in anderen europäischen Ländern zu Anfang oder in der Mitte des 19. Jahrhunderts eingesetzt hatte, nicht die Folge einer wachsenden Geburtenfreudigkeit gewesen, sondern hauptsächlich durch eine abgesunkene Sterberate bedingt war.

Um 1750 wurden in England pro Jahr 38 Geburten je Tausend Einwohner gezählt, aber auch 33 Sterbefälle. Die Zuwachsrate betrug damals also rund fünf Promille. Von da an begann die Sterbequote zu sinken, während die Geburtenrate - jedenfalls vorerst - etwa unverändert blieb

Das Absinken der Sterberate wird am deutlichsten durch die erstaunliche Abnahme der Kindersterblichkeit illustriert. Hatte sich beispielsweise für England und Wales während der Jahre 1871 bis 1880 noch ein Mittelwert von 149 gestorbenen Kindern pro Tausend Lebendgeburten ergeben, so verminderte sich dieser Mittelwert für die Jahre 1941 bis 1949 auf 44 gestorbene Kinder pro Tausend Lebendgeburten. In allen Fällen handelt es sich um Kinder, die vor Vollendung des ersten Lebensjahres gestorben sind.

Auf diese Weise ergaben sich die großen Vermehrungsquoten der europäischen Völker: Von 1800 bis 1900 stieg die Zahl der Menschen

- in Großbritannien von 16,1 auf 41,8

Millionen,

- in Deutschland von 24,6 auf 56,4

Millionen,

- in Rußland von 37 auf 111 Millionen.

Dieser Zuwachs war im wesentlichen der Effekt einer sinkenden Sterberate - vor allem der rapide abnehmenden Kindersterblichkeit. Starben um 1750 in England und Wales jährlich 33 von Tausend Bürgern des Landes, so betrug die jährliche Sterbequote 1960 nur noch 11.5 Promille.

Inzwischen ging in Europa aber auch die Geburtenquote stark zurück. Der Promille-Satz betrug in England und Wales um 1900 noch 29,9 (1750: 38), im Jahre 1960 nur noch 17,5. Dank dieser niedrigen Geburtenquote pendelte sich die britische Zuwachsrate im 20. Jahrhundert wieder auf den Stand von 1750 ein. Um 1750 vermehrte sich die britische Bevölkerung bei sehr hohen Sterbe- und Geburtenraten um etwa fünf Promille, heute bei niedrigen Sterbe- und Geburtenraten um sechs Promille.

Die Zuwachsrate der europäischen Völker beschrieb also zwischen 1750 und dem 20. Jahrhundert einen Kreis oder

- wie die Demographen sagen - einen

"Zyklus".

Die Demographen nehmen nun an, daß dieser - vorläufig nur in Europa, Nordamerika und Japan beobachtete - Zyklus auch für die zahlenmäßige Entwicklung der asiatischen, afrikanischen und südamerikanischen Völker bestimmend sein wird, deren Sterbequoten von der Mitte des vorigen Jahrhunderts an, sehr häufig aber erst von der Mitte dieses Jahrhunderts an zu sinken begonnen haben.

Auf der Insel Ceylon zum Beispiel wurde die bis dahin sehr hohe Sterblichkeitsziffer erst nach dem Zweiten Weltkrieg herabgedrückt. 1945 und 1946 besprühten Flugzeuge die Sumpfgebiete der Insel mit DDT. Milliarden von Malaria übertragenden Insekten wurden ausgerottet. Innerhalb eines Jahrres ging daraufhin die Sterbequote von 20,3 Promille auf 14,3 Promille zurück. 1959 erreichte sie 9,1 Promille.

Zur gleichen Zeit hielt sich die Geburtenziffer der Ceylonesen jedoch auf ungefähr derselben Höhe wie vorher. Noch 1959 betrug sie 36,9 Promille - gleichbedeutend in diesem Jahr mit einem Geburtenüberschuß von 27,8 Promille.

Der Effekt: eine unglaublich schnell wachsende Bevölkerung. Die Zahl der Ceylonesen betrug

- 1945 schätzungsweise 6,8 Millionen,

- 1961 rund 10,2 Millionen und wird

- 1980 wahrscheinlich 20 Millionen betragen.

Der DDT-Regen wird also binnen 35 Jahren eine Verdreifachung der Bevölkerung Ceylons herbeigeführt haben.

Angesichts der möglicherweise katastrophalen wirtschaftlichen Auswirkungen dieser rapiden Verdreifachung bietet die Zyklentheorie nur einen schwachen Trost. Bei den europäischen Völkern dauerte es jeweils 100 bis 150 Jahre, bis sich die Geburtenquote auf die niedrige Sterbequote eingependelt hatte. Sollte es auf Ceylon ebensolange wie in Europa dauern, würde bis dahin ein geradezu astronomischer Bevölkerungszuwachs eingetreten sein.

Das Beispiel Ceylon ist zwar kein Beweis gegen die wissenschaftliche Richtigkeit der Zyklentheorie. Die Entwicklung auf der Insel läßt jedoch die Frage aufkommen, ob das "innere Hemmungsgesetz", von dem Pius XII. gesprochen hat, angesichts der Bedürfnisse und wirtschaftlichen Möglichkeiten Ceylons rechtzeitig genug wirksam wird.

Indessen gibt es auch Einwendungen, die den allgemeingültigen Wert der Zyklentheorie bezweifeln. Sie laufen im Grunde auf die Frage hinaus, ob der vorwiegend im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts beobachtete Zyklus nicht ein einmaliges Ereignis ohne beispielhafte Bedeutung gewesen sei.

Anlaß zu diesen Zweifeln bot die jüngste Entwicklung des Geburtenüberschusses in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Im Jahre 1940 betrug der jährliche Geburtenüberschuß in den USA 7,2 Promille, lag also etwas höher als in den europäischen Industrieländern. Das generative Verhalten der Amerikaner war also - so schien es jedenfalls - am Ende des Zyklus angekommen, und die Meinung der amerikanischen Demographen war, daß sich der Geburtenüberschuß ihres Landes für absehbare Zukunft bei etwa sechs Promille stabilisieren werde, wie es der Zyklentheorie entspreche.

Aufgrund dieser Annahme errechneten zum Beispiel die von der US-Regierung mit einer wissenschaftlichen Untersuchung beauftragten Statistiker Thompson und Whelpton im Jahre 1943, daß 1955 in den USA zwischen 147 und 151 Millionen Menschen leben würden. Dabei hatten die beiden Wissenschaftler schon unterstellt, daß die Geburtenfreudigkeit nach Kriegsende vorübergehend zunehmen werde.

Die Berechnungen Thompsons und Whelptons haben sich inzwischen als falsch erwiesen. 1955 betrug die Zahl der Amerikaner nicht 151, sondern 166 Millionen, und noch 1960 betrug der Geburtenüberschuß Nordamerikas nicht sechs, sondern 14,1 Promille.

Der Zyklus ist also - zumindest auf amerikanischem Boden - durchbrochen worden. Das "innere Hemmungsgesetz" ist von den Amerikanern jedenfalls zeitweilig außer Kraft gesetzt worden.

Dieser "Ausbruch" aus dem Zyklus, eine de: Demographie bisher völlig unbekannte Tatsache, wirft ernste Fragen auf. Von jetzt an steht keineswegs mehr fest, daß Nationen mit hohem Zivilisationsstand gewissermaßen automatisch zu einer kleinen Geburtenüberschußquote zurückkehren. Eben diese Annahme ist aber das Kernstück der Zyklentheorie.

Die Begründer der Zyklentheorie gingen von der Annahme aus, daß die plötzliche Steigerung der europäischen Zuwachsraten im 18. und 19. Jahrhundert eine Folge der im gleichen Zeitraum einsetzenden Industrialisierung gewesen sei. Die moderne Demographie hat diese Theorie vervollständigt. Ihrer Auffassung zufolge ist der gesamte Zyklus - das anfängliche Ansteigen und die schließliche Renormalisierung des Geburtenüberschusses - das Ergebnis eines Prozesses, den man "Rationalisierung" genannt hat. Unter Rationalisierung versteht die Demographie - in Anlehnung an einen von Max Weber geprägten Terminus - alle gesellschaftlichen Tendenzen, die für das Europa und Nordamerika des 19. und 20. Jahrhunderts kennzeichnend waren, nämlich

- Industrialisierung,

- Verbesserung der öffentlichen Hygiene und der sozialen Verhältnisse,

- Fortschritte der Medizin und der

Agrarwirtschaft,

- Hebung des Bildungswesens durch

Schule, Literatur und Presse.

Das Wesen dieser Rationalisierung bestand darin, daß der Mensch lernte, sich den Kräften der Natur anzupassen und sie zu seinem Nutzen zu lenken. Am Ende dieses Rationalisierungsprozesses lernte der Mensch auch, sich selbst, seine eigene Natur und sein eigenes generatives Verhalten zu berechnen. Er begann die Zahl seiner Kinder nach persönlichen oder sogar nach öffentlichen Bedürfnissen einzurichten.

Dieser Auffassung zufolge ist das Absinken der europäischen Geburtenraten ein Effekt der Rationalisierung gewesen, die mit einer Art "Selbst-Rationalisierung" des Menschen geendet hat. Diese Auffassung besagt allerdings nichts darüber, in welcher Weise der rationalisierte Mensch den Verzicht auf Kinder verwirklicht hat oder verwirklichen soll: ob mit Hilfe von empfängnisverhütenden Mitteln oder durch eine sittliche Leistung wie zum Beispiel durch sexuelle Enthaltsamkeit während bestimmter Zeiten.

Bedeutung hat diese Frage deswegen, weil die katholische Kirche die Verwendung empfängnisverhütender Mittel und den künstlich herbeigeführten Abortus für unzulässig hält. So erklärte Papst Pius XI. 1930 in seiner Enzyklika "Casti connubii" (Über die keusche Ehe), daß Eheleute wider das "natürliche Sittengesetz" handelten, wenn sie empfängnisverhütende Mittel verwendeten.

Die katholische Stellungnahme zur Geburtenkontrolle beruht also nicht nur auf dem göttlichen Auftrag im ersten Kapitel der Genesis: "Seid fruchtbar und mehret euch." Sie ergibt sich zugleich aus der naturrechtlichen Interpretation der Ehe, die Professor John Ford, amerikanischer Jesuit und Moraltheologe, in Übereinstimmung mit der Ehe-Enzyklika von 1930 präzisiert hat:

"Unter keinen Umständen ist es moralisch erlaubt, den Geschlechtsverkehr auszuüben, während zugleich die natürliche Integrität des ehelichen Aktes zerstört wird."

Papst Pius XI. hatte in "Casti connubii" jedoch auch gesagt: "... Eheleute handeln nicht gegen die natürliche Ordnung, sofern sie von ihrem Recht zur Ausübung der gesunden und natürlichen Vernunft Gebrauch machen, auch dann nicht, wenn aufgrund zeitlicher Umstände ... kein neues Leben entstehen kann."

Pius XII. erklärte dann später - und interpretierte damit die "zeitlichen Umstände" -, die sogenannte Methode Knaus-Ogino sei für katholische Eheleute zulässig. Diese Methode - Forschungsergebnis eines österreichischen und eines japanischen Gelehrten - fußt auf der Tatsache, daß die Empfängnisfähigkeit der Frau sich normalerweise auf einige wenige festliegende Tage ihres Zyklus beschränkt. Sind die Ehepartner während dieser Zeit enthaltsam, so kommt der Verzicht zumeist der Empfängnisverhütung während des gesamten Zyklus gleich.

Indessen, wie immer die Senkung der europäischen und nordamerikanischen Geburtsraten praktisch bewirkt worden ist, sie ist unverkennbar ein Produkt der Verwissenschaftlichung und Rationalisierung, die das menschliche Leben in Europa und Nordamerika seit etwa 1800 bestimmt haben. Aus dieser Tatsache hat die moderne Bevölkerungswissenschaft zwei optimistische Folgerungen abgeleitet:

- Der Rationalisierungsprozeß führe - obwohl er zunächsteinebeträchtliche Vermehrung bewirkt - nach einer gewissen Zeit quasi zwangsläufig zu einer Normalisierung des Geburtenüberschusses zurück, und zum anderen

- brauche man den Rationalisierungsprozeß bei den unterentwickelten Völkern - einschließlich Industrialisierung und Hebung des Bildungswesens - nur kräftig zu fördern, um mit einer selbsttätigen Abnahme der Zuwachsrate dieser Völker rechnen zu können.

Der deutsche Nationalökonom Günther Wollny urteilte lapidar: "Die Frage, ob neu industrialisierte Bevölkerungsgruppen das industrie-europäische generative Verhalten bei hinreichendem Industrialisierungsgrad nachvollziehen, ist ... zu bejahen. Die europäische Scherenbewegung der Geburten- und Sterbekurven läßt sich exportieren."

Und: "Mit jeder Industrieausrüstung in die Entwicklungsländer exportierten wir à la longue auch die europäische Bevölkerungsweise, das heißt, niedrige Geburtenzahlen."

Dieser doppelte Optimismus hat nun durch den amerikanischen Babyboom, der nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte, einen kräftigen Stoß erhalten. Ausgerechnet das Land, das von allen Ländern der Erde in der Technisierung und Rationalisierung am weitesten fortgeschritten ist, bringt seit nun anderthalb Jahrzehnten eine Kinderzahl hervor, die den Erwartungen der Zyklentheorie widerspricht.

Diese Tatsache hat denn auch die amerikanischen Demographen alarmiert. Im November vorigen Jahres erklärte Professor Philip M. Hauser von der Universität Chicago: Wenn der Babyboom anhalte, werde es im Jahre 2000 nicht - wie bisher angenommen - 250 Millionen, sondern 385 Millionen, und im Jahre 2050 eine Milliarde US-Bürger geben.

Hauser sagte seinen Landsleuten für den Fall des anhaltenden Babybooms voraus, daß in ihrem Land neue Slums entstehen, die Kriminalität ansteigen, der Kampf zwischen Schwarz und Weiß, aber auch der zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern zunehmen und die öffentlichen Leistungen, zum Beispiel im Straßenbau, Schul- und Fürsorgewesen, abnehmen würden. Hauser bezeichnete deshalb die Überschußquote von 16 Promille (1961), also das generative Verhalten der Amerikaner von heute, geradenwegs als "unverantwortlich" und brachte damit zum Ausdruck, daß die Hoffnung, die von der Zyklentheorie auf die Rationalisierung gesetzt worden war, jedenfalls in Amerika und zumindest für den Zeitraum von 1945 bis heute getrogen hat:

Die Bürger des am meisten rationalisierten Landes der Erde verhalten sich offenbar zur Zeit "irrational", und zwar auch insofern, als die amerikanische Wissenschaft bis heute über die Gründe des anhaltenden Babybooms im Zweifel ist. Einige amerikanische Soziologen und Demographen - darunter der Chef des Politischen Planungsstabes im State Department, Professor Rostow - meinen, daß Konsum-Übersättigung, Furcht

vor dem Alleinsein, Lebensangst und die Sinnentleerung der modernen Gesellschaft Gründe des Babybooms sein könnten.

Die Bedeutung des US-Babybooms liegt in der freilich zur Zeit noch nicht beantwortbaren Frage: Wenn sich die Bürger des am meisten rationalisierten Landes der Erde schon generativ "verantwortungslos" verhalten, ist dann zu erwarten, daß die Menschen der vorläufig noch unterentwickelten Völker, selbst wenn ihre Wirtschaft und ihr gesellschaftliches Leben eines Tages in das Stadium der Vollrationalisierung eingetreten sind, sich im intimsten Bereich ihres persönlichen Lebens selbst rationalisieren wollen und können? Oder wird, um die Geburtenquoten dieser unterentwickelten Länder und vielleicht sogar auch die Amerikas zu senken, nicht doch eine staatliche Steuerung der Geburtenzahlen erforderlich werden?

Professor Hausers Erklärung - die amerikanische Geburtenrate von zur Zeit 25 Promille müsse um ein Drittel gesenkt werden - hatte schon durchaus den Beigeschmack einer staatlich gelenkten Geburtenverwaltung. Ein anderer amerikanischer Wissenschaftler, Professor Cowles von der University of California, machte kürzlich den Vorschlag, amerikanischen Ehefrauen, die freiwillig auf Kinder verzichteten, eine Prämie zu zahlen, ein "nonmaternity benefit", also das Gegenteil der Mutterschaftsprämien, die bis heute in der Sowjet-Union und in Frankreich gezahlt werden.

Der "Gebäre weniger"-Vorschlag des kalifornischen Professors zeigt, daß in Amerika das Vertrauen in die menschliche Fähigkeit zur Selbstrationalisierung erschüttert ist und daß man sich dort ernsthaft mit Plänen einer öffentlichen Lenkung der Geburtenzahlen befaßt.

Dazu kommen aber noch einige andere Überlegungen hinsichtlich der heute noch unterentwickelten Völker, also insbesondere der Völker Südasiens, Afrikas und Südamerikas. Fast alle diese Völker haben jedenfalls ursprünglich kein eigenes Verhältnis zu jenem Rationalisierungsprozeß, der für den Zyklus der europäischen Bevölkerungsentwicklung zwischen 1750 und 1950 bestimmend war.

Während Industrie, Gesundheitswesen und Wissenschaftsentwicklung in Europa aus den spontanen Leistungen erfinderischer, initiativreicher Europäer hervorgingen und oft sogar im Konflikt mit dem Staat durchgesetzt werden mußten, sind die gleichen Anstrengungen in Asien, Afrika und zum Teil auch in Südamerika von den Kolonialmächten oder der Uno oder von einer europäisch gebildeten Elite, das heißt von außen an die Völker herangetragen worden.

Die Menschen dieser Völker stehen damit in einem ganz anderen Verhältnis zur Rationalisierung als der Europäer, und es ist eine offene Frage, ob diese Völker - nachdem sie Industrialisierung, Straßenbau, moderne Agrartechnik und Medizin von außen erhalten haben

- auch die Geburtenlenkung von außen

erhalten müssen. Das heißt: Die Verminderung der Geburtenquoten in Asien, Afrika und Südamerika könnte keine Leistung des rationalisierten Einzelmenschen sein, sondern müßte vom Staat oder von der Uno gelenkt werden.

Eine weitere, nahezu zwangsläufige Tendenz in Richtung "staatlicher Geburtenlenkung" ergibt sich aus folgender Tatsache: Während in Europa Industrialisierung, Einrichtung öffentlicher Gesundheitsfürsorge, Hebung des Schulwesens und Rationalisierung des generativen Verhaltens beinahe Hand in Hand gingen, ist das in den unterentwickelten Ländern keineswegs der Fall. Häufig begann in Asien der Rationalisierungsprozeß mit der sogenannten "sanitären Revolution" - mit der Durchführung hygienischer Maßnahmen -, während an Industrialisierung und Bekämpfung des Analphabetentums noch gar nicht zu denken war.

Der Erfolg - der künftig zweifellos noch deutlicher sichtbar, werden wird - ist, daß die Hygiene das Überleben immer größerer Menschenmassen gewährleistet, während Industrie und Landwirtschaft der betroffenen Länder in archaischen Zuständen verharren.

Entsprechend urteilt der Hauptreferent für Bevölkerungszählung im Statistischen Bundesamt, Hermann Schubnell: "Dieser einseitige 'Import' der Sterblichkeitsbekämpfung bewirkt deshalb ein so explosives Bevölkerungswachstum, weil die Veränderung der Sterblichkeitskomponente nicht wie im Europa des 19. Jahrhunderts in die langfristige Strukturveränderung des gesamten Lebens- und Sozialprozesses gewissermaßen organisch eingepaßt ist, sondern als fremdes Strukturelement auf den alten Sozialkörper aufgepfropft wurde."

Und Wollny schreibt zum gleichen Thema, vor allem die Agrarvölker Asiens seien dadurch in die Urarmut manövriert" worden. Der Bevölkerungszuwachs sei nicht durch eine parallellaufende "Modernisierung der Produktionsfaktoren" aufgefangen worden, sondern von der traditionellen Bedürfnislosigkeit der Asiaten, wobei jedoch in weiten Teilen der Erde die Hungergrenze unterschritten worden sei.

Mit anderen Worten: Die vom Seuchentod geretteten Menschen sind sehr oft im späteren Alter dem Hungertod ausgesetzt. Die Rückständigkeit von Industrie und Landwirtschaft hat aber auch noch eine andere Konsequenz, die - auf lange Sicht gesehen - ebenso bedrückend ist wie die Gefahr des Hungertodes.

Die moderne Demographie hatte angenommen, daß der europäische Mensch aus dem Umgang mit Maschinen und Zahlen, mit Buchstaben und Wissenschaften schließlich auch die Fähigkeit bezogen habe, sich und sein generatives Verhalten zu rationalisieren. Dieser Umgang aber muß den schnell wachsenden Menschenmassen vieler unterentwickelter Länder noch auf Jahrzehnte hinaus vorenthalten bleiben - einfach weil der Aufbau eines wirkungsvollen Schulwesens, weil die Entwicklung eigener Industrien Zeit kosten, und zwar mehr Zeit, als erforderlich ist, um Sümpfe und Wälder mit DDT zu besprühen.

Während also in den unterentwickelten Ländern die den Geburtenüberschuß fördernden Elemente des Rationalisierungsprozesses schnell wirksam werden, ist hingegen die Wirkung der den Geburtenüberschuß hemmenden Elemente, wenn überhaupt, allenfalls in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren zu erwarten.

Auch insofern ist also die Einrichtung einer Art von Geburtenverwaltung durch die Staaten, wahrscheinlich sogar durch die Uno, notwendig. Die Aussicht auf Verwirklichung einer solchen Verwaltung ist jedoch vorläufig gering.

Im vorigen Jahr forderten die Regierungen Dänemarks und Schwedens den Uno-Generalsekretär auf, das Doppel -Thema "Bevölkerungswachstum und Wirtschaftsentwicklung" auf die Tagesordnung der Uno-Vollversammlung zu setzen. Daraufhin verlangte der argentinische Uno-Vertreter im Namen einer Reihe lateinamerikanischer Staaten, aber auch Italiens und Frankreichs, beide Themen müßten getrennt behandelt werden. Fasse man sie zusammen, so laufe das darauf hinaus, die Geburteneinschränkung zu diskutieren. Aus religiösen Gründen aber sind die (katholischen) Staaten Lateinamerikas sowie Italien und Frankreich Gegner der Geburtenkontrolle. Dem Antrag des Argentiniers wurde entsprochen.

Die Regierung des katholischen US -Präsidenten Kennedy mußte dann auch im Dezember vorigen Jahres erklären, daß sie die Geburtenkontrolle keineswegs als einen Bestandteil ihrer Außenpolitik ansehe. Etwas scheinheilig fügte sie dieser Erklärung allerdings hinzu, sie sei aber bereit, Geburtenkontroll -Unternehmen zu unterstützen, sofern die Regierungen unterentwickelter Gebiete es wünschten.

Die Wirkung der argentinischen Demarche dürfte sein, daß die Uno-Vollversammlung sich zwar mit dem stets willkommenen Thema Wirtschaftsentwicklung, nicht aber mit dem Thema Geburtenkontrolle befassen wird, das den Regierungen der unterentwickelten Staaten nicht nur aus religiösen Gründen, sondern auch deswegen unangenehm ist, weil die Geburteneinschränkung dem Geist des jugendlichen Nationalismus widerspricht, der zur Zeit die unterentwickelten Völker beherrschit Auch die Regierungen nichtkatholischer unterentwickelter Staaten zeigen deshalb seit kurzer Zeit die Tendenz, vor der Forderung nach Geburtenkontrolle auszuweichen.

Immerhin soll im Frühsommer dieses Jahres unter dem Patronat der Uno eine Konferenz in Genf stattfinden, an der 20 Wissenschaftler aus aller Welt teilnehmen werden, um über die Methoden zu beraten, mittels deren Wissenschaft und Technologie der Industrieländer den Entwicklungsländern helfen können. Ausdrücklich heben die Veranstalter in ihrer Programm-Ankündigung hervor, daß auch über Techniken der Geburtenkontrolle beraten werden soll.

Indien, das im Jahre 1850 zwischen 150 und 180 Millionen Menschen, 1961 (ohne Pakistan) aber bereits 438,5 Millionen Menschen zählte, begann im Jahre 1960 ein Programm zu verwirklichen, das darauf abzielt, die indische Geburtenrate (etwa 41 Promille) um die Hälfte, auf etwa 20 Promille, zu senken. Dazu wäre nach den Berechnungen der indischen Regierung unter anderem erforderlich, daß sich zehn Jahre lang alljährlich rund zwei Millionen indische Männer sterilisieren ließen. In Wirklichkeit unterzogen sich jedoch im Jahre 1960 nur etwa 31 000 indische Männer diesem Eingriff.

Tatsächlich ist denn auch die Einstellung der indischen Regierung zur staatlich gelenkten Geburtenbeschränkung keineswegs eindeutig. Im Vorwort zur 1961 erschienenen zweiten Auflage eines Buches über indische Bevölkerungsprobleme ließ Ministerpräsident Nehru durchblicken, daß er von der 1960 eingeleiteten Aktion im Grunde nicht viel hält, sondern sich eine Senkung der Geburtenrate ohne Zutun der Regierung erhofft - durch die vom Ausland finanzierte Industrialisierung Indiens. "Ein ansteigender Lebensstandard", versicherte Nehru, "wird dazu beitragen, die Wachstumsrate zu vermindern."

Freilich steht außer Zweifel, daß die Hebung des Lebensstandards der unterentwickelten Völker mit hoher Zuwachsrate (also bei herabgedrückter Sterbequote) zu den Voraussetzungen für eine Senkung der Geburtenquote gehört. Die Frage ist nur, ob die Hebung des Lebensstandards allein eine durchschlagende Wirkung erzielen wird. Noch zweifelhafter ist, ob die Senkung der Geburtenrate auf diesem Wege rechtzeitig genug bewirkt werden kann, das heißt vor dem Zeitpunkt, zu dem die Bevölkerung derart zugenommen hat, daß ihre Ernährung außerhalb jeglicher praktischen Möglichkeit liegt.

Dabei ist vollkommen klar, daß selbst eine von Staats wegen betriebene Geburteneinschränkung nur Erfolg haben kann, wenn der Lebensstandard vorher gestiegen ist oder zumindest gleichzeitig ansteigt. Die staatliche Geburtenbeschränkungs-Propaganda hat so lange keine Aussicht auf Erfolg, wie die Angesprochenen die Aufklärungsschriften nicht zu lesen vermögen. Zu den Voraussetzungen einer staatlich gelenkten Geburtenverwaltung gehört also auch ein funktionierendes Schulwesen.

Ein weiteres Erfordernis dieser Art ergibt sich aus folgendem Zusammenhang: In den meisten unterentwickelten Ländern wird die Bearbeitung des Bodens heute noch mit Menschenkraft betrieben. Menschenkraft, anders ausgedrückt: arbeitsfähige Kinder, bedeuten also für die Bauern - zum Beispiel in Indien - Wohlstand oder zumindest relativen Wohlstand. Offenbar beeinflußt dieser rein ökonomische Sachverhalt den Kinderreichtum der indischen Landbevölkerung. Erst eine durchgreifende Mechanisierung der Landwirtschaft würde diese traditionelle Bejahung des Kinderreichtums ändern können.

Daß es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Hebung des Lebensstandards und dem Erfolg einer staatlich gelenkten Geburtenpolitik gibt, zeigt die Entwicklung der japanischen Bevölkerung.

Das Kaiserreich bietet das einzige erfolgreiche Beispiel einer staatlich geförderten Geburtenbeschränkung. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges beraten staatliche Institute die japanischen Ehepaare in Fragen der Empfängnisverhütung. In öffentlichen Kliniken wird die

- ausdrücklich durch Gesetz zugelassene - Abtreibung angewandt. Man schätzt die Zahl der dort alljährlich herbeigeführten Aborte auf etwa eine Million, und man nimmt an, daß 45 Prozent aller japanischen Ehepaare entweder die Empfängnisverhütung oder den Abortus praktizieren.

Die Wirkung, die mit diesen Maßnahmen erzielt wurde, ist beachtlich: Die japanische Geburtenrate fiel in den Jahren 1947 bis 1960 von 34,3 auf 17,1 Promille.

Voraussetzungen für diesen Erfolg waren:

- ein Bildungsstand, der es der Bevölkerung ermöglicht, die Notwendigkeit einer Geburteneinschränkung einzusehen,

- eine voll entwickelte Gesundheitsfürsorge und

- eine staatliche Verwaltung, die in der Lage ist, die Forderung nach Geburteneinschränkung mit Autorität und Sachverstand zu vertreten. Solche Voraussetzungen - vor allem auch die letzte - fehlten in den Ländern Asiens, Afrikas und Südamerikas, deren Zuwachsraten infolge rapide gesunkener Sterbequoten erheblich gestiegen sind oder bald ansteigen werden.

Dieser Stand der Dinge besitzt, wenn man ihn an der zu erwartenden Menschheitsvermehrung mißt, eine Pointe von außerordentlicher Dramatik. Nach Berechnungen der Uno zählten die heutigen Industrieländer der Erde - USA, Sowjetrußland, Japan, europäische Staaten, der in der subtropischen Zone liegende Teil Südamerikas sowie Australien - im Jahre 1950 etwa 863 Millionen Menschen, das waren etwa 34,5 Prozent der Erdbevölkerung. Der Rest, nämlich 65,5 Prozent, wohnte 1950 in den Entwicklungsländern. Das heißt: 1950 sahen sich je 35 Industriestaatsbürger der Welt der Verpflichtung gegenüber, je 65 Bürgern unterentwickelter Staaten beim Aufbau ihrer Wirtschaft zu helfen. Ohne die Hilfe des kommunistischen Chinas würde die Aufgabe der weißen Völker hoffnungslos.

Im Jahre 2000 wird sich das Verhältnis - sofern bis dahin nichts Durchgreifendes zur Begrenzung der Geburten und zur Hebung der Wirtschaft geschehen ist - weiter verschlechtert haben: Dann wird nämlich der Erdbevölkerungsanteil - der Industriestaaten auf 19,4 Prozent gesunken sein. Das würde bedeuten, daß dann je 20 Menschen aus den Industrieländern der Welt für je 80 aus den Entwicklungsländern verantwortlich sind. Also: Je länger die Rationalisierung der unterentwickelten Völker verzögert wird, desto schwerer wird sie zu bewältigen sein. Diese Entwicklung nähert sich einer gefährlichen Grenze, die von Jahr zu Jahr deutlicher wird.

In der Zeit zwischen 1850 und 1950 wuchs die globale Nahrungsmittelproduktion schneller als die Bevölkerungszahl an. Das bedeutete: Die Menschheit war imstande,

- in traditionellen Elendsgebieten für eine bessere Ernährung zu sorgen und

- industrielle und agrarische Kapazitäten für das Mehr an Menschen bereitzustellen, das die Zukunft bringen würde.

Seit Mitte dieses Jahrhunderts aber wächst die Menschheit schneller als die Nahrungsmittelproduktion. Das heißt: Sofern die heutige Menschheit alle heute lebenden Menschen ausreichend ernähren wollte, wäre sie gezwungen, die Mittel aufzuessen, die sie eigentlich dafür benötigt, die globale Ernährungswirtschaft auf das in allernächster Zukunft zu erwartende riesige Plus an Menschen vorzubereiten. Damit zeichnet sich die Gefahr ab, daß die Fähigkeit der Menschheit, die Probleme der Zukunft zu bewältigen, abnimmt - und zwar bis zu dem Punkt, wo angesichts der katastrophalen Bedürfnisse des Tages überhaupt keine Vorsorge mehr möglich ist.

Für die Abwendung dieser Gefahr stehen im Prinzip zwei Mittel zur Verfügung, nämlich

- Geburtenbeschränkung und

- Entwicklungshilfe.

Dabei sind sich die Uno-Wissenschaftler darüber im klaren, daß von der Geburtenbeschränkung im unmittelbar bevorstehenden Zeitraum keine große Erleichterung zu erwarten ist. Selbst staatlich gelenkte Geburtenbeschränkung braucht Voraussetzungen, so die Beseitigung des Analphabetentums, Mechanisierung der Landwirtschaft und Industrialisierung - alles Maßnahmen, die ihrerseits Jahrzehnte für Planung und Verwirklichung benötigen. Mithin: Daran, daß im Jahre 2000 zwischen sechs und sieben Milliarden Menschen leben werden, ist durch Geburteneinschränkung vermutlich nichts mehr zu ändern.

Die Geburteneinschränkung könnte also nur die Menschheits-Entwicklung nach dem Jahre 2000 beeinflussen, müßte allerdings bereits in nächster Zukunft mit dazu nötigen Vorbereitungen auf den Gebieten der Staatsverwaltung, Pädagogik, Wirtschaft, Politik und Psychologie einsetzen, um nach dem Jahre 2000 wirksam werden zu können.

Die Aufgabe, bis zum Jahre 2000 Nahrung für sechs bis sieben Milliarden Menschen zu produzieren, ist der Entwicklungshilfe gestellt. Nach Ansicht Professor Baades müßte in den nächsten 40 Jahren das Nahrungsaufkommen der Erde verdreifacht werden, um diese Aufgabe zu lösen und um das Nahrungs-Minus aufzuarbeiten, das heute bereits besteht. Baade meint, daß diese Aufgabe auf drei Wegen lösbar sei - nämlich durch

- Ausweitung der Ackerfläche,

- intensivere Bodennutzung,

- bessere Ausbeutung der Meere.

Von den 13,5 Milliarden Hektar fester Erdoberfläche werden heute etwa 1,3 Milliarden Hektar als Acker genutzt. Baade glaubt, daß die landwirtschaftlich genutzte Fläche auf rund 4 Milliarden Hektar Ackerland vergrößert werden könnte - und zwar durch Rodung, Umpflügen, Ent- und Bewässerung. Er glaubt aber nicht, daß eine so enorme Ausweitung überhaupt notwendig sein wird, um den Bedürfnissen von sechs bis sieben Milliarden Menschen zu genügen.

Noch größere Hoffnungen setzt Baade auf die Intensivierung der Landwirtschaft durch den Gebrauch künstlicher Düngemittel in allen Ländern und durch Saatgutverbesserung. Er errechnete, daß allein der Einsatz von einer Tonne Rein -Stickstoff unter durchschnittlichen landwirtschaftlichen Verhältnissen eine Mehrproduktion ergibt, die den Jahres -Nahrungsbedarf von elf Menschen befriedigt.

Nach Baades Meinung müßte der Verbrauch der Weltlandwirtschaft an Handelsdünger (Stickstoff, Phosphate, Kali) energisch gesteigert werden. Im Jahre 1953/54 betrug zum Beispiel der Jahresweltverbrauch an Stickstoff sechs Millionen Tonnen. Baade meint, daß mindestens 60 Millionen Tonnen notwendig gewesen wären. Weitet sich die Welt -Ackerfläche aus, so müßte die Stickstoff -Produktion noch mehr gesteigert werden.

Der Fischreichtum der Meere ist bis heute wenig genutzt worden. Dies gilt insbesondere für die Teile der Meere, die fern von dichtbesiedelten Küsten gelegen sind. Die geringe Nutzung der Hochsee hat ihren Grund darin, daß der Fisch auf dem langen Weg zur Küste ungenießbar wird. Die Entwicklung von "Fischfabrik-Schiffen" - die bisher fast ausschließlich in der Bundesrepublik gebaut und fast ausschließlich von der Sowjet-Union benutzt werden - mit Verarbeitungs- und Tiefkühlanlagen hat diese Schwierigkeit zumindest theoretisch behoben.

Indes, diese drei Möglichkeiten: der künftigen Menschheitsernährung - Extensivierung und Intensivierung der Landwirtschaft, bessere Nutzung der Meere - lassen sich nur verwirklichen, wenn eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt wird. Die hohe Technisierung - zum Beispiel in der Landwirtschaft durch Masseneinsatz von Traktoren und Rodungsmaschinen, Bau von Bewässerungsanlagen, Verwendung besseren Saatguts - erfordert

- die Erschließung neuer Eisen-, Öl und Kohlelager,

- den Bau von Stahlwerken, Autofabriken und Zubringer-Industrien,

- den Bau von Straßenbaumaschinen

und Straßen, von Eisenbahnen, Lokomotiven und Waggons, von Flugplätzen und Kanälen,

- die Heranbildung von lesekundigen, technisch anstelligen Bauern, die Mobilisierung von Ingenieuren und Facharbeitern.

Wenn die bis zum Jahre 2000 auf 6,6 Milliarden angewachsene Menschheit ausreichend ernährt werden soll, müßte zum Beispiel bis dahin

- die Welt-Energieversorgung von 1950 verzehnfacht und

- die Welt-Stahlproduktion von 1950

verelffacht werden.

Die Schwerpunkte dieser Aufbau-Arbeit müßten in den heute unterentwikkelten Gebieten liegen.

Von der in Europa vorhandenen nutzbaren Wasserkraft sind heute immerhin bereits 21,6 Prozent, von der afrikanischen Wasserkraft aber nur 0,1 Prozent erschlossen.

In der Bundesrepublik beträgt gegenwärtig der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch von Stahl rund 400 Kilogramm. Nähme man diese Zahl als Richtlinie für die Weltbevölkerung des Jahres 2000, müßten bis dahin in der ganzen Welt Stahlwerke mit einem Jahresausstoß zwischen 1,8 und 2,8 Milliarden Tonnen gebaut werden. Die gegenwärtige Weltproduktion beträgt indes nur 0,26 Milliarden Tonnen.

Eine wichtige Forderung ist die nach Steigerung der Weltproduktion von Kali, Stickstoff und Phosphaten. Die Produktion sollte nach den Vorstellungen Baades von 20 Millionen Tonnen im Jahre 1953/54 auf 720 Millionen Tonnen im Jahre 2000 ansteigen.

Aber die Bereitstellung von Handelsdünger und gutem Saatgut hätte nur dann einen Sinn, wenn es in den Entwicklungsländern auch Bauern gibt, die Lehrschriften lesen können.

Allein die Kosten für ein ausreichendes Schulsystem in den Entwicklungsländern hat Professor Baade kürzlich auf 160 Milliarden Mark veranschlagt.

Der Gesamtbetrag, den die Entwicklung der Weltwirtschaft kosten würde, bis sie 6,6 Milliarden Menschen ernähren könnte, läßt sich nur mutmaßen. Ein Sekretär der früheren Marshallplan-Hilfe berechnete die finanziellen Investitionsbedürfnisse der unterentwickelten Länder allein für die nächsten zehn Jahre auf 70 Milliarden Dollar, das heißt 280 Milliarden Mark. Zusammen mit den von Baade genannten 160 Milliarden Mark für den Ausbau des Bildungswesens ergäbe das einen Betrag von 440 Milliarden Mark, der in den nächsten zehn Jahren für den Aufbau von Wirtschaft und Bildungswesen der Entwicklungsländer aufgewendet werden müßte.

Diese Summe muß angesichts der Kapitalarmut der Entwicklungsländer

- zum größten Teil von den Industrieländern Amerikas und Europas aufgebracht werden, und zwar durch Lieferung von Maschinen, Fabrikausstattungen und Werkzeugen sowie durch die Vermittlung von Wissen.

Dabei ist offenkundig, daß diese Aufgabe von den heutigen Industrieländern - Amerika, Sowjetrußland und Europa - nur bewältigt werden kann, wenn sie neue Formen der Selbstzügelung entwickeln, die zu der derzeitigen Konsumfreiheit in eklatantem Gegensatz stehen dürften. Ebenso müßten die Rüstungs-Etats zusammengestrichen werden.

Der deutsche Privatwissenschaftler Adolf Grote prophezeite 1958, daß bereits um 1970 die Industriestaaten der Welt gezwungen sein würden, Verbrauchseinschränkungen zu verordnen und das Kartensystem wieder einzuführen.

Grotes Prophezeiung wird zwar von vielen Wissenschaftlern als utopisch angesehen, aber es wird kaum bezweifelt, daß sich die Industriestaaten unter der Drohung von Hungerkriegen, in Asien, Afrika und Südamerika eines Tages gezwungen sehen könnten, ihren Verbrauthermassen Einschränkungen aufzuerlegen. Offen ist, in welchen gesellschaftlichen Formen sich diese Selbstdisziplinierung der Industrievölker verwirklichen läßt. Die Selbstdisziplinierung wird aber nicht nur der Entwicklungshilfe, sondern auch der Geburtenbeschränkung zu dielen haben.

Die Uno mahnte 1958, das Wachstum der Erdbevölkerung stelle ein Problem dar, dessen Bedeutung über alle wirtschaftlichen und sozialen Überlegungen weit hinausreiche. Das freie Denken, so erklärten die Uno-Wissenschaftler, habe bisher im Dienste der natürlichen Vermehrung der Menschen gestanden. Durch Wissenschaft und Forschung habe das freie Denken die Existenz von drei Milliarden Menschen ermöglicht. Nun aber müsse sich erweisen, ob das freie Denken in der Lage sei, den "Strom des Lebens" einzudämmen und zu lenken. Diese Frage sei das "eigentliche Kernproblem unserer Existenz".

* Fritz Baade: "Der Wettlauf zum Jahre 2000". Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg.

Kinderfreund Johannes XXIII.: In vierzig Jahren ...

... verdoppelt sich die Erdbevölkerung: Kinderfreund Chruschtschow

Übervölkerungsforscher Baade

Der Menschheit droht Bankrott

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Störche für den Sozialismus


DER SPIEGEL 15/1962
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