11.04.1962

KRANKENPFLEGEPuls am Telephon

Der Eingriff schien harmlos, der Du Patient starb. Nach einer Mandeloperation hatten sich, wie später ermittelt wurde, Nachblutungen eingestellt. Den Ärzten war klar, daß der Patient hätte gerettet werden können, wenn die Blutungen, etwa durch regelmäßige Messung des Blutdrucks, sofort entdeckt worden wären.
"Ich kenne noch zwei Fälle dieser Art", berichtete der Ingenieur Dr. Karel Newman vom britischen Elektro-Konzern EMI (Electric & Musical Industries Ltd.) in der letzten Woche. "Zwei Londoner Patienten starben nach einer Blinddarmoperation infolge innerer Blutungen. Wenn diese Krankenhäuser unsere 'elektronische Krankenschwester' gehabt hätten, wären die drei Menschen heute wahrscheinlich noch am Leben."
Was das Leben der Kranken laut Newman hätte retten können, ist ein neuartiges Hospital-Zubehör, das zur Zeit in den EMI-Laboratorien entwickelt und von der britischen Presse bereits überschwenglich als "electronic nurse" gefeiert wird: eine elektronische Apparatur, die den Ärzten und Krankenschwestern zahlreiche Routinearbeiten abnehmen und eine bessere Überwachung der bettlägerigen Kranken ermöglichen soll.
Die elektronische Krankenschwester vermag Temperatur, Puls, Blutdruck und Atmung der Patienten zu messen und zu registrieren. Mehr noch: Sobald ein Kranker in Lebensgefahr gerät, gibt sie Alarm.
"Es ist eine dieser selbstverständlichen Sachen", lobte ein BBC -Kommentator, "bei denen man sich fragt, warum man nicht selbst darauf gekommen ist." Der Londoner "Daily Express" feierte die Apparatur zugleich als Englands "Antwort auf den Mangel an Krankenschwestern".
In der Tat ist die strenge Überwachung der Patienten, die ständige Kontrolle wichtiger Körperfunktionen, in den Hospitälern noch immer eine zeitraubende und mühselige Prozedur, der nur offensichtlich gefährdete Patienten unterzogen werden. In den von chronischem Personalmangel geplagten Krankenhäusern ist es praktisch unmöglich, Kranke auch nach Bagatelleingriffen ständig zu überwachen.
Auf diesen mißlichen Umstand stießen die Wissenschaftler des EMI-Konzerns, des größten Herstellers von Fernlenkgeschossen außerhalb der USA und der Sowjet-Union, allerdings eher beiläufig - als sie den Rat britischer Mediziner einholten, wie Weltraumanzüge am zweckmäßigsten auszustatten seien.
Die Fachsimpeleien mit den Ärzten brachten die Techniker auf eine ebenso einfache wie "brillante Idee" (so die Fachzeitschrift "Electronics Weekly"): "Genauso, wie es möglich ist, die Körperfunktionen der Weltraumpiloten vom Boden aus zu kontrollieren, so ist es auch für eine Krankenschwester möglich, die ihr anvertrauten Kranken von einer zentralen Stelle aus zu überwachen"
Wie die EMI-Techniker unter Karel Newmans Leitung diese Einsicht auswerteten, wurde unlängst auf einer Fachtagung von Medizinern, Krankenschwestern und Ingenieuren in London vorgeführt. Als elektronische Krankenschwester entpuppte sich dabei ein System von Drähten, die zum Körper eines Patienten führten. Feinmeßgeräte registrierten Blutdruck, Puls, Atmung und Temperatur; die Meßwerte wurden, in elektrische Impulse umgewandelt, einem Sender zugeleitet.
Der Sender wiederum war nach einem ausgeklügelten Verfahren mit dem Haustelephon des Hospitals gekoppelt, so daß die Krankenschwester von einer Überwachungsstation aus jedes Bett anwählen konnte: Auf ihrem Kontrollpult las die Schwester das Wohlergehen des Patienten in exakten Zahlenangaben ab. Sie hatte Puls wie Atmung der Kranken jederzeit an der Strippe. Newman: "Der Patient mag schlafen, während sein Fieber gemessen wird."
Da die Telephon-Hausanschlüsse in Großbritannien normalerweise bis zur Zahl 999 reichen, würden sich auf diese Weise - zumindest theoretisch - jeweils 999 Patienten zentral überwachen lassen; Eine Spezialschaltung ermöglicht es, einzelne Patienten dauernd zu kontrollieren - was ein Krankheitsbild von sonst unerreichbarer Vollständigkeit ergeben würde. Blinksignale und Alarmklingeln schalten sich ein, wenn die Meßdaten auf eine bedrohliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes hinweisen.
Obwohl die elektronische Krankenschwester schön bei ihrem Debüt Ärzte und Techniker entzückte, wurden verschiedentlich Bedenken gegen die EMI -Apparatur angemeldet. So begannen Krankenschwestern um ihre Stellungen zu bangen. Und die Oberin des West -Middlesex-Hospitals, eines der größten Londoner Krankenhäuser, äußerte die Befürchtung, die Mechanisierung der Krankenbetreuung könne bei den Patienten den Eindruck erwecken, man kümmere sich nicht mehr um sie. Ein EMI-Ingenieur: "Die Schwestern glauben, wir wollten die Krankenhäuser in vollautomatisierte Fabriken verwandeln."
Auch eine BBC-Reporterin stufte die elektronische Krankenhilfe, die möglicherweise von 1963 an produziert werden soll, "als fragwürdige Errungenschaft" ein. "Wenn einehübsche Krankenschwester die Temperatur mißt, mag das zwar den Blutdruck etwas erhöhen", konstatierte sie, "aber es hat unzweifelhaft Heilwert."
EMI-Ingenieur Newman ("Wir wollen niemanden um sein Vergnügen bringen") verweist hingegen darauf, daß die elektronische, Apparatur die Krankenschwestern nur von Routineverrichtungen befreien soll. Das Gerät sei aber besonders nützlich bei der Überwachung etwa von Unfallverletzten, Bewußtlosen, Gelähmten. Newman: "Ein Patient, der sich heftig bewegt, könnte die Drähte ohnehin zerreißen."
Schaltpult für elektronische Krankenüberwachung. Fieber-Kontrolle im Schlaf

DER SPIEGEL 15/1962
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