18.04.1962

„ICH LIES ROSA LUXEMBURG RICHTEN“

SPIEGEL: Herr Pabst, Sie haben am 15. Januar 1919 die Kommunistenführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg umbringen lassen...
PABST: ... richten lassen...
SPIEGEL: ... richten lassen?
PABST: Ja.
SPIEGEL: Jedenfalls ist Ihnen dafür jetzt eine amtliche Anerkennung zuteil geworden, der Sie sogar zu Hitlers Zeiten hatten entraten müssen. Das bundesamtliche "Bulletin" hat die Ermordung Liebknechts und Luxemburgs für standrechtliche Erschießungen ausgegeben und sich Ihre Deutung dieser Tat zu eigen gemacht, daß nämlich Deutschland damals nur so vor dem Kommunismus habe bewahrt werden können.
PABST: Ja, das hat man jetzt endlich begriffen und anerkannt.
SPIEGEL: Das "Bulletin" bezieht sich auf einen Zeitungsartikel, in dem Sie den Fall Liebknecht-Luxemburg kommentieren. Da heißt es, vom November 1918 bis zur Nationalversammlung im Frühjahr 1919 habe es "keinen Rechtsstaat und keine anerkannte Regierung" gegeben.
PABST: Ja, im Januar...
SPIEGEL: ... 1919...
PABST: ... war das nicht vorhanden.
SPIEGEL: In wessen Diensten standen Sie damals, als nach Ihrer Meinung keine anerkannte Regierung existierte?
PABST: Als wir in Berlin einmarschierten, haben uns die Volksbeauftragten am Brandenburger Tor begrüßt und erklärt, sie wären die rechtmäßige Regierung.
SPIEGEL: "Wir" - das war die Garde -Kavallerie-Schützen-Division, bei der Sie Erster Generalstabsoffizier waren?
PABST: Ja.
SPIEGEL: Die Garde-Kavallerie-Schützen-Division hatte sich dem Rat der Volksbeauftragten unterstellt, diese Regierung also damit anerkannt?
PABST: Wir haben uns ihr nicht unterstellt, sondern sie hat uns gerufen, sie hat uns gebeten.
SPIEGEL: Und nachdem sie gerufen hatte...
PABST: ... nein, nein. Wir unterstanden damals der Obersten Heeresleitung, die in Kassel saß.
SPIEGEL: Von wem haben Sie Ihren Sold bezogen? Von der Obersten Heeresleitung in Wilhelmshöhe oder vom Rat der Volksbeauftragten?
PABST: Von der Obersten Heeresleitung.
SPIEGEL: Auch noch im Januar 1919?
PABST: Auch noch im Januar 1919.
SPIEGEL: Aber zu dieser Zeit war doch bereits der Volksbeauftragte für die Verteidigung...
PABST: ... Herr Noske...
SPIEGEL: ... Oberbefehlshaber aller Streitkräfte in den Marken.
PABST: Ja.
SPIEGEL: Mithin war Noske auch Ihr Oberbefehlshaber?
PABST: Von da ab unterstanden wir natürlich Herrn Noske.
SPIEGEL: Und Noske war Mitglied einer Regierung, die durchaus anerkannt war.
PABST: Von wem?
SPIEGEL: Beispielsweise von der Obersten Heeresleitung.
PABST: Na, anerkannt - ja, wenn Sie das so wollen. Wir wollen einmal die Sache völlig anders aufziehen. Mit dem Aufzug des Gesprächs bin ich nicht einverstanden...
SPIEGEL: ... bitte, ja...
PABST: ... den Sie mir da vorsetzen.
Die Sache war so: Wir waren die Macht im Staate und nicht die Volksbeauftragten. Diese sind gekommen am 24. Dezember (1918) und haben uns gebeten, herausgepaukt zu werden aus den Klauen der revolutionären Kräfte in Berlin: So war die Sache und nicht anders.
SPIEGEL: Sie waren die Macht im Staate. Aber dadurch, daß Sie dann vom Oberbefehlshaber Noske Ihre Befehle bekamen, wurden Sie die Macht des Staates?
PABST: So kommen wir der Sache schon etwas näher.
SPIEGEL: Und auf Befehl Noskes ist Ihre Division damals in Berlin eingerückt, um den Aufstand der Kommunisten, der Spartakisten, niederzuschlagen?
PABST: Ja, der einzige, der wirklich etwas hinter sich hatte, war Herr Noske.
SPIEGEL: Soweit das Thema Regierung. Zum Thema Rechtsstaat: Ihre Division hatte doch ein reguläres Feldgericht mit einem regulären Kriegsgerichtsrat.
PABST: Wir ja.
SPIEGEL: Warum haben Sie die drei verhafteten Kommunistenführer Liebknecht, Luxemburg und Wilhelm Pieck, die am 15. Januar 1919 ins Berliner Eden -Hotel, in das Stabsquartier Ihrer Division, gebracht wurden, nicht Ihrem Divisionsrichter übergeben? Warum hat Ihr Richter die drei nicht vernommen?
PABST: Der Kriegsgerichtsrat, der war damals überhaupt gar nicht im Eden-Hotel.
SPIEGEL: Und er konnte auch nicht geholt werden?
PABST: Wissen Sie, in einer Revolutionsnacht den Kriegsgerichtsrat zu finden, in einer immerhin noch reichlich revolutionären Stadt, das war wohl nicht so ganz einfach. Außerdem: Was hätte ich mit dem Mann anfangen sollen?
SPIEGEL: Die drei Kommunisten waren des Hochverrats schuldig; die hätten doch von einem gelernten Juristen, in diesem Fall von einem Militärrichter, nämlich Ihrem Divisionsrichter, einvernommen werden müssen.
PABST: Nun reden Sie doch wie die Katze um den heißen Brei. Die Sache war doch ganz klar. Die Gefangenen damals, das war doch mitten in einer Revolutionsnacht.
SPIEGEL: Um welche Zeit wurden die drei vorgeführt?
PABST: Gegen ein Uhr nachts.
SPIEGEL: Da waren Liebknecht und Luxemburg längst tot.
PABST: Nein, nein, warten Sie mal...
SPIEGEL: ... die sind doch abends schon gegen acht ins Eden-Hotel gekommen.
PABST:, Liebknecht, ja. Luxemburg später.
SPIEGEL: Sie sind doch alle drei zusammen eingeliefert worden.
PABST: Aber zu getrennten Zeiten weggebracht worden, Frau Rosa Luxemburg später als Liebknecht.
SPIEGEL: Wir meinen die Vernehmung.
PABST: Die drei sind getrennt vernommen worden.
SPIEGEL: Aber alle drei von Ihnen?
PABST: Getrennt vernommen von mir.
SPIEGEL: Über das Ergebnis der Vernehmung Piecks haben Sie geschrieben: Pieck habe "seine eigenen Genossen in einem Umfange verraten, der es uns ermöglichte, die weiteren Aufstände in Berlin rasch niederzuschlagen. Herr Pieck war nämlich so freundlich gewesen, mir alle militärischen Angaben zu machen über Wohnungen und Ausweichquartiere der prominenten Führer seiner Partei, ihre Telephone beziehungsweise diejenigen ihrer "Gastgeber", die Waffenlager und deren Ausweichstellen, die Alarmorganisation, die Sammelplätze und so weiter". Machte Pieck alle diese Angaben aus dem Kopf oder hatte er den Mobilmachungskalender seiner Partei bei sich?
PABST: Diese Angaben habe ich ihm aus der Nase gezogen.
SPIEGEL: Hatte er denn das alles im Kopf parat?
PABST: Na ja, das wußte er doch schon so ungefähr. Das wäre traurig gewesen, wenn er das nicht gewußt hätte...
SPIEGEL: ... aber die Angaben, die er Ihnen gegenüber gemacht haben soll, betrafen doch lauter technische Dinge. Das kann man doch nicht alles im Kopf haben.
PABST: Ich würde es im Kopf gehabt haben.
SPIEGEL: Hatte Pieck Notizbücher dabei?
PABST: Ja, hatte er.
SPIEGEL: Und die lagen Ihnen vor?
PABST: Die lagen mir vor.
SPIEGEL: Die Notizen hat er dann erläutert?
PABST: Ja. An Hand derer habe ich ihn befragt. Das stimmte übrigens zum Teil auch nicht mehr, weil die Orte ja zum Teil schon in unserer Hand waren.
SPIEGEL: Was hat Pieck Ihnen damals im einzelnen gesagt?
PABST: Das weiß ich jetzt nicht mehr nach 40 Jahren im einzelnen. Das ist unmöglich zu beantworten.
SPIEGEL: Können Sie sich noch erinnern, welche Maßnahmne Sie aufgrund der Angaben treffen konnten?
PABST: Daraufhin haben wir nachher Waffendurchsuchungen gemacht und haben auch noch diejenigen Persönlichkeiten verhaftet, die er uns angegeben hatte. Zum Beispiel Leute, nach denen man so fragte, etwa wo mein Freund Ledebour sich aufhielt, das interessierte mich außerordentlich.
SPIEGEL: Haben Sie auch Ledebour (Unabhängiger Sozialdemokrat) verhaften lassen?
PABST: Nein, der ist von einem anderen Truppenteil verhaftet worden.
SPIEGEL: Und nicht erschossen worden, der war ja hinterher noch da.
PABST: Wissen Sie, so blutrünstig war ich ja nun auch wieder nicht, wie Sie meinen.
SPIEGEL: Wir fragen nur. Wie erklären Sie es sich, daß die Sozialdemokraten, die sich jahrzehntelang mit den Kommunisten herumschlagen mußten, nie den Verrat Piecks an seinen Genossen ausgeschlachtet haben?
PABST: Da müssen Sie mal die Herren von der Sozialdemokratischen Partei fragen.
SPIEGEL: Haben Sie das Vernehmungsprotokoll Piecks weitergereicht, sozusagen auf dem Dienstweg nach oben?
PABST: Nein.
SPIEGEL: Sie haben nur unmittelbar...
PABST: ... die Konsequenzen in meinem Raum gezogen und das übrige weitergegeben an den I c der Gruppe Lüttwitz, Hauptmann Moyzischewitz.
SPIEGEL: Aber das hätte doch ein Riesenerfolg werden können: Die Regierung wäre über alles, was hinsichtlich der Gegenseite wissenswert war, informiert gewesen, und sie hätten den Arbeitern, die den Spartakisten damals nachliefen, klarmachenkönnen: Das hier ist Euer Führer, so benimmt er sich.
PABST: Glauben Sie, daß die Arbeiter das je geglaubt hätten? In den Zeiten damals? Das würden sie jetzt nicht mal glauben, in ruhigen Zeiten, geschweige denn damals.
SPIEGEL: Sie haben den Verrat Piecks damals mit dessen Freilassung honoriert?
PABST: Ja.
SPIEGEL: Warum wurde Pieck nicht wegen Hochverrats der ordentlichen Justiz oder der Militärgerichtsbarkeit übergeben?
PABST: Weil ich ihm das versprochen hatte, daß ich ihn frei ließ, wenn ich die Angaben bekäme.
SPIEGEL: Sie waren nicht bevollmächtigt, ihn freizulassen?
PABST: Ich habe mich selbst bevollmächtigt.
SPIEGEL: Was haben Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg Ihnen bei ihrer Vernehmung gesagt?
PABST: Herr Liebknecht hat zuerst behauptet, er wäre nicht Karl Liebknecht.
SPIEGEL: Und dann?
PABST: Einer meiner Offiziere hat ihm den Rock aufgemacht und hat gesagt: "Hier haben Sie ja Ihr Monogramm, und außerdem kennen wir Sie dem Bilde nach."
SPIEGEL: Das Monogramm war auf dem Hemd?
PABST: Ja. Und dann hat Liebknecht gesagt: "Ja, ich bin's."
SPIEGEL: Und wie ging die Vernehmung Rosa Luxemburgs aus?
PABST: Rosa Luxemburg konnte sich ja nun nicht gut verleugnen, die war ja nun eine einmalige Erscheinung, nicht wahr?
SPIEGEL: Doch, doch.
PABST: Und sie hat auch gar nicht den Versuch gemacht, sich zu verleugnen.
SPIEGEL: Pieck hatte auch nicht den Versuch gemacht.
PABST: Nein...
SPIEGEL: Die ganze Vernehmurig diente lediglich der Identifizierung der Verhafteten?
PABST: Ja.
SPIEGEL: Sonst wurde nichts gefragt?
PABST: Was war denn noch zu fragen? Es stand ja in dem Steckbrief drin, wessen sie beschuldigt wurden.
SPIEGEL: Hätte es sich nach Ihrem Erfolg im Fall Pieck nicht lohnen können, auch die beiden anderen nach Einzelheiten der Spartakus-Organisation auszufragen?
PABST: Ich glaube nicht, daß eine Frau mir darüber hätte Auskunft geben können, und das waren ja nun wirklich zwei rein politische Menschen; daß die mir militärisch wertvolle Angaben hätten machen können, Liebknecht und vor allen Dingen Frau Rosa Luxemburg, das war doch nicht anzunehmen.
SPIEGEL: Wie hieß nun der Befehl, den Sie nach der Vernehmung dieser beiden für ihre Exekution gegeben haben?
PABST: Daß die beiden nach Moabit ins Untersuchungsgefängnis zu überführen und dort dem Kommandanten zu übergeben sind.
SPIEGEL: Warum sind Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg nicht vor ein Standgericht Ihrer Division oder vor das reguläre Kriegsgericht Ihrer Division gekommen?
PABST: Wie sollte ich denn so schnell das in der Nacht dort zusammenbekommen?
SPIEGEL: Sie haben also nichts anderes befohlen als: Ab nach Moabit.
PABST: Ja.
SPIEGEL: In Ihrem Zeitungsartikel über den Fall haben Sie geschrieben, daß die Ausführung Ihres Befehls durch die nachgeordneten Stellen "allerdings nicht unwesentlich anders verlaufen ist, als sie befohlen worden war".
PABST: Ja, zum Beispiel stand unten vor dem Eden-Hotel ein Posten, ein Husar Runge. Der Mann hat, wie Frau Luxemburg 'rauskam, ihr mit dem Kolben über den Schädel geschlagen. Das stand nicht in meinem "Programm". Das hat der Mann, bestochen durch einen Herrn meines Stabes - der längst nicht mehr lebt, ich könnte Ihnen sonst den Namen sagen, der Eisenbahnreferent bei mir im Stabe war -, und der hat gedacht: Na, das wird wohl wieder so gehen, wie es mit den anderen gegangen ist, die werden wir schnell wieder lossein, und die Schweinerei beginnt von neuem. Der konnte sich ja keinen Begriff machen, das war ein Oberleutnant, und da hat er diesen Husaren Runge mit einer gewissen Geldsumme bestochen, irgendwie den Liebknecht und die Luxemburg umzubringen.
SPIEGEL: Wir begreifen da einiges nicht. Haben Sie nicht selber befohlen, daß die beiden umzubringen seien?
PABST: Ach so! Den Befehl meinen Sie?
SPIEGEL: Ja, den meinen wir.
PABST: Über den verweigere ich die Aussage.
SPIEGEL: Haben Sie befohlen, daß die beiden - sagen wir - getötet werden sollen?
PABST: Ich sage ja: Ich verweigere darüber die Aussage. Drehen Sie es doch nicht noch einmal um! Wir spielen direkt Theater, schlechtes Theater nebenbei bemerkt. Sie wissen ja ganz genau, was los war.
SPIEGEL: Wir wissen nicht genau, was los war.
PABST (lacht schallend): Das glauben Sie ja selber nicht. Ganz Deutschland hat es ja gewußt! Sie nicht? Ist ja großartig!
SPIEGEL: Ganz Deutschland hat gewußt, daß die beiden ermordet worden sind.
PABST: Es kommt nur darauf an: War es notwendig oder war es nicht notwendig?
SPIEGEL: Sie glaubten, es sei notwendig, und Sie haben also noch mehr befohlen als: Überstellen nach Moabit?
PABST: Das war der Befehl, den ich in Gegenwart meines O 1 (1. Ordonanzoffiziers) gegeben habe. Was ich mit den Herren, die sich freiwillig gemeldet hatten zu den Transporten -, es war keiner kommandiert worden -, was ich mit denen besprochen habe, das geht keinen Menschen etwas an.
SPIEGEL, Mit dem Husaren Runge haben Sie aber nichts besprochen? Runges Kolbenhiebe auf die Köpfe Liebknechts und Luxemburgs vor dem Eden-Hotel...
PABST: ... aber, aber, meine Herren, Sie können sich doch wohl denken, daß ich so einen blöden Befehl nicht gegeben habe, wenn Frau Luxemburg aus der Drehtür rauskommt, ihr mit dem Kolben coram publico über den Schädel zu schlagen. So dumm bin ich weiß Gott nicht gewesen. Aber muß man denn jetzt alles noch einmal...
SPIEGEL: ... uns kommt es nur auf Klarheit an.
PABST: Da kommt es Ihnen darauf an, aber mir nicht in Ihrem Sinne.
SPIEGEL: Herr Pabst, was ist Ihnen am Abend des 15. Januar 1919 gemeldet worden über den Vollzug Ihres Liebknecht-Luxemburg-Befehls?
PABST: Das Transportkommando Liebknecht meldete - jetzt kommen wir der Sache wieder näher -, daß Herr Liebknecht beim Fluchtversuch im Tiergarten erschossen worden wäre. Und das Transportkommando Luxemburg meldete, daß Rosa Luxemburg von einem unbekannten Mann, der auf das Trittbrett des Autos gesprungen ist in der Nähe des Landwehrkanals, erschossen worden wäre, nachdem sie vorher von einem Posten diesen Kolbenschlag bekommen hat und besinnungslos gewesen war. Der Transportführer hat sie dann in den Kanal geworfen. Das war ja auch eine unmögliche Sache, deshalb ist er später kriegsgerichtlich bestraft worden. Er hat ganz wahrheitsgemäß gemeldet, wie es abgelaufen ist.
SPIEGEL: Und was er Ihnen meldete, stimmte mit dem überein, was Sie befohlen hatten - mit Ausnahme der Kolbenschläge des Husaren Runge und mit Ausnahme des Landwehrkanals?
PABST: Jetzt kommen Sie wieder auf dieselbe Frage, die Sie mir eben andersrum stellten. Ich verweigere wieder, mich darüber näher zu äußern.
SPIEGEL: Was haben Ihre Vorgesetzten damals zu Ihrem Befehl gesagt? Was hat der Oberbefehlshaber Noske gesagt?
PABST: Es war richtig, daß Sie es so gemacht haben, wie er es auch in seinen Memoiren ausgesprochen hat.
SPIEGEL: Und Ihr Divisionskommandeur, der Generalleutnant von Hofmann?
PABST: Der Generalleutnant war sehr krank, sehr herzkrank. Die ganze Führung der Division lag mehr oder weniger in meinen Händen. Schon im Kriege. Ich habe ihn deshalb in der Nacht nicht geweckt und ihm erst gegen fünf Uhr morgens die Ereignisse der Nacht gemeldet.
SPIEGEL: Und was hat Generalleutnant von Hofmann- zur Sache gesagt?
PABST: Er hat mir gedankt, daß ich ihn nicht mit der Verantwortung belastet habe, aber erklärt, er übernimmt diese.
SPIEGEL: Trotzdem gab es einen Prozeß vor dem Kriegsgericht Ihrer Division. Wer hatte das befohlen?
PABST: Der Gerichtsherr, General von Hofmann, auf Wunsch von Herrn Noske.
SPIEGEL: Der Prozeß endete damit, daß"der Husar Runge, der Posten mit den Kolbenhieben vor dem Eden-Hotel, wegen versuchten Totschlags zu zwei Jahren und zwei Wochen Gefängnis und der Oberleutnant Vogel, der Rosa Luxemburg- erschossen und in den Landwehrkanal geworfen hatte, wegen Beiseiteschaffung eines Leichnams zu vier Monaten Gefängnis verurteilt wurden. Oberleutnant Vogel brauchte seine Strafe nicht abzusitzen; er konnte ausreißen. Wer verhalf ihm dazu?
PABST: Auch ein Befehl von Herrn Noske.
SPIEGEL: Sie, haben Ihre politische Einstellung mit dem Satz umschrieben: "Es ist vor allem unrichtig; daß ich gegen das demokratische System an sich gekämpft habe."
PABST: Ja.
SPIEGEL: Gegen wen war Ihr Garde -Kavallerie-Putsch im Juli 1919 und der Kapp-Putsch im März 1920, an dem Sie führend beteiligt waren, gerichtet?
PABST: Die Motive waren ja ganz andere. Es war ja gar nicht beabsichtigt, die Demokratie zu beseitigen, 1920, in gar keiner Weise. Nein, der Kapp -Putsch richtete sich nicht gegen die Demokratie; er richtete sich gegen eine Regierung - die Regierung ist nicht Demokratie, um Gottes willen, das dürfen Sie nicht unter einen Hut bringen, das sind zwei verschiedene Begriffe.
SPIEGEL: Sie haben also nie gegen die Demokratie an sich gekämpft...
PABST: ... nein...
SPIEGEL: ... sondern im konkreten Fall jeweils nur gegen eine bestimmte Demokratie?
PABST: Gegen die Auswüchse habe ich gekämpft. Ich beziehe mich auf das Ebert-Wort: "Wenn der Tag kommt, an dem die Frage auftaucht: Deutschland oder die Verfassung, dann werden wir Deutschland nicht wegen der Verfassung zugrunde gehen lassen."
SPIEGEL: Wo waren die Auswüchse der deutschen Demokratie im März 1920.
PABST: Zum Beispiel ein Auswuchs, "das Schuldbekenntnis am Kriege" im Versailler Friedensvertrag. Die Unterschrift unserer Regierung, das war ein Auswuchs.
SPIEGEL: Das war eine politische Entscheidung, zu der Regierung und Nationalversammlung...
PABST: ... politische Entscheidung? Soll man denn alles hinnehmen, was zuungunsten der Nation ausschlägt?
SPIEGEL: Die Alternative war nach dem Urteil der höchsten militärischen Instanz, der Obersten Heeresleitung, "die Besetzung ganz Deutschlands", damals schon.
PABST: Ein großer Teil der Generale war trotzdem dagegen, und gerade die besten.
SPIEGEL: Einer kann nur befehlen. Das wissen Sie viel besser als wir.
PABST: O nein, o nein, meine Lieben. Wenn schon mein Kompaniechef mir befohlen hat, ich soll das machen, und ich sagte mir, das ist Mist, dann habe ich das noch lange nicht getan.
SPIEGEL: Herr Pabst, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Pabst (M.) beim SPIEGEL-Gespräch in seiner Düsseldorfer Wohnung*
Spartakusführer Pieck (1922)
Genossen verraten?
Pabst-Opfer Liebknecht (1918) Vom Husaren vor der Tür ...
... Kolbenhiebe auf den Kopf: Pabst-Opfer Rosa Luxemburg (1912)
Hauptmann Pabst (1930*)
O nein, o nein
* Mit SPIEGEL-Redakteuren Hans Schmelz (l.) und Martin Virchow.
* Als Stabschef der österreichischen "Heimwehren".

DER SPIEGEL 16/1962
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DER SPIEGEL 16/1962
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