18.04.1962

WALDEMAR PABST

WALDEMAR PABST ist prominentester Putsch-Hauptmann aus Weimarer Zeiten. Der Verantwortliche für den Liebknecht- und Luxemburg-Mord, den sein Generalquartiermeister Ludendorff als einen seiner "fähigsten Generalstabsoffiziere" und den SPD-Reichswehrminister Noske als verdienstvoll" bezeichnete, wird auch in der zeitgeschichtlichen Literatur als "fähig, aber rücksichtslos" und "brillanter" Generalstäbler apostrophiert.
Der am 24. Dezember 1880 in Berlin als Sohn des nochmaligen Kölner Museumsdirektors geborene Waldemar Pabst besuchte gemeinsam mit dem späteren Reichskanzler Franz von Papen (Pabst: "Mein Freund") die Hauptkadettenanstalt, erhielt 1899 sein Offizierspatent und tat von 1914 an Dienst als Generalstäbler.
Als Erster Generalstabsoffizier der Garde - Kavallerie - Schützen - Division war Pabst im Januar 1919 an der Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes beteiligt. Als er ein halbes Jahr später - im Juli 1919 - eine Gegenrevolution vorbereitete und auf Berlin marschieren wollte, wurde er von Noske aus der Reichswehr entfernt; nach eigener Erinnerung nahm Pabst damals selbst den Abschied. 1920 organisierte er als Hauptgeschäftsführer der "Nationalen Vereinigung" den Putsch des Generallandschaftsdirektors Kapp gegen die Berliner Regierung, in dessen Verlauf Pabst Adolf Hitler kennenlernte, den ihm der damalige Hauptmann und spätere SA-Chef Röhm als seinen besten Straßenredner" anempfohlen hatte. Pabst zu Hitler: "So wie Sie aussehen und sprechen, lachen die Leute Sie aus."
Nach dem Mißlingen des Kapp-Putsches entwich Pabst nach Österreich, wo er sich als Organisator und Stabschef der "Heimwehr" betätigte, einer antiparlamentarischen Truppe, die einen ständisch gegliederten Führerstaat forderte. Nach dem Münchner Hitler-Putsch im Jahre 1923 besorgte er dem nach Österreich entflohenen Hermann Göring Asyl. (Pabst: "Der schuldet mir heute noch Geld.")
1930 bat Hitler den aus Österreich ausgewiesenen Heimwehr-Stabschef Pabst auf den Obersalzberg, um ihn - laut Pabst - als "politischen Organisationschef" zu gewinnnen. Pabst verschloß sich dem Führer-Wunsch, weil er sich als "Konservativer" nicht mit dem "Sozialisten Hitler" arrangieren wollte.
Nachdem er beim Röhm-Putsch als Gegner des Regimes kurzfristig inhaftiert worden war, wechselte der Putsch-Hauptmann in die kaufmännische Branche und wurde Chef der Waffenabteilung der Berliner Firma Rheinmetall-Borsig. Im September l939 wurde er als Major eingezogen, jedoch im April 1940 bereits wieder entlassen. (Pabst: "Als Staatsfeind.") Mit einer "sechsstelligen Abfindungssumme" {Pabst) von Borsig kaufte er eine Firma, die Werkzeugmaschinen aus der Schweiz importierte. 1943 emigrierte er in die Schweiz, weil er einmal seine Verhaftung durch die Gestapo befürchtete, zum anderen, weil ihm die Militäropposition gegen Hitler zuviel redete und zuwenig handelte".
Pabst kehrte erst 1955 aus der Schweiz nach Düsseldorf zurück (wo er noch heute Waffengeschäfte tätigt); bis dahin hatte Pabst gefürchtet, die Alliierten könnten ihn wegen Beteiligung an der Ermordung der Spartakus-Führer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht an die Sowjet-Union ausliefern. Die beiden Spartakus-Führer waren am 15. Januar 1919 gemeinsam mit ihrem Genossen Wilhelm Pieck aufgespürt, verhaftet und dem Stab der Garde-Kavallerie-Schützen -Division im Berliner Hotel Eden überstellt worden. In Einzeltransporten sollten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nach dem Verhör durch Hauptmann Pabst ins Moabiter Untersuchungsgefängnis gebracht werden. Liebknecht, der bereits am Hoteleingang von einem Soldaten namens Runge niedergeschlagen worden war, wurde von seinen Begleitoffizieren in einer Nebenstraße aufgefordert, zu Fuß weiterzugehen, und in etwa 50 Meter Abstand vom Transportwagen "auf der Flucht erschossen", wie das Begleitkommando nach Rückkehr meldete.
Rosa Luxemburg, gleichfalls von dem Soldaten Runge vor dem Hotel mit Gewehrhieben besinnungslos geschlagen, wurde vom Chef des Begleitkommandos - einem Oberleutnant Vogel - erschossen. Ihre Leiche wurde anschließend in den Landwehrkanal geworfen.
Alle an den Morden beteiligten Soldaten kamen vor ein Kriegsgericht ihrer Division, bei dem der spätere Geheimdienst-Chef Canaris (Pabst: "Mein bester Mann") als Beisitzer fungierte. Der Soldat Runge, der mit dem Kolben auf die beiden Kommunistenführer eingeschlagen hatte, erhielt zwei Jahre und zwei Wochen Gefängnis, und der Oberleutnant Vogel, der Rosa Luxemburg erschossen hatte, wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Alle anderen Beteiligten wurden freigesprochen.
Im Januar 1962 verteidigte Pabst in einem Zeitungsartikel die Bluttat von 1919: "Es lag nur im Interesse unseres Deutschlands, daß wir es damals vor dem Schicksal bewahrten, das ihm heute Herr Ulbricht und seine Drahtzieher bereiten möchten, sondern der Sieg des Kommunismus in Deutschland hätte bereits 1919 das gesamte christliche Abendland zum Einsturz gebracht. Die Beendigung dieser Gefahr wog bestimmt wesentlich mehr als die Beseitigung von zwei politischen Verführern."
Das "Bulletin" des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung machte sich daraufhin die Lesart von Pabst über die damaligen Ereignisse zu eigen und nannte die Nacht-und -Nebel-Liquidierung der beiden Kommunisten "standrechtliche Erschießung". Die in der DDR lebende Sophie Liebknecht, die Witwe von Karl, ließ inzwischen gegen Bundespressechef von Eckardt beim Bonner Oberstaatsanwalt Strafanzeige wegen "Verherrlichung von Mord" erstatten.

DER SPIEGEL 16/1962
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