18.04.1962

JUGOSLAWIEN / DJILASSchlucken, schlucken

Spöttisch beobachtete Milovan Djilas,
prominentester Rebell der kommunistischen Staatenwelt, wie sich ein Untersuchungsrichter und drei Polizeibeamte mühten, sein Haus in der Nähe des Belgrader Parlaments nach staatsgefährdenden Schriften zu durchkämmen.
Die Besucher waren Punkt neun Uhr am Sonnabend vorvergangener Woche in das Haus eingedrungen, hatten Ehefrau Stefanija, Sohn Aleksa und die 76jährige Oma bedrängt und dann endlich den grippekranken Staatsfeind in seinem Bett erspäht:
Doch was sie suchten, und wonach jugoslawische Polizisten im Innern und jugoslawische Diplomaten im Ausland schon wochenlang jagten, fanden auch sie nicht: jenes 140-Seiten-Manuskript "Gespräche mit Stalin", das Milovan Djilas während seiner letzten Gefängnishaft verfaßt und in den Safes des New Yorker Buchverlages "Harcourt, Brace and World" deponiert hat.
In dieser Situation folgten die Fahnder dem üblichen Ritual: Djilas wurde verhaftet. Und Jugoslawiens einstiger Vizepräsident, der einmal als aussichtsreichster Tito-Nachfolger galt und später wegen seiner Forderung nach Liberalisierung des Regimes aus der KP Jugoslawiens ausgestoßen wurde, folgte mit der Gelassenheit eines Mannes, der gewohnt ist, daß ihm das sozialistische Vaterland literarisches Bemühen stets mit Gefängnisstrafen honoriert:
- 1954 veröffentlichte er das gegen die Verbürgerlichung seiner Genossen gerichtete Pamphlet "Anatomie einer Moral" und verteidigte den in Ungnade gefallenen Tito-Biographen Dedijer in einem Interview mit,der "New York Times". Ergebnis: 18 Monate Gefängnis wegen Staatsverleumdung.
- Ende 1956 schrieb er in der amerikanischen
Zeitschrift "New Leader" ein Loblied auf den Ungarn-Aufstand. Folge: drei Jahre Gefängnis.
- 1957 publizierte er "Die neue Klasse",
eine vernichtende Gegenüberstellung kommunistischer Ideologie mit der Wirklichkeit. Resultat: sieben Jahre Gefängnis.
Dennoch löste die vierte Verhaftung des erst im Januar 1961 gegen das Versprechen politischer Abstinenz vorzeitig entlassenen Nonkonformisten Djilas unter westlichen Kommentatoren Erstaunen aus. Niemand vermochte sich zu erklären, warum eine Schrift über den Tyrannen Stalin im antistalinistischen Jugoslawien Anstoß erregt.
In der Annahme, der ehemalige Chef -Ideologe des Titoismus rechne heftig mit Stalin-ab, suchten die Djilas-Experten vergebens nach einem Motiv für
den Unmut des Belgrader Regimes über die "Gespräche mit Stalin", da selbst die Sowjet-Union sich zu einer Kritik an dem toten Diktator bekennt.
"Es ist schwer zu sagen, was die jugoslawischen Kommunistenführer befürchten", rätselte die "Neue Zürcher Zeitung", während die Londoner "Times" sich in die Annahme flüchtete, diesmal seien wohl die Gefühle und Ressentiments der Belgrader Djilas -Gegner mit ihnen durchgegangen.
Hätten freilich die westlichen Kommentatoren den genauen Text des Djilas-Buches gekannt, so wäre ihnen aufgegangen, was den um ein gutes Verhältnis zu Chruschtschow bemühten Tito irritiert: Der unberechenbare Montenegriner Djilas, ehedem lautester Knappe des Antistalinismus, hat von Josef Stalin das lichtvollste Porträt gemalt, das jemals ein Stalin-Gegner angefertigt hat.
Schrieb Djilas: "Vom Standpunkt der Humanität und Freiheit aus kennt die Geschichte keinen totaleren, brutaleren und zynischeren Despoten. Aber
für die Geschichte des Kommunismus ist Stalin zusammen mit Lenin die grandioseste Figur."
Als wolle er sich über Nikita Chruschtschows Deutungsversuch mokieren, Stalin sei ein Einzelfall politischer Bosheit gewesen, verwandelt Biograph Djilas den finsteren Tyrannen in einen fast konservativen russischen Staatsmann, der oft die alte Politik der Zaren fortgesetzt habe und der zuweilen recht menschlich gewesen sei.
Stalin sei, so weiß Djilas zu erzählen, häufig zu Späßen aufgelegt gewesen, habe anwesende Frauen plötzlich umarmt und geküßt, sei in Traurigkeit gefallen und habe sogar manchmal geweint, wenn er der Opfer sowjetischer Soldaten im Kriege gedacht habe.
Immer wieder sieht Djilas durch Stalins kommunistischen Firnis die alte Zarenpolitik hindurchschimmern. Ausländischen Kommunisten habe er einmal
erklärt, warum die Sowjet-Union der italienischen Treuhänderschaft über Somaliland zugestimmt hätte: "Wenn sich die Zaren mit anderen nicht über die Kriegsbeute einigen konnten, schoben sie die immer dem Schwächsten zu, um sich im richtigen Augenblick die Beute holen zu können."
Untrüglich war Stalins Machtinstinkt. "So, euretwegen töten sich also schon die Männer im Zentralkomitee Albaniens", brummte Stalin seinen Besucher Djilas im Januar 1948 an, nachdem Jugoslawien und Albanien die Vereinigung ihrer Staaten beschlossen und ein führender Gegner der Vereinigungspolitik, der Albaner Spiro Naku, Selbstmord verübt hatte.
Doch Stalin beruhigte sofort den Jugoslawen: "Wir haben in Albanien keine Sonderinteressen. Wir sind einverstanden, daß Jugoslawien Albanien schluckt." Vergebens behauptete Djilas, es handle sich um eine Vereinigung der beiden Völker, nicht um Machtpolitik.
Da mischte sich der anwesende Molotow ein: "Das ist doch Schlucken." Darauf Stalin: "Ja, ja. Schlucken. Aber ihr sollt ja Albanien schlucken."
Djilas rührte auch an eine alte Wunde Titos: Während Belgrad bis zuletzt die kommunistischen Partisanen im. griechischen Bürgerkrieg unterstützt hatte, war Stalin schon bald bereit gewesen, das Unternehmen abzubrechen.
Räsonierte Stalin in einem Gespräch mit Djilas: "Die Partisanen haben überhaupt keine Erfolgsaussicht. Glauben Sie etwa, daß England und die Vereinigten Staaten - die USA, der mächtigste Staat der Erde - euch erlauben werden, ihre Verbindungslinien im Mittelmeer zu zerschneiden? Unsinn. Der Aufstand in Griechenland muß abgebrochen werden."
So geartete Geschichtsschreibung bedrohte Titos Prestige und jenen offiziellen Antistalinismus, der es dem Belgrader Staatschef und dem Stalin-Nachfolger Chruschtschow erleichtert hatte, sich nach dem Tode Stalins zu nähern. Trumpft Djilas auf: "In vieler Hinsicht setzen Chruschtschow und andere Stalin-Kritiker nur Stalins Werk fort."
Kaum hatte Titos Geheimpolizei erfahren, Djilas habe ein neues Buch geschrieben, da wurde der ehemalige Tito-Freund von ausgesuchten Staatsanwälten vernommen. Sie drohten ihm mit einer neuen Gefängnisstrafe. Anklage: Er habe sein Versprechen gebrochen, jede "schriftstellerische Tätigkeit gegen Jugoslawien" aufzugeben.
Djilas wurde weich und gestand, das Manuskript liege bei dem New Yorker Verlag "Harcourt, Brace and World". Flugs wurde der Leiter der jugoslawischen Informationsmission in New York angewiesen, mit Verlagschef William Jovanovich zu verhandeln und ihm das Manuskript abzukaufen.
Indes, Jovanovich lehnte zunächst ab. Als ihm jedoch dämmerte, daß Djilas jeden Augenblick wieder verhaftet werden könnte, erbot sich Jovanovich in einem Telegramm an seinen Autor, das Erscheinen des Buches hinauszuzögern.
Das Telegramm kam zu spät, der Haftbefehl gegen Milovan Djilas war bereits ausgestellt. Doch der gefängnisgewohnte Rebell tröstete sich: "Die Wahrheit bricht durch, mögen auch diejenigen, die für sie kämpfen, dabei untergehen."
Verhafteter Biograph Djilas
Stalin weinte

DER SPIEGEL 16/1962
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 16/1962
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

JUGOSLAWIEN / DJILAS:
Schlucken, schlucken

  • Das Brexit-Cover-Wunder: "Three Lions" und eine schräge Stimme
  • US-Amateurvideos: Schneeballgroße Hagelkörner ängstigen Hausbewohner
  • Brexit: Das Drama in Shakespeares Geburtsstadt
  • Brexit: Parlament erzwingt Abstimmung über Alternativen