18.04.1962

BERLINHarte Zeiten

Berlins populärster Fußballstürmer,
Helmut Faeder, hat sich vorgenommen, in der nächsten Spielsaison nicht mehr einen, sondern zwei Schienbeinschützer unter jeden seiner Strümpfe zu schieben. Faeder: "Die Spiele, werden bedeutend härter werden."
Anlaß dieser Vorsichtsmaßnahme ist, daß zum erstenmal in der Geschichte des offiziell bezahlten deutschen Fußballs eine ganze Liga künftig nach dem alten Preisboxer-Grundsatz "No fight no money" antreten soll: Die Berliner Vertragsliga-Arbeitsgemeinschaft will die Gehälter ihrer Spieler abschaffen und nur noch Siege oder unentschiedene Spiele mit Erfolgsprämien honorieren. Der Verlierer soll leer ausgehen:
Bisher war die Bezahlung der Westberliner Vertrags-Kicker nach dem vom "Deutschen Fußball-Bund" festgelegten Vertragspielerstatut geregelt. Sie kassierten ein Grundgehalt und Prämien, die zusammen ein Monatsentgelt von 400 Mark ausmachen durften.
Während jedoch im Bundesgebiet einige Vereine die vergangene Saison mit Millionenumsätzen abschlossen (Spitze: Hamburger Sport-Verein mit 3,2 Millionen Mark), stellte sich: jetzt in Berlin heraus, daß die Mehrheit der zehn Berliner Fußballklubs mit Vertragsspielern noch subventionsbedürftiger ist als die Berliner Wirtschaft.
"Wir haben Löcher in den Hosentaschen", erläuterte der führende Berliner Trainer Fritz Mauruschat die Eröffnung des Vertragsliga-Gehirntrusts, daß die Vereine - mit Ausnahme der Klubs "Tasmania", "Tennis-Borussia" und "Hertha-BSC" - den Spielern die vertraglich vereinbarten Gehälter von Beginn der nächsten Saison an nicht mehr zahlen können. Grund des daher generell beschlossenen Gehaltstopps: Ebbe in den Vereinskassen infolge mangelnden Publikumsinteresses. Schadenfroh, aber richtig verkündete die DDR -Presse denn auch, bereits den Bankrott des Westberliner Fußballsports.
Über die Ursachen des Zuschauerschwunds sind die Berliner Ballkundigen freilich uneins. "Die Spieler bringen den Trainingsfleiß nicht auf, der notwendig ist, um mit attraktiven Spielen die Zuschauer anzulocken", polterte Trainer Mauruschat. Die Fußballer böten dem Publikum derart miserable Leistungen, daß sie "in Wirklichkeit noch Geld mitbringen müßten". Kugelschreiber-Kaufmann Eberhard Wensky, Vorsitzender der Vertragsliga-AG, hält dagegen Walter Ulbricht für eden Schuldigen. Wensky": "Die Mauer am 13. August gab den Ausschlag."
Tatsächlich vermochten sich die Berliner Klubs, denen jetzt der Ruin droht, vor Errichtung der Ulbricht-Mauer gerade noch über Wasser zu halten. Zwar wirkte sich immer stärker aus, daß Berlins Fußballsport "im eigenen Saft schmorte" (so Wensky), weil er sich über
die Stadtgrenzen hinaus kaum entfalten konnte. Das Leistungsniveau der Westberliner Balltreter blieb daher zwangsläufig hinter den Spielkünsten ihrer Kollegen in der Bundesrepublik zurück.
Immerhin vermochten die Westberliner Fußballfunktionäre ihr Publikum, das durch den eintönigen Verlauf der Meisterschaft offenkundig gelangweilt war und nach anderer Kurzweil suchte, schon vor vier Jahren an einer Massenflucht
von den Fußballplätzen zu hindern. Sie boten ihm eine neuartige Form der Meisterschaftsaustragung, indem sie pro Verein außer den üblichen Heim- und Auswärtsspielen jeweils einen dritten Kampf um Fußballpunkte auf neutralem Platz ansetzten.
Da mithin bei diesen dritten Spielpaarungen der Meisterschaftsrunde keine der beteiligten Mannschaften einen Platzvorteil besaß, wurden die Fußball -Konsumenten noch einmal neugierig. Erfolg der Maßnahme: In der ersten derart aufgestockten Saison (1958/59) schritten 250 000 Zuschauer mehr als vorher durch die Drehkreuze der Vereinskassen.
Zwar schwand der Reiz allmählich wieder. Die Vereine konnten jedoch ihren Spielern die vereinbarten Grundgehälter (zwischen 50 und 160 Mark), die sogenannte Aktivitätszulage von 10 Mark und Prämien bis zum zulässigen Gesamtentgelt von 400 Mark monatlich immer noch zahlen.
Dann aber sperrte Ulbricht mit der Errichtung seiner Mauer über 100 000 Ostberliner Stammgäste aus, die in jeder Saison nach Westberlin gekommen waren. Westberlins Fußball-Manager sahen die Finanzgrundlage ihrer Vertragsspieler nunmehr ernsthaft erschüttert.
Um dennoch am Ball zu bleiben und zugleich das Westberliner Publikumsinteresse anzuheizen, faßten sie das Problem dort an, wo sie es nach Meinung Berliner Fußballkritiker schon längst hätten anpacken sollen: bei den Spielergehältern.
"Jetzt geht es ihnen an das Portemonnaie, und vielleicht frischt das ihren Eifer auf", kommentierte der Berliner "Tagesspiegel" den drohenden finanziellen Aderlaß der "Herren Fußball -Cracks". Der "Berliner Morgenpost" freilich schien zweifelhaft, ob Berlins Fußball-Notprogramm, das nur erfolgreichen Mannschaften Geld zugestehen will, "schlummerndes Können zu aktivieren vermag". Überdies sieht das Blatt die Gefahr, daß sich namhafte Berliner Ballkünstler nach Westdeutschland absetzen. Auch "Tasmania"-Stürmer Peter Engler befürchtet: "Gute Spieler werden abwandern."
Diese Bedenken teilt Vertragsspieler -Präses Wensky nicht. Sein Argument: "Keiner geht weg, denn Berliner Spieler sind erdgebunden." Wensky ist überzeugt, daß sein Prämiensystem die Faulpelze unter den Spielern anstacheln, den Spielbetrieb beleben und das Publikumsinteresse neu entfachen wird. Wensky: "Der fleißige Spieler wird dem faulen schon auf die Füße treten."
Zahlreiche Berliner Fußballer rechnen freilich eher mit Fußtritten aus der Gegenpartei. Mutmaßte, Stürmer Engler: "Wenn jeder um sein Geld kämpfen muß, wird es kaum bessere Spiele geben, aber bestimmt mehr Verletzte." Und Berlins Fußball-Idol Faeder vom traditionsreichen Verein "Hertha BSC" prophezeite: "Da wird unheimlich gekloppt. Dann hauen die natürlich nach allem, was sich bewegt."
Wensky: "Ich würde das sehr begrüßen. Fußball ist Männersport."
Berliner Fußballer Faeder
Wer verliert ...
Berliner Fußball-Präses Wensky
... soll nichts verdienen

DER SPIEGEL 16/1962
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