25.04.1962

DICHTUNG / HAUPTMANN-NACHLASS Ungeheures durchgemacht

"Bedeutende und ergreifende Stunden", so sagt er, erlebte der Berliner Professor Hans-Egon Hass im Spätsommer 1960 in einem Haus in Ronco bei Ascona im Tessin.
Der Hausherr, Dr. Benvenuto Hauptmann, heute 61, jüngster von vier Söhnen, einziger Sproß der zweiten Ehe Gerhart Hauptmanns und Erbe des Dichters, hatte dem Germanisten Hass zum erstenmal Einblick in die literarische Hinterlassenschaft Hauptmanns, das sogenannte Hauptmann-Archiv, gewährt.
Dem Philologen gingen die Augen über. In den Fächern des antiken Schrankes, den Benvenuto Hauptmann ihm aufgetan hatte, erschaute Hass "einen meerhaft grenzenlosen Reichtum": Skripte veröffentlichter und bisher ungedruckter Werke, Fragmente, Entwürfe, Notizen und Tagebücher Gerhart Hauptmanns, insgesamt einige Hunderttausend Blätter und Zettel - von der kompletten "Atriden-Tetralogie" ("Iphigenie in Aulis" in neun Fassungen) herab bis zum Entwurf eines Kalifen-Dramas, "Situl Hassan", von zahlreichen "Florian Geyer"-Varianten bis zum Film-Exposé "Traugott Dinnebeil", vom "Narr in Christo Emanuel Quint" und vom "Buch der Leidenschaft" bis zu den Novellenfragmenten "Ein linker Kunde", "Die Rose von Dromsdorf" und "Lenchen Ziergiebel".
Der Berliner Professor sah Schriften mit den Titeln "Demeter", "Die Wiedertäufer", "Berlin", "Krieg", "Bismarckhaar", "Berthold Baßfreund", "Der neue Christophorus", "Galahad oder die Gaukelfuhre".
Und er las auch die Randglossen, die Gerhart Hauptmann in sein Exemplar von Thomas Manns "Zauberberg" mit dem Bleistift gekritzelt hatte - Kommentare zu jenen Stellen, in denen Mann Hauptmann als dionysisch stammelnden "Mynheer Peeperkorn" porträtiert. Zu der "Zauberberg"-Szene, in der Peeperkorn, schwer betrunken, das Leben als "ein hingespreitet Weib ... mit schwellenden Schenkeln" preist, merkte Hauptmann an: "Und diesem idiotischen Schwein soll ich gleichen?"
Professor Hans-Egon Hass, 46, Ordinarius für Neuere Deutsche Philologie an der Freien Universität Berlin, war im April 1960 vom Berliner Propyläen-Verlag zum Herausgeber einer "kritisch revidierten" Gesamtausgabe der Werke Hauptmanns bestellt worden. Die Neuedition sollte auch bisher Unveröffentlichtes aus dem Nachlaß enthalten.
Philologe Hass durfte sein Spätsommer-Erlebnis in Benvenuto Hauptmanns Haus am Kirchplatz von Ronco durchaus als denkwürdig empfinden: Der Hauptmann-Erbe hatte die nachgelassenen literarischen Wertpapiere seines Vaters fünfzehn Jahre lang der interessierten Öffentlichkeit und der einschlägigen Wissenschaft auf oft wunderliche Weise vorenthalten, zeitweilig sogar ihren Standort verheimlicht.
Nun aber hatte Benvenuto Hauptmann Prüfung und Publikation des Nachlasses gestattet: Professor Hass sichtete die Manuskripte und Typoskripte, markierte das von ihm zur Veröffentlichung ausgewählte Material mit Fäden roter Strickwolle, die er im Kramladen um die Ecke erstand, fuhr nach Berlin zurück und kam bald mit Gehilfen und Geräten der Berliner "Kleopatra Photo-Werkstätten für Werbung und Technik" wieder, die in zwei Monaten 22 000 Seiten Hauptmann-Texte photokopierten.
Denn aus dem Hause geben, gar nach Berlin, wollte der Erbe seinen Schatz auch jetzt nicht. Erst unlängst sorgte Benvenuto Hauptmann für noch stärkere Sicherung des "Archivs". Er bettete den bislang in Holz gehüteten Literatur-Hort in neun wasserdichte Aluminiumbehälter um. Damit nicht genug: Verläßt Dr. Benvenuto seinen Tessiner Wohnsitz für längere oder auch kurze Zeit - er unterhält noch eine Wohnung am Englischen Garten in München -, so pflegt er die gehaltvollen Leichtmetallkisten in einem Banksafe in Ascona zu deponieren; zurück, läßt er sie jeweils gleich wieder hochkommen.
Im Germanischen Seminar in Berlin-Dahlem sortierte Professor Hass mit seinen Assistenten die Hauptmann-Photokopien in einige Schock bunter Leitzordner ein. Rot: Dramatik und Filmentwürfe; grün: Prosa-Epik und Autobiographie; blau: Lyrik und Vers-Epen; grau: Essays und Reden.
Vierzehn Jahre nach dem Tode Gerhart Hauptmanns, zwei Jahre vor der hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages am 15. November 1962 und dem aus diesem Anlaß zu erwartenden Gedenkauftrieb konnte endlich die Arbeit an einer philologisch stichhaltigen, auch den Nachlaß berücksichtigenden neuen Hauptmann-Gesamtausgabe beginnen.
Der immense Umfang des Hauptmann-Nachlasses erklärt sich nicht nur aus der Produktivität, sondern auch aus der legeren Gewohnheit des Dichters, seine Werke nicht selbst niederzuschreiben, sondern sie, oft mehrfach neu ansetzend, Sekretärinnen und Sekretären zu diktieren. Hauptmanns "allzu fruchtbares Schaffen", schrieb schon der Literaturhistoriker Fritz Martini, sei mit einem "gewissen Versagen der Selbstkritik" bezahlt worden, beim späten Hauptmann habe "vor allem das dichterische Sprachvermögen bedenklich nachgelassen". Auch Professor Hass erklärt, daß die philologische Bedeutung des Nachlasses - "Einblick in ein unerhört fruchtbares Werkstattleben" - den künstlerischen Eigenwert der meisten unveröffentlichten Texte übertreffe.
Die ungewöhnliche Nachlaß-Quantität schloß eine sogenannte historisch-kritische Ausgabe, eine wissenschaftlich kommentierte Totaledition, für absehbare Zeit aus. Sie würde, laut Professor Hass, etwa 50 Bände zu je 1200 Seiten erfordern, kaum zu finanzieren und so gut wie unverkäuflich sein.
Statt dessen wurden zehn Dünndruckbände zu je 1200 Seiten geplant. Drei Bände, darunter ein Band bisher unveröffentlichter Dramen und Dramenfragmente - er wird unter anderem die Stücke und Teilstücke "Germanen und Römer", "Christiane Lawrenz", "Grönlandtragödie", Entwürfe zu einem Jesus-Drama und einem Tristan-und-Isolde-Stück "Wenn der Hirsch schreit" enthalten -, sollen noch im Hauptmann-Gedenkjahr, rechtzeitig zum 15. November, auf den Büchermarkt kommen. Komplett soll die sogenannte Centenarausgabe des Propyläen-Verlages Ende 1964 vorliegen. Drei Bände werden mit Nachlaßtexten gefüllt.
Erstmals veröffentlicht werden ein bisher ungedruckter Teil des kaschiert autobiographischen Romans "Buch der Leidenschaft" und die Erzählung "Siri", in denen Hauptmann seine Liebesaffäre mit der 27 Jahre jüngeren Schauspielerin Ida Orloff, dem Vorbild der dämonischen Titelheldin des Märchenspiels "Und Pippa tanzt!", verarbeitet hat.
Ehefrau Margarete Hauptmann, die Heldin des "Leidenschaft"-Buches, hatte 1930 die Veröffentlichung der Orloff-Episode - Hauptmanns Text war schon gesetzt - unterbunden. 1948 verhinderte sie auch eine Buchausgabe der Briefe Hauptmanns an Ida Orloff. Ein Sohn der Schauspielerin, der Schriftsteller Heinrich Satter, hatte die Briefe im Schweizer Classen Verlag herausgeben wollen. Als Satter die Hauptmann-Briefe an "Iduschka" ("So streichle ich Dich, ungezogener Liebling, und küsse Deine Hände") später teilweise in der "Frankfurter Illustrierten" publizierte, schritt die Dichter-Witwe Margarete indes nicht ein.
Mit der Schranköffnung von Ronco und der Nachlaß-Sichtung durch Professor Hass kündigte sich nun auch das Ende einer Fehde an, die jahrelang von Hauptmann-Freunden und Hauptmann-Experten mit hartnäckiger Erbitterung gegen den Hauptmann-Erben Benvenuto geführt worden war. Die Fehde hatte sich an der eigentümlich besitzergreifenden und zurückhaltenden Art seiner Nachlaßpflege entzündet. Immer wieder war dem Dichter-Sohn öffentlich vorgeworfen worden, sich am väterlichen Werk und Willen, an der Wissenschaft und an der deutschen Nation versündigt zu haben.
Klagt Benvenuto Hauptmann heute: "Man hat mich sogar als geistigen Mörder meines Vaters hingestellt."
Tatsächlich attackierte zum Beispiel Willy Haas den "unglückseligen und übelberatenen Benvenuto Hauptmann" noch 1959 in der "Welt": "Die eigene Familie des Dichters aus zweiter Ehe hat die Unsterblichkeit dieses großen Mannes, Gerhart Hauptmann ... brutal abgewürgt und getötet. Diese Familie hat die Herausgabe des Nachlasses ... der guten Hälfte seines Lebenswerkes bis zum heutigen Tage verhindert, den Nachlaß vermutlich für Geld und gute Worte in irgendeiner Versenkung verschwinden lassen und dadurch das organische Weiterleben und Weiterschwingen des Genies jäh abgerissen."
Haas: "So etwas ist noch nie dagewesen: Es ist ein geistiger Mord, der leider von keinem Gesetzbuch der Welt gestraft wird."
Indes, nicht nur von alten Hauptmann-Herolden wurde Hauptmanns Jüngster bedrängt, seit er sich des väterlichen Erbes angenommen hatte. Auch in der Familie gab es bösen Streit. Seit nun schon mehr als zehn Jahren tobt - durch nicht wenige juristische Instanzen - ein Bruderzwist im Hause Hauptmann, dessen tiefere Ursachen in der Biographie des Dichters und im vergangenen Jahrhundert liegen.
Der 41jährige Gerhart Hauptmann war 1904 nach 19jähriger Ehe und zehnjähriger Ehekrise von seiner ersten Frau Marie, geborene Thienemann, geschieden worden. Er hatte mit ihr drei Söhne: Ivo, Eckart, Klaus. Nach der Scheidung von Marie ehelichte Hauptmann seine 29jährige Geliebte, die Geigerin Margarete Marschalk, und legitimierte seinen und ihren vierjährigen Sohn Benvenuto. In dem 1930 erschienenen Roman "Buch der Leidenschaft" beschrieb Hauptmann, kaum verschlüsselt, seine Privataffäre. Er selbst figuriert in dem larmoyanten Bekenntniswerk als "Titus", die erste Frau Marie als "Melitta", Scheidungsgrund Margarete als "Anja".
Margaretes Sohn Benvenuto (zu deutsch: der Willkommene) wird im "Buch der Leidenschaft" als "Manfred Diodatus" (der Gottgegebene) umschrieben. Über ihn heißt es: "Niemals wurde ein Erdenbürger von seiner ersten, geheimnisvollen Anmeldung an bis zu seinem Eintritt in die Welt mit größerer Freude willkommen geheißen."
Die geschiedene Marie Hauptmann starb 1914 in Hamburg. Sohn Ivo wurde Maler, Eckart und Klaus wurden Kaufleute. Ihr Verhältnis zur zweiten Familie des Vaters war von Anfang an gespannt.
Margarete Hauptmanns einziger Benvenuto wuchs prinzlich auf. Privatlehrer bewahrten ihn vor den Unannehmlichkeiten des Schulbesuchs, und auch die Mühen und Härten des bürgerlichen Berufslebens blieben ihm von Hause aus immer erspart. Früh schon, in den zwanziger Jahren, chauffierte er einen eigenen Wagen, gern wohnte er im Berliner Nobelhotel "Adlon", zeitweilig bezog er vom Vater - so erinnert sich der Hauptmann-Freund Erich Ebermayer - monatlich 5000 Mark Taschengeld.
1924 promovierte Benvenuto in Heidelberg über das Thema "Internationale Verschiebungen in der Ölfrage seit Beendigung des Weltkrieges". Halbbruder Ivo behauptet: "Ein Schwager meines Bruders Klaus schrieb ihm die Dissertation."
Vorübergehend sah sich Benvenuto Hauptmann in Stresemanns Auswärtigem Amt etwas um. Während des Zweiten Weltkriegs figurierte er als Dramaturg unter Heinz Hilpert am Wiener Josefstadt-Theater und entging der Einberufung. Er heiratete viermal, unter anderem eine Prinzessin zu Schaumburg-Lippe. Diese Ehe währte drei Monate. Seit 1942 ist er mit einer Tochter des Dirigenten Max von Schillings verheiratet, hat einen Sohn Arne und eine Tochter Anja und lebt von den immer noch reichlich, im Gedenkjahr 1962 gewiß reichlicher, einlaufenden Hauptmann-Tantiemen. Außerdem übersetzte er Werke von Joseph Conrad und Rudyard Kipling.
Am 16. Juli 1943 hatte Gerhart Hauptmann ein Testament gemacht - Urkunden-Rolle Nr. 294/43 des Notars Dr. Reier in Hirschberg, Schlesien -, in dem er seine zweite Frau Margarete zur Alleinerbin bestimmte. Der Dichter verfügte: "Sie ist demgemäß auch die Verwalterin und Betreuerin meiner geistigen Hinterlassenschaft. Sollte meine Ehefrau Margarete geb. Marschalk vor mir versterben, so ernenne ich zum Ersatzerben meinen Sohn Dr. Benvenuto Hauptmann in Wien."
Hauptmann setzte seine vier Söhne - Ivo, Eckart, Klaus aus erster, Benvenuto aus zweiter Ehe - als sogenannte Vermächtnisnehmer ein, die je 12,5 Prozent der Einkünfte aus Theateraufführungen, Buchverkäufen, Verfilmungen und anderer Copyright-Verwertung erhalten sollten, jeweils vierteljährlich von der Nachlaßverwaltung abzurechnen. 50 Prozent der Tantiemen flossen der Witwe Margarete zu.
Zu Testamentsvollstreckern ernannte der Dichter seine Söhne Eckart und Benvenuto. Sie sollten der Erbin bei der Nachlaßverwaltung "zur Seite stehen" und dafür sorgen, "daß meine Gedankengänge, die ... letztwillig niedergelegt sind, unbedingt durchgeführt werden". Diese Gedankengänge Hauptmanns betrafen vor allem auch das Schicksal seiner literarischen Hinterlassenschaft, die der Dichter in einer oder anderer Form "Zwecken der Forschung und Volksbildung zur Verfügung gehalten" wissen wollte. Bei Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Testamentsvollstreckern, so ordnete Hauptmann an, "entscheidet diese (Streitigkeiten) nach Anhörung beider Teile mein Erbe mit verbindlicher Kraft".
Die Meinungsverschiedenheiten - hie Ivo, Eckart und Klaus, hie Erbin Margarete und Benvenuto - ließen nach dem Tode des Dichters (6. Juni 1946) nicht lange auf sich warten.
Eckart Hauptmann kam gar nicht erst dazu, seine Rechte wahrzunehmen. Die Witwe und ihr generalbevollmächtigter Sohn Benvenuto erteilten ihm keine Auskünfte über den Nachlaß und strengten ein Verfahren an, durch das er als Mittestamentsvollstrecker abberufen werden sollte.
Nachdem Eckart Hauptmann in Dinkelsbühl als NS-Mitläufer eingestuft worden war, beschuldigte die Alleinerbin Margarete Hauptmann ihn, Auslandsvermögen Gerhart Hauptmanns verheimlicht, zurückbehalten und mit seinen Brüdern Ivo und Klaus geteilt zu haben. Sie verklagte ihn auf Rechnungslegung und Herausgabe der Auslandswerte. Gleichzeitig stoppte sie die Auszahlung der dem Vermächtnisnehmer Eckart zustehenden 12,5-Prozent-Tantiemenanteile, was wiederum den Eckart gegen die Stiefmutter klagen ließ.
Gerhart Hauptmann, seit dem sozialanklägerischen Schauspiel "Die Weber" (1893) weltberühmt und 1912 mit dem Nobelpreis dekoriert, hatte beträchtliche Bankkonten in Holland und der Schweiz geführt, die dem Zugriff deutscher Finanzbehörden entzogen waren. Am 18. Juli 1931 teilte der Dichter den ausländischen Banken mit, Eigentümer des Geldes und der Wertpapiere sei von sofort an sein Sohn Eckart, der als AEG-Direktor in Amsterdam lebte. Am nächsten Tag trat in Deutschland eine Verordnung gegen die Kapital- und Steuerflucht in Kraft.
Ivo Hauptmann - der heute 76jährige Maler und Kunstdozent lebt in einem Miethaus in Hamburg-Eppendorf, in dem auch sein jüngerer Bruder Klaus wohnt - erinnert sich, daß Vater Gerhart dem Sohn Eckart 1939 in Rapallo aus Angst vor den verschärften Devisenbestimmungen der Nazis die Vernichtung aller Unterlagen über die Transaktion von 1931 angeraten habe. Eckart Hauptmann, heute Industriekaufmann in Wiesbaden, entgegnete auf die Beschuldigungen der Dichter-Witwe Margarete unter anderem, daß er die ihm übertragenen Auslandsgelder im wesentlichen dem Vater bei dessen Auslandsreisen zur Verfügung gestellt habe.
Die siebzehnbändige "Ausgabe letzter Hand" der Werke Hauptmanns, die 1942 im S. Fischer Verlag erschien und in Haarlem gedruckt wurde, kam nur durch die Hilfe Eckart Hauptmanns zustande. Der Amsterdamer AEG-Chef hatte holländisches Papier für den Druck besorgt, nachdem Goebbels die Papierzuteilung verweigert hatte.
Margarete Hauptmann starb, 82jährig, Anfang 1957 in Ebenhausen bei München. Zwei Jahre vorher hatte sie für ihre Verdienste um die Pflege des Hauptmannschen Geisteserbes das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen. Sohn Benvenuto war Alleinerbe der Alleinerbin des Dichters und bezog nun 62,5 Prozent der Hauptmann-Tantiemen.
Gemäß einer väterlichen Testamentsklausel konnte er freilich als Erbe seiner Mutter nicht länger mehr Testamentsvollstrecker Gerhart Hauptmanns sein. Das Nachlaßgericht hatte an seiner Stelle einen neuen Testamentsvollstrecker zu ernennen.
Wieder gab es Streit: Der von Benvenutos Seite vorgeschlagene Spielcasino-Direktor Dr. Hartmann Freiherr von Richthofen, Vorstandsmitglied einer 1952 in Baden-Baden gegründeten Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft, wurde von den Rechtsvertretern des Mittestamentsvollstreckers Eckart Hauptmann abgelehnt. Den später von dieser Seite als Mitvollstrecker offerierten Hamburger Oberstaatsanwalt (heute Generalstaatsanwalt) Ernst Buchholz lehnte wiederum die Benvenuto-Partei ab.
Später einigten sich beide Seiten auf den Senatspräsidenten am Bundesverwaltungsgericht Berlin, Helmut Külz, und den Münchner Oberregierungsrat Karl Bölsche als neue Testamentsvollstrecker. Karl Bölsche ist ein Sohn des Schriftstellers und Gerhart-Hauptmann-Freundes Wilhelm Bölsche ("Das Liebesleben in der Natur").
Andere Zwistigkeiten unter den Hauptmann-Hinterbliebenen entzündeten sich beispielsweise an den Spesen, die Benvenuto Hauptmann als Verwalter und "Repräsentant" des literarischen Vatererbes machte - etwa bei Verhandlungen mit Verlegern, Theater- und Filmleuten, auch bei Besprechungen mit Carl Zuckmayer in Arosa - und mit denen er die 12,5-Prozent-Anteile seiner Halbbrüder minderte. Ivo Hauptmann: "Mal 6500 Mark in einem Vierteljahr."
Besonders fuchste die Ivo-Eckart-Klaus-Partei, daß Bruder Benvenuto sogar Unkosten, die ihm aus den interfamiliären Prozessen erwachsen waren, als Nachlaß-Spesen verbuchte und damit wiederum auch seinen feindlichen Brüdern abzog. Versuche der Kontrahenten, den Nachlaßverwalter Benvenuto auf eine Spesenpauschale festzulegen, scheiterten.
Benvenuto Hauptmanns Ratgeber, der Jurist und Schriftsteller Professor Carl Haensel ("Der Kampf ums Matterhorn"), Präsident der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft, die das Vertrauen Benvenutos genießt, nennt die Spesen-Querelen "Bagatellen" und "Nadelstiche der anderen Seite, die sonst nichts machen kann". Haensel: "Es geht darum, ob man einem Theaterintendanten ein warmes oder kaltes Abendessen spendiert - ist doch lächerlich!"
Noch in diesem Jahr, erklärt Professor Haensel, werde wahrscheinlich der Hauptstreit zwischen Benvenuto und Eckart Hauptmann um Auslandsvermögen und Tantiemenzahlung beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe rechtskräftig entschieden. Dann ließen sich auch die nebenher laufenden "Bagatellen" bereinigen.
Benvenuto Hauptmann gibt sich im Hauptmann-Gedenkjahr versöhnlich gestimmt: "Von mir aus könnten alle Streitfälle längst beigelegt sein." Ivo Hauptmann hingegen, wie seine Brüder Eckart und Klaus im väterlichen Testament schlechter weggekommen und von der Betreuung des literarischen Hauptmann-Nachlasses ganz ausgeschaltet, ist unversöhnt. Margarete Hauptmann und ihr Sohn, meint des Dichters Erstgeborener, hätten stets versucht, das Andenken an die erste Frau und Familie Gerhart Hauptmanns auszulöschen.
Ivo Hauptmann: "Benvenuto will, daß wir nicht existieren. Aber wir existieren. Er existiert nicht. Er ist leer, deshalb hat er sich so an den Nachlaß geklammert."
Hauptmanns Jüngster, Benvenuto, findet es nur natürlich, daß ihm und nicht den Brüdern aus erster Ehe Nachlaß-Besitz und Nachlaß-Pflege anheimgefallen sind. Benvenuto Hauptmann: "Ich bin der literarische, Ivo ist Maler, Klaus kommt schon gar nicht in Frage, und Eckart ist Kaufmann. Ich habe ja immer mit meinem Vater über seine Werke gesprochen und ihm vorgelesen."
Die außerfamiliären Kontrahenten Benvenuto Hauptmanns hätten den Nachlaß freilich lieber nicht in Benvenutos Hand gesehen. So äußerte der Hauptmann-Freund und Veteran der Hauptmann-Philologie, Dr. Felix Alfred Voigt - er starb, 69jährig, vor kurzem in Würzburg -, 1949 "ernstliche Zweifel", ob der Nachlaß, den Benvenuto Hauptmann nach Kriegsende unter dramatischen Umständen an sich gebracht hatte, "wirklich noch vollständig zusammengeblieben ist".
Voigt forderte, daß durch den Mittestamentsvollstrecker Eckart Hauptmann, "der das volle Vertrauen aller am Nachlaß künstlerisch und wissenschaftlich interessierten Kreise genießt, unter Hinzuziehung einer unparteiischen, mit der Materie vertrauten Persönlichkeit eine Überprüfung des literarischen Nachlasses Gerhart Hauptmanns vorgenommen wird".
Die Forderung blieb unerhört, und fünfzehn Jahre lang eiferten die interessierten Kreise vergebens.
Begonnen hatte diese Affäre am 18. Dezember 1945. An diesem Tag erschien Dr. Benvenuto Hauptmann auf Schloß Kaibitz in der Oberpfalz, dem Domizil des Schriftstellers und Drehbuchautors Erich Ebermayer ("Befreite Hände"), und forderte die Herausgabe der dort in sieben großen Holzkisten lagernden Skripte des Hauptmann-Archivs. Hauptmann-Freund Ebermayer und der von Gerhart Hauptmann autorisierte Archivhüter Dr. C.F.W. Behl verweigerten dem Benvenuto die Auslieferung.
Am 2. Februar 1945 hatte Gerhart Hauptmann im "Haus Wiesenstein" im schlesischen Agnetendorf seinem "Eckermann"* Carl Friedrich Wilhelm Behl ("Zwiesprache mit Gerhart Hauptmann"), dem Redakteur der 1942 zum 80. Geburtstag Hauptmanns erschienenen "Ausgabe letzter Hand", eine Vollmacht erteilt: Behl durfte und sollte alle literarischen Dokumente des Archives vor der Bedrohung durch den von Osten heranrollenden Krieg sicherstellen - "nötigenfalls durch Fortschaffung von Agnetendorf".
Ende Februar - Hauptmann lag krank bei Dresden, dessen Bombardierung am 13. Februar 1945 er miterlebt hatte - wurde Behl durch einen Dr. Henning aus dem Goebbelsschen Propagandaministerium gezwungen, dem Abtransport des Hauptmann-Archivs auf einem Wehrmachtlastwagen von Agnetendorf "über Potsdam" zuzustimmen. Der Goebbels-Beamte versprach, die sieben Hauptmann-Kisten auf diesem Wege an das von Behl erstrebte Ziel zu bringen: nach Ebermayers Schloß Kaibitz.
Schon vorher hatte der Wehrmacht-Leutnant Dr. Albrecht Knaus 400 Liter Benzin aus dem Vorrat des LVII. Panzerkorps dem großdeutschen Endkampf entzogen und für die Rettung des Hauptmann-Archivs abgezweigt. Knaus war im Zivilberuf Lektor des Piper-Verlages - heute leitet er den Propylaen-Verlag, in dem die neue Hauptmann-Ausgabe erscheint.
Am 28. Februar 1945 kurvte der Lastwagen mit den Kisten vom Wiesenstein in den Hof von Schloß Kaibitz ein. Mitfahrer Henning überreichte dem verdutzten Schloßherrn Ebermayer ein Schreiben aus dem Goebbels-Ministerium, in dem es hieß, auf Wunsch des Herrn Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda werde dem Dr. Erich Ebermayer das Hauptmann-Archiv zu treuen Händen in Verwahr gegeben, gleichzeitig erlaube sich der Unterzeichnete - Ministerialdirigent Wilfrid Bade von der Presseabteilung der Reichsregierung -, auch einige eigene Kisten und einige Kisten von Kameraden beizufügen.
Ebermayer stellte die Hauptmann-Kisten nebst ministeriellem Beipack im Obergeschoß seines Schlosses unter. Knapp zwei Wochen später traf Hauptmann-Bevollmächtigter Behl in Kaibitz ein, nahm das Archiv wieder in seine Obhut und in der Nähe von Kaibitz Wohnung.
Behl, von Hause aus Jurist, hatte bereits 1943 im Auftrag des Verlegers Peter Suhrkamp, im Kontakt mit Hauptmann und in gemeinsamer Arbeit mit dem Oberstudiendirektor a.D. Voigt, eine "zweite Abteilung" der "Ausgabe letzter Hand" vorzubereiten begonnen. Sie sollte als sogenannte Werkstattreihe die bisher unveröffentlichten Texte des Hauptmann-Archivs enthalten. Verleger Suhrkamp schätzte diese Werkstattreihe auf noch einmal siebzehn Bände.
Mitte April 1945 wurde Behls Archiv-Arbeit unterbrochen. Die Amerikaner rückten in Kaibitz ein und besetzten Ebermayers Schloß. Ebermayer mußte ins Verwalterhaus ausweichen und durchlitt dort "achtundvierzig nervenpeinigende Stunden": Die GIs hatten im Schloßpark ein Feuer gemacht, das sie ununterbrochen mit irgendwelchen Papieren fütterten - verloderte dort der Hauptmann-Nachlaß? Erich Ebermayer: "Ich sah vom Fenster des Verwalterhauses zu, machtlos, denn sobald wir uns näherten, senkten sich die MPs."
Nach dem Abzug der Amerikaner stellte sich heraus: Die Soldaten hatten den Weinkeller geleert und alle Kisten im Obergeschoß erbrochen, den Inhalt durchwühlt und verstreut. Voller Entsetzen sah Ebermayer das umhergestreute Hauptmann-Schrifttum mit Papieren und anderem Inhalt aus den Kisten des Ministerialdirigenten Wilfrid Bade vermischt. Ein Brief mit der Anrede "Mein lieber Bade" trug die Unterschrift "Ihr Heinrich Himmler". Andere Schreiben stammten von Goebbels, Göring, Heinrich George, den Schriftstellern Johst und Blunck. Sie lagen neben Entwürfen Hauptmanns zu "Hanneles Himmelfahrt". Auch Windeln, so sah man jetzt, hatte der Ministerialdirigent eingepackt.
Indes, die Hauptmann-Papiere waren vollzählig erhalten geblieben. Verschwunden war jedoch der Inhalt einer eisernen Kassette: Silberbesteck und ein Bündel handgeschriebener Liebesbriefe Hauptmanns an Margarete Marschalk, seine spätere zweite Frau. Frau Hauptmann selbst hatte die Kassette in Agnetendorf gepackt und verschlossen. Aufgebrochen und leer fand Ebermayer sie in einem Winkel des weitläufigen Schloßraumes.
Als Benvenuto Hauptmann auf Ebermayers Kaibitzer Schloß kam, war das Hauptmann-Archiv schon wieder leidlich aufgeräumt. Dennoch empfand er die Situation als "erschreckend", erlitt einen "psychischen Schock" und beschloß, das Archiv der Obhut Behls und Ebermayers zu entziehen und es "in Verantwortung damals noch gegenüber den Eltern... nach dem Innern hin zu verlegen, nicht zuletzt aus Gründen der Sicherheit, da die Truppenbewegungen an der nahen östlichen Zonengrenze noch nicht zum Stillstand gekommen waren".
Doch der unwillkommene Benvenuto blitzte ab. Behl pochte auf die ihm von Gerhart Hauptmann erteilte Vollmacht - der Dichter lebte noch - und auf den Auftrag des Verlegers Peter Suhrkamp.
Nun suchte Benvenuto Hauptmann bei der örtlichen Militärregierung Schützenhilfe - vergebens. Darauf fuhr er mit einem Taxi von Kaibitz nach Regensburg (120 Kilometer), erwirkte dort eine amerikanische Ermächtigung zum Abtransport der Archiv-Kisten, kehrte per Taxi nach Kaibitz zurück, wies das US-Dokument vor, lud die Kisten auf einen schon vorher beschafften Lastwagen, quittierte Behl die Abnahme und entschwand.
Damit begann das, was Benvenuto Hauptmann als "Sicherstellung" des Archivs "in den Wirren der Nachkriegszeit" und als umsichtig abwartende Nachlaßpflege bezeichnete. Seine Kritiker aus dem Kreis der alten Hauptmann-Freunde nannten es anders. Der Hauptmann-Biograph Hans von Hülsen ("Freundschaft mit einem Genius") schrieb, wo er nur konnte, Benvenuto habe den von seinem Vater "dem deutschen Volke" zugedachten Nachlaß "verborgen gehalten wie einen geraubten Schatz". C. F. W. Behl beklagte als Folge dieses Verfahrens: "Wissenschaftliche Beschäftigung war ausgeschaltet."
Immer wieder führten die Hauptmann-Eckermänner das Testament des Dichters gegen den Sohn ins Feld. Wirklich hatte Gerhart Hauptmann im Jahre 1943 letztwillig verfügt, daß seine literarische Hinterlassenschaft "als wertvolles Kulturgut in geschlossener Form erhalten bleiben" und "Zwecken der Forschung und Volksbildung zur Verfügung gehalten werden" sollte.
So eindeutig diese Bemerkungen gegen ein privates Zurückhalten des Nachlasses sprachen, so wenig eindeutig wurden die Erben allerdings durch eine nachfolgende Erläuterung Hauptmanns festgelegt: "Ich stelle meinen Erben und Testamentsvollstreckern anheim ... zu erwägen, ob es sich empfiehlt, die in dem Archiv zusammengefaßten Schriftstücke einer oder mehreren Treuhandstellen, deren Träger eine juristische Person des öffentlichen Rechts ist, zum Beispiel Universitäten, oder auch einer besonders zu schaffenden juristischen Person des Privatrechts ... anzuvertrauen."
Der Hamburger Rechtsanwalt Dr. Walter Roth, früher in Hirschberg, Schlesien, ansässig, erinnert sich freilich heute, daß Gerhart Hauptmann das Archiv jedenfalls nicht seinen Söhnen hinterlassen wollte. Roth beriet Hauptmann schon 1934 bei testamentarischen Überlegungen: "Ich fragte ihn, ob er das Archiv seinen Söhnen vermachen wolle, und er sagte ausdrücklich nein."
Der Anwalt, der beim Finanzamt in Hirschberg erwirkt hatte, daß Hauptmann seine regelmäßigen Italienreisen von der Steuer absetzen konnte - Roth: "Ich machte denen klar, daß er nur in Italien dichten konnte" -, reiste 1934 im Auftrag des Dichters nach Weimar, um dort für ihn die Praxis der Goethe-Gesellschaft und ihrer Goethe-Nachlaßpflege zu studieren: Hauptmann wollte es auch in Sachen Nachlaß einmal so wie Goethe haben.
Benvenuto Hauptmann rechtfertigte seine Art der Nachlaßpflege 1959: "Heute nun haben sich Maßnahmen als richtig erwiesen, derentwegen meine Mutter und ich in unserer Haltung immer wieder angegriffen worden sind von seiten der alten Mitarbeiter von Hauptmann, die sich als geistige Erben fühlen ... Es galt und gilt ... hauszuhalten mit einem geistigen Gut nach dem Tode des Schöpfers und auf die günstige Konstellation zu warten und am Zustandekommen dieser Konstellation zu wirken, um die Herausgabe der Hinterlassenschaft nur in wahrhaft berufene Hände zu legen."
Nachdem Benvenuto Hauptmann das väterliche Geistesgut den Händen Behls in Kaibitz entwunden hatte, brachte er die Archiv-Kisten nach Garmisch-Partenkirchen in die Villa des mit der Familie Hauptmann befreundeten Komponisten Richard Strauß. Dort, "im Landesinnern", wie er sagte, schienen sie ihm zunächst sicher.
Am 5. Mai 1946 beantwortete der 83jährige, todkranke Gerhart Hauptmann vom polnisch okkupierten Agnetendorf aus einen Brief Benvenutos aus Bayern. "Du hast Ungeheures durchgemacht", schrieb der Vater an den Sohn, der das Kriegsende heil und zivil in Oberhaselbach bei Passau überstanden hatte. "Es ist seit einem Jahr Dein erstes Lebenszeichen, aber soviel Du gelitten hast, umso viel reicher ist Dein Geist geworden und das Geschenk Deiner Seele an Bocchi** und mich."
Benvenuto veröffentlichte den, mit "Paps" unterzeichneten Brief später in der "Frankfurter Allgemeinen".
Er hatte seinen Vater zum letztenmal am Tage des Dresdner Bombardements gesehen, ehe er sich mit seiner eigenen Familie in den Bayrischen Wald absetzte. "Ich war krank, und der Volkssturm war hinter mir her", erklärte er 1959 einem Interviewer. Gerhart Hauptmann starb am 6. Juni 1946 in seinem Haus Wiesenstein - er nannte es "die mystische Schutzhülle meiner Seele" - in Agnetendorf. An der Beisetzung auf der Ostseeinsel Hiddensee am 28. Juli 1946 nahm Sohn Benvenuto nicht teil.
Er traf etwas später in Berlin mit seiner Mutter Margarete zusammen und betrieb den Abtransport der im sowjetischen Besatzungsbereich lagernden Teile des Hauptmann-Erbes. In dem von Russen und Polen genehmigten Sonderzug, mit dem der Sarg Gerhart Hauptmanns von Schlesien an die Ostsee befördert worden war, hatte die Witwe und Alleinerbin des Dichters Millionenwerte mitführen dürfen, Hausrat und Kunstgegenstände vom Wiesenstein, Bücher und Münzsammlung des Dichters, eine ihr von Hauptmann geschenkte Stradivari. Nachbarn der Hauptmanns hatten eigene Wertgegenstände in den Transport geschmuggelt. In Agnetendorf zurückgeblieben war unter anderem eine 60 Zentner schwere "Hannele"-Figur des Reichsparteitag-Plastikers Thorak.
Die von Margarete Hauptmann mitgenommenen Wertgegenstände waren zum Teil in zwei großen Garagen in Müggelheim untergestellt worden. Die sowjetische Militärverwaltung hatte der Dichter-Witwe ein Haus im russischen Sektor Berlins zugewiesen.
Der US-Zonale Benvenuto leerte die Müggelheim-Garagen nicht ganz, sondern ließ einen Teil der Hauptmann-Werte dem Osten - "for show", wie er später erklärte. Benvenuto Hauptmann: "Ich sagte zu meiner Mutter: ,Wir wollen ihnen nicht alles nehmen, sonst wird es noch zu einer politischen Affäre.'"
Dazu wurde es dann aber doch. 1947 schlug Johannes Robert Becher, damals Präsident des "Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands", späterer DDR-Kulturminister, dem Hauptmann-Sohn vor, den Hauptmann-Nachlaß in einem der Berliner Schlösser unterzubringen. Frau Margarete sollte dieser zentralen Gedenk- und Forschungsstätte als Direktorin vorstehen. Bechers Brief blieb unbeantwortet. Benvenuto Hauptmann heute: "Wegen des Archivs hätten die Amerikaner keinen Krieg geführt."
1949 wurde aufgrund einer Anzeige Benvenuto Hauptmanns vor dem Ostberliner Schöffengericht in Köpenick ein Masseur namens Metzkow angeklagt, sich an den im Leichenzug Hauptmanns geschmuggelten Besitztümern der Hauptmann-Nachbarn vergriffen zu haben. Metzkow hatte Hauptmann in Dresden und Agnetendorf gepflegt. Der schlesische Schriftsteller Gerhart Pohl, der am Sarge des Dichters einen Nekrolog gesprochen hatte, entlastete den Masseur.
Metzkow kam straflos davon. Pohl beschuldigte seinerseits den nicht anwesenden Benvenuto Hauptmann, durch jene Müggelheim-Aktion "das Bemühen der Deutschen Demokratischen Republik" um Errichtung einer repräsentativen Hauptmann-Gedenkstätte "sabotiert" zu haben.
Pohl lieferte dem Gericht auch gleich eine Charakterstudie des jüngsten Hauptmann-Sohnes: Der verwöhnte Benvenuto habe nie etwas Ordentliches geleistet, sondern immer nur vom väterlichen Zuschuß gelebt; bei seinen Besuchen im Elternhaus habe es regelmäßig Streit um Geld gegeben.
Benvenuto Hauptmann ließ einige Jahre später gegen Pohls Hauptmann-Erinnerungsbuch "Bin ich noch in meinem Haus?" prozessieren, weil Pohl darin zwei Hauptmann-Texte zitiert hatte, ohne das Copyright einzuholen.
Erst das Hauptmann-Gedenkjahr 1962 beendete auch diese Fehde zwischen dem Dichter-Sohn und einem ehemaligen Wiesenstein-Gast. Während einer internationalen Gerhart-Hauptmann-Tagung, die Hauptmann-Forscher und -Freunde Anfang März in Berlin vereinte - General Speidel wünschte telegraphisch guten Verlauf und gedachte "unseres großen Magus" Gerhart Hauptmann -, zelebrierten Benvenuto Hauptmann und Pohl ein Versöhnungsfrühstück.
Außer Johannes R. Becher und seinem "Kulturbund" bekundeten nach 1945 auch ein Unesco-Institut in Rom und der Fürst von und zu Liechtenstein Interesse an der Errichtung von Hauptmann-Gedenkstätten. Doch die Erben konnten alle Angebote abschmettern.
Im Frühjahr 1949 ventilierte der Hauptmann-Biograph Hans von Hülsen - er lebt heute, 72jährig, als Mitarbeiter des Norddeutschen Rundfunks in Rom - ein Angebot des Grafen Lennart Bernadotte, das Archiv auf der dem Grafen gehörenden Bodenseeinsel Mainau zu installieren. Ein alter Turm, der sogenannte Torkel - heute ein Weinlokal -, sollte zu einem internationalen Hauptmann-Forschungsinstitut ausgebaut werden. Frau Margarete sollte in der dritten Torkel-Etage eine Vierzimmerwohnung beziehen und bis an ihr Lebensende "Ehrengast" des Mainau-Grafen sein.
Auch dieser Versuch, den Hauptmann-Nachlaß publik zu machen, scheiterte. Vermittler Hülsen erklärte, Frau Margarete sei dem Mainau-Plan zunächst wohlgewogen gewesen (Hülsen: "Noch habe ich deutlich im Ohr, wie die alte leidenschaftliche Schwimmerin, Tränen in den Augen, sagte: ,Soll ich wirklich noch einmal Wasser sehen?"'). Doch Benvenuto habe das Projekt hintertrieben.
Im Berliner "Abend" verdächtigte Hülsen den Hauptmann-Sohn, möglicherweise Teile des Nachlasses, Autographen, verkauft zu haben. Der Hauptmann-Biograph und Wiesenstein-Gast Hülsen schrieb: "Daß er (Benvenuto)... den Nachlaß sehr stark unterm merkantilen Gesichtspunkt betrachtet, kann den nicht überraschen, der ihn seit einem Vierteljahrhundert kennt."
Benvenuto Hauptmann heute zum Torkel-Projekt: "Ein baufälliges Türmchen! Das mußte verhindert werden. Abgesehen davon hat Prinz Bernadotte niemals wirklich den Vorschlag gemacht." Und, indigniert: "Meine Mutter sollte aus der Schloßküche versorgt werden."
Möglicherweise hatte die Mainau-Affäre den Nachlaßwächter Benvenuto in der Sorge bestärkt, das Archiv sei auch bei Richard Strauß vor den Wirren der Nachkriegszeit immer noch nicht sicher. Jedenfalls schaffte er die Kisten im Sommer 1949 unter strenger Geheimhaltung aus der Garmischer Komponistenvilla in die Schweiz.
Ein Jahrzehnt lang konnte er dann den genauen Aufbewahrungsort des Archivs erfolgreich verheimlichen. Reporter, die in der Villa Strauß in Garmisch nachfragten, wurden genarrt. Ein mit Benvenuto Hauptmann befreundeter Kunsthändler verlautbarte in Konstanz: "Wir wissen alle nicht, was Europa bevorsteht... Diese Situation legt die Verpflichtung auf zu prüfen, ob die sofortige Unterbringung (des Hauptmann-Archivs) an einer öffentlichen Stelle überhaupt opportun ist."
Der Literaturkritiker Adolf Frisé kommentierte das Verhalten der Hauptmann-Erben: "Ihr Blick geht schon über Europa hinaus. Geistige Güter als Fluchtkapital? ... Dieses Versteckspiel um den Nachlaß eines unserer größten Dichter ist schon keine Groteske mehr - es ist eine Tragödie."
Auch heute noch ziert sich Benvenuto Hauptmann, genau zu sagen, wo er den Nachlaß von 1949 bis 1959 vor den Europa bedrohenden Gefahren, vor der Hauptmann-Philologie und vor den Verdächtigungen und Forderungen der alten Hauptmann-Kämpfer versteckt hatte: "Sagen wir, bei Freunden in der Nähe von Zürich, bei einer sehr wohlhabenden und literarisch interessierten Dame."
Ganz müßig blieben die Hauptmann-Erben in jenen Jahren freilich nicht. Sie zeigten sich nicht nur bei den Dreharbeiten und Premieren verschiedener Hauptmann-Filme, sondern sie gaben beispielsweise auch das Nachlaß-Drama "Herbert Engelmann", das Gerhart Hauptmann unvollendet im Archiv gelassen hatte, zum Fertigdichten an Carl Zuckmayer. Die Uraufführung 1952 in Wien, mit Otto Wilhelm Fischer in der Titelrolle, fand ein geteiltes Echo. 1954 wurde der von Hauptmann als Fragment hinterlassene Roman "Winckelmann" gedruckt - fertiggemacht von Frank Thieß.
Im Bertelsmann-Verlag erschien 1956 eine aus dem Nachlaß ergänzte, als "vollständig" avisierte Ausgabe von Hauptmanns Versdichtung "Der Große Traum". Das Buch war kaum heraus, da wies der ausgebootete Nachlaßhüter C. F. W. Behl nach, daß die Ausgabe höchst unvollständig war. Laut Behl hatte der Herausgeber, Hans Reisiger, von den Hauptmann-Erben nur eine "Traum"-Skriptmappe von mehreren im Archiv vorhandenen bekommen. Behl heute: "Benvenuto wußte gar nicht Bescheid über das Werk seines Vaters. Sein einziges Verhältnis dazu ist kommerziell."
Benvenuto Hauptmann: "Ich wußte durchaus, wieviel vom Großen Traum da war, aber die Ausgabe sollte auch noch lesbar sein. Mit Rücksicht auf den Leser haben wir nicht alles veröffentlicht."
Besondere Aktivität entfaltete Benvenuto Hauptmann auch bei der Vergabe der Verlagsrechte am väterlichen Werk. Nachdem das Hauptmann-Oeuvre jahrzehntelang vom ruhmreichen Fischer-Verlag betreut worden war, wanderte das Copyright nach dem Tode des Dichters von Fischer über Bertelsmann zum Propyläen-Verlag, einer Ullstein-Abteilung.
1951 scheiterten die Verhandlungen des Fischer-Verlages mit Benvenuto Hauptmann über die Nachlaß-Publikation. Auch mit dem Verlag C. H. Beck in München kam der Erbe nicht zurecht. Der Beck-Verlag erschien dem Erben Benvenuto Hauptmann zwar "seriös", aber nicht "wendig" genug. Die erwünschte Wendigkeit erhoffte er sich dann wohl vom Bertelsmann-Verlag in Gütersloh, in dem außer bekannten Werken Hauptmanns die Nachlaß-Publikationen "Winckelmann" und "Der Große Traum" erschienen. Den ganzen Nachlaß-Bestand, den Inhalt der Kisten vom Wiesenstein, bekamen die Gütersloher Verlagsherren ebensowenig zu Gesicht wie ehedem die Beck- und Fischer-Leute.
1959 übersiedelte Nachlaßpfleger Benvenuto Hauptmann in die Schweiz und mietete sich, mit Blick auf den Lago Maggiore, in einem Altbau in Ronco über Ascona ein. Er nannte das Haus pietätvoll "Casa Sasso al Prato", Haus Wiesenstein, und nahm den Nachlaß, der bei Zürich in weiblicher Obhut geruht hatte, zu sich.
Nun schien ihm auch endlich die "günstige Konstellation" gegeben, auf die er so lange gewartet hatte. Er rangierte das Hauptmann-Copyright von Gütersloh nach Berlin, von Bertelsmann zu Propyläen (Benvenuto Hauptmann: "Ich wollte das Werk auch wieder mal in einen namhaften Verlag geben"), und akzeptierte den Göttinger Germanisten Wolfgang Kayser als Herausgeber einer neuen Hauptmann-Gesamtedition. Bevor Professor Kayser die Arbeit richtig aufnehmen konnte, erlag er Anfang 1960 einem Herzinfarkt. An seiner Stelle erkoren Propyläen-Verlag und Hauptmann-Erbe den Berliner Professor Hans-Egon Hass.
Fest stand für Benvenuto Hauptmann, daß die Redakteure der "Ausgabe letzter Hand" von 1942, die ergrauten Hauptmann-Vertrauten Behl und Voigt, nicht an der Neu- und Nachlaß-Edition mitarbeiten sollten. Propyläen-Chef Dr. Knaus: "Wir konnten diese Arbeit nicht mehr den Eckermanns überlassen."
Als Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft und Germanisches Seminar der Freien Universität unlängst zu dem internationalen Kolloquium über die "Centenarausgabe" nach Berlin einluden, mußte Professor Hass Benvenuto Hauptmann erst mühsam die Zustimmung zur Teilnahme von Behl und Voigt abringen.
Der heute in München lebende 73jährige Landgerichtspräsident a.D. C. F. W. Behl erklärte vor der Berliner Tagung, er werde Benvenuto ignorieren. Bei Tagungsende jedoch schüttelte er dem Hauptmann-Erben, der einen flüssigen Charme zu verströmen weiß, die Hand, und Professor Carl Haensel, Präsident der Hauptmann-Gesellschaft, konnte seiner Freude Ausdruck geben, "Freunde, Erbe und Mitarbeiter, die bisher nicht immer an einem Tisch gesessen haben, hier vereint" zu sehen.
Die außerfamiliäre Nachlaß-Fehde ist beigelegt. Das Gerhart-Hauptmann-Gedenkjahr 1962, das vor allem die deutschen Fernseher zu spüren bekommen, strebt seinem Höhepunkt zu: Am 15. November, dem 100. Geburtstag Hauptmanns, wird Carl Zuckmayer im Kölner Gürzenich Hauptmann feiern; die Kölner Bühnen zelebrieren eine Hauptmann-Festwoche, und die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft will verdienten Hauptmann-Herolden die Hauptmann-Totenmaske - "in würdiger Ausführung" - überreichen.
Noch bevor die ersten Bände der "Centenarausgabe" im Propyläen-Verlag erscheinen, soll von der Hamburger "Freien Akademie der Künste" ein bibliophiler Faksimiledruck frühester handschriftlicher Gedichte des jungen Hauptmann, die er seiner Braut Marie Thienemann widmete, publiziert werden - Marie und Gerhart Hauptmanns erstgeborener Sohn Ivo hat die Verse und eine Photographie seiner Eltern dem Schriftsteller Rolf Italiaander zur Veröffentlichung übergeben. Er hofft, auch auf diese Weise an die Existenz der ersten Familie Hauptmann zu erinnern, der zweiten zum Trotz.
Erich Ebermayer erstellt eine Hauptmann-Bildbiographie, und Heinrich Satter, der Sohn Ida Orloffs, bereitet ein Bändchen zum Thema "Gerhart Hauptmann von Ida Orloff gesehen" vor.
Wasserdicht in Aluminium verpackt, in der Casa Sasso al Prato oder in Ascona im Safe, ruhen die Hauptmann-Skripte. Nach dem zukünftigen Schicksal des Hauptmann-Archivs befragt, räumt Benvenuto Hauptmann jedoch ein, daß er sich "eines Tages gewiß mal" von den Papieren trennen werde. Aber er sieht die Frage der Unterbringung der literarischen Dokumente - etwa in einem Forschungsinstitut, in einer Gedenkstätte - "nicht unter einem nationalen Aspekt".
Er denkt weiter.
Benvenuto Hauptmann: "Ich bin Paneuropäer, und ich finde, der Hauptmann-Nachlaß gehört gar nicht nur Deutschland, sondern Europa, ja, der Welt."
*Johann Peter Eckermann (1792 bis 1854) veröffentlichte Gespräche mit Goethe".
**Kinderwort Benvenutos für seine Mutter Margarete.

DER SPIEGEL 17/1962
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