09.05.1962

PARTISANENKRIEG / US-GUERILLASVor Sonnenaufgang

Es waren unter unseren Feinden einige Männer, die unsere Gedankengange errieten und unsere Kampfmethoden kannten. Wären es mehr gewesen, so hätten wir nicht so oft Siege errungen.
Mao Tse-tung
Kein Geschichtsschreiber hat das geschichtliche Datum festgehalten: Zum ersten Male ist eine antikommunistische Partisanengruppe unter Führung amerikanischer Offiziere heimlich in ein Land des kommunistischen Staatenblocks vorgestoßen, entschlossen, den Aufruhr wider das rote Regime zu entzünden.
Die Aktion hatte im Sommer vergangenen Jahres begonnen. Der amerikanische General Edward Lansdale stellte damals an der Grenze von Nordvietnam eine 2000 Mann starke Kampfgruppe südvietnamesischer und amerikanischer Guerillas auf. Irgendwann sickerte sie ungesehen in das Reich Ho Tschi-mins ein.
Aber so lautlos sie sich auch im Dschungel voranarbeitete - ihre Spur tauchte dann doch in den offiziellen Erklärungen Nordvietnams auf:
Am 21. Juni 1961 warnte das KP -Organ "Nhan-Dan", Agenten des amerikanischen
Imperialismus würden auf verschiedenen Routen nach Nordvietnam infiltriert und sprängen mit Fallschirmen ab.
Kurz darauf meldete die gleiche Zeitung, in den katholischen Gegenden der Volksrepublik zirkulierten, von unbekannter Hand verteilt, antikommunistische Flugblätter.
Am 3. Juli berichtete die Polizei, über dem Ort Ninh-Binh sei ein südvietnamesisches Flugzeug mit Fallschirmspringern abgeschossen worden. Und 20. Tage später rief Vizepremier Truong Chinh das Volk auf, "die verschwörerische Aktivität der US-Agenten und Gegenrevolutionäre - Spione, Banditen, Saboteure und Aufwiegler - in Nordvietnam zu zerschmettern".
Mitte August hatte der erste westliche Journalist erkannt, was geschehen war. Aus Saigon kabelte "Sunday Times"-Korrespondent Richard Hughes, US-geführte Guerillas hätten in Nordvietnam "Geheimsender in Betrieb genommen und versucht, eine Fünfte Kolonne gegen das Regime Ho Tschi-min in Hanoi aufzubauen".
Was damals nur ein erster Versuch war, wird heute mit generalstabsmäßiger Präzision betrieben, seit in das Washingtoner Verteidigungsministerium ein schroffer und unnahbarer Mann mit viereckigen Kinnbacken eingezogen ist, der den Befehl hat, den Partisanenkrieg
- bis vor kurzem eine Domäne der Kommunisten - ins Hinterland des roten Gegners zu tragen.
Der 43jährige Brigadegeneral William B. Rosson ist Chef der "Special Forces" (Sondertruppen), jener amerikanischen Guerillaverbände, die seit Jahren auf die schmutzigen Tricks der unkonventionellen Kriegführung gedrillt sind, aber erst unter Präsident Kennedy operativ eingesetzt wurden.
Ihre Unternehmen hinter der Front des Feindes sind so ungewöhnlich wie das von ihnen getragene grüne Barett, dessen metallene Kokarde ein stilisiertes Trojanisches Pferd zeigt. Kein Photoreporter, der ihre Lager aufsucht, darf das Gesicht der Kennedy-Partisanen festhalten; stets müssen die Gesichtszüge im Dunkel bleiben. Amerikas Guerillatruppe ist, was sie immer war: eine Armee ohne Gesicht, ein Heer ohne Namen.
Die Welt wüßte noch heute nichts von der Existenz der US-Guerillas, würde nicht ihre Tätigkeit neuerdings einen langen Schatten auf die Arena der Weltpolitik werfen: Mit General Rossons Guerillas will US-Präsident John F. Kennedy eine Herausforderung seines weltpolitischen Gegenspielers Nikita Chruschtschow beantworten, der er bereits wenige Tage vor seinem offiziellen Einzug in das Weiße Haus konfrontiert wurde.
Am 6. Januar 1961 kletterte der bullige Sowjetboß in der Moskauer Parteihochschule auf ein Rednerpodium und demolierte mit wenigen Worten ein ungeschriebenes Gesetz, das viele Jahre lang die Nachkriegsdiplomatie der Weltmächte bestimmt hatte: die gegenseitige Respektierung der Interessengebiete durch Amerika und Sowjetrußland.
Jahrelang galt der Grundsatz: Auch der größte Schwächemoment des weltpolitischen Gegners dürfe einen nicht verleiten, die unsichtbaren Grenzen der Einflußgebiete zu überschreiten, die sich die Weltmächte nach Ende des Zweiten Weltkriegs widerstrebend zugebilligt hatten. Ob Stalin starb oder ob Sie Briten in Ägypten einfielen, ob die Arbeiter der Sowjetzone rebellierten oder amerikanische Marine-Infanterie im Libanon eingriff - nie wurde die Einflußzone des anderen durch direkte Aktionen bedroht.
Noch im blutigen Ungarn-Oktober 1956 hatte Washington die sowjetische Einflußzone Osteuropas respektiert und jeder Versuchung widerstanden, den ungarischen Rebellen zu helfen.
Diesem stillen Einverständnis unter den Weltmächten setzte Chruschtschow im Monat der Machtübernahme Kennedys ein Ende. Wenn der Kommunismus, so verkündete er in der Moskauer Parteihochschule, seine Ziele verwirklichen wolle, müsse er in den kolonialen Herrschaftsbereich des westlichen Imperialismus vorstoßen und sich dabei der einzig möglichen Kriegführung bedienen - des Partisanenkrieges.
Argumentierte der Sowjetpremier: Da ein nuklearer Weltkrieg Hunderte von Millionen Menschenleben kosten könne, sei der kommunistische Welttriumph nicht mit Atomwaffen zu erreichen; aber auch konventionelle Kriege "vom Suez-Typ" seien unpraktikabel geworden.
Chruschtschow: "Wir Kommunisten werden jedoch immer nationale Befreiungskriege, wie den in Algerien oder Indochina, unterstützen. Solche Kriege sind nicht nur zulässig, sondern sie sind unvermeidlich Man darf sie aber nicht mit örtlichen Kriegen oder mit Kriegen zwischen einzelnen Staaten verwechseln."
Amerikas neuer Präsident, der einige Tage nach der Chruschtschow-Rede in das Weiße Haus einzog, nahm Moskaus Fehdehandschuh auf.
Als die kommunistischen Partisanen im südostasiatischen Dschungelstaat Laos die pro-westlichen Regierungstruppen vor sich hertrieben, hatte Kennedy noch geklagt: "Wir können zwar verhindern, daß die Armee einer Nation über die Grenze eines anderen Landes marschiert. Aber wir können nicht den Waffen des Partisanenkrieges begegnen - der Infiltration, dem Mord, der Sabotage, der Erpressung."
Doch Kennedy verharrte nicht in der Resignation. Er bestellte sich die Werke des Altmeisters der kommunistischen Partisanen-Strategie, des Chinesen Mao Tse-tung, studierte dessen Thesen und faßte den Entschluß: Amerika muß auch zum Partisanenkrieg übergehen - der Westen muß den Gegner im Osten mit dessen eigenen Waffen schlagen.
Von jener Zeit an verlor Kennedy den Partisanenkrieg nicht mehr aus den Augen. Keine Konferenz verging, keine Rede Kennedys, keine Maßnahme der Regierung, in der nicht wenigstens mit einem Halbsatz der roten Guerilla-Drohung gedacht wurde.
Schon in seine Sonderbotschaft vom 28. März 1961, die er zur Erläuterung des neuen Militärbudgets an den Kongreß richtete, schrieb Kennedy Sätze, die wie eine Antwort auf die Partisanen-Herausforderung Chruschtschows klangen.
"Die Sicherheit der Freien Welt", formulierte Kennedy, "kann nicht nur durch einen Atomangriff gefährdet werden, sondern auch - unbeschadet unserer strategischen Macht - durch einen Zerbröckelungsprozeß an der Peripherie, ausgeführt von Kräften der Subversion, einer indirekten und äußerlich nicht erkennbaren Aggression, eines inneren Aufstandes oder eines diplomatisch erpresserischen Kleinkrieges."
Daraus folgerte der Präsident: ",Wir brauchen eine größere Fähigkeit, mit Partisanen, Aufständen und Subversionen fertigzuwerden. Wir müssen in der Lage sein, Banden zu liquidieren, die von außen unterstützt werden."
Immer wieder kam Kennedy auf die Januar-Rede Chruschtschows zurück. Er ließ ihren Text vervielfältigen und an seine Mitarbeiter verteilen. Und fast auf den Tag genau entwickelte er ein Jahr nach der Chruschtschow-Rede vor 50 seiner engsten Mitarbeiter im Kabinettssaal des Weißen Hauses eine neue Militärstrategie.
Seine Verteidigungspolitik, so erläuterte Kennedy, enthalte drei Grundsätze:
- Die atomare Abschreckungsgewalt der Vereinigten Staaten müsse stets die sowjetische um ein gutes Stück überragen;
- Amerika müsse seine konventionellen Streitkräfte modernisieren und verstärken, um im Stande zu sein, auch konventionelle Kriege zu führen;
- Amerika müsse den Gegner auf dessen eigenem Gebiet, dem Partisanenkrieg, schlagen.
Da die beiden ersten Grundsätze - so fuhr Kennedy fort - schon Allgemeingut der Nation geworden seien, müsse nun alle Aufmerksamkeit dem Untergrundkrieg Chruschtschows gelten. Kennedy: "Gentlemen, lesen Sie die Januar -Rede Chruschtschows. Lesen Sie die Schriften Mao Tse-tungs." Von den roten "Befreiungskriegen" drohe die größte Friedensgefahr; die Abwendung des Guerillakrieges gehöre zu den vordringlichsten Aufgaben amerikanischer Verteidigungsplanung.
Schon wenige Tage später konnte der Präsident seinen Beratern den Mann präsentieren, der sein Programm verwirklichen soll: Brigadegeneral Rosson. Der jüngste General der US-Armee, siebenfach dekorierter- Weltkrieg-II-Veteran, war Stabsoffizier in Südvietnam.
Südvietnam und Special Forces heißen seither die Schlüsselworte, die in Zukunft Amerikas Militärpolitik beherrschen werden. In dem Partisanenverseuchten Dschungel Südvietnams soll William B. Rosson mit seinen Sondertruppen vorexerzieren, wie man das giftige Unkraut kommunistischen Partisanentums samt Wurzel ausreißt.
Erste Aufgabe des Guerilla-Strategen Rosson ist es, die demoralisierte Armee des von roten Partisanen hart bedrängten Südvietnam-Präsidenten Ngo Dinh Diem auf den Partisanenkrieg umzuschulen und einen Vernichtungskrieg gegen die KP-Freischärler (Deckname: "Operation Sonnenaufgang") zu führen.
Rossons Sonnenaufgang soll die Dörfer und entlegenen Gebiete Südvietnams erwärmen, in denen die roten Partisanen ihre Herrschaft antreten, sobald die Sonne untergeht und sich die Regierungstruppen auf ihre festen Stellungen zurückziehen. Darüber hinaus aber soll die Operation Sonnenaufgang allen Partisanen - bedrohten Staaten der nichtkommunistischen Welt die frohe Botschaft bringen, daß es ein Mittel gegen den roten Untergrundkrieg gibt.
Denn Rosson will auch im Hinterland des Gegners, im roten Nordvietnam, den Feind mit lautlosem Krieg, Aufwiegelung der Bevölkerung und Sabotageakten zermürben und damit die Vorschläge einer Generalstabs-Studie verwirklichen, die im Pentagon dem ehemaligen Geheimdienst-General Trudeau zugeschrieben wird:
"Wenn es sich die Kommunisten leisten können", hieß es darin, "in unserem eigenen Hinterhof eine kommunistische Regierung (Castro) zu unterstützen, dann können wir auf dieselbe Weise freie Regierungen in allen kommunistisch beherrschten Gebieten fördern."
Letzte Konsequenz: "Wenden wir den Partisanenkrieg (der Kommunisten) zu unseren Gunsten an und finden wir einen Weg, durch den wir ein kommunistisches Regime beseitigen können, ohne einen allgemeinen oder auch nur einen begrenzten Krieg zu riskieren."
Kaum hatte Guerilla - Stratege Rosson sein Amt im Pentagon übernommen, erteilte er die ersten Befehle zur Verschärfung des Untergrundkrieges gegen die Roten:
- Die "Erste Beobachtungs-Gruppe", ein südvietnamesischer Ableger der Special Forces, mußte ein Einsatzkommando aufstellen, das sich nur aus Nordvietnamesen zusammensetzt und jederzeit im kommunistischen Norden einfallen kann.
- Amerikanische und südvietnamesische Guerilla - Experten arbeiteten einen Plan aus; der die Errichtung einer Zweiten (Partisanen-)Front in Nordvietnam vorsieht.
- Mit antikommunistischen Banden im Westen Nordvietnams wurde Kontakt aufgenommen.
Präsident Kennedy war schnell überzeugt, daß er endlich den Helfer gefunden hatte, der Washingtons neue Guerilla-Strategie in der Armee durchsetzen kann.
Noch Anfang dieses Jahres hatte der Staatschef in einem zweiseitigen Memorandum an Verteidigungsminister McNamara gerügt, die Generale hätten noch immer nicht begriffen, worum es geht.
Dabei war bereits im Februar 1961 ein Präsidentenbefehl ergangen, die Vereinigten Stabschefs sollten die US -Armee darauf trainieren, "dem unkonventionellen Krieg durch unkonventionelle Mittel zu begegnen". Doch der Befehl fand taube Kommißohren.
Stabsoffiziere der Armee behaupteten in einer Denkschrift, der Guerillakrieg sei für große militärische Operationen nie sonderlich bedeutsam gewesen, und es genüge daher, Ausländer für den Kampf gegen rote Partisanen auszubilden. Murrte Armee-Stabschef George H. Decker: "Mit den Guerillas wird doch jeder gute Soldat fertig."
Der Ausspruch des Generals enthüllte die Einfallslosigkeit traditioneller Militärs, die nicht die (aus der Politik stammende) Eigengesetzlichkeit des Partisanenkrieges verstehen. Da sich der revolutionäre Krieg nicht in die Schemata der Heeresdienstvorschriften einfügt, standen die Militärs dem Phänomen des Partisanentums stets hilflos gegenüber.
Von dem Marschällen Napoleons I., die 1808 im Spanienkrieg zum erstenmal dem revolutionären Kleinkrieg (spanisch: guerrilla) begegneten, bis zu den Generalen Adolf Hitlers im Rußlandfeldzug blieb der Partisan den Militärs ein Rätsel, unbegreiflich und ungreifbar.
Der Partisan erschien ihnen allenfalls als eine Kreuzung aus Bandit und Spion. Dazu trug bei, daß die Soldaten oft den Partisanenkrieg mit dem sogenannten Krieg im Dunkeln verwechselten, dem Krieg der Geheimdienste, Saboteure und Kommandotruppen.
Weil die Militärs im Zweiten Weltkrieg kleine Trupps hinter die feindliche Front schicken konnten, glaubten sie schon die Gesetze des Partisanenkrieges zu kennen. Tatsächlich besaß damals jeder kriegführende Staat Sondereinheiten für die unkonventionelle Kriegführung; die Deutschen hatten die ZbV-Division "Brandenburg", die Briten ihre Kommandotruppen, Amerika die "Rangers".
"Neidlos mußten wir anerkennen", erinnert sich Mussolini-Befreier Otto Skorzeny, "daß die Kommandounternehmen der Alliierten immer genau unsere neuralgischen Punkte erfaßten."
Dazu gehörten
- eine Ölfabrik auf einer norwegischen Insel, die angegriffen und zerstört wurde,
- der Raub eines neuen deutschen
Ortungsgerätes an der französischen Kanalküste bei Dieppe,
- der Angriff auf Rommels Hauptquartier in Afrika, der nur zufälligerweise, wahrscheinlich durch eine falsche Information, mißglückte und das Hauptquartier des Generalquartiermeisters traf.
Diese Unternehmen standen jedoch im engsten Zusammenhang mit größeren militärischen Operationen. Die Kommandotruppen blieben taktische Verbände, vorgeschobene Truppen des nachfolgenden Gros, oder getarnte Angriffsspitzen, wie sie die Militärgeschichte seit dem Trojanischen Pferd kennt, mit dem die Griechen Troja eroberten.
Dem Partisanenkrieg nahe kamen nur vereinzelte Spezialabteilungen des britischen und amerikanischen Geheimdienstes; der britische Brigadier Fitzroy Mclean unterstützte mit seiner Mission die Partisanen Titos, amerikanische Geheimdienste wirkten im französischen Maquis, eine chinesisch-amerikanische Organisation namens "Saco" dirigierte die antijapanischen Guerillas auf dem pazifischen Kriegsschauplatz. Aber auch diese Spezialabteilungen koordinierten sich mit den Operationen ihrer nationalen Armeen.
Der reine Partisanenkrieg dagegen folgt anderen Gesetzen: Er setzt die Feindseligkeit der Volksmassen in militärische Aktionen um, er bewaffnet den Haß der Unterdrückten gegen ein volksfremdes Regime, er ist - wie eine breite Spur von China bis Kuba, von Laos bis Algerien zeigt - das Kampfmittel des armen Mannes.
Der Partisanenführer unterscheidet sich radikal vom militärischen Führer. Er ist nicht etwa ein Soldat in Räuberzivil, sondern (wie der- amerikanische Publizist William H. Hessler sagt) "ein Politiker, der sich zufällig statt des Wahlzettels der Kugeln bedient - bullets instead of ballots".
Erster Theoretiker dieser revolutionärsten Kriegführung war denn auch ein Zivilist, der kommunistische Stammvater Karl Marx.
Die Besessenheit kommunistischer Funktionäre für den Partisanenkrieg datiert von einem Bericht, den Marx als Korrespondent der "Neuen Rheinischen Zeitung" 1849 über die Schlacht von Novara schrieb, in der Wiens übermächtiger Feldherr Radetzky das Heer des mit den italienischen Revolutionären verbündeten Königs von. Sardinien schlug.
Aus der Niederlage des kleinen sardinischen Heeres destillierte Prophet Marx eine folgenreiche Theorie des Partisanenkrieges.
Marxens Lehre: Eine Nation, die für ihre Freiheit kämpft, kann sich nicht an die überlieferten Regeln der Kriegführung halten. Massenerhebungen, revolutionäre Kampfmethoden und Partisanenkrieg sind die einzigen Mittel, mit denen sich eine kleine Nation gegen einen materiell überlegenen Gegner durchsetzen kann*.
Die Führer der Sowjet-Union erkannten im Partisanenkrieg das ihnen gemäße Kampfmittel. Stalin behauptete 1923 in einer Rede, ohne die Hilfe russischer und asiatischer Partisanen hätte die Rote Armee im russischen Bürgerkrieg ihre militärischen Gegner nicht besiegen können. Stalin: "Vergeßt das nie, Genossen!"
Stalin bereitete sein Land jahrelang auf den Partisanenkrieg vor. Anfang 1941 erfuhr der Abhördienst im Bereich der deutschen Heeresgruppe B, bereits zum "Unternehmen Barbarossa" (Rußlandfeldzug) aufmarschiert, im Raum Moskau und in Weißrußland würden großangelegte Partisanen -Kriegsspiele abgehalten, an denen auch die Zivilbevölkerung teilnehme.
Den deutschen Militärs war auch bekannt, daß als Kerntruppen der Sowjetpartisanen Volkssturm-ähnliche Zerstörungsbataillone aufgestellt wurden, die nach einem Rückzug der Roten Armee alle kriegswichtigen Anlagen vernichten und sich dann mit den Partisanenverbänden im Rücken des Gegners vereinigen sollten.
Um so verwunderlicher war die Hilflosigkeit, mit der deutsche Generale im Rußlandfeldzug den Sowjetpartisanen begegneten. Zunächst hatte das Heer allen Ernstes geglaubt, der Sicherheitsdienst (SD) mit 4000 Mann könne im Hinterland der Partisanengefahr allein Herr werden; dann kam den Generalen die Idee, die Truppen der Verbündeten zur Partisanenbekämpfung einzusetzen.
Als jedoch die Sowjetpartisanen das Hinterland der deutschen Armeen immer empfindlicher störten, schlugen die Wehrmachtgenerale brutal zurück. Befehl des Generalfeldmarschalls von Reichenau: "Der Schrecken vor den deutschen Gegenmaßnahmen muß stärker sein als die Drohungen der umherirrenden bolschewistischen Restteile."
Doch je rücksichtsloser die deutschen Landser die roten Freischärler bekämpften, desto stärker wurden die sowjetischen Partisanenheere. Später behaupteten die Sowjets, ihre Partisanen hätten allein in den ersten zwei Kriegsjahren 300 000 feindliche Soldaten getötet, 3000 Militärzüge zum Entgleisen gebracht und 3263 Brücken gesprengt.
Mehr noch: Die Sowjetpartisanen entzogen der Front starke Verbände, nach Angaben des Moskauer Historikers Telpuchowski 15 deutsche und fünf ungarische Infanteriedivisionen, 144 Polizeibataillone, 27 Polizeiregimenter, zehn SS-Divisionen und zwei Schutzkorps**.
Obwohl die Welt zuvor "noch keinen solchen Aufschwung eines Partisanenkampfes" (so Telpuchowski) erlebthatte, sahen die westlichen Militärs nach dem Kriege keinen Anlaß, die deutschen Erfahrungen zu studieren. Sie beruhigten sich mit dem naheliegenden Argument, die Hitler-Generale seien schließlich Führer einer gegenüber Partisanen besonders anfälligen Aggressionsarmee gewesen.
Der Glaube, demokratische Generale könnten mit roten Partisanen besser fertig werden, wurde zudem durch drei Partisanenaufstände gestärkt, die angelsächsische Militärs nach dem Zweiten Weltkrieg niederschlagen konnten:
- Im griechischen Bürgerkrieg (1946 bis 1949) überwand die von amerikanischen Offizieren umgeschulte Griechenarmee die kommunistischen Rebellen;
- auf den Philippinen liquidierten amerikanische Guerilla-Experten, unterstützt durch die Sozialreformen des späteren Präsidenten Magsaysay, zwischen 1946 und 1954 den Aufstand der roten Huk-Bewegung;
- in Malaya schlug britisches Militär die Rebellion kommunistischer Guerillas zwischen 1948 und 1955 nieder.
Die Genugtuung westlicher Militärs über solche Erfolge wäre freilich weniger groß gewesen, hätten die Soldaten die Guerilla-Thesen des rotchinesischen Parteiführers Mao Tse-tung gekannt, die er 1937 in seiner Schrift "Guerillakrieg" niederlegte und zehn Jahre später auf den Schlachtfeldern Chinas praktizierte. Er ist der Ahnherr aller Partisanenbewegungen der Nachkriegszeit: Der Algerier Ben Bella und die anderen Führer der FLN-Guerillas stützten sich ebenso auf seine Schriften wie der Zypern-Partisan Grivas, wie die Rebellen von Angola und die Langbärte Kubas.
Nach den Thesen dieses bedeutendsten Strategen des Partisanenkrieges waren freilich die Aufstände in Griechenland, Malaya und auf den Philippinen sämtlich zum Scheitern verurteilt. Sie verletzten das Gebot Maos, ein Partisanenkrieg könne nur erfolgreich sein, wenn die Rebellen
- über ein geeignetes Gelände verfügten,
- eine zur Hilfeleistung bereite Bevölkerung
anträfen und
- in einer günstigen politischen Lage operierten*.
In Griechenland wurde die politische Lage für die Partisanen ungünstig, nachdem sich Tito mit Moskau entzweit und seine Hilfssendungen für die griechischen Guerillas eingestellt hatte. In Malaya und auf den Philippinen verloren dagegen die Partisanen, dank der politischen und sozialen Reformen ihrer Gegner, die Unterstützung der Bevölkerung.
Lehrt Mao Tse-tung: "Der Partisanenkrieg wird im Grunde von den Massen organisiert und geführt, und somit kann er nicht fortgesetzt werden, wenn er einmal die Verbindung mit dem Volk verloren hat oder wenn er sich die Teilnahme und Mitarbeit der breiten Massen nicht zu sichern versteht.
Die Sätze verraten, wie sehr der Chinese auf dem Novara-Reborter Karl Marx fußt. Mao liefert im Grunde nur die taktische Lehre für die strategische Forderung des rheinischen Rauschebarts, ein schwaches Volk müsse sich gegen seinen materiell überlegenen Gegner mittels des Massenaufstandes durchsetzen.
"Bei Anwendung unserer Taktik, wächst die Wucht des Kampfes der Massen von Tag zu Tag, und der stärkste Gegner kann mit uns nicht fertigwerden", doziert Kriegslehrer Mao. Dieser Kampf entwickelt sich freilich in mehreren Stufen, da die Partisanen klein und schwach beginnen.
Erste Stufe: Die Partisanen setzen sich an der Peripherie des zu erobernden Staates fest, in einem möglichst unwirtlichen Gebiet, das von der Macht des feindlichen Regimes kaum noch erreicht wird. Aber man darf erst losschlagen, wenn es die Lage erlaubt: "Guerillas sind wie Fische, und die Menschen sind das Wasser, in dem die Fische schwimmen", sagt Mao. "Wenn die Temperatur des Wassers richtig ist, werden die Fische gedeihen und sich vermehren."
Nach kurzer Konsolidierung der Partisanenmacht muß das Gebiet in so viele Abschnitte aufgeteilt werden, daß der nun alarmierte Gegner sich bei der militärischen Bekämpfung zersplittert. Mao: "Seid vorsichtig wie die Jungfrauen und flink wie die Kaninchen."
Zweite Stufe: Die Partisanen dürfen auf keinen Fall den vom Gegner gewünschten Kampf annehmen, müssen beweglich bleiben und stets dafür sorgen, daß der militärische Schlag des Feindes ins Leere führt. Im Vordergrund steht die propagandistische Arbeit, die Gewinnung großer Teile der Bevölkerung als Rekruten, Informanten und politische Helfer der Partisanen.
Dritte Stufe: Die Partisanen gehen dazu über, das ganze Land mit Widerstandsnestern zu übersäen und den Gegner an möglichst vielen Stellen zu attackieren, wobei Mao der Weisung des britischen Guerilla-Experten und Arabien-Eroberers aus Weltkrieg I, T. E. Lawrence, folgt, ein Partisanenführer müsse "die kleinste Streitmacht für kürzeste Zeit am entlegensten Platz einsetzen". Auch gelegentliche Vorstöße in das Zentrum der feindlichen Macht sind jetzt erforderlich.
In der vierten Phase aber vollzieht sich der endgültige Triumph der kommunistischen Bewegung. Die Partisanenarmee verwandelt sich in ein reguläres Heer, dringt von der Peripherie aus im Stil des konventionellen Krieges ins Zentrum des Landes vor und liefert dem ermatteten Gegner die entscheidende Vernichtungsschlacht.
"Die Taktik des Partisanenkampfes", urteilt Mao, "läuft im wesentlichen auf folgendes hinaus: die Truppen dezentralisieren, um die Massen zur Erhebung zu bringen, und die Truppen konzentrieren, um mit dem Gegner abzurechnen." Oder wie der Dichter Mao in einem Marschlied für seine Guerillas reimte
Der Feind rückt vor Wir weichen ihm.
Der Feind bleibt stehen. Wir zermürben Ihn.
Der Feind ermüdet: Wir schlagen Ihn.
Der Feind weicht: Wir folgen ihm*
Nach diesem Schema liefen alle Partisanenkriege im Bannkreis des chinesischen Clausewitz ab. Der Bürgerkrieg in China, der Kolonialkrieg in Französisch-Indochina, der Infiltrationskrieg in Laos - stets starteten die Partisanen an der Peripherie der gegnerischen Macht, wie "Stechmücken" (Mao) die einen Riesen Von allen Seiten angreifen, ihn aussaugen und erschöpfen.
Der Todeskampf der französischen Kolonialarmee in den Reisfeldern Indochinas war es denn auch, der den optimistischen Glauben amerikanischer Generale erschütterte, jede demokratische Armee könne den Stechmücken den Garaus machen.
Zwei Jahre bevor der nordvietnamesische Guerilla-Feldherr Giap die Truppen der Grande Nation in die Dschungelfalle von Dien-bien-fu lockte, begannen junge amerikanische Stabsoffiziere ihre Oberen im Pentagon mit der Forderung zu traktieren, die US-Armee müsse sich auf den Partisanenkrieg vorbereiten und eine Truppe aufbauen, die sowohl feindliche Partisanen abwehren als auch einen Guerillakrieg hinter der gegnerischen Front führen könne.
Die Forderung fand bei den konservativen Militärs wenig Anklang, war sie doch von Offizieren vorgetragen worden, die nicht den klassischen kämpfenden Truppen angehörten.
Tatsächlich waren die geistigen Väter der Special Forces meist Offiziere des Geheimdienstes, so der Brigadegeneral Edward Lansdale, der schon den Kampf gegen die philippinischen Huk - Partisanen geleitet hatte, und Oberst Francis Mills, im Zweiten Weltkrieg Chef einer Guerilla-Abteilung.
Ihre Konzeption stützt sich denn auch auf die Erfahrungen des Geheimdienstes: Die von ihnen vorgesehenen Guerillatruppen sind keine Guerillas im klassischen Sinne, sondern stellen eine Mischung aus Kommandotruppen und Partisanen dar; die Special Forces sind ein vorfabrizierter Generalstab, der hinter der feindlichen Front abspringt, und die Führung- bereits vorhandener Partisanenverbände übernimmt.
Schließlich gelang es den Geheimdienstlern, die Regierung für das Special -Forces-Projekt zu gewinnen, und unter dem leisen Murren der Armee-Generale befahl Präsident Eisenhower im Jahre 1952, eine Sondertruppe für den Partisanenkrieg aufzustellen. Die Special Forces waren gegründet.
Die mit dem Aufbau der Truppe betrauten Offiziere ließen sich ein 500 Quadratkilometer großes Gebiet mit Kiefernwäldern und rotem Sand auf dem Übungsgelände der 82. Luftlandedivision in Fort Bragg im US-Staate North Cariolina abtreten. Dort entstand am "Smoke Bomb Hill" in ein paar alten doppelstöckigen Holzbaracken die erste Guerilla-Schule (Special Warfare Center) der amerikanischen Nation.
Bald rührten die Führer der neuen Truppe die Werbetrommel und lockten die GIs mit der Parole an, die Special Forces benötigten nicht sture Kommißköpfe, sondern phantasievolle Männer, bereit, Amerika in jedem Zwielicht des unkonventionellen Krieges zu dienen
im Schlauchboot an fremden Küsten, an der Spitze eines Partisanentrupps, bei der Sprengung einer Brücke.
Die so angeworbenen Rekruten mußten jedoch schnell erkennen, daß die Special Forces kein Haufen verwegener Abenteurer sind. Nur wenige Bewerber vermochten die Prüfungskommissionen des Geheimdienstes, der Truppe und der Bundeskriminalpolizei zu passieren:
Jeder Soldat der Sondertruppen muß ein Freiwilliger (in doppelter Hinsicht: für Fallschirmjäger- und Guerilla-Ausbildung) sein, eine militärische Grundausbildung bereits hinter sich haben, er darf nicht vorbestraft und muß "mature" (gereift) sein - allein wegen mangelnder charakterlicher Reife werden nach jedem der 38-Wochen-Ausbildungskurse 20 Prozent der Rekruten wieder nach Hause geschickt.
Derartige Auswahlprinzipien machen es möglich, daß die Special Forces unter allen Truppenteilen der amerikanischen Wehrmacht die höchste Rate an Neuverpflichtungen aufweist: Jährlich verpflichten sich 40 Prozent, weiter zu dienen.
"Jeder Guerillasoldat", registrierte die "New York Times", besitze "mehr Bildung und Intelligenz, auch mehr charakterliche Reife als der normale Soldat."
Entsprechend hart ist die Ausbildung der Special Forces. Ihre Soldaten müssen lernen, einen Feind notfalls mit der bloßen Hand zu erwürgen oder mit einem vergifteten Pfeil abzuschießen, sie müssen die Kunst des Überlebens in Wald, Dschungel und Wüste beherrschen, sie absolvieren Lehrgänge als Fallschirmspringer, Froschmänner und Bergsteiger.
Jede einseitige Ausbildung wird vermieden. Die 12-Mann-Teams der Special Forces bestehen zwar aus zwei Offizieren, einem Stoßtrupp-Sergeanten, einem Abwehr - Sergeanten, je einem Experten für leichte und schwere Waffen, zwei Sanitätern, zwei Funkern und zwei Pionieren; aber jedes Team-Mitglied ist dank sogenannter Überkreuz -Lehrgänge (cross-training) in der Lage, die Aufgaben seines Nebenmannes zu übernehmen.
Wichtigster Grundsatz: Jeder US-Guerilla ist darauf trainiert, hinter der feindlichen Front eine Partisanentruppe bis zu 1500 Mann anzuführen. Ihr grünes Barett, für säuerliche Armee-Generale das aufreizendste Signum ihrer Sonderexistenz, ersetzt die Generalstabsbiesen.
Schon wenige Monate nach Gründung der Special Forces hatten die Ausbilder in Fort Bragg genügend trainierte Guerillas zusammen, um eine 1800-Mann -Truppe aufzustellen und nach Übersee zu entsenden. Sie gliederte sich auf in die
- 77. Gruppe in Fort Bragg (USA),
- 10. Gruppe in der Flint-Kaserne von
Bad Tölz (Deutschland),
- 1. Gruppe auf der Fernost-Insel
Okinawa (Pazifik).
Der Truppe gelang es sogar, sich ein neues Rekrutenreservoir zu erschließen. Der Washingtoner Kongreß ließ sich zu einem neuen Gesetz (Lodge Act) bewegen, das Flüchtlingen aus östlichen Staaten eine schnelle Einbürgerung in Amerika zusichert, falls sie sich zu einem fünfjährigen Militärdienst verpflichten. Heute sind 25 Prozent der US-Guerillas osteuropäische Emigranten.
Trotz so guten Starts bekamen die Guerillas die Eifersucht der Armee immer mehr zu spüren. Durch Eisenhowers Befehl waren die Special Forces dem Stabschef der Armee unterstellt worden, ein Teil der Grundausbildung sollte von der Armee vorgenommen werden, und die Heeresoffiziere nutzten diese Chance, die Kleinkrieger von Fort Bragg auf Vordermann zu bringen.
Offiziere der Armee schliffen die Guerillas auf den Kasernenhöfen so unnachsichtig, daß viele Sondertruppler das Interesse an der unkonventionellen Kriegführung verloren. Die ungarischen und tschechischen Guerillas ergaben sich in den Snackbars von Fayetteville dem Trunk.
Da heckten Offiziere der Special Forces ein Unternehmen aus, durch das sie die Seriosität ihrer Einheiten beweisen wollten. Es hatte freilich nur zur Folge, daß sich die Abneigung der Kommißköpfe noch steigerte.
Bei den Sommermanövern in Louisiana, die 1955 unter dem Decknamen "Übung Sagebrush" stattfanden, schlichen sich die Guerillas nachts durch die feindlichen Linien und legten das Hauptquartier des Gegners lahm, ohne vom Feind bemerkt zu werden. Ein einziger Gummisohlen-Angriff genügte, das Manöver "Sagebrush", durcheinanderzubringen.
Als Generalleutnant Adams in seinem Hauptquartier aufwachte, fand er auf seiner Schlafdecke die mit einem Lippenstift geschmierten Worte "Sie sind tot!" Auf seinem Jeep entdeckte er die Notiz: "Diese Stellung wurde von der 77. Gruppe der Special Forces zerstört."
Ein Oberst der Nationalgarde mußte sich von seinem Hals Lippenstiftspuren fortrubbeln, die zu verstehen gaben, daß ihm in der Nacht die Kehle durchgeschnitten worden war. Zwei Bataillone meldeten dem General, Special Forces hätten ihre Verpflegungsdepots geplündert.
Selbst den Aufmarsch des gegnerischen Manövergenerals Adams hatten die nächtlichen Eindringlinge der Special Forces derangiert. Munitionstransporte wurden durch falsche Befehle umgeleitet, Kompanien verließen ihre Stellungen, Frontabschnitte wurden geräumt.
Ärgerlich forderten die überrumpelten Offiziere, die Manöverleitung müsse sofort die Special Forces zurückziehen. Wenige Tage später reagierte die Armee noch gröber - sie verbot den Special Forces das Tragen des grünen Baretts.
Als jedoch Kennedy in das Weiße Haus einzog, begann auch für die US -Guerillas eine neue Ära. Der junge Präsident führte sich bei den unkonventionellen Kriegern auf die angenehmste Art ein: Er gab seinen Partisanen das grüne Barett zurück.
Die Sondertruppler wußten es ihrem Staatschef zu danken. Die Guerilla -Schule in Fort Bragg wird von der Truppe nur noch "John F. Kennedy Special Warfare Center" genannt, und es gab nun in den Streitkräften keine heißblütigeren Kennedy-Anhänger als die Männer der Special Forces.
Kennedy gab zwar schon kurz nach seinem Amtsantritt den Befehl, die Special Forces von 1800 Mann auf zunächst 5000 (bis Ende 1961) und dann auf 10 000 Mann (Ende 1963) zu verstärken; dennoch dauerte es noch einige Monate, bis sich die Armee und die Vereinigten Stabschefs den Vorschlägen des Präsidenten anschlossen.
Inzwischen war auch Brigadegeneral William B. Rosson als neuer Chef der Truppe ins Pentagon eingezogen. Er trieb nun den Ausbau der Sondertruppen ehrgeizig voran, und bald lieferte auch Amerikas Krisendiplomatie ein blutgetränktes Manövrierfeld, auf dem Kennedys lautlose Partisanenarmee die Feuertaufe erhalten sollte: das schier undurchdringliche Dschungelterrain Südvietnams.
Fast zur gleichen Zeit, da die Kommunistischen Parteien Ende 1960 auf ihrem Moskauer Weltkongreß die verstärkte Hilfe für "nationale Befreiungskriege" proklamiert hatten, waren rote Partisanen, die sich VietCong nennen, von Nordvietnam aus in Südvietnam eingedrungen, in ein Land, das seit dem Ende des Indochinakrieges (1954) unter amerikanischer Schutzherrschaft steht.
Der Herr des Landes, der militante Katholik Ngo Dinh Diem, regiert heute Südvietnam im Stil chinesischer Mandarine mittels seiner weitverzweigten Familie. Gegen ein derart anfälliges Regime richtete sich nun Ende 1960 der von Nordvietnam gesteuerte Angriff roter Partisanen, die schnell Fortschritte machten.
Anfang 1961 beherrschten sie bereits - zumindest nachts - einen großen Teil der Provinzen, setzten sich in schwer zugänglichen Gebieten wie dem Camau-Delta und den Waldgebieten um Saigon fest und traten in Verbänden bis zu Bataillonsstärke auf.
Die Depeschen der Guerilla-Experten unter den amerikanischen Militärberatern in Saigon klangen immer düsterer: Die Roten, so lautete das an den Lehren Mao Tse-tungs geschulte Urteil, hätten bereits die ersten Stufen des Partisanen-Aufbaues bewältigt, es bestehe die Gefahr, daß die Guerillas nun zum konventionellen Krieg übergehen würden.
Da gab Präsident Kennedy den Einsatzbefehl für die Special Forces. General Rosson wurde angewiesen, einen Plan für die Vernichtung der Partisanen auszuarbeiten und US-Guerillas nach Südvietnam zu verlegen, freilich unter strengster Geheimhaltung: Die Welt durfte nicht erfahren, daß Amerika seine Truppen, als "Militärberater" getarnt, über das Limit von 685 Mann hinaus erhöhte, das die Verfasser des Indochina-Vertrages von 1954 Südvietnam zugestanden haben.
Während Einheiten der amerikanischen Pazifikflotte die Küste Südvietnams gegen rote Landungsunternehmen abriegelten, zwei Hubschrauber-Kompanien und zwei Nachschub-Kompanien nach Südvietnam verlegt wurden und Präsident Kennedy die Errichtung eines militärischen Sonderkommandos Vietnam (4500 Mann stark) befahl, entwickelte Stratege Rosson seinen Feldzugsplan der "Operation Sonnenaufgang" gegen die Guerillas:
- Umrüstung der südvietnamesischen Armee auf den Partisanenkrieg durch Männer der Special Forces,
- Entlastungsangriff südvietnamesischamerikanischer Partisanen hinter dem Bambusvorhang des roten Nachschubzentrums Nordvietnam,
- systematisches Freikämmen der Guerilla-verseuchten Gebiete Südvietnams, Umsiedlung der dort lebenden Bevölkerung und Errichtung befestigter Wehrdörfer.
Als ersten Schauplatz des Unternehmens hatte sich Rosson ein für das Prestige des Präsidenten Ngo besonders heikles Gelände ausgesucht, die 50 Kilometer von Saigon entfernten Partisanen-Wälder. In der zweiten Märzwoche begann, wie das Nachrichtenmagazin "U.S. News & World Report" es umschrieb, "die erste Militäroperation gegen Kommunisten in diesem Teil der Welt, die überhaupt einen Sinn hat".
Am 22. März eröffneten südvietnamesische Truppen und Teams der Special Forces eine Offensive gegen den breiten, von Partisanen beherrschten Gebietsstreifen, der sich im Norden Saigons in Richtung auf die Küste hinzieht und die Hauptstadt vom Norden Südvietnams abzutrennen droht.
Die Offensive war militärisch erfolgreich. Mehr als 900 rote Guerillas fielen, andere konnten freilich entkommen. Sie wurden mit allem Raffinement militärischer Verfolgungskunst gejagt; die Sondertruppler setzten deutsche Schäferhunde (War dogs) ein, die speziell auf Partisanen abgerichtet sind, während US-Flugzeuge Chemikalien abwarfen, die Bäume entblättern und damit die Schlupfwinkel der Partisanen demaskieren.
Der militärischen Offensive folgte eine politische. Die Truppen umstellten einige Dörfer und befahlen, die Bewohner müßten in wenigen Stunden ihre Anwesen räumen und in vorbereitete Wehrdörfer der Regierung umziehen. Und kaum hatte der letzte Mann das Dorf verlassen, da gingen die Strohhütten in Flammen auf - die Aktion soll die Partisanen ihres Menschen - und Nahrungsreservoirs berauben.
Ziel ist, zunächst zehn Provinzen von den Partisanen zu befreien. Die Einwohner von 2325 Ortschaften sollen in 361 neue Wehrdörfer umgesiedelt werden; dadurch würden 85 Prozent der in den zehn Provinzen lebenden Bevölkerung dem roten Zugriff entzogen werden.
Auf diese Weise waren einst die Briten der Guerillas in Malaya Herr geworden. Indes, dieser Teil der "Operation Sonnenaufgang" kam nur langsam voran. 70 Familien siedelten freiwillig in den ersten beiden Wochen um, 135 gingen nur, weil ihnen vorgehaltene Maschinenpistolen keine andere Wahl ließen.
Hier aber offenbart sich eine Schwäche der Special Forces, die bei aller militärtechnischen Perfektion nicht übersehen werden darf: Würden die Wehrdörfer (nur 35 Prozent ihrer Bewohner ließen sich freiwillig umsiedeln) zu neuen Keimzellen der roten Partisanenbewegung, dann wäre die Arbeit der Sondertruppler vergeblich gewesen, denn Waffen können nicht zurückerobern, was schon der Ideologie zum Opfer gefallen ist.
Arabien-Oberst Lawrence schrieb einst, jede Rebellion könne Erfolg haben, wenn nur zwei Prozent der Bevölkerung eine Guerillabewegung aktiv unterstütze. Der kubanische Partisanen -Stratege Ernesto "Che" Guevara zeigte in einem (auch von Kennedy studierten) Traktat, wie sich seine Gruppe von zwei Dutzend Mann binnen zwei Jahren gegen Batistas hochgerüstete Armee durchgesetzt hat.
Und für die roten Partisanen in Südvietnam arbeiten mehr als 24 Marschierer, mehr als zwei Prozent der Bevölkerung.
Ein Volk aber, das sich, wie einmal die Londoner "Times" über die Amerikaner schrieb, "nicht vorstellen kann, daß auch ehrliche Menschen Kommunisten sein können", hat kaum die politische Beweglichkeit, um auf einem fremden Gelände dem Anprall einer revolutionären Ideologie eine konstruktive Idee entgegenstellen zu können.
Politisch sind auch den tüchtigsten Soldaten der Special Forces in Südvietnam die Hände gebunden: Sie sind auf Gedeih und Verderb Verbündete eines Diktators, der sich bisher nicht bewegen ließ, Reformen einzuleiten, mit denen den roten Partisanen der Nährboden völlig entzogen werden kann.
Einstweilen muß Guerilla-Stratege William B. Rosson hoffen, den Kampf im Dschungel mit Waffen entscheiden zu können, ungeachtet der Warnung seines Lehrmeisters Mao: "Der Partisanenkrieg ist zum Scheitern verurteilt, wenn nicht seine politischen Ziele mit den Hoffnungen des Volkes im Einklang stehen."
* Aubrey Dixon und Otto Heilbrunn: "Partisanen". Verlag für Wehrwesen Bernard & Graefe, Frankfurt am Main; 1956; 244 Seiten; 15,50 Mark.
** Boris Semjonowitsch Telpuchowski: "Die sowjetische Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges". Verlag für Wehrwesen Bernard & Graefe, Frankfurt am Main; 572 Seiten; 29,50 Mark.
* Hellmuth Rentsch: "Partisanenkampf". Bernard & Graefe Verlag für Wehrwesen, Frankfurt am Main; 212 Seiten; 12,60 Mark.
* Georg Paloczi-Horvath: "Der Herr der blauen Ameisen Mao Tse-tung", Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt am Main; 1962; 430 Seiten.
* Einsatzkommando der großdeutschen ZbV-Division "Brandenburg" in Jugoslawien 1944.
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* Mit Tito (vorn Mitte).

DER SPIEGEL 19/1962
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