02.05.1962

MAJAKOWSKITauwetter 1979

Essener Theaterbesucher sahen am letzten Mittwoch eine Zukunft, die Vergangenheit ist. Die verspätete deutsche Erstaufführung von Wladimir Majakowskis satirisch - phantastischutopischer Komödie "Die Wanze" - das Stück wurde 1929 in Moskau uraufgeführt - gewährte zugleich einen Rückblick in die kurze Genie-Epoche der Sowjetliteratur.
Auch Gegenwärtiges mochte das Publikum der Ruhrgebiets-Bühne immerhin erkennen, als der Held des Stückes, Iwan Bratfisch, emporgekommener "früherer Arbeiter, früheres Parteimitglied, zur Zeit Bräutigam", prosperitätsbewußt verkündete:
Wofür hab Ich gekämpft? Fürs schönere Leben hab ich gekämpft. Nun halt ich's zwischen den Fratzen ein Weib, ein Haus, echte Umgangsformen. Wer im Krieg gewesen ist, hat das Recht, am stillen Ufer auszuruhen. Jawohl! Gar nicht ausgeschlossen, daß ich mit meinem Wohlstandsglück vielleicht den Standard meiner ganzen Klasse hinaufhebe.
Mit seinem genialischen Spektakelstück "Die Wanze" wollte der vor und nach der Revolution gleichermaßen radikale, 1893 geborene sowjetische Dichter Wladimir Wladimirowitsch Majakowski ("Meine Feder ins Waffenverzeichnis!") den "kleinbürgerlichen Spießergeist" geißeln, der sich während der Periode von Lenins neuer Wirtschaftspolitik, der Epoche eines frühsowjetischen Wirtschaftswunders zumindest für Parteifunktionäre, unter arrivierten Kommunisten breitmachte und nach Majakowskis Ansicht die Revolution verdarb: "Ein Geschlecht animalischer Egoisten ist aufgekommen, das von unaufhaltsamem Streben nach Komfort und persönlichem Wohlergehen erfüllt ist."
Majakowskis negativer Bühnenheld, der rote Emporkömmling Bratfisch, hat sich in "Pierre Fiedelbratsch" umbenannt und seine proletarische Geliebte Zoja Birkelein verlassen, um die Friseurtochter Elsevira Rinnesans zu heiraten. Er läßt sich bürgerliche Manieren beibringen und schneidet seine ehemaligen Arbeitergenossen. Der burleske Hochzeitsschmaus endet mit Besäufnis, Keilerei und Stubenbrand. Bratfisch-Fiedelbratsch überlebt als einziger: Er friert im Feuerwehrlöschwasser ein.
Erst fünfzig Jahre später, 1979, wird der tiefkühl-konservierte Bratfisch im zweiten Teil des Stückes von Wissenschaftlern wieder aufgetaut und als fremdartig-gefährliches Relikt einer überwundenen Zeit bestaunt. Zusammen mit Bratfisch wird eine Wanze enteist, und beide werden schließlich in den Zoo gesperrt. Der Zoo-Direktor doziert: "Es handelt sich, genaugenommen, um zwei Geschöpfe verschiedenen Umfangs, doch gleicher Lebensart: die Vancia normalis und den Spießerius vulgaris. Beide gedeihen in den muffigen Matratzen der Zeit."
Majakowskis satirische Utopie aus dem Jahre 1929 ist zweischneidig. Einerseits bleibt Bratfisch eine negative, Figur, es wird sogar gefordert, er hätte eingeeist bleiben sollen - "zur Vermeidung der Gefahr, die mit einer Ausbreitung des Bazillus der Lobhudler und Speichellecker... verbunden wäre, zweier Krankheitserreger, die für das Jahr neunundzwanzig so charakteristisch waren".
Andererseits erscheint die rationalisierte, technisierte und hygienisierte Zukunftsgesellschaft, die Majakowski für 1979 voraussieht, kaum als kommunistisches Paradies, sondern eher unmenschlich und steril - durchaus im Stil der pessimistischen Utopien Huxleys ("Brave New World") und Orwells ("1984"). Der wodkasaufende, gitarreschlagende und walzertanzende Bratfisch kontrastiert dazu als Mensch einer zwar rückständigen, aber doch fröhlicheren, humaneren Welt.
Die von dem Theater-Revolutionär Wsewolod Meyerhold inszenierte Uraufführung der "Wanze" wurde 1929 in Moskau von der offiziellen Sowjetkritik wütend verrissen, das Stück verschwand bald vom Spielplan. Ebenso erging es im Jahr darauf Majakowskis satirischem Schauspiel "Das Schwitzbad".
Lenin hatte die avantgardistische Politlyrik Majakowskis zwar nicht sehr geschätzt ("Meiner Meinung nach ist Puschkin besser"), aber geduldet. Unter Stalin fiel der Dichter in Ungnade. Am 14. April 1930 erschoß sich Majakowski 36 Jahre alt, in Moskau.
1936 scheiterte der Versuch des Regisseurs Meyerhold, "Die Wanze" in Moskau noch einmal aufzuführen. Meyerholds Theater wurde 1938 geschlossen, der Regisseur starb später im Gefängnis. Erst 1956 konnte "Die Wanze" in Rußland wieder gespielt werden.
Die unzureichende Essener Erstaufführung - ihr gingen Studenten- und Schüleraufführungen in Berlin und Frankfurt voraus - wurde vom Publikum einigermaßen gleichgültig aufgenommen. Ende dieses Jahres wird ein anderer Versuch gemacht, das altrevolutionäre Majakowski-Stück aufzutauen: Der Nachwuchs-Dramatiker Tankred Dorst ("Die Kurve") bearbeitet "Die Wanze" für das Deutsche Fernsehen.
Essener Szenenbild "Die Wanze": Fünfzig Jahre tiefgekühlt
Dichter Majakowski
Siebenundzwanzig Jahre unerwünscht

DER SPIEGEL 18/1962
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