16.05.1962

KAPITULATIONBein im Mittelalter

Mit blankgewichsten Knobelbechern und Gewehr über war eine Ehrenkompanie der großdeutschen Wehrmacht auf dem Marktplatz von Lille angetreten. Daneben hätte sich der Kommandeur eines Armeekorps mit seinem Stab unter der Korpsflagge aufgebaut. Es war am Vormittag des 1. Juni 1940.
Während Hitlers Armeen das übrige Frankreich überrannten, paradierte in Lille vor deutschen Offizieren der französische General Molinié an der Spitze seiner bewaffneten Truppen ins deutsche Gefangenenlager: Nur unter dieser Bedingung hatte der Verteidiger von Lille eingewilligt, die Waffen zu strekken.
Die deutsche Ehrenkompanie verkniff sich den Präsentiergriff lediglich deshalb, weil er seit Kriegsbeginn nicht mehr geübt worden war und man sich nicht blamieren wollte.
Dieser bislang unbekannten Begebenheit des Zweiten Weltkrieges erinnerte sich der Göttinger Historiker Percy Ernst Schramm, als er kürzlich über einen Beitrag nachsann, mit dem er die Festschrift zum 70. Geburtstag seines Schweizer Kollegen und Freundes, Professor Carl Jacob Burckhardt, am trefflichsten bereichern könne.
Professor Schramm, der im letzten Kriegsdrittel Hitlers Kriegstagebuch führte, beschloß, zu Ehren des Schweizer Friedensfreundes die Liller Parade-Kapitulation zu schildern, an der er als 1. Ordonnanzoffizier der 267. Infanterie-Division teilgenommen hatte, und deren Einzelheiten von ihm in einem Feldpostbrief an seine Ehefrau festgehalten worden waren.
Die Deutschen hatten Lilie eingekreist. Die Lage der französischen Verteidiger
war hoffnungslos. Sie wurden am Morgen des 31. Mai 1940 durch Flugblätter zur Kapitulation aufgefordert
Historiker Schramm - "Auf Grund meiner Forschungen stehe ich mit einem Bein imMittelalter" - befürchtete peinliche Szenen bei den Übergabeverhandlungen, da der deutsche Korpskommandant, General Waeger, genannt der "Kommandierende", nicht gewillt schien, seinem französischen Widersacher irgendwelche Honneurs angedeihen zu lassen. Er zieh ihn vielmehr der Trunkenheit und sah "Höllenstrafen" für "diesen Hund" vor.
Daß der Kommandierende sich dann überraschend vom adolfinischen Rasselsäbel trennte und zum friderizianischen Galanteriedegen griff, war das Verdienst des Generals Feßmann, der die 267. Infanterie-Division kommandierte und nun vor Lille seinen Vorgesetzten Waeger in allen Details altpreußischen Kapitulationsprotokolls unterwies. Etwa "daß ein Handschlag unpassend sei, ebenso das Anbieten einer Zigarre".
Hinreichend informiert harrte daraufhin der Kommandierende in einem Regimentsgefechtsstand des Übergabe-Palavers. Ordonnanzoffizier Schramm empfing indessen am vereinbarten Treffpunkt die französische Delegation.
Mittelalter-Experte Schramm agierte dem Gebot der Stunde angemessen: "Ich ging ... allein der Gruppe entgegen, blieb stehen, um sie entgegenkommen zu lassen, und machte dann nur noch, als sie herangekommen waren, einige Schritte, um das 'èquilibre de l'étiquette' wiederherzustellen. Dann salutierte ich sehr stramm, was die Gegenseite ebenso stramm erwiderte. Ich fragte: Monsieur le général Molinié?', was der Ältere bejahend beantwortete. Wir rückten uns näher ..."
Die Franzosen wurden in ein Auto genötigt und von Schramm, - der auf dem rechten Trittbrett stand - zum Verhandlungstisch eskortiert.
General Molinié wies kein eigentlich soldatisches Gesicht auf und ließ "die
gestraffte Haltung eines solchen" vermissen. Doch der Schein hatte getrogen, wie sich während der Verhandlungen zeigte.
"Tief beeindruckt" konstatierte Schramm in dem General Molinié einen "Ehrenmann, der die für ihn schwere Lage so durchstand, wie man es nicht besser erwarten konnte". Molinié verfügte immerhin noch über rund 3000 kampfbereite Soldaten, darunter 100 versprengte Engländer.
General Waeger, obschon militärisch haushoch überlegen, wollte seine drei Divisionen nicht unnötig zur Ader lassen. Eingedenk der Vergatterung durch General Feßmann drechselte er daher waghalsige Komplimente über die Tapferkeit des Gegners.
Verwunderte sich Schramm: "Welcher Umschwung gegen Mittag! Dieses Kompliment ... ging nach meinem Geschmack sogar einige Striche zu weit - wie es ja oft bei Deutschen der Fall ist, die sich rabauzig geben und dann, wenn sie mit Ausländern zusammentreffen, die richtige Linie nicht sicher finden."
Immerhin ermunterte der Wink mit dem Galanteriedegen den Franzosen stracks zu der Anfrage, ob eine ehrenvolle Kapitulation "mit Défilé" bewilligt würde. Der verblüffte Waeger erfuhr denn auch sogleich, was es damit auf sich habe: ein Vorbeimarsch noch bewaffneter Einheiten vor einer deutschen Truppe, die Ehrenbezeigung erweist. Falls er sein "Défilé" nicht bekomme, so ließ Molinié durchblicken, werde er bis zur letzten Patrone kämpfen.
Sinnierte Schramm: "Der Geist vergangener Jahrhunderte, in denen Ritter und Kavaliere sich bekriegten, brach in das kleine Zimmer hinein, während draußen eine Mörserbatterie heranrollte, um (den Vorort) Haubourdin endgültig in Klumpen zu schießen, und die Soldaten nach Stukabombern ausschauten."
Der Hitler-General wollte sich vom Gegner nicht an der Ritter-Brünne flikken lassen: Er bestand darauf, dem General Molinié auch noch den Säbel zu belassen.
Da somit das Kernproblem gelöst war, einigte man sich schnell darüber, daß es an der Zeit sei, beiderseits das Feuer einzustellen.
Das Défilé wurde im Schlußprotokoll unter Ziffer 3 dann so spezifiziert: "In Anerkennung ihrer tapferen Haltung wird (den Franzosen) Abzug unter militärischen Ehren gewährt. Der Oberbefehlshaber behält seinen Wagen. Die Truppen bilden eine Abordnung in Stärke von drei Kompanien, die mit ihren Handfeuerwaffen ohne Munition vor einer angetretenen Ehrenformation der Deutschen Wehrmacht vorbeizieht. Die deutsche Formation erweist Ehrenbezeigung durch Stillstehen mit umgehängtem Gewehr und Blickwendung. Offiziere grüßen mit Handaufnahme."
So geschah es am nächstenMorgen auf der Grande Place von Lille. Nur hatte deutsche Formation das Gewehr nicht umgehängt, sondern erwies durch den Griff "Gewehr über" Ehrenbezeigung. Unter den zahlreichen Zuschauern drängte sich auch Percy Schramm. General Feßmann allerdings fehlte, denn "einen besiegten Feind wollte er sich nicht noch ansehen". Bekannte Schramm: Standpunkt eines Ehrenmannes - bei mir überwog das Interesse des Historikers."
Während der Krieg in Frankreich veiterging, bot sich dem Historiker das groteske Bild einer friedensmäßigen Parade: Mit Stahlhelm, Säbel und Trauerflor am Arm marschierte General Molinié an der Spitze seiner Soldaten an den Deutschen vorbei schwenkte rechts ein, meldete dem Kommandierenden General Waeger und stellte sich mit seinem Stab vor der deutschen Ehrenkompanie auf.
Registrierte Augenzeuge Schramm: "Inzwischen kamen die Franzosen heran, voran die Generale und Stabsoffiziere, grüßend, und von den Generalen wieder begrüßt, dann drei bis vier Kompanien mit Gewehr und Bajonett über ... Nach ihnen dann die entwaffneten Einheiten mit Decken von Schulter zur Hüfte gerollt, manche mit Geschirren, Brotfladen, Flaschen in den Händen oder am Gürtel. Einige wenige (Poilus) rauchten oderbenahmen sich sonst unpassend: Ich beobachtete, wie der General Molinié ihnen bitterböse nachschaute Vermutlich hat er nicht mehr mitangesehen,wie zuletzt noch die deutsche Ehrenkompanie im Paradeschritt am Kommandierenden defilierte: Das war etwas ganz anderes."
Obgleich das Liller Défilé von Presse und Wochenschau übergangen wurde, verdroß es den Führer Adolf Hitler doch so sehr, daß er den Kommandierenden einige Zeit später "in die Wüste schickte" (Schramm).
Während des Führers Mißfallen ihm seinerzeit verständlich erschienen war, vermochte Historiker Schramm 22 Jahre später nicht einzusehen, warum die Eidgenossen sein Manuskript aus der schon umbrochenen Burckhardt - Festschrift wieder herausnahmen. Das Thema, so bedeutete man dem deutschen Historiker, sei für den erklärten Friedensfreund Burckhardt möglicherweise zu prall mit kriegerischem Beiwerk gefüllt. Schramm: ... Ein Schweizer kriegte kalte Füße."
Der gescheiterte Festschriftautor ließ daraufhin einen Sonderdruck anfertigen, den er seinem Freund Burchardt schickte, und empfing wenige Tage später die erwartete Bestätigung, daß der Jubilar den Kleinmut der Festschrift-Redaktoren nicht teilte: Carl Jacob Burckhardt übermittelte sein "nachdrückliches Kompliment".
Kapitulationsverhandlung bei Lille* (1940): Für die Schweiz zu militant
General Feßmann
Vor den Siegern ...
..eine Parade der Besiegten: General Molinié (mit Trauerflor) beim Vorbeimarsch in Lille 1940
* Rechts: der deutsche Kommandierende General Waeger; 2. von rechts: der französische General Molinié.

DER SPIEGEL 20/1962
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