16.05.1962

RUSSLAND

Nackte und Tote

FILM

Ein Trupp gefangener Rotarmisten liegt auf dem Bauch in der Steppe. Schwerbewaffnete Schergen der Koltschak-Soldateska halten die Bolschewisten mit ihren Flintenläufen nieder; andere ziehen ihnen die Stiefel aus.

Während die meisten der Gefangenen das Gesicht ins Gras pressen oder nur furchtsam um sich blicken, lacht einer, mit dem Gesicht eines Bauern, breit und gemütlich in die Kamera.

Von einem Exekutionskommando werden die Bolschewisten, jeweils zu dritt, an den Rand einer Grube geführt. Die Exekuteure feuern - die Rotarmisten stürzen, tödlich getroffen, zu ihren bereits durchlöcherten Kameraden ins Grab.

Als der rote Soldat mit dem Bauerngesicht am Massengrab steht, lacht er noch immer. In seine wegwerfende Handbewegung kracht die Salve - seine Mütze fliegt hoch, der Soldat kippt rücklings in die Grube.

Derart eindrucksvolle Bilddokumente über das Massaker des rot-weiß-russischen Bürgerkriegs während der Jahre 1918 bis 1921 kommen dem westdeutschen Kinogänger jetzt erstmals zu Gesicht. Sie sind in dem abendfüllenden Dokumentarfilm "Vom Zar bis Stalin" enthalten, den der Westberliner Journalist Peter Rosinski und der Westberliner Filmkaufmann Raphael Nussbaum zusammengestellt haben. Am Freitag dieser Woche wird der Film in Bremen uraufgeführt.

Das Filmdokument soll demonstrieren, wie "ausgerechnet im tief religiösen Rußland die bolschewistische Revolution durch Lenin und Trotzki möglich und schließlich durch Stalin korrumpiert wurde".

Die ausschließlich dokumentarischen, zum Teil öffentlich noch nie gezeigten Filmaufnahmen reichen vom höfischen Zeremoniell im Jahre 1905 bis zum XXII. Parteitag der KPdSU im Jahre 1961 und enthalten eine Fülle erstaunlicher Sequenzen:

- Zar Nikolaus II. beim Nacktbaden mit seinen Offizieren; das Gesäß des Zaren in Großaufnahme;

- der Zarewitsch beim Pferdchenfüttern, wobei zwei Offiziere ständig bemüht sind, die Hand des kleinen Bluters mit einer Serviette vom Pferdespeichel zu säubern;

- die jugendliche Großfürstin Anastasia beim Rollschuhlaufen an Bord einer Jacht im Hafen von Odessa;

- Lenin und Trotzki bei ihren aufputschenden Reden auf Massenveranstaltungen;

- Koltschak-Soldateska beim Plündern russischer Klöster - wobei die Armisten Mumien wie Plättbretter handhaben und an der Klostermauer aufstellen;

- karnevalistische Straßenumzüge der Bolschewisten, auf denen orthodoxe Popen verhöhnt werden;

- Stalins überdimensioniertes Konterfei am sowjetrussischen Himmel, aufgehängt an einem Ballon;

- die Kommunistin Klara Zetkin und der - Nationalsozialist Joseph Goebbels auf einem Bild.

Dieses historische Bildmaterial haben Nussbaum und Rosinski auf monatelangen Reisen mit detektivischem Spürsinn zusammengetragen.

Kernstück ihres Werkes ist der Film "Tsar to Lenin", den der, New Yorker Filmkaufmann Herman Axelbank während der dreißiger Jahre zusammenstellte und in den Vereinigten Staaten vorführen ließ. Nussbaum kam im vergangenen Jahr nach New York, sah das Material und kaufte es. Rosinski reiste in Deutschland umher, wühlte im Bundesarchiv von Koblenz und in der Rumpelkammer der "Fikopa" ("Film-Kopier-Anstalt Emil Müller") in Berlin und klapperte alte Militärphotographen und russische Emigranten ab, "die das Zeug damals irgendwie 'rausbekommen haben". Rosinski: "Es war ein Unternehmen Hören-Sagen', und die Leutchen wußten meist gar nicht, was sie da hatten, was drauf war."

"Was drauf war", wußten freilich auch Nussbaum und Rosinski oft nicht, als sie schließlich sechs Kilometer Zelluloid zusammenhatten: "Nun galt es zu identifizieren."

Emigranten übersetzten ihnen kyrillische Transparente, Historiker stellten Bildvergleiche an und identifizierten Personen. "Vor allem", so Rosinski, "mußten wir darauf achten, alle als Spielfilmfragmente zu verdächtigenden Szenen auszuscheiden. Denn wenn so was reinkommt, kann man es gleich lassen. Entweder wir machen ganz sachlich Dokument und Reportage oder gar nischt."

So wanderten zum Beispiel verblüffende Filmszenen mit Rasputin in den Papierkorb - "denn das waren sechs Schauspieler, einer immer schöner als der andere"; der Film begnügt sich nun mit starren Photos von Rasputin.

Als der Film endlich auf die Normallänge von anderthalb Stunden zusammengeschnitten war, reiste Propagandist Helmut Ludwig mit einer ersten Kopie nach Bonn, um sie Mitarbeitern des Bundespresseamts und des gesamtdeutschen Ministeriums vorzuführen. Sie zeigten sich, laut Ludwig, überrascht und beeindruckt von dem Material, kommentierten jedoch: "Aber manches darf man doch gar nicht so deutlich sagen."

Anfang April führte Ludwig den Film dann dem Heimkehrerverband in Bad Godesberg vor. Aber die Reaktion der Heimkehrer-Funktionäre war anders als erwartet. Ludwig: "Allen Ernstes meinten die da, der Film dürfte in Deutschland überhaupt nicht vorgeführt werden, er wirke ja demoralisierend; man dürfte den Deutschen nicht sagen

- in unserem Abwehrkampf -, daß der

Bolschewismus in Rußland gesiegt hat, dann verlieren sie ja den Mut."

Ganz anders reagierten die Begutachter der Filmbewertungsstelle, die den Film als "ungewöhnlich eindrucksvoll" erkannten und ihm das Höchstprädikat "besonders wertvoll" zugestanden. Freilich machten sie diese Prädikatisierung von einer Auflage abhängig: Eine Szene und der dazugehörige Kommentar müßten entfernt werden.

In dieser Weltkrieg-I-Szene betet der Zar mit Soldaten und mehreren Popen um den Sieg. "Aber geweihtes Wasser", so der Sprecher, "ersetzt keine Waffen; auch kann man durch Beten keine mangelnde Feldherrnkunst wettmachen. Und endlich beten zu dieser Stunde so viele Nationen um den Sieg, daß es dem lieben Gott schwerfiele, es allen recht zu machen."

Das steuerermäßigende Prädikat vor. Augen, strichen Rosinski und Nussbaum den Feldgottesdienst.

Gefangene Rotarmisten (vor der Erschießung): Ein Bauer lachte

Zarewitsch Alexej, Ordonnanzen: Ein Bluter fütterte

Nikolaus II. (l), Offiziere*: Ein Zar badete

* Aufnahmen aus dem Dokumentarfilm

"Vom Zar bis Stalin".


DER SPIEGEL 20/1962
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 20/1962
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

RUSSLAND:
Nackte und Tote