23.05.1962

LUFTSCHUTZ / BUNDESPLANUNG Jeder hat keine Chance

Vor der Küste Kaliforniens ging das amerikanische U-Boot "Sawfish" auf Sehrohrtiefe. Kommandant Dwight Towers blickte durch das Periskop auf die Stadt San Francisco. Er sah das Grauen in schöner Gestalt: Kein Haus war zerstört, aber kein lebendes Wesen regte sich. San Francisco, obgleich unversehrt, war tot.
Nicht nur San Francisco. Der große Atomkrieg hatte die Erde ihrem Urzustand wieder angenähert: Sie war wenn nicht wüst, so doch leer, die Kontinente waren verseucht, die Menschen ausgelöscht. Allein in Australien gab es noch Leben. Dorthin, zum letzten Strand der Menschheit, wandte sich das U -Boot "Sawfish".
Indes - der Känguruh-Kontinent hatte nur befristeten Aufschub vom Ende bekommen. Die tödliche Wolke nahte über See, Die Menschen tranken, liebten und teilten Tabletten aus, um den qualvollen Tod abkürzen.
Diese Zukunftsvision, die der Amerikaner Nevil Shute in seinem bereits verfilmten - Roman "On the Beach" ("Das letzte Ufer") unters Volk brachte, terminiert den Atom-Exitus der Menschheit auf das Jahr 1964.
Die einschlägig erfahrenen Japaner terminierten nicht. Dafür ließ Regisseur Matsubayashi das Grauen in seinem Film "Der allerletzte Krieg" ("The last war") nicht mehr schön, sondern nur noch grauenvoll sein: Der Explosionsglast von Wasserstoffbomben zerbläst Moskau und New York. Tokio und Paris werden zu Lava eingeschmolzen. London stirbt unter dem Blitz, seine Bauten wirbeln empor, bevor sie zerplatzen.
Selbst die relativ ungefährdete, weil gut neutrale Alpen-Republik Österreich lieferte ihren Beitrag zur epischen Erfassung des großen Atomkriegs. Gruselte Autorin Hannelore Valencak in ihrem Roman "Die Höhlen Noahs": "Der Himmel schüttete Steine auf die Erde, die plötzlich Stimmen hatte: röhrende, brüllende und weinende Stimmen, tierische und menschliche Klagelaute. Die Welt schlug wie eine Glocke an und dröhnte. Und die Luft war weiße Lohe..."
Erstmals wehte die weiße Lohe, von den USA entflammt, 1945 über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki. Sie zermalmte die Häuser, verbrannte 130 000 Menschen und verletzte 150 000, aber sie war noch kein Alptraum.
Seit jedoch die Großmächte Superbomben ausprobieren und einlagern, die zwei- bis dreitausendmal stärker sind als die Hiroshima-Bombe, und seit zu befürchten steht, daß sich bald auch kleinere Staaten ihr Bömbchen zulegen können, lebt die Menschheit unter der Drohung einer neuen Apokalypse**. In Mitteleuropa waren rund 500 Jahre nötig, um neu zu kultivieren, was seit dem Ausgang des Mittelalters abhanden gekommen war: die Angst vor dem Ende aller.
Aber die Dimension hat sich ins Ungeheure verschoben. Die große Pest des Jahres 1350 raffte 25 Millionen Europäer - ein Viertel der Bevölkerung - dahin. Eine einzige auf New York geworfene Atombombe kann jedoch nach vorsichtigen Schätzungen allein fünf Millionen Menschen auslöschen.
Der Zweite Weltkrieg forderte insgesamt 55 Millionen Tote. Aber ein mittelschwerer Atombombenschlag gegen die USA könnte schon 60 Millionen Amerikaner töten.
Gegen dieses Maß von Zerstörung wirkt die klassische Apokalypse, die Albrecht Dürer 1498 nach der Johannes-Offenbarung zeichnete, beinahe harmlos: Vier Reiter - Pest, Krieg, Hunger und Tod - fegen über das Land, scheußliche Gestalten zwar, deren Wirkungsbereich jedoch begrenzt erscheint. Wer sich in einen Winkel duckt, wird von den vier Reitern womöglich nicht gesehen. Der Fromme vollends hatte nach dem Glauben der Dürer-Zeit eine Chance, ungeschoren zu bleiben.
Nach dem Glauben der deutschen Bundesregierung haben sich die Aussichten, die Apokalypse zu überleben, seither gebessert.
Obschon die raketengelenkten Waffen fraglos wirksamer sind als Schwert und Mistgabel der Dürer-Reiter, hat heute angeblich nicht nur mehr der Fromme, sondern schlechthin jedermann diese Chance, sofern er nur unter "einen festen Tisch, Schreibtisch oder dergleichen" zu kriechen vermag. Fehlt auch der Tisch, soll der vom Atomschlag überraschte Bürger sein Haupt mittels Aktentasche verhüllen, um Feuersbrunst und Strahlenbündel abzuwehren.
Mit diesen und anderen Ratschlägen versuchte das offizielle Bonn seinen Landeskindern erstmals mit der gebotenen Vorsicht klarzumachen, daß das Zeitalter der Sekurität auch am Rhein abgeschlossen ist und daß, weil ja Raketen und Bomben durch die Luft geflogen kommen, Luftschutz wieder not tue.
Die trostreiche Broschüre "Jeder hat eine Chance", die das Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz im Auftrag des Bonner Innenministeriums unlängst jedem Deutschen gratis ins Haus lieferte, verzuckerte die Atombombe jedoch so, als handele es sich um eine weiterentwickelte Thermit-Stabbrandbombe des Zweiten Weltkriegs, deren sympathische Bleistiftform den deutschen Zivilisten in den Bombennächten vertraut wurde. Handlöschpumpe, Sandsack und Feuerpatsche machten der Brandbombe zu Tausenden den Garaus.
Die Luftschutzbroschüre aus dem Innenministerium vermittelte Hoffnung statt Aufklärung und gab zu erkennen, daß der Luftschutz bislang der ärgste Notstand im Lande war und daß der gleiche Staat, der seit Jahren nach allen Seiten Geschenke austeilt, auf dem Gebiet des Bevölkerungsschutzes Bedeutendes nur im Knausern leistete.
Die Bundesrepublik
- unterstützte die deutsche Kuhmilch bislang mit insgesamt 2,4 Milliarden Mark,
- streute auf die nicht durchweg mageren deutschen Äcker Kunstdünger im Wert von insgesamt 1,6 Milliarden Mark und
- erübrigte für das Bundespresseamt
insgesamt 430 Millionen Mark.
Für den zivilen Bevölkerungsschutz hingegen wurden summa summarum zwei Milliarden aufgewandt, so viel, wie die Bundeswehr allein im Haushaltsjahr 1962 für Kasernen verbauen will.
Erst von Anno 1962 an soll auch für das Überleben der deutschen Zivilisten besser vorgesorgt werden: etatmäßig sogar ein klein wenig großzügiger als für den Kasernenbau.
Vier Kabinette Adenauer waren nötig, um ein zusammenhängendes Zivilschutz-Konzept zu fabrizieren. Als es in diesem Frühjahr ans Licht der Welt kam, stellte sich indes heraus, daß es ebenso widersprüchlich wie grandios war: Die Planer gaben vor, daß sie von der Annahme atomarer Schläge ausgegangen seien und daß ihr Programm Deutschland innerhalb von einigen Jahren auch gegen Atombomben schützen werde. So hatte jeder eine Chance.
In Wirklichkeit aber hat niemand eine Chance, falls es Chruschtschow (wie er 1959 andeutete) tatsächlich einfallen sollte, acht große Wasserstoffbomben auf das bundesdeutsche Areal zu verteilen. Nur die Wahrscheinlichkeit, daß der Sowjetmensch für einen solchen Megatonnen-Zauber lohnendere Ziele weiß, macht die Bemühungen der deutschen Luftschützer nicht von vornherein sinnlos.
Im Gegensatz zu der offiziellen Großsprecherei, man könne die rheinische Heimatfront auch bei atomaren Luftangriffen noch wirksam schützen, landeten die Bonner Planstrategen de facto teilweise in den Bahnen des herkömmlichen Luftschutzes und seiner Requisiten, der nur eine zufällige Überlebenschance bietet, falls es zum Atomkrieg kommt.
Jahrelang hatte die westdeutsche Welt den Atomkrieg aus ihrem Bewußtsein und aus ihrem Kalkül gestrichen und, als er nicht mehr zu streichen war, über sein Aussehen keine Klarheit gewinnen können.
Solange die militärische Doktrin - der Nato den Ruf genoß, den Frieden mittels Abschreckung jedes Gegners zu garantieren, schien es überflüssig; sich kostspieligen Schutz für die am Abschrecken Unbeteiligten Zivilmenschen einfallen zu lassen."
In der Bundesrepublik galt es lange Zeit als unklug; das psychologische Hemmnis, das die Wiederaufrüstung in weiten Kreisen erregt hatte, noch durch Luftschutz zu stabilisieren.
Des Kanzlers Spürsinn für die geheimen Gedanken des Volkes entdeckte außerdem, daß das Unlogische auch in Sachen Luftschutz einleuchtend war: Wer Kasernen baut, ohne Luftschutz zu treiben, beweist nach einer weit verbreiteten Meinung seinen Glauben an den Frieden. Hielte er den Frieden ernsthaft für bedroht, würde er sicher auch seine Zivilisten schützen.
Wer aber Kasernen baut und zugleich seine Zivilisten schützt, beweist nach der gleichen - Auffassung, daß sein Glaube an den Frieden nicht sonderlich robust ist. Der Bürger aber sollte den Kanzler glauben sehen, auf daß er selber glaube. Ergo mußte er eine funkelnde Wehrmacht und einen läppischen Luftschutz kriegen.
In Wirklichkeit aber ist die Doktrin der Abschreckung - wenn überhaupt - nur glaubhaft, sofern die Entschlossenheit, notfalls den atomaren Krieg zu führen, dahintersteht. Ohne wirksamen Luftschutz, der zumindest vorgibt, die physische Substanz eines Volkes über
den großen Krieg hinwegretten zu können, muß diese Entschlossenheit jedoch fragwürdig erscheinen.
Kanzler Adenauer dachte umkomplizierter. Er dachte vor allem daran, daß mißtrauische Ausländer einen konsequenten Luftschutz als Zeichen deutscher Kriegsbereitschaft deuten würden. Noch 1960, als der Bundesverteidigungsrat über ein Schutzraumgesetz debattierte, wandte sich Adenauer gegen den Vorschlag, Schutzräume nicht nur in Neu-, sondern auch in Altbauwohnungen einzurichten. Warnte der Kanzler: "Da muß ja der Verdacht kommen, wir wollen den Krieg vorbereiten."
Die berufsmäßigen Kriegsdienst- und Atomtodgegner aller Sparten hatten diesen Verdacht - nicht, nur auf die Bundesrepublik spezifiziert - längst ausposaunt. Wer Rüstung und Atomrüstung erfolglos bekämpft hatte, rannte nunmehr mit der Hoffnung auf mehr Erfolg gegen die widerlichen Bunker an, die sich als Symbol für Kriegsbereitschaft besser zu eignen schienen als Kanonen und Atomraketen.
So emotionell eine solche Auffassung scheint, sie ist doch nicht widersinnig. Auch der Luftschutz kann, wenn er die atomare Wirklichkeit verniedlicht, zu einer politischen Gefahr werden.
Nach dem Urteil der "Süddeutschen Zeitung" wird ein perfekter Luftschutz "die Unverbesserlichen unter uns in eine verhängnisvolle Kriegsbereitschaft stürzen, da für das Überleben ja gesorgt ist". Denn: "Wer den Krieg weniger fürchtet, wird weniger tun, ihn zu verhindern."
Diese These setzt allerdings voraus, daß es entweder einen auch nur annähernd perfekten Luftschutz gibt, oder daß die Bevölkerung übermäßig in Sicherheit gewiegt wird.
Den perfekten Luftschutz gibt es nicht. Das militärtechnische Gesetz, daß jede Waffe bald eine nicht minder wirksame Gegenwaffe nach sich ziehe, hat offenkundig im Zeitalter der Atomraketen keine Gültigkeit.
Da man Großstädte nicht mit Stahlbeton überdachen kann, da der - theoretisch denkbare - Bau von absolut sicheren Bunkern für jedermann angesichts der ungeheuren Kosten unmöglich und wegen der kurzen Warnzeiten sinnlos ist, da selbst der Bau halbwegs sicherer Schutzräume in jedem Wohnhaus nicht bezahlt werden kann, galt Luftschutz gegen Atombombenangriffe lange Zeit als Marotte ängstlich veranlagter Vereinsmeier - nicht nur in Deutschland.
In den USA beispielsweise konnte sich Expräsident Eisenhower bis zu seinem Abtreten nicht zu einer konsequenten Luftschutzplanung durchringen. Die psychologische Hemmung, den US -Landeskindern reinen Wein einzuschenken, und das unbändige Vertrauen auf die Abschreckungsdoktrin ließen einen ebenso makabren wie geruhsamen Fatalismus gedeihen. Resignierte Amerikas oberster Luftschützer Petersen: "Die Aussichten sind: Sterben, Eingraben oder Verduften."
Andererseits tröstete man sich mit dem Gedanken, daß die Atombombe so ganz schrecklich auch wieder nicht sei: Nach Berichten aus Japan wirkten die sonst tödlichen Strahlen der Bombe von Hiroshima angeblich heilsam auf tuberkulöse Lungen, Magengeschwüre und Prostata-Leiden.
Als die beschauliche Ära Eisenhower zu Ende ging und als die Berlin-Krise dazu zwang, die Möglichkeit eines Atomkrieges ernsthaft ins Auge zu fassen, war nicht nur dieser Optimismus verflogen, sondern auch Reif auf die Abschreckungsdoktrin des Westens gefallen. Die Sowjets testeten ihre Superbomben.
Im vergangenen Jahr rief Präsident Kennedy die Nation auf, sich vor der Bombe mittels Luftschutz zu retten. In Amerika brach die Atom-Hysterie los.
Eine nicht gekannte Hochkonjunktur in Bunkern und Bunkerteilen, im Handel von Steinbrüchen, Stollen und Höhlen setzte ein. Man kaufte Luftschutz, wie ihn der kleine Mann sich vorstellt: Atom-Füllhalter, die radioaktive Strahlen anzuzeigen und Seifen, die diese Strahlen vom Körper abzuseifen versprechen.
Jenseits dieser Hysterie proklamierte die Regierung Kennedy ihr "Civil Defence Programm", das den Bunker -Boom staatlich kanalisieren soll. Der ursprüngliche Plan, die Bevölkerung in Massen zu evakuieren, wurde aufgegeben. Die Regierung ersetzte die Fluchtthese durch den Schutzraum und lieferte den deutschen Luftschützern damit ein für Deutschland unsinniges Vorbild.
Mit 700 Millionen Dollar sollen in den USA zunächst Schutzräume für 20 Millionen Menschen gebaut werden. In öffentlichen Gebäuden sollen Schutzkeller für weitere 50 Millionen entstehen.
Die Regierung Kennedy verkündete in einer amtlichen Broschüre mit brutaler Offenheit: "Es gibt kein absolut sicheres Mittel gegen einen nuklearen Angriff. Bei einem großen Schlag gegen unser Land würden Millionen Menschen sterben." Am 11. Mai dieses Jahres spezifizierte das Pentagon: 110 Millionen Tote, selbst wenn das Luftschutzprogramm durchgeführt ist.
Den Amerikanern wurde auch nicht verheimlicht, daß der Luftschutz der Regierung Kennedy allenfalls dazu angetan ist, ihnen einen der drei Atombomben-Tode zu ersparen: das - freilich besonders qualvolle - Ende infolge der Kernstrahlung.
Die radioaktive Energie einer Atombombe verseucht zwar
- als sogenannte Initialstrahlung unmittelbar nach der Explosion die nähere Umgebung und
- als sogenannter Fallout noch Wochen nach der Explosion ein Hunderte von Kilometern entferntes Gebiet,
wird aber durch die atmosphärische Luft stark geschwächt. Ein normal gebautes Haus kann seine Bewohner auch gegen vergleichsweise heftigen Fallout wirksam schützen, doch nur unter der Voraussetzung, daß niemand ungefilterte Luft einatmet oder gar vor die Tür geht. Mit anderen Worten: Das Haus müßte wirtschaftlich restlos autark und jeder Insasse fähig sein, nunmehr Zuchthäusler zu spielen.
So fraglos schon eine Kleinstadt, gewiß aber ein Volk, unter diesen Lebensbedingungen verkümmern und schließlich absterben würde, so sicher ist, daß in naher Entfernung von der Explosion gegen die beiden anderen Atomtode, hervorgerufen durch Druck und Hitze, kaum ein Kraut gewachsen ist.
Wahrheitsgemäß informierte die Regierung Kennedy ihr Volk denn auch: "Die Zone, in der Druckwelle und Hitzestrahlung wirken, wird ein Schauplatz des Grauens, der Zerstörung und des Todes sein."
In der Bundesrepublik Deutschland wurden diese unerfreulichen Tatsachen bislang in keiner Aufklärungsschrift erwähnt. Die erste "Atomschutzfibel", die nicht etwa die Bundesregierung, sondern der stramm rechtsgerichtete Göttinger Pleise-Verlag 1950 auf den Markt brächte, wußte sogar ein Allheilmittel gegen die Hitzestrahlung: "Ein gerade in Reichweite befindliches, rasch übergeworfenes weißes Tuch kann wie ein Wunder wirken."
In Bonn wurden um diese Zeit erste Anstalten gemacht, jenen Deutschen wieder aufzuwecken, der sich In den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs so wacker geschlagen hatte: den Luftschutzwart.
Dieser Mischling zwischen Feuerwehrmann und NSV-Tante hatte die Nation in den Keller und die Sandsäcke auf den Dachboden geschickt. Das Front -Kabarett hatte ihn als des Führers letztes Aufgebot persifliert. Seine Standardwaffe war die Feuerpatsche; nur die Elite hatte Minimax.
Diese Truppe konnte nicht verhindern, daß insgesamt fast 600 000 Volksgenossen den Bombentod starben und rund 400 000 Wohnungen bis auf die Grundmauern zerstört wurden. Aber ohne Luftschutz wären nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes etwa eine Million Menschen mehr umgekommen. Lobte der US-Generalstab: "Wenn etwas bei den Deutschen funktioniert hat, dann war es der Luftschutz."
Daß allein bei den Großangriffen auf Hamburg im Juli 1943 über 20 000 in Brand geratene Gebäude gerettet werden konnten, lag allerdings hauptsächlich an der Harmlosigkeit der damals gebräuchlichen Bombentypen. Auf Hamburg fielen bei jenen Angriffen fast drei Millionen Stabbrandbomben, die vergleichsweise leicht zu bekämpfen waren, sofern ein wachsamer Luftschutzwart ihr Eintreffen auf dem Dachstuhl frühzeitig gerochen hatte.
Immerhin haben die ältlichen deutschen Luftschützer nach Auffassung der Alliierten so viel zur Verlängerung des Hitler-Reiches beigesteuert, daß ihr Gewerbe nach dem Krieg von
der Militärregierung verboten wurde, wenn auch nur für fünf Jahre.
Auf Betreiben der Bundesregierung, die etwas, aber ja nicht zu viel für den Luftschutz tun wollte, entstand 1951 in Köln der Bundesluftschutzverband, zunächst als Verein des privaten Rechts. Unverzüglich begann er, die ruhmreiche Feuerpatsche ideell zu renovieren: Das Gerät der Brandbekämpfer von gestern, mit dem man Bomben wie Heuschrekken ausgelöscht hatte, wurde Bewußtseinsinhalt der neuen Truppe und Leitstern der Bonner Luftschützerei, ungeachtet der Tatsache, daß die Waffenentwicklung inzwischen rapide Fortschritte gemacht hat und selbst gegen die Napalmbomben der modernen Jagdbomber mit der Feuerpatschen-Ideologie kaum etwas auszurichten sein wird.
Das Ergebnis des zehnjährigen Feuerpatschens fand der Bayer Hermann Höcherl vor, als er im Herbst 1961 das Bundesinnenministerium von Gerhard Schröder übernahm. Es gab
- ein Luft-Warnsystem mit 6000 Sirenen,
wo 70 000 nötig wären;
- einen fertigen Atom-Schutzbunker
für 100 Insassen in Hamburg halbfertig
Bunker in einigen anderen Großstädten;
- ein Luftschutzgesetz von 1957, das hauptsächlich Kompetenzfragen regelt, wirksamen Luftschutz aber nur von ferne anvisiert;
- einen Bundesluftschutzverband mit rund 200 000 haupt- und ehrenamtlichen Helfern; zwei bis fünf Millionen Helfer wären nötig;
- einen Ministerialdirektor Bargatzky
als Leiter der Abteilung VII ("Ziviler Bevölkerungsschutz") im Bundesinnenministerium und ein Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz (seit 1953) mit einer Unzahl halbfertiger Planskizzen, Gesetzentwürfe und Schutzideen.
Diesen aparten Luftschutz-Murks aus der Ära Schröder gedenkt Höcherl schon in seinem ersten Amtsjahr zu ordnen. Sein Haus bereitet Gesetze vor über Schutzraumbau, Evakuierung sowie Notdienst und Selbstschutz der Bevölkerung.
Während Evakuierung und Notdienst als zweitrangig gelten, soll der den Amerikanern abgeguckte Schutzraumbau die Zauberformel des deutschen Luftschutzes werden.
Der flinken Energie Höcherls, die standfeste Hürden meidet und also stets frisch bleibt, kommt bei diesem Gesetzesprojekt die inzwischen veränderte Drift der öffentlichen Meinung zugute. Die Bunker sind
manchem Deutschen seit einiger Zeit gar nicht mehr so widerlich.
Höcherls oberster Luftschützer Bargatzky weiß den Tag, an dem der Meinungswind umschlug: "Der 13. August hat die psychologischen Hindernisse abgebaut. Ich bekomme seitdem kaum noch einen Brief, in dem uns vorgeworfen wird, daß wir den Krieg vorbereiten."
Auch der Seismograph handfester Geschäftsinteressen ist in Sachen Luftschutz während der letzten Monate steil nach oben ausgeschlagen. Der deutsche Luftschutz-Kommerz lebt, wie der amerikanische, vom Schutzraum-Komplex.
Die "Studiengesellschaft für unterirdische Verkehrsanlagen", die sich der Initiativ- und Finanzkraft des Mülheimer Rotariers Schmitz-Scholl (400 Lebensmittelläden nebst Be- und Verarbeitungsbetrieben) erfreuen darf, demonstrierte vor dem letzten Weihnachtsfest in der Bonner Beethovenhalle anhand von Modellskizzen, wie die Tiefbauindustrie Geld verdienen kann: mit dem Ausbau von U-Bahn-Entrees zu Luftschutzstollen, deren Gestehungskosten noch in freundlicheren Friedenszeiten mittels eingebauter Hotels, Kinos, Kaffeehäuser, Frisiersalons, Hutgeschäfte und Bügelstuben amortisiert würden (SPIEGEL 1-2/1962).
Das Düsseldorfer CDU-Blatt "Rheinische Post - Zeitung für christliche Kultur und Politik" bot in seinem Inseratenteil exklusiveren Schutz an: "Komfortwohnungen mit Atombunker". Mietzins: für zwei Zimmer zwischen 195 und 299 Mark, für drei Zimmer 400 Mark je Monat; Zuschuß: zwischen drei- und siebentausend Mark.
Für den Lebensunterhalt in solch einem Mietshaus-Bunker hält die "Vorrat"-Lebensmittel-Spezialversand GmbH in Stuttgart bereits "Notstands-Katastrophenpakete" parat, 3200 Kalorien à zwölf Mark - "eine verblüffend einfache Lösung: drei Mahlzeiten als Notproviant, die Verpackung dient als Kocher".
Atomstaubfreie Atemluft freilich, die bei einer radioaktiven Verseuchung viel nötiger wäre, vermag die Firma "Vorrat" ebensowenig anzubieten, wie die Bonner Luftschützer bislang ein Warnsystem installieren konnten, das präzise anzeigen würde, wann aus den Konserven - und nur noch aus ihnen - gegessen werden muß.
Der Warnmechanismus läuft, was die Planungen anlangt, in Sekunden ab: Der militärische Flugmeldedienst des Nato-Radarsystems informiert, sobald er anfliegende Bomber oder Raketengeschosse ausmacht, die insgesamt zehn zivilen Luftschutz-Warnämter des Bundesgebiets.
Genau anderthalb Sekunden benötigt man in diesen Warnämtern, um per Druck auf den Alarmknopf über 5400 "Warnstellen" der Bundespost - die noch fehlenden 250 werden jetzt erst montiert - zweierlei Empfänger zu bedienen: Warnstellen und Alarmstellen.
Die Warnstelle, ein kastenförmiges Zusatzgerät zum Fernsprecher, das die Meldungen des Warnamtes über Luftlage und radioaktiven Befund aufnimmt und durch Lautsprecher verbreitet, ist in Luftschutz-Kommandostuben, Versorgungsunternehmen und Krankenhäusern angeschlossen - so daß diese Teilnehmer schon vor dem öffentlichen Luftalarm oder vor der Entwarnung disponieren können.
Die Alarmstelle, heute meistens noch eine Sirene herkömmlicher Art, unterrichtet die Bevölkerung bei
- Luftalarm durch einen auf- und abschwellenden Heulton von einer Minute Dauer,
- ABC-Alarm* durch den gleichen, aber zweimal unterbrochenen Heulton,
- Entwarnung durch einen langgezogenen Dauerton von einer Minute.
Soweit der Plan. Sein gepriesener Sekunden-Mechanismus dürfte für weite Gebiete der Bundesrepublik schon deshalb wenig Effekt haben, weil aus der Sowjetzone abgefeuerte Raketen nur Sekunden brauchen, um westlich der Zonengrenze niederzugehen.
Abgesehen davon aber bot sich das Warnsystem am 10. Januar 1962 beim Probealarm in Niedersachsen nicht ganz so perfekt dar.
Die 94 Luftschutzsirenen in Lüneburg, die aus dem - im Atomkrieg gewiß teilweise zerstörten - Stromnetz mit Energie gespeist werden, gaben keinen Laut von sich. Ais Grund führte man im städtischen Elektrizitätswerk an: "Uns fehlt (seit zwei Jahren) ein Zusatzgerät, mit dem wir die Heultöne steuern können."
In der bestimmt sehr gefährdeten Großstadt Hannover fiel der Alarm aus, weil die Sirenen fehlen. Jahrelang hatten sich die hannoverschen Luftschützer mit den Hauseigentümern gezankt, die auf ihren Grundstücken keine Sirenen dulden wollten.
Das "Erste Gesetz über Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung" vom 9. Oktober 1957 bot gegen die Widerspenstigen keine Handhabe. Erst die Novelle zum Bundesleistungsgesetz vom 27. September 1961 bestimmte schließlich, daß die Hausbesitzer Luftschutzsirenen hinnehmen müssen.
Die Luftschützer von Hannover aber waren mittlerweile dahintergekommen, daß die Industrie eine neue Sirene entwickelte, die unabhängig vom - gefährdeten - Stromnetz, durch Preßluft angetrieben wird. Dieses neue Muster kostet 4100 Mark, das alte 3850 Mark.
Dafür übertrifft die Heulleistung der Preßluftsirene, die der Elektrosirene, die nicht mehr gegen den Verkehrslärm ankommt, um ein Vielfaches. In der Stadt Hannover würden statt 230 alter 20 neue Sirenen hinreichen, weshalb die hannoverschen Stadtväter ihren Alarmdienst suspendiert haben, bis die Industrie Preßluftsirenen liefert und der Bund sie bezahlt.
Mit den Warnstellen der Luftschutz-, Bundeswehr- und Rundfunkinstanzen sind die zehn Luftschutz-Warnämter sowohl durch Draht als auch durch Funk verbunden, mit den Alarmstellen (Sirenen) hingegen nur durch Draht, und zwar mittels Leitungen, die bei der Bundespost gemietet und wie alle Postkabel 80 bis 100 Zentimeter tief verlegt sind. Diese Leitungen würden schon infolge der ersten nuklearen Feuerschläge platzen.
Mit der Einrichtung eines Drahtfunks zur Information des Volkes ist es ähnlich kläglich bestellt. Wegen des zu erwartenden Stromausfalls sind Batterie-Empfänger erforderlich, die zugleich mit einem Sender - Mehrkosten pro Gerät: ungefähr 50 Mark ausgerüstet sein müssen, damit der unter Trümmerhalden verschüttete Luftschutz-Hauswart den Luftschutzkameraden draußen per Drahtfunk seine Lage schildern kann.
Mit diesem Befund ist die Kardinalfrage gestellt, die ein Bremer Bürger in der Gartenstadt "Neue Vahr" gelegentlich des niedersächsischen Probealarms am 10. Januar auf ein Schild vor seinem Häuschen pinselte: "Wozu die Sirenen? Wohin, wenn sie heulen?"
Bei den Planstudien für den "Zivilen Bevölkerungsschutz" stand zunächst nach dem Vorbild der USA und auch Schwedens das Schlagwort Evakuierung obenan. Die Hälfte aller Großstädter
- 90 Prozent der Stadtkern-Einwohner - sollte ins Grüne marschieren, so weit die Füße tragen: Bahn- oder Autotransport fehlte im Plan.
Das Bundesinnenministerium teilte den Bundesländern Ausweichwege für die Flüchtlingstrecks zu. Frankreich und die Benelux-Länder versprachen sogar, Fluchtbewegungen aus Westdeutschland an der Grenze nicht mit Waffengewalt zu stoppen. Den Dänen wurden Evakuierungspläne der Kieler Landesregierung mit nördlicher Fluchtrichtung verschwiegen.
Allmählich erst fand man heraus, daß die Evakuierung großen Stils in der Bundesrepublik an den Realitäten der geographischen Lage, der Waffentechnik, der Siedlungsdichte und der Verkehrsbedingungen scheitert, weil
- hinlänglich sichere Ausweichgebiete
für Flüchtlingsmassen fehlen,
- radioaktive Niederschläge die Ausweichwege
versperren und
- zivile Fluchtbewegungen die militärischen Operationen behindern würden.
Nach den Vorstellungen von Höcherls oberstem Luftschützer Bargatzky bleiben spontane Evakuierungsbewegungen der Bevölkerung ebenso wahrscheinlich wie gefährlich. Bargatzky: "Vor den Gefahren, die sie sehen, vor Panzern, werden sich die Leute zwar letzten Endes noch retten können, aber radioaktive Niederschläge sind unsichtbar."
Bargatzky läßt daher im Hause Höcherl die Grundlagen für ein maßstabgerechtes Evakuierungsgesetz ererforschen, durch das die natürliche Ausweichtendenz der Bevölkerung, von den Luftschutzstrategen "Ohrfeigen-Reaktion" genannt, kanalisiert werden soll. Bargatzkys Maßstab: "Keine Flucht, die nicht angeordnet und geführt wird." Und: "Etwas anderes als Auflockerungsmaßnahmen kommt überhaupt nicht in Frage."
Etwa sechs bis sieben Millionen Menschen sollen nach diesem Programm im Verteidigungsfall aus den Stadtkernen in die Vororte umquartiert, beziehungsweise aus den Großstädten in einen 40 bis 60 Kilometer entfernten Auffanggürtel evakuiert werden.
Solche Massentrecks auf kurze Distanz erfordern immerhin breite Ausfallstraßen, frei von Verbrennungs- und Erstickungsgefahren, mit gedeckten Laufgräben zum Schutz vor radioaktivem Niederschlag, und in den ländlichen Auffanggürteln fünf- bis sechsmal soviel Vorräte an Wasser, Medikamenten und Nahrungsmitteln wie die Einheimischen für den Eigenbedarf benötigen. Ganz zu schweigen von Schutzräumen und Kliniken.
Bislang ist dergleichen noch nicht einmal auf Planpapier vorhanden. Inwieweit der Entwurf des Bundesinnenministeriums für ein Evakuierungsgesetz wider die Nato-Doktrin "Stay at home" (Bleib zu Hause) praktikable Lösungen liefern wird, läßt sich noch nicht erkennen. Innenminister Höcherl: "Das ist alles erst in der Vorbereitung." Höcherls Bargatzky: "Unsere Hilfsmaßnahmen werden immer Improvisation sein."
Die Stegreif-Experimente der deutschen Luftschützer haben bei der Anlage von Schutzbauten bisher so gut wie vollkommen versagt; dies, obwohl in Bonn seit Jahren der Luftschutzkeller
- wie schon im Zweiten Weltkrieg -
unangefochten als Kernstück allen Luftschutzes gilt. Ministerialdirektor Bargatzky: "Die Schutzbauten sind eine klassische Frage auch in der Denkmethode."
Das Bundeswohnungsbauministerium hatte schon im Dezember 1952 ein Merkblatt für den städtebaulichen Luftschutz herausgebracht, nach dem das Stadtgebiet in selbständige, vom Stadtzentrum unabhängige Siedlungsgruppen aufgegliedert werden und zwischen den einzelnen Gebäuden eine möglichst große Fläche unbebaut bleiben sollte.
Die Städtebauer dachten jedoch nicht daran, sich an diese Richtlinien, die keine Gesetzeskraft hatten, zu kehren. Im Gegenteil, die im Krieg durch Bomben gerissenen Baulücken wurden restlos vollgestopft.
Im Jahre 1955 näherten sich die Bonner Luftschutzplaner dem Bunkerbau von der anderen Seite. Sie dekretierten, von 33 Universitäts- und TH-Professoren der Deutschen Schutzkommission beraten, ein sogenanntes Vorab-Programm, mit dem sie die Regierungen der Bundesländer anhielten,
- die 3000 aus Kriegs- und Demontagezeiten übriggebliebenen Luftschutzbunker instand zu setzen,
- die einst kraft Reichsleistungsgesetz beschlagnahmten Bunkergrundstücke zu erwerben und
- in allen Neubauten der Länder Schutzräume einzurichten.
Resultat: Die meisten Länderkabinette beschlossen zwar, was der Bund, dem das Grundgesetz die Luftschutzhoheit damals noch verwehrte, empfohlen hatte. Doch von den Etatmitteln, die der Bund den Ländern für das Vorab-Programm anwies, wurden nur geringe Posten in Anspruch genommen.
Die Bunker-Sanierung begann, aber nur mit mäßigem Erfolg. Die privaten Mieter wurden aus den Großbunkern prompt exmittiert, die Bauten aber nur in wenigen Ausnahmefällen wiederhergestellt; vielerlei Ungeziefer zieht seither in den zwangsgeräumten Anlagen seine Brut.
Und an den Vorsatz, in Neubauten der öffentlichen Hand von vornherein Schutzräume zu installieren, haben sich der Bund - von der Bundeswehr abgesehen - und die Bundesländer im allgemeinen nicht gehalten. Dies, obgleich die Mehrkosten für den nachträglichen Einbau rund 30 Prozent betragen.
So viel Zurückhaltung wuchs sich zum offenen Ungehorsam des Bundes gegen den eigenen Gesetzesbefehl aus. Das erste Bundesluftschutzgesetz vom 9. Oktober 1957 hatte privaten Bauherren die Anlage von Schutzräumen bei Neubauten in Gemeinden mit mindestens 10 000 Einwohnern zur Pflicht gemacht, diese Pflicht aber durch die Schlußvorschrift desselben Gesetzes schon wieder suspendiert - mit der Maßgabe, daß ihr "Inkrafttreten durch besonderes Gesetz bis 1. Januar 1959 bestimmt wird".
Der Monat Januar des Jahres 1959 verstrich, das Spezialgesetz über Luftschutzbauten blieb aus, nicht etwa weil der Glaube an den Bunker schwankend geworden wäre, sondern weil man die psychologischen Nachteile scheute.
Vorher war als Grund für das Moratorium der Bauvorschriften angeführt worden, die Regierung müsse zunächst deren finanzielle Auswirkungen auf den sozialen Wohnungsbau prüfen. Hinterher entschuldigte Höcherls Amtsvorgänger Schröder die legislatorische Säumnis seines Hauses: Die Bundesregierung müsse die Ergebnisse der Testserie mit deutschen Schutzbaumodellen auf dem amerikanischen Versuchsfeld in Nevada abwarten, ehe sie detaillierte Bauregeln festlegen könne.
In Wahrheit waren die amerikanischen Sprengversuche an den Schutzbau-Prototypen des Bonner Wohnungsbauministeriums schon Ende 1957, zusätzliche Sprengproben auf westdeutschen Plätzen im Jahre 1958 abgeschlossen worden. Die Versuchsbauten hatten sich dabei in bestimmten Entfernungen vom Sprengmittelpunkt gegen die dreifache Wirkung nuklearer Sprengkörper - Druck, Hitze und Kernstrahlung - durchaus bewährt*.
Die gefährlichste dieser Wirkungen, der Druckstoß, verletzt schon mit 0,17 Atmosphären Überdruck (atü) das Trommelfell des Menschen, 0,4 atü verursachen Lungenschäden und 3,0 atü zerreißen die Lungenbläschen, was den Tod bedeutet. Wohnhäuser brechen schon bei 0,3 atü zusammen.
Die Druckwelle eines kleineren Atomkalibers mit nur 80 Kilotonnen, also der vierfachen Wirkung der historischen Hiroshima-Bombe, hat bei Bodenexplosionen in einer Nullpunktentfernung von
- 410 Metern einen Druck von 9 atü,
- 810 Metern bis zu 2 atü,
- 2250 Metern bis zu 0,3 atü.
Die lokalen Luftschutzstäbe verfertigten zunächst anhand aller nuklearen Explosionswerte Orts- und Zielanalysen, nach denen die Schutzbautechniker alsdann drei Schutzraummuster (Typ A, B und C) konstruierten.
Typ A, mit 60 Zentimeter starkem Stahlbeton umkleidet, sollte Überdruckstöße von neun Atmosphären aushalten, Typ B mit 40 Zentimeter starkem Beton einen Überdruck von drei Atmosphären und Typ C mit 30 Zentimeter dickem Beton einen Überdruck von einer Atmosphäre.
Noch vor dem 1. Januar 1959, dem gesetzlich vorgeschriebenen Termin für die Vorlage eines Schutzraumgesetzes, kam es jedoch zwischen den Experten des Wohnungsbauministeriums einerseits und denen aus Innen- und Finanzministerium andererseits zum Fachstreit. Einig war man sich darin, daß im Atomkrieg
- das ganze Bundesgebiet unabhängig
von der Bevölkerungsdichte der einzelnen Landstriche gefährdet und
- die Warnfrist extrem kurz bemessen ist.
Die Bevölkerung, so theoretisierte man weiter, sei daher in den Wohnhäusern luftzuschützen, und zwar in Schutzräumen, in die sie sich wegen der radioaktiven Rückstandsniederschläge - mit Wasser, Nahrungsmitteln und Medikamenten versorgt - bis zu 14 Tagen verkriechen könne. Was nach diesen 14 Tagen geschehen sollte, blieb einstweilen dahingestellt.
Das Wohnungsbauministerium empfahl, Schutzräume in Alt- und in Neubauten gesetzlich vorzuschreiben. Sie sollten weitgehenden Schutz gewähren und vergleichsweise kostspielig sein. Im Innen- und im Finanzministerium meinte man dagegen, Schutzräume nur in Neubauten mit geringeren Schutzgraden für weniger Geld hülfen vorläufig ebenso gut.
Der Bundesverteidigungsrat, dem es obliegt, bei Meinungsverschiedenheiten zwischen den Ressorts zu entscheiden, debattierte erstmals im Herbst 1960 über den umstrittenen Entwurf für ein Schutzraumgesetz. Sein Vorsitzender, Kanzler Adenauer, widersprach rundweg den weitgehenden Plänen des Wohnungsbauministeriums. Adenauer: "Was werden die Länder im freien Westen sagen, wenn wir sogar bei alten Häusern Schutzräume von einer Stärke machen, die es sonst überhaupt noch nicht gibt."
Als Hermann Höcherl im November des vergangenen Jahres den Chefstuhl des Bundesinnenministeriums besetzte, waren zwar die politischen Bedenken gegen den Luftschutz durch die Berliner Mauer und die neuen Bombentests der Sowjets weggewischt. Der Bundeswehr -Etat war auf elf Milliarden Mark gestiegen; das Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz wurde mit 127 Millionen abgespeist. Aber der Disput der beamteten Luftschutzexperten über die Schutzgrade der Schutzräume ging munter weiter.
Nach den perfektionistischen Planstudien des Wohnungsbauministeriums soll das Bundesgebiet in drei Schutzbereiche aufgegliedert werden, in
- ländliche Gebiete mit Städten bis zu 50 000 (insgesamt 30 Millionen) Einwohnern,
- Städte mit 50 000 bis 500 000 Einwohnern
und
- Städte mit mehr als 500 000 Einwohnern.
Um in diesen drei Schutzzonen eine gleich große Überlebenschance - laut Zielanalysen: 90 bis 95 Prozent der Bevölkerung - zu erreichen, sollen nach den Wünschen der Wohnungsbürokraten dreierlei Schutzanlagen unterschiedlichen Schutzgrades installiert werden: in ländlichen Gebieten Schutzräume mit einer Druckresistenz von 0,3 atü, die das Hiroshima-Kaliber in 1400 Meter Nullpunktentfernung, die vierfache Sprengwirkung in 2250 Meter Nullpunktentfernung aushalten; die mittelgroßen Städte sollten Schutzräume mit Druckresistenzen zwischen 3 und 6 atü bekommen, die der Hiroshima-Bombe in Nullpunktentfernungen zwischen 510 und 310 Metern, der vierfachen Energie zwischen 650 und 495 Metern widerstehen; und die größten Städte sollten gar mit 9-atü-Schutzräumen versorgt werden, die den Explosionswirkungen der beiden Atomkörper in 260 beziehungsweise 410 Meter Entfernung vom Nullpunkt gewachsen sind.
Die Kosten dieses Programms belaufen sich, wenn Fertigteile aus Stahlbeton, Beton und Kunststoffen montiert werden, bei 0,3-atü-Bauten pro Schutzplatz auf 300 Mark, bei 3- bis 6-atü-Bauten auf 800 bis 900 Mark und bei 9-atü-Bauten auf 1200 Mark - summa summarum: 39 Milliarden Mark, eine wahrscheinlich schöngefärbte Zahl.
Die Bauzeit indes beträgt zehn Jahre. Dazu Höcherl: "Das dauert zu lange. Wir müssen schnell Schutz schaffen." Der Bundesinnenminister will sein Schutzbaupensum innerhalb von sechs Jahren absolvieren.
In diesem Zeitraum sollen allerdings die Neu- und Altbauten im Bundesgebiet nur mit einem sogenannten Grundschutz versehen werden, mit Kellern, die (eine Druckresistenz von durchschnittlich 0,1 atü haben und) die Insassen vor Strahlung sowie vor Trümmern bewahren sollen*.
Erst nach den sechs Grundschutz -Jahren sollen bei Neubauten, nicht jedoch bei Altbauten, in Städten mit 50 000 und mehr Einwohnern Schutzräume mit Druckresistenzen von 2 bis 4 atü entstehen. Hinzu kommen Schutzräume gleicher Festigkeit in Schulen, Krankenhäusern, Versorgungsbetrieben und an Knotenpunkten des Verkehrs - doch sind hierfür bislang weder Pläne angefertigt noch Fristen vorgesehen.
Wie wenig auch der Höcherl-Plan den Realitäten entspricht, wird an diesem Punkt besonders deutlich.
Einmal sollen sich die Kosten für den Grundschutz auf 27 Milliarden Mark belaufen, was eine einigermaßen optimistische Rechnung offenbart. Der Bund will von der Gesamtsumme nur vier bis fünf Milliarden zahlen, etwas weniger als er allein im Haushaltsjahr 1961 für die Anschaffung von Bundeswehr-Flugzeugen ausgab. Die Restsumme soll auf Länder, Gemeinden und private Bauherren abgewälzt werden.
Zum anderen aber dürften Höcherls vorläufige Grundschutzkeller den Bundesdeutschen bei einem Atombombenangriff ein ähnliches Sicherheitsgefühl vermitteln wie die Splittergräben in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs.
Gegen den vergleichsweise minimalen seitlichen Luftstoß der Hiroshimabombe sichert dieser Grundschutz erst in einer Mittelpunktentfernung von 2900 Metern. Kommentierte Regierungsdirektor Leutz, Schutzbautechniker im Wohnungsbauministerium: "Wenn die Altbauten nur den Grundschutz, haben, werden die Verluste erschreckend hoch sein."
Dagegen Höcherl: "Wenn wir keine Abstriche machen, kommen wir zu nichts."
Der Schutzraumbau ist, wie Höcherls Luftschutzdirektor Bargatzky bestätigt, nach wie vor "die Kernfrage des gesamten Luftschutzes". Um diese Kernfrage zu lösen, müssen indes, wie Bargatzkys Chef Höcherl einräumt, "Abstriche" gemacht werden.
Das Ergebnis: "Die Verluste werden erschreckend hoch sein", es sei denn, das deutsche Volk brauchte seine Schutzräume erst aufzusuchen, wenn auch der zweite, über den ominösen Grundschutz hinausgehende Teil des Höcherl-Plans realisiert ist.
Welche Atom-Kaliber dann freilich - nach sechs Jahren - in Kurs sind, steht dahin. Ebenso unsicher bleibt, wie sich das Leben derer gestaltet, die einen Atomschlag lebend überstehen.
Höcherls Grundschutz, für den Atomkrieg nicht ausreichend, ist nur für den Fall nicht sinnlos, daß der große Atomschlag gar nicht auf die Bundesrepublik, sondern anderwärts niedergeht und daß es in Westdeutschland vorwiegend zu Kämpfen mit herkömmlichen Waffen kommt.
Unterstellt man, daß der Casus belli der Zukunft wirklich zugleich den Atomkrieg entfesselt, so spricht einiges dafür, daß die Bundesrepublik für die Sowjetmenschen auf dem gewöhnlichen Weg zu leicht erreichbar und zu wertvoll ist, um sie mit einem Schlag von acht 20-Megatonnen-Bomben zu pulverisieren.
Es ist durchaus denkbar, daß Moskau die Westdeutschen nur einer mittelgroßen Explosion für würdig hält oder daß nur eine kleine Zahl taktischer Atombomben im Kampfgebiet oder auf militärisch wichtige Ziele fällt.
Unter dem Abschreckungspilz einer Bombe, der die Bundesrepublik zur Räson, das heißt: zur Kapitulation bringen soll, hat niemand eine Chance, davonzukommen, es sei denn, er sitzt mindestens zehn Kilometer entfernt in einem mit allen Raffinessen ausgestatteten Bunker.
Unterstellt man jedoch, daß im Zukunftskrieg hierzulande möglicherweise kaum an die Atomwaffen appelliert wird, sondern daß ein - in Anbetracht der modernen Waffen ebenfalls verheerender - Konventional-Krieg durchs Land zieht, werden aber nicht nur behelfsmäßige Schutzräume, sondern geschulte Hilfstruppen aller Sparten benötigt.
Die Notlage wäre dann, den apokalyptischen Denkern zum Trotz, in den betroffenen Gebieten der norddeutschen Flut vom Februar 1962 vergleichbar.
Dann müßten in kürzester Zeit Hunderttausende von Verschütteten aus den Ruinen der Städte, die vielleicht noch brennen, gegraben, Verletzte behandelt und die Bevölkerung verwüsteter Provinzen mit Lebensmitteln versorgt werden, die nicht radioaktiv verseucht sind.
Indes: Während die berufsmäßigen Bunker-Bastler mit Begeisterung ihre Schutzgrade berechneten, geschah nur wenig, um das in Aussicht gestellte Überleben außerhalb der (bislang noch nicht vorhandenen) Schutzräume für diese Fälle zu organisieren.
Nicht einmal die seit zehn Jahren rekrutierte Luftschutztruppe kann heute als qualifiziert angesehen werden, bei einem regional begrenzten kleinen Atomkrieg oder bei einem konventionellen Konflikt wirksame Hilfe zu leisten.
Für den überörtlichen Hilfsdienst, der gemäß Luftschutzgesetz nur aus Freiwilligen besteht, war bis Ende 1960 ein Soll von 30 000 Mann - Endsoll: 300 000 Mann - eingeplant. Aber selbst bis Ende 1961 waren nur 20 000 Mann zusammengebracht.
Klagte Luftschutzdirektor Bargatzky: "Der Hilfsdienst ist mein Sorgenkind, er hat Material, aber keine Menschen; und so kommt es zu den berühmten verrosteten Fahrzeugen": Dem aufwendigen Autopark des Hilfsdienstes fehlt mangels Pfleger die Pflege; die Motoren rosten, die Reifen zerbröckeln, weil die Fahrzeuge nicht benutzt werden.
Der Bundesluftschutzverband, dem "die Organisation und Ausbildung freiwilliger Helfer für den Selbstschutz der Bevölkerung" anvertraut ist, hat bislang in seiner Bundesschule, zehn fahrbaren Landes- und hundert Ortsschulen rund 160 000 freiwillige Luftschutzwarte ausgebildet, aber oft genug ein und dieselben mehrere Male.
Eine hinreichende Selbstschutz-Organisation benötigt nach Luftschutzdirektor Bargatzky jedoch ein bis zwei Millionen Helfer. Der Chef aller Luftschützer, Verbandsvorsitzender Fritze, schätzt seinen Bedarf sogar auf vier bis fünf Millionen Mann. Aber selbst Fritze ist ein erklärter Verfechter der Bunkerei. Dozierte der Verbändler: "Wo keine Schutzbauten sind, ist luftschutzmäßiges Verhalten nicht möglich."
Nach dem Gesetzentwurf Höcherls soll der Selbstschutz nunmehr obligatorisch werden; jede höhere. Charge soll bis zu 200 Ausbildungsstunden absolvieren. Selbstschutz-Chefausbilder Fritze möchte freilich keinen großen Apparat. Fritze: "Ich denke an das Muster der Miliz; jeder soll seine Ausrüstung zu Hause verwahren und dort auch pflegen."
Daß diese Miliz nur Hilfsorgan sein kann, aber niemals die hochtechnisierte Truppe ist, die wegen ihrer eigenen Versorgungsstränge und Nachrichtenmittel schon nötig war, um die norddeutsche Flut zu bekämpfen und den Eingeschlossenen von Wilhelmsburg zu helfen, ist sicher. Sie würde jener Fluten nicht Herr werden können, die schon in einem normalen Krieg über die Dämme brechen.
Mit anderen Worten: Deutschlands Luftschützer haben das im Kriegsfall unvermeidliche Chaos außerhalb der Schutzräume weniger sorgfältig durchgespielt als ihre anderen Planspiele. Tröstete Höcherl: "Das wird schon schön vorankommen."
Diese Haltung ist ebenso befremdlich wie inkonsequent: Die Bonner gaben bislang hartnäckig vor; sie seien von der Annahme schwerer Atomschläge ausgegangen. Zugleich wurde den Deutschen in Aussicht gestellt, jeder von ihnen habe gute Aussichten, auch Atombombenangriffe zu überleben.
Dieser werbepsychologische Dilettantismus rechnet mit der Unreife des Untertanen. Kommentierte das "Sonntagsblatt": "'Jeder hat eine Chance' ist eine Lüge, die unsere echten Chancen, zu überleben, eher verkleinert als vergrößert."
Dagegen bekräftigte Höcherls Luftschutzwart Bargatzky: "Wir bereiten uns auf schwere Angriffe vor. Bei schwersten Angriffen müssen wir allerdings unseren Laden zumachen."
Da auch für schwere Angriffe die Schutzräume und für das Überleben im Chaos eines jeden Krieges die Hilfstruppen fehlen, stimmt die Rechnung nicht. Der Laden muß schon früher zugemacht werden.
* Deutsche "Zivilschutzmaske Z 56"; sie schützt gegen Gase und (bedingt) gegen radioaktiven Staub in der Atemluft.
** Die Hiroshima-Bombe hatte die gleiche Sprengkraft wie 20 000 Tonnen her-kömmlicher Sprengstoff (TNT), die stärkste Luftmine des letzten Krieges dagegen nur eine Sprengkraft von 10 Tonnen TNT. Die Sprengwirkung von Atombomben wird in Kilotonnen (1 Kilotonne = 1000 Tonnen TNT) und Megatonnen (1 Megatonne = 1000 Kilotonnen) gemessen. Die Sowjet-Union zündete kürzlich eine Bombe von wahrscheinlich 60 Megatonnen, also 60 Millionen Tonnen TNT. - Frankreich arbeitet an der Fertigstellung einer einsatzfähigen Bombe, Israel entwickelt einen Atomsprengkörper.
* ABC-Alarm warnt vor unmittelbaren Gefahren durch radioaktive Niederschläge der Atombomben (A), durch biologische (B) oder chemische (C) Kampfmittel.
* Der Nullpunkt (Bodennullpunkt) liegt bei Explosionen über der Erdoberfläche auf der Erde genau unter dem Detonationspunkt des Atomkörpers.
* 25 bis 30 Prozent der Altbauten verfügen seit Kriegszeiten über Trümmerschutz in den Kellern.
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DER SPIEGEL 21/1962
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