23.05.1962

SCHWETZINGENMaske in Rot

Eine detaillierte Schaustellung intimehelicher Praxis blieb den Premierengästen versagt. Während der alternde Don Perlimplin und seine jugendliche Gattin Belisa hinter einem Vorhang ihre Hochzeitsnacht erleben, belustigen sich, auf dem Souffleurkasten hockend, zwei wachende Kobolde:
Das Publikum wird ungeduldig.
Mit Recht! Und wir sind selbst dran schuldig!
Dann sollen sie sich nur nicht weiden
an eines guten Menschen Leiden
Und Dinge, die man nicht versteckt,
die werden später nicht entdeckt.
Gleich darauf wird dem verspotteten Publikum entdeckt, daß dem spanischen Edelmann sofort nach Ehebeginn zwei "große goldene Hörner" gewachsen sind: An der Seite Don Perlimplins liegend, hat die phantasiebegabte und sinnlich wache Belisa, wenngleich nur in Gedanken, fünf Liebhaber empfangen - die "Vertreter der fünf Rassen dieser Erde".
Mit diesem Hinweis auf Perlimplins Schwäche und Belisas Begehren begann auf der Bühne des Rokokotheaters von Schwetzingen der zweite Akt eines "erotischen Bilderbogens in der Art eines Kammerspiels": Zur Eröffnung der "Schwetzinger Festspiele 1962" ließ der 54jährige Dodekaphonist Wolfgang Fortner erstmals sein musikalisches Drama "In seinem Garten liebt Don Perlimplin Belisa" präsentieren, das er nach einem Stück des spanischen Dramatikers Federico Garcia Lorca (1899 bis 1936) im Auftrag des förderwilligen Süddeutschen Rundfunks komponiert hatte.
Von den insgesamt vier neuen Opern, die Radio Stuttgart bisher bei zeitgenössischen Tonsetzern für die Schwetzinger Festspiele bestellte - 1957 war dort Werner Egks "Revisor", 1960 Gerhard Wimbergers "Battaglia", 1961 Hans Werner Henzes "Elegie für junge Liebende" (SPIEGEL 23/1961) uraufgeführt worden -, hatte das Fortner-Opus den längsten Titel und die kürzeste Aufführungsdauer.
Nur 66 Minuten lang durfte der glückliche Ehemann, von unsichtbaren A-cappella-Chören, von Celesta-, Vibraphon-, Harfen- und Schlagzeugklängen begleitet, teils singend, teils in freiem Parlando die lyrischen Kanzonen der sinnenfreudigen Belisa beantworten. Dann flüchtete er sich bei zwölftöniger Serenade mit Cembalo und Gitarre in den Liebestod.
Schon - im dritten Bild nämlich, so wollte es Lorca, ist die unzufriedene Gattin des alten Mannes bereit, einen ersten Ehebruch zu riskieren. Sie empfängt die Liebesbriefe eines Unbekannten und wird von ihrem großmütigen Perlimplin gar noch animiert, die Neigung des Fremden im roten Mantel zu erwidern.
Doch zum erfolgreichen Rendezvous kommt es nicht. Als Belisa im nächsten Garten auf den Verehrer in der roten Capa trifft und in ihm Don Perlimplin erkennt, ragt ein Dolchgriff aus seiner Brust: Die tragikomische Pointe des Stückes verlangt, daß der Ehemann sich maskiert, um wenigstens einmal Objekt der erotischen Wünsche seiner Frau gewesen zu sein, und sich erdolcht, weil er die unvermeidbare peinliche Demaskierung fürchtet.
Seiner Eigen-Interpretation zufolge hat Textautor Lorea mit dem "erotischen Bilderbogen" - er wurde im November 1961 von Radio Bremen als Fernsehspiel gesendet und hatte auch schon dem Italiener Luigi Nono als Modell zu dem 1954 in Berlin uraufgeführten Ballett "Der rote Mantel" gedient - lediglich die vorläufige Fassung eines Themas dargestellt, das er später "in seiner ganzen Kompliziertheit" beschreiben wollte.
Eben diese bruchstückhafte Unvollkommenheit wußte der Kölner Intendant Oscar Fritz Schuh, der die Fortnersche Vertonung in Schwetzingen inszenierte, zu würdigen. Nach Schuhs Meinung hat gerade der fragmentarische Text es dem Komponisten ermöglicht, die Handlung musikalisch aufzubessern.
Wirklich hat Fortner, der 1957 bereits Lorcas "Bluthochzeit" vertonte, die Burleske seines Librettisten drastisch veredelt. Er monumentalisierte den Bilderbogen zu einem tiefsinnigen Seelendrama.
Während Lorca "den Gegensatz zwischen Lyrischem und Groteskem zu unterstreichen und beide sogar dauernd zu vermischen" gedachte, gab Fortner nur dem ersten Bild, Perlimplins Brautschau, komische Züge, führte indes die drei folgenden Episoden in seriöser Manier aus - ganz im Sinne des deutschen Lorca-Übersetzers und Libretto-Bearbeiters Enrique Beck, der Perlimplins erotischen Mummenschanz mit teutonischem Tiefsinn ausdeutet: "Er (Perlimplin) wird Belisa beseelen, indem er in einen Liebhaber sich verkleidet... dessen Abwesenheit die Entflammte sensibilisiert."
Nach Becks Ansicht zieht Belisa aus dem Gatten-Selbstmord erhabenen Nutzen: "Perlimplin hat sie mit einer Seele, mit seiner Seele begabt!"
Solcher Interpretation vermochten die Schwetzinger Opernbesucher trotz wohlwollenden Beifalls aber offenbar doch nicht so schnell zu folgen. Es sei "nicht leicht für ein Parkett von Kennern und Habitués neben festspielfreudigen Gästen, gleich die Situation auszuloten", befand der Kritiker der "Deutschen Zeitung" nach der Premiere. Und: "Es wird nicht leicht sein, diese subtile Oper im Repertoire" zu plazieren."
Komponist Fortner
Erotischer Mummenschanz
Fortner-Uraufführung "In seinem Garten liebt..."*: Eheliche Schwäche
* Lia Montoya (Betisa) und Ernst Gutstein (Don Perlimplin) in der Schwetzinger Premiere.

DER SPIEGEL 21/1962
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