06.06.1962

REINEFARTHNacht über WoIa

Das Modebad Westerland auf Sylt rüstet für eine vielleicht schöne, Westerlands Stadtvater Reinefarth hingegen für eine mit Sicherheit ungewöhnlich trübe Saison.
Ursprünglich hatte der ehemalige SS -Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei mit besserem Wetter gerechnet: Ein Ermittlungsverfahren, das die Staatsanwaltschaft Flensburg gegen ihn wegen Tötung betreibt, schleppt sich seit fast einem Jahr dahin. Im Sande sind schon vier vorausgegangene Verfahren verlaufen, die gegen Reinefarth wegen des gleichen Deliktes eingeleitet worden waren: Verdacht der Teilnahme an der Erschießung polnischer Zivilisten beim Warschauer Aufstand von 1944.
Unangenehmer als die gemächlich voranschreitende Schürferei der Flensburger Staatsanwälte ist nun für den SS-Mann eine Expertise, die keine Amtsperson, sondern der Lüneburger Ost-Forscher Dr. Hanns von Krannhals angefertigt hat. Thema: der Warschauer Aufstand.
Diese erste größere Abhandlung, die von deutscher Seite zum Problem Warschau beigesteuert wird, hat nicht nur den Vorteil, daß sie druckreif ist und im August vom Frankfurter Verlag für Wehrwesen als Buch ausgeliefert wird, während die Flensburger Strafverfolger ein Ende ihrer Ermittlungen - "wegen des äußerst umfangreichen Materials" - noch nicht abzusehen vermögen.
Mit wissenschaftlicher Gründlichkeit erhellt die Krannhals-Arbeit auch erstmals jene Geschehnisse, um deren strafrechtliche Würdigung sich die Flensburger derart ausdauernd bemühen. So weiß Krannhals endlich die bislang nicht geklärte Kernfrage zu beantworten, welche deutschen Einheiten am 5. August 1944 in der Warschauer Vorstadt Wola wahllos polnische Zivilisten
- nach polnischen Angaben 38 000, nach
deutschen Schätzungen mindestens 15 000 - ermordeten. Krannhals: "Bei den am 5. August 1944 gegebenen Unterstellungsverhältnissen kommen als Ausführende des Massenmordes von Wola nur Angehörige jener Verbände in Frage, die Reinefarth unterstellt waren."
Der Warschauer Aufstand gegen die deutschen Besatzer hatte am 1. August 1944 begonnen. Die polnischen Widerständler, die in der sogenannten Heimat -Armee zusammengefaßt waren, machten wahllos Deutsche nieder, vor allem einzelne Posten, und mit Vorliebe erschossen sie in ihre Hand gefallene Angehörige der SS, der Polizei und der Partei.
Noch am gleichen Tage erließ Himmler zur Niederwerfung des Aufstandes Befehle, die nicht erhalten sind, an deren Tenor sich aber der "Chef der Bandenkampfverbände", SS-Obergruppenführer von dem Bach-Zelewski, vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal erinnerte:
- "Festgenommene Aufständische sind zu töten, ohne Rücksicht darauf, ob sie nach den Regeln der Haager Konvention gekämpft haben ..."
- "Der nicht kämpfende Teil der Bevölkerung, Frauen und Kinder, sollen gleichfalls getötet werden."
- "Die ganze Stadt ist dem Erdboden
gleichzumachen."
Ergänzend wurde der SS- und Polizeiführer von Warschau, Geibel, von Himmler am 1. August abends fernschriftlich aufgefordert: "Vernichten Sie Zehntausende."
Den zunächst eingesetzten Wehrmachtsverbänden mangelte es noch an der nötigen Erfahrung beim Vollzug derartiger Befehle. Am 4. August jedoch trafen Einheiten in Warschau ein, die nicht nur auf den Partisanenkampf
abgerichtet waren, sondern sich auch aufs Liquidieren von Nicht-Kombattanten verstanden: die Brigaden Dirlewanger und Kaminski, aserbeidschanische und ostmuselmanische SS -Verbände, Kosaken sowie deutsche Gendarmerie.
Die von dem Gewohnheitstrinker Oskar Dirlewanger kommandierte Brigade gleichen Namens war eine übel beleumdete Bewährungseinheit, die 1940 aus 2000 angeblich wegen Wilderei bestraften Insassen des Konzentrationslagers Oranienburg gebildet worden war.
Als diese Elite-Truppe in Warschau erschien, bestand sie zu 40 Prozent aus sowjetischen Überläufern und zu 50 Prozent aus gemeinen, nicht nur wegen Wilderei bestraften Verbrechern. Historiker Krannhals: "Der Wilddieb-Stamm war inzwischen stark dezimiert."
Die SS-Sturmbrigade "Rona"*, die der Pole Kaminski anführte, war ein im Plündern erfahrener, fast rein russischer SS-Verband, der mit Frauen und Kindern umherzog und kaum noch als reguläre Truppe angesehen wurde.
Bevor die Kaminski-Landsknechte in Warschau eintrafen, gab die 9. Armee, zu deren Hinterland die polnische Hauptstadt gehörte, eine Vorwarnung für das Kampfgebiet: "Teilweise nicht uniformiert, voraussichtlich gelbe Armbinden, Verwechslung mit Banditen möglich."
Während die Kaminski-Truppe vom 4. August an den Warschauer Stadtteil Ochota purgierte, ihren Kampfauftrag aber im Sturm auf Pretiosen und Polinnen erfüllt sah, machten sich die Dirlewangers im Stadtteil Wola systematisch ans Exekutieren.
Nach Aussagen polnischer Überlebender konnte Historiker Krannhals "ein Fortschreiten des Erschießungsvorganges in Wola von West nach Ost ... genau in jenem Tempo rekonstruieren, in dem die Brigade Dirlewanger vorging".
Daß Dirlewangers Kriminalsoldaten an den Morden in Wola teilhatten, war schon früher, wenn auch nicht so präzise, ermittelt worden. Beweisschwierigkeiten tauchten jedoch regelmäßig auf, wenn es um die genauen Kommandoverhältnisse, mit anderen Worten: um die Rolle Reinefarths ging.
Der SS-General Reinefarth, der die Warschauer Operationen leitete und seit dem 5. August abends dem Bach -Zelewski unterstand, berief sich stets darauf,
- er habe das Kommando am 5. August,
dem Hauptmordtag in Wola, noch nicht ausgeübt und
- die Häuptlinge Dirlewanger und
Kaminski seien ihm, wenn überhaupt, erst nach dem 5. August unterstellt gewesen.
Diese Einlassungen hatte der Flensburger Oberstaatsanwalt Biermann nicht widerlegen können, als er 1958 gegen Reinefarth ermittelte. Am 1. Oktober 1958, gut drei Wochen vor der Landtagswahl, stellte er das Verfahren ein. Am 25. Oktober zog der außer Verfolgung gesetzte Held von Warschau und Westerland als Abgeordneter des BHE in das Kieler Landesparlament ein.
Dem Biermann hatte zwar sehr zuverlässiges Beweismaterial zur Verfügung gestanden: das erhalten gebliebene Kriegstagebuch der 9. Armee, in dem der Strafverfolger sogar blätterte. Aus Zeitmangel unterließ er es jedoch, auch die Anlage-Bände zu durchforsten, die den
dokumentarischen Teil enthalten.
Reinefarth-Forscher Krannhals machte sich privatim die Mühe, die Reinefarth -Nichtankläger Biermann scheute. Der Lüneburger fand beispielsweise eine Orientierung vom 4. August 1944, in der zu lesen war: "Es sind eingetroffen: 1700 Mann SS 'Rona' (Kaminski), 1 Btl. SS -Rgt. Dirlewanger ... Gesamtfuhrung dieser Kräfte liegt in Händen des Generalmajors der Polizei Reinefarth" (SPIEGEL 39/1961).
War damit schon erhärtet, daß auch Dirlewanger und Kaminski unter Reinefarth marschierten, so bewies eine - in
die Zukunft weisende - "Orientierung" doch noch nicht, daß die angegebenen Kommandos wirklich schon ausgeübt wurden.
Auch dafür jedoch hätte Oberstaatsanwalt Biermann im Kriegstagebuch der 9. Armee Vermerke finden können, freilich ebenfalls nur in den - nicht ausgewerteten - Anlage-Bänden: Das Dokument vom 4. August findet sich in abgewandelter Fassung am 5. August wieder, jetzt aber nicht mehr als "Orientierung", sondern als Teil der "Kriegsgliederung" der 9. Armee.
Die schriftlich aufgezeichnete Kriegsgliederung ist im Gegensatz zur Orientierung nicht eine im Armee-Oberkommando (AOK) entworfene Disposition, sondern der Niederschlag von Vollzugsmeldungen unterstellter Verbände an das AOK. Mit anderen Worten: Die Kriegsgliederung zeigt nicht an, welche Truppenteile wem zu unterstellen sind, sondern wem sie unterstellt wurden.
Unter "Einsatzgruppe Gruppenführer Reinefarth" verzeichnet das Dokument vom 5. August
- "1 Btl. der Standarte Dirlewanger";
- "1 verst. Regt. der Brig. Kaminski";
- verschiedene Polizei-Einheiten und
- zwei Kompanien des "aserbeidschanischen Bataillons II".
Die Aserbeidschaner sind von besonderem Interesse, weil die von Krannhals zitierten polnischen Augenzeugen des Massakers immer wieder berichten, "Ukrainer" hätten in Wola besonders viele Polen exekutiert: Da die Aserbeidschaner Russisch sprachen, wurden sie von den Polen fälschlich als Ukrainer eingestuft.
Einen stark russisch untermischten Verband, in dem die Polen ebenfalls die ihnen widerwartigen Ukrainer erblicken konnten, kommandierte auch der SS -Hauptsturmführer Spilker. Sein Trupp Sicherheitspolizei ist seit dem 5. August in einem Wolaer Pfarrhaus nachweisbar, dessen Besatzung auch nach diesem Termin noch fleißig liquidierte.
Laut Krannhals schickte dieser Spilker an den Chef der Sicherheitspolizei und des SD in Krakau Exekutionsmeldungen, die von Reinefarth und seinen Stabsoffizieren abgezeichnet waren.
Derartige Schreibarbeit konnte Reinefarth trotz der Kämpfe schon deshalb leisten, weil er stets hart am Feind und - wie Krannhals darlegt - auch hart am zu erschießenden polnischen Zivilfeind blieb: Der Gruppenführer weilte im Kampfgebiet der Einheit Dirlewanger in Wola, während er die Kaminskiten in Ochota per Funk dirigierte.
Am 3. August abends hatte Reinefarth sich auf dem Gefechtsstand der 9. Armee gemeldet, am 4. August morgens formell das Kommando in Warschau übernommen und sich mit der Gefechtslage am Ort vertraut gemacht.
Am 5. August, als Dirlewanger von West nach Ost längs der großen Wolskastraße aufräumte und zu beiden Seiten die Salven der Polizei-Peletons fielen, hatte Reinefarth seinen Gefechtsstand laut Krannhals "in der Nähe der Kreuzung Wolskastraße / Syrenystraße und damit in unmittelbarer Nähe jener aus polnischen Zeugenaussagen bekannten Exekutionsstätten der Zivilbevölkerung, auf denen am 5. August mindestens 7200 Personen erschossen wurden".
Die Lokalisierung seines Gefechtsstandes erscheint für Reinefarth derart belastend, daß sie ihm auch die letzte Ausflucht - er habe mit den Exekutionen nie persönlich in Verbindung gestanden - verbauen dürfte und den Marodeur Kaminski sogar noch in ein besseres Licht rückt als den Eichenlauber Reinefarth: Nach Krannhals hat die im entfernteren Ochota kämpfende und von Reinefarth daher nur indirekt - über Funk - dirigierbare Kaminski-Truppe "nicht so viele Tausende von Toten auf dem Gewissen wie das systematischere Vorgehen der Sicherheitspolizei und der Reinefarth direkt unterstellten Verbände".
Die Erschießungen im Stadtteil Wola wurden, wie Bach-Zelewski behauptet, auf sein Einschreiten hin am 5. August abends gestoppt - zunächst allerdings blieben nur Frauen und Kinder verschont. Die Männer wurden weiter erschossen, vom 12. August an nicht mehr alle Männer, sondern nur noch die Angehörigen der polnischen Heimat -Armee.
Diese späteren Erschießungen wurden seit dem 8. August überwiegend von der Mannschaft des Hauptsturmführers Spilker getätigt. Dienstbezeichnung der Gruppe Spilker: "Einsatzkommando der Sicherheitspolizei bei der Kampfgruppe Reinefarth".
Über den Dokumenten, die der Ost -Forscher Krannhals verarbeitete, brütet derzeit mit noch nicht erkennbarem Erfolg auch wieder die Flensburger Staatsanwaltschaft. Für ihr 1958er Ermittlungsverfahren, bei dem die gleichen Akten zur Verfügung standen wie jetzt, brauchten Oberstaatsanwalt Biermann und die Seinen fünf Wochen. Dann stellten sie ein. Drei Wochen später war Landtagswahl, und Reinefarth wurde gewählt.
Jetzt nagen die Strafverfolger bereits zehn Monate lang an den Akten. Mit der nunmehr wahrscheinlichen Anklage ist indes vorläufig nicht zu rechnen, jedenfalls aber nicht vor September dieses Jahres. Am 23. September wird Schleswig-Holsteins neuer Landtag gewählt. Voraussichtlicher Spitzenkandidat der Gesamtdeutschen Partei im Wahlkreis Südtondern: Heinz Reinefarth.
* "Rona" = Abkürzung von "Russkaja Oswoboditelnaja Narodnaja Armija" ("Russische Nationale Befreiungsarmee").
Warschau-Reiniger Reinefarth
Kaminskiten und Aserbeidschaner ...
Warschau-Forscher von Krannhals
... massakrierten für Deutschland
Warschauer Aufständische*: Salven in der Wolskastraße
* In deutschen Uniformen, die von den Aufständischen zur Irreführung der deutschen Truppen angelegt worden waren.

DER SPIEGEL 23/1962
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