13.06.1962

ZWEI SCHNIPSER - UND POLEN WAR VERLOREN

Der amerikanische Historiker David L. Hoggan hat in seinem Buch "Der erzwungene Krieg" Adolf Hitler von jeder Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs freigesprochen. Das provozierende Buch, das bisher nur in Westdeutschland veröffentlicht worden ist, konnte vor allem deshalb in der Bundesrepublik Aufsehen erregen, weil die deutsche Geschichtsschreibung noch keine umfassende Darstellung der Vorgeschichte des Krieges besitzt. In dem nachfolgenden SPIEGEL-Report wird die Kriegsschuldfrage nach dem letzten Stand der historischen Forschung untersucht.
Für 48 Mark können sich deutsche Bundesbürger, die ihre Vergangenheit noch nicht bewältigt haben, neuerdings an einem 896-Seiten-Buch laben, das Befreiung von dem verheißt, was man in ihren Kreisen die "Kriegsschuldlüge von 1939" zu nennen beliebt.
"Das deutsche Volk wird nunmehr erfahren", jubelte die rechtsradikale "Deutsche Hochschullehrer-Zeitung" über das in ihrem Verlag erscheinende Buch, "wie und warum es Anfang September 1939 zum Kriege kam und wird großen Gewinn aus dieser ebenso sensationellen wie umwälzend neuen Informationsquelle ziehen können, zu der man ihm den Zugang über zwei Jahrzehnte hinweg verwehrt hat."
Überbringer so froher Botschaft ist der 39jährige Amerikaner David Leslie Hoggan, außerordentlicher Professor für europäische und amerikanische Geschichte am State College von San Francisco und Verfasser des Buches "Der erzwungene Krieg", in dem er die erstaunlichste Revision herkömmlicher Kriegsschuld-Thesen formuliert, die je ein westlicher Historiker gewagt hat*.
Kriegsschuld-Revisionist Hoggan behauptet, daß nicht das NS-Regime und dessen Führer Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg entfesselt haben, sondern jene Mächte, die den Deutschen noch aus den Kolumnen des "Volkischen Beobachters" vertraut sind: das "perfide" Albion, das "größenwahnsinnige" Polen und der "blutdürstige" US-Präsident Roosevelt.
"Der Konflikt zwischen Berlin und Warschau", so urteilt Hoggan, "war 1939 der Vorwand für die Durchsetzung der veralteten englischen Gleichgewichtspolitik. Aus ihr ging ein sinnloser Vernichtungskrieg gegen Deutschland hervor. Jeder alliierte Soldat des Westens kämpfte unbewußt für die Ausbreitung des Bolschewismus, und gleichzeitig unterhöhlte er die Sicherheit jeder westlichen Nation. Niemals zuvor sind einer so unedlen Sache so viele Opfer gebracht worden."
Und an die Stehe Hitlers, dem man bisher die Alleinschuld am Kriegsausbruch zusprach, rückt Hoggan zwei Außenminister der Anti-Hitler-Koalition, die er mit der Hauptschuld belastet:
- den britischen Außenminister (1938
bis 1940) Lord Halifax und
- den polnischen Außenminister (1932 bis 1939) Joseph Beck.
Vor allem durch die Intransigenz der polnischen Außenpolitik, so Hoggan, sei die Welt auch der letzten Friedenschance beraubt worden: "Hitler wollte keinen Krieg mit Polen, doch konnte ein Staat unmöglich allein den Frieden durch eigene, einseitige Anstrengungen erhalten."
Begründet Hoggan: "Die Weigerung Polens, mit Deutschland unter keiner Bedingung über eine Regelung (des Danziger Problems) zu sprechen, war die gröbste Zumutung, die man sich vorstellen konnte."
Solche Thesen könnte man nun freilich für Ausgeburten eines ehemaligen Schulungsleiters der NSDAP halten, würde nicht der sechs Sprachen beherrschende US-Professor das ausführlichste Quellenmaterial vorweisen, das je ein wissenschaftliches Werk über den Kriegsausbruch von 1939 stützte. Allein das Literaturverzeichnis polnischer Werke zählt 134 Quellen auf**.
Die polnischen Erkundungen David Hoggans, der schon 1948 auf der Harvard-Universität die Dissertation "Der Zusammenbruch der deutsch-polnischen Beziehungen im Jahre 1939" veröffentlichte und seither als Kenner der polnischen Vorkriegspolitik gilt, haben ihm denn auch ermöglicht, historiographisches Neuland zu erschließen: Hoggan hat zum erstenmal polnisches Quellenmaterial systematisch bearbeitet, die noch lebenden Mitarbeiter Joseph Becks interviewt und die Mitschuld Polens am Kriegsausbruch detailliert.
Der rechtsgerichteteAmerikaner Hoggan bestätigt damit, was schon der linksgerichtete Brite Alan John Percivale Taylor in seinem revisionistischen Werk "Die Ursprünge des Zweiten Weltkrieges" (SPIEGEL 48/1961) vermutete: daß der Friede 1939 an dem bösen Willen Berlins und Warschaus zerschellte*.
Taylor hat Hoggans Material noch nicht auswerten können; gleichwohl ahnte er: "Es war Hitlers Mißgeschick (und nicht seines allein), in den Polen auf politische Spieler der gleichen Schule zu stoßen. Va banque war nicht nur das einzige, was sie spielten, es war das einzige, was sie spielen konnten, wenn sie sich ihre trügerische Position einer Großmacht bewahren wollten."
Kein Pole hatte vergessen, daß der polnische Staat in der Stunde russischer und deutscher Ohnmacht entstanden war und ihm immer größere Gefahren drohten, je mehr die beiden Nachbarn Polens erstarkten. Dennoch glaubten die Polen in dem ehemaligen Obersten Joseph Beck, Außenminister seit 1932 und nach dem Tode Pilsudskis der eigentliche Chef des rechtsautoritären Regimes, einen diplomatischen Zauberkünstler zu besitzen, der das Land zwischen Berlin und Moskau hindurchlavieren könne.
In der Tat vermochte der enragierte Antibolschewist Beck, der aus einem niederdeutschen Geschlecht stammte und im deutschen Kulturkreis aufgewachsen war, jahrelang die Führer des Dritten Reiches mit Treuebekenntnissen für die totalitären Staaten zu charmieren. Viele NS-Führer wußten, daß Beck von der Persönlichkeit Hitlers fasziniert war:
Noch im November 1938 - Hitler hatte schon die Rückkehr Danzigs zum Reich gefordert - glaubte Außenminister Beck, der braune Kanzler sei ein Freund Polens, der sich nur nicht gegen die polenfeindlichen Junker im Reichskabinett durchsetzen könne.
Beck stand, urteilte der französische Botschafter in Warschau, Leon Noel, "aufgrund seines Alters, seines Temperaments, seiner Bildung, seines Vorlebens als Verschwörer und Militär den Hitlerführern näher als den französischen und englischen Staatsmännern. Als starker Russenfeind fühlte er sich den neuen Herren des Reiches geistig verwandt".
So geartete Sympathien Becks für das braune Deutschland verleiteten denn auch Hitler zu einer folgenschweren Aktion: Am 24. Oktober 1938 eröffnete Ribbentrop dem polnischen Botschafter in Berlin, Lipski, der "Führer" wolle die deutsch-polnischen Beziehungen noch enger knüpfen; die Reichsregierung schlage daher folgende Regelung vor:
- Polen willigt in die Rückkehr Danzigs** zu Deutschland ein und erlaubt den Bau einer exterritorialen Autostraße und Bahnlinie durch Pommerellen, während
- Deutschland dem polnischen Staat in Danzig "wirtschaftliche und bahntechnische Vergünstigungen" einräumt sowie die polnischen Grenzen garantiert.
Der polnische Außenminister lehnte zwar das Ansinnen Hitlers sofort höflich ab, dennoch mühte sich der braune Reichskanzlist persönlich, Beck für seine Vorschläge zu gewinnen. Auf dem Obersalzberg argumentierte Hitler im Januar 1939: Deutschland brauche im Osten ein starkes Polen, jede polnische Division an der russischen Grenze sei ebensoviel wert wie eine deutsche.
Hitlers Worte verrieten, daß Polen keineswegs von Anfang an, wie die meisten Historiker annehmen, auf der braunen Eroberungsliste stand. Seine Worte sagen es deutlich genug: Er buhlte um die Partnerschaft Polens in einem Raubkrieg gegen Sowjetrußland, er versprach einem Satellitenstaat Polen Macht und Beute.
Die Offerte enthüllte freilich zugleich, wie sehr Hitler die Politik seines polnischen Gegenspielers verkannte. Nicht Freundschaft zu Hitler bestimmte die Außenpolitik Becks, sondern einzig der Wunsch, die unwirklich gewordene Großmachtstellung Polens mit allen Mitteln zu erhalten.
Hitler ahnte nicht, daß gerade die Obersalzberg-Konferenz den polnischen Außenminister in seinen beiden wichtigsten Doktrinen bestärkt hatte:
- Niemals werde Hitler zulassen, daß sich Deutschland mit der Sowjet -Union (und das hieß: auf Kosten Polens) verständige, und
- niemals dürfe er, Beck, zulassen, daß das Wahrzeichen polnischer Unabhängigkeit - eben das vom Völkerbund beaufsichtigte, von Polen aber wirtschaftlich- beherrschte Danzig - an die Deutschen falle.
Fiel Danzig, so fiel - lautete Becks Maxime - auch Polens Großmachtstellung. Solange aber die Gefahr einer deutsch-sowjetischen Verständigung nicht bestand, sah Beck keinerlei Veranlassung, das Lavieren zwischen Moskau und Berlin aufzugeben und für einen der beiden Nachbarn zu optieren. Denn Optieren bedeutete das Ende der polnischen Großmacht.
Als später der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 Becks außenpolitische Position aufweichte, als Polen plötzlich von dem deutschen und dem russischen Mühlstein zerrieben zu werden drohte, ohne daß England im Falle eines Krieges aktive Hilfe leisten konnte - selbst in diesem Augenblick verharrte Joseph Beck noch bei seiner sterilen, ja selbstmörderischen Status-quo-Politik um jeden Preis.
Denn bis zum 29. August 1939, dem Tag der polnischen Generalmobilmachung, konnte sich Hitlers polnischer Gesprächspartner nicht entschließen, an den Ernst deutscher Angriffsabsichten zu glauben. Dem US-Botschafter Bullitt vertraute Beck an, im Grunde sei Hitler nur "ein furchtsamer Österreicher", der es angesichts entschlossener Gegner auf einen Krieg nicht ankommen lassen werde.
Joseph Beck war entschlossen, in der Danzig-Frage keinen Zentimeter zu weichen. Für das anhebende Spiel benötigte er allerdings einen diplomatischen Bundesgenossen. Für den Polen Beck, der Franzosen verachtete, Russen haßte und Deutsche geringschätzte, gab es nur einen Alliierten: England.
Die britische Europapolitik jener Jahre hatte freilich in polnischer Sicht einen argen Webfehler. Mehr als in jedem anderen nichtdeutschen Land war in Großbritannien trotz aller Gegnerschaft zu der Hitlerschen Gewaltpolitik das Gefühl verbreitet, von den Bestimmungen des Versailler Vertrages sei das Danzig-Statut am wenigsten geeignet, die Massen gegen Hitlers Forderungen aufzubringen.
Die britische Diplomatie hatte denn auch nie den Plan aufgegeben, Polen und Deutsche zu einer friedlichen Lösung des Danzig-Problems zu ermuntern. Wie 1938 die Briten den Anstoß zur Lösung der Sudetenkrise gegeben hatten, so sollte auch mit britischer Assistenz der, Zankapfel Danzig aus dem Weg geräumt werden, bevor er eine Kriegsgefahr heraufbeschwor.
Angesichts solcher Tendenzen entwarf Polens listenreicher Außenminister einen raffinierten Kriegsplan, um die britischen Gegner des Danzig-Statuts für eben jenes Statut auf Leben und Tod zu engagieren:
Beck wies die polnischen Diplomaten in England an, auf keinen Fall ein Wort über den Danzig-Streit zwischen Berlin und Warschau verlauten zu lassen, sondern immer wieder die Intimität der Hitler-Beck-Kontakte zu unterstreichen. Englands Politiker sollten glauben, Beck sei bereits ein stiller Partner der Hitler-Mussolini-Achse.
Die Briten begannen prompt zu befürchten, Polen sei drauf und dran, von der Achse aufgesogen zu werden. Schon überlegten sich ihre Diplomaten, wie England das völlige Hinübergleiten Polens ins deutsche Lager verhindern könne, da ließ Beck - kurz nach dem deutschen Einmarsch in Prag - in London das Gerücht verbreiten, deutsche Truppen seien an der polnischen Grenze aufmarschiert, um die Regierung in Warschau unter Druck zu setzen.
Ohne sich zu vergegenwärtigen, daß inzwischen Danzig zum deutsch-polnischen Streitobjekt geworden war, gab England panikartig eine Garantie-Erklärung für Polen. Erst später merkte Chamberlain, daß er (neben der polnischen Unabhängigkeit) garantiert hatte, was England am allerwenigsten garantieren wollte: den Status von Danzig.
Der britische Historiker Taylor hat die Stunde des Beck-Triumphes beschrieben: Der britische Botschafter in Warschau habe gerade den Außenminister aufgesucht, "als ein Telegramm aus London hereingebracht wurde. Der Botschafter las Chamberlains Versicherung laut vor. Beck nahm sie an, bevor er das zweite Mal die Asche von seiner Zigarette schnippte. Zwei Schnipser, und britische Grenadiere würden für Danzig sterben. Zwei Schnipser, und das trügerische Großpolen unterzeichnete sein Todesurteil".
Nun besaß Joseph Beck die Blankovollmacht der britischen Regierung, die es ihm ermöglichte, alle Bemühungen um eine Danzig-Lösung zu sabotieren. Hoggan: "Nach der britischen Garantie-Erklärung sind keine Verhandlungen mehr über ein deutsch-polnisches Abkommen geführt worden, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil Beck sich weigerte."
Keine Maßnahme war dem polnischen Außenminister gewagt genug, um die Unabhängigkeit der vermeintlichen Großmacht Polen zu demonstrieren:
- Er ordnete die Teilmobilmachung des polnischen Heeres an, ohne daß bis dahin deutsche Truppen an der Grenze aufmarschiert waren;
- er verschärfte die Repressalien gegen die Volksdeutschen in Polen, laut Hoggan hilflose Geiseln ihrer polnischen Umgebung";
- er sperrte sich gegen das von den Briten ohnehin nur zögernd betriebene Bündnisgespräch mit der Sowjet-Union und machte damit den Weg für den Stalin-Hitler-Pakt frei;
- er konfrontierte Danzig einem Ultimatum, das der Stadt die Sperrung aller Lebensmittellieferungen androhte - eine Aktion, die selbst der damalige polnische Vertreter in Danzig heute für einen schweren taktischen Fehler hält.
Nicht einmal die Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes, die Becks wichtigste Doktrin zerstörte und Hitler den letzten Anstoß zur Fahrt in den Krieg gab, konnte den polnischen Außenminister ernüchtern. "Erheitert" (Hoggan) rief er: "Jetzt ist es Ribbentrop, der die Unredlichkeit der Sowjets ausprobiert."
Diese Hybris konnten nun selbst Becks engste Mitarbeiter nicht mehr ertragen. Hoggan weist nach, daß sich ein polnischer Botschafter nachdem anderen gegen den waghalsigen Beck-Kurs stellte.
Der polnische Vertreter in Berlin, Botschafter Lipski, hatte Beck schon im März 1939 zu einer deutsch-polnischen Verständigung geraten und sich dabei die Ungnade des Obersten zugezogen; daraufhin verlangte Lipski seine Abberufung aus Berlin. Auch Becks Staatssekretär Graf Szembek, der polnische Botschafter Sokolnicki (Ankara) und dessen Kollege Graf Potocki (Washington) erklärten, Polen könne sich nur durch eine Verständigung mit Hitler aus der deutsch-sowjetischen Falle befreien.
Doch Joseph Beck verbat sich die unwillkommenen Ratschläge. Verbittert kommentierte Potocki: "Polen zieht Danzig dem Frieden vor."
Aus solchen Indizien folgert Kriegsschuld-Revisionist Hoggan: "Polens Führung machte einen deutsch-polnischen Krieg unvermeidbar, indem sie eine permanente Krise herbeiführte und dann sich weigerte, über ihre Beilegung zu verhandeln."
Doch der Amerikaner begnügt sich nicht mit dieser Differenzierung der bisher akzeptierten Kriegsschuld-These. Sein Vorhaben ist ehrgeiziger: Er will den Polen Beck nicht nur als einen verzweifelten Großmacht-Illusionisten verstehen, sondern zugleich als das Werkzeug britischer Politiker, die sich der deutsch-polnischen Auseinandersetzungen bedienten, um Hitler in die Schranken zu weisen.
"Die uneinsichtige Haltung der polnischen Regierung im Jahre 1939 ist kein Rätsel mehr", enthüllt der historiographische Meisterdetektiv Hoggan. "Lord Halifax war mit der allgemeinen Politik Joseph Becks gegenüber Deutschland ungemein zufrieden, die Aussicht auf uneingeschränkte britische Unterstützung seiner Großmachtträume auf Kosten Deutschlands war für den polnischen Chauvinismus eine unwiderstehliche Verlockung."
Daraus deduziert Hoggan die Kriegsschuld Großbritanniens und seines frömmelnden Außenministers Lord Halifax, "eines der selbstsichersten, rücksichtslosesten, klügsten und scheinheilig-selbstgerechtesten Diplomaten", der Polen gegen Hitler aufgeputscht und damit den Krieg vollends unvermeidlich gemacht habe.
Mit dieser Argumentation weist sich David Leslie Hoggan als kompromißlosester Vertreter einer revisionistischen Schule westlicher Historiker aus, die es unternommen hat, die gängigste, auch in der Bundesrepublik akzeptierte Version über den Kriegsausbruch zu zerstören: die These von der Alleinschuld Hitlers.
Die westdeutschen Zeitgeschichtler und Historiker sähen sich denn auch sofort von dem amerikanischen Revisionisten herausgefordert. Kaum war "Der erzwungene Krieg" erschienen, da rüsteten sich die Historiographen zur Abwehr der Hoggan-Thesen.
"Von einer solchen Form von 'Revisionismus' sollte sich jeder, dem es mit der Erforschung der historischen Wahrheit ernst ist, eindeutig distanzieren", warnte die "Wehrwissenschaftliche Rundschau", und der Bonner Kriegshistoriker Hans-Adolf Jacobsen mahnte: "Es lohnt sich einfach nicht, (das Buch) zu lesen. Wohl selten ist in den letzten Jahren ein unter dem Deckmantel der Wissenschaft und Wahrheitsforschung geschriebenes Buch mit soviel törichten, haltlosen Thesen, Behauptungen und 'Ergebnissen' ... vollgepfropft worden."
Andere Buchrezensenten dagegen zeigten sich derartig wortkarg, daß NS -Stabsleiter Sündermanns "Druffel-Mitteilungen" höhnten, das Buch habe wohl "der großen deutschen Presse den Atem geraubt ... Hoggan scheint man totschweigen zu wollen".
In der Tat offenbarten die Äußerungen der bundesrepublikanischen Hoggan -Kritiker eine Schwäche der deutschen Geschichtsschreibung, die Hoggans deutsche Förderer nur allzu geschickt ausbeuten: Bisher haben die Erben Rankes und Meineckes auf eine eigene, gründliche Darstellung des Kriegsausbruchs von 1939 verzichtet.
Kein Werk über die diplomatische Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs, keine Arbeit über die nationalsozialistische Außenpolitik in den Jahren 1938 und 1939, keine Untersuchung über die Deutschlandpolitik des polnischen Außenministers Beck verrät, wie die deutschen Historiker über diesen entscheidenden Wendepunkt nationaler und internationaler Geschichte denken.
Die Historiker der Nation folgen vielmehr den Thesen ausländischer Geschichtsschreiber, die seit dem großen Kriegsverbrecherprozeß in Nürnberg glauben, das Hitler-Regime habe jahrelang systematisch auf den Zweiten Weltkrieg hingearbeitet und trage daher allein die Verantwortung für den Ausbruch des Weltbrandes.
Hervorragender Interpret dieser Kriegsschuld-These ist der Schweizer Historiker Walther Hofer, Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin, der offenbar nicht die Bedenken seiner deutschen Kollegen teilt, die dokumentarischen Lücken - bis vor kurzem waren nahezu alle deutschen Akten in alliiertem Gewahrsam - seien noch zu groß, um eine objektive Darstellung der Vorgeschichte des Krieges zu erlauben.
Hofer veröffentlichte 1954 im Auftrage des Münchner Instituts für Zeitgeschichte sein Buch "Die Entfesselung des zweiten Weltkrieges" und entwarf damit gleichsam ein für Bundesrepublikaner verbindliches Geschichtsbild*.
"Der Krieg von 1939", entschied der Schweizer, "ist ... lange geplant, genau vorbereitet und schließlich bewußt ausgelöst worden, vom Führer des Dritten Reiches, in sozusagen alleiniger Verantwortung, allerdings mit diplomatischer Unterstützung der sowjetrussischen Regierung."
Hofer belastete seinen Forschungsdrang freilich mit einem derart zähflüssigen Moralismus, daß für eine nuanciertere Betrachtungsweise kaum Platz blieb. Er fordert auch, gegenüber der braunen Ära dürfe es keine objektive Geschichtsforschung geben; der Historiker "würde nur zur Verfälschung der geschichtlichen Wahrheit beitragen, wenn er glaubte, mit herkömmlichen methodischen Mitteln gewissen Phänomenen unseres pathologischen Zeitalters beizukommen".
Folgerichtig scheute sich Hofer nicht, Hitler als Dämon des "pathologischen Zeitalters" bestehen, "das undurchdringliche Dunkel der kranken Seele des deutschen Diktators" unerforscht zu lassen und die außenpolitischen Taten des Dritten Reiches als rational nicht erklärbare Ausgeburten politischen Wahns zu deuten.
Wer aber als Historiker Hitler so dämonisiert, hat kaum einen Blick für andere kriegsfördernde Faktoren, die zwar keineswegs die Kriegsschuld Hitlers verringern, jedoch ebenso zur Krisensituation von 1939 gehören wie das Zusammenspiel von Hitler und Stalin im Schatten des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes.
So ist Polens vabanquespielender Außenminister Beck für den Chronisten Hofer nur ein braver, obgleich fehlkalkulierender Widerstandskämpfer gegen Hitler, und ängstlich hütet sich der Schweizer, auf jene US-Diplomatie einzugehen, die "mit merkwürdiger Genugtuung" (so der ehemalige Danzig-Kommissar Burckhardt) Beck in seiner Abenteurerpolitik bestärkte.
Eben dieser vergessenen Kapitel der Kriegsausbruch-Story aber bemächtigte sich nun eine einflußreiche Gruppe amerikanischer Historiker, die eine radikale Revision der herkömmlichen Thesen von der Alleinschuld Hitlers fordern.
Zu dieser Gruppe gehören oder gehörten außerdem jüngsten Kriegsschuld -Revisionisten David L. Hoggan führende Köpfe der amerikanischen Geschichtswissenschaft, unter ihnen
- Charles A. Beard, 1948 verstorbener Professor an der Columbia-Universität, der seit seiner bahnbrechenden Umdeutung der frühen amerikanischen Verfassungsgeschichte als größter und eigenwilligster US-Historiker des Jahrhunderts galt,
- Harry E. Barnes, emeritierter Professor für Geschichte und Soziologie, der 1926 in seinem Buch "Die Genesis des Weltkrieges" die Deutschen von der Schuld am Ersten Weltkrieg freisprach, und
- Charles C. Tansill, Professor für
Geschichte der amerikanischen Diplomatie an der Georgetown-Universität.
Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen ist freilich nicht die Kriegsschuld Hitlers, einer Frage, an der die US-Revisionisten zunächst kaum interessiert waren; ihr Feldzug gilt dem vermeintlichen Kriegsbrandstifter und Weltkrieg-II-Präsidenten Franklin Delano Roosevelt, den sie mit einer Leidenschaft verfolgen, als sei er nicht schon seit 17 Jahren tot.
Die revisionistischen Professoren sind sämtlich Anhänger der Republikanischen Partei und hartnäckige Isolationisten, die dem romantischen Traumbild eines sogenannten Graswurzel -Amerika nachjagen, in dem sich Vorstellungen von einer unmittelbaren Demokratie fortschrittlicher Kleinbürger und Farmer mit der traditionellen Abneigung des Mittleren Westens gegen Briten und Weltpolitik zu einem seltsamen Konglomerat vereinigen.
Dieses Traumbild wurde von Roosevelt zerstört, der sein interventionsfeindliches Volk Schritt um Schritt "in den Krieg hineinlog" (so die Republikanerin Clare Boothe Luce), noch bevor die Japaner im Dezember 1941 Pearl Harbor angriffen und damit dem Präsidenten auch den offiziellen Eintritt in den Krieg ermöglichten.
In seinem 1948 publizierten Buch "Präsident Roosevelt und das Herannahen des Krieges 1941" versuchte Beard nachzuweisen, daß Roosevelt, ohne von Hitler provoziert worden zu sein, das Wahlversprechen vom 23. Oktober 1940 ("Zu Republikanern und Demokraten, zu jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind in der Nation sage ich: Euer Präsident und euer Außenminister gehen die Straße zum Frieden") systematisch gebrochen und Amerika in den Krieg gemogelt habe.
Der Diplomatie-Historiker Charles Callan Tansill behauptete in seinem 1952 erschienenen Buch "Die Hintertür zum Kriege", Roosevelt habe durch eine Scharfmacher-Politik in London, Paris und Warschau die europäische Katastrophe und später durch eine provokatorische Politik im Fernen Osten den Krieg im Pazifik mitverschuldet*.
Tansills These: In der irrigen Annahme, Hitler-Deutschland werde niemals kämpfen, habe Roosevelt "Chamberlain gedrängt, den Polen Versprechungen zu machen, als keine Möglichkeit bestand, sie zu erfüllen". Tansill hielt mithin für erwiesen, was schon Joseph P. Kennedy, der Präsidenten -Vater und damalige US-Botschafter in London, im Dezember 1945 ausgesprochen hatte: "Weder die Franzosen noch die Briten hätten aus der deutsch-polnischen Frage einen Kriegsgrund gemacht, wenn Washington nicht dauernd gebohrt hätte."
Je mehr indes die revisionistischen amerikanischen Historiker die Kriegsschuld ihres Landesvaters entdeckten, desto auffallender schrumpfte das Schuldkonto des braunen Reichskanzlers zusammen.
Von Jahr zu Jahr wurde Hitlers Schuld geringer, bis schließlich der radikalste der US-Revisionisten Hitler völlig weißwusch.
Tansill hatte noch "Hitlers Ausdehnungsdrang" für die Katastrophe von 1939 verantwortlich gemacht, Beard verurteilte den deutschen Militarismus - David Leslie Hoggan aber kann an Hitler nicht mehr den geringsten Schatten einer Kriegsschuld entdecken.
In dem kalifornischen Professor Hoggan haben sich die antibritischen und isolationistischen Züge des Revisionismus zu einem so extremen Weltbild verdichtet, daß es dem Amerikaner nicht schwerfällt, Adolf Hitler als Gralshüter des Antibolschewismus und als bekümmerten Friedensfreund zu deuten.
Wie anders wäre es sonst zu erklären, daß Hoggan sein Manuskript, für das er in Amerika keinen Abnehmer fand, dem Tübinger Kleinstverleger Herber, Grabert anvertraute, einem unverdrossenen Apologeten des NS-Regimes, der die Bundesrepublik ein "kolonialistisches pseudodemokratisches Nachkriegsgebilde" nennt, 1960 vom Dritten Strafsenat des Bundesgerichtshofes wegen Staatsverleumdung zu neun Monaten Gefängnis verurteilt wurde und vierteljährlich die 3000 Exemplare seiner "Deutschen Hochschullehrer-Zeitung" an die aus ihren Ämtern hinausentnazifizierten Dozenten versendet.
Mitübersetzer Grabert durfte beglückt konstatieren, daß der alte Geist noch lebt: Hoggan bescheinigt den Führern des Dritten Reiches, sie seien "in ihrem überschäumenden Glück" nach Hitlers ersten außenpolitischen Erfolgen "zur Umarmung der ganzen Welt im Sinne der 9. Symphonie Beethovens bereit" gewesen.
Soweit sich der Chronist Hoggan noch einer deutschen Kriegsschuld zu erinnern weiß, liegt sie bei Hitlers innerdeutschen Widersachern. Die heimische Opposition gegen die nazistische Außenpolitik reflektiert in der Sicht Hoggans nur "die aristokratischen Vorurteile höchster deutscher Offiziere" und unfähiger Diplomaten gegenüber dem "im Volk beliebten deutschen Führer".
Wer Hitler so harmlos betrachten kann, muß die Kriegsverbrecher auf der Seite der Hitler-Gegner suchen. Prompt meint Hoggan denn auch, die Hauptverantwortung für den Kriegsausbruch von 1939 trage Großbritannien, dessen Außenminister Lord Halifax es nach dem Einmarsch Hitlers in Prag (März 1939) gelungen sei, "der britischen Regierung eine bewußte Kriegspolitik aufzuzwingen". Motiv des Lords: Erhaltung des von Hitler bedrohten europäischen Gleichgewichts.
Zwar sei Halifax, so behauptet Hoggan, bereits nach dem Münchner Abkommen im Herbst 1938 entschlossen gewesen, zu einer härteren Politik gegenüber Hitler-Deutschland überzugehen, doch erst die Empörung der britischen Öffentlichkeit über Hitlers neuen Coup habe dem Lord den geeigneten Vorwand geliefert.
Hoggan: "Dieser Übergang von einer Appeasement-Politik zur Kriegspolitik vollzog sich innerhalb der kurzen Zeitspanne von fünf Tagen, vom 15. bis zum 20. März 1939."
Alles habe sich damals in London entschieden: Lord Halifax sei zum eigentlichen Herrn der britischen Außenpolitik aufgestiegen und habe den Zusammenschluß Englands, Frankreichs, Polens und der Sowjet-Union zu einer Einkreisungsfront wider das Dritte Reich konzipiert.
Allerdings sei Halifax später gezwungen gewesen, "zwischen Polen und der Sowjet-Union zu wählen, als Polen den Anschluß an eine Kombination verweigerte, die auch Rußland umfaßte. Er entschied sich für Polen, mit dem stillen Vorbehalt, es werde ihm gelingen, die Polen doch noch zu überreden, ihre Haltung gegenüber Rußland zu ändern".
Am 20. März 1939 legte Halifax den Polen das Projekt eines Viererpakts vor, vier Tage später wies der polnische Außenminister jede Verbindung mit Sowjetrußland zurück, und schon am 30. März erfuhr der britische Botschafter in Warschau aus einem Halifax -Kabel, Englands Regierung werde am nächsten Tag in einer feierlichen Erklärung die Unabhängigkeit Polens garantieren.
Tatsächlich erklärte Premier Chamberlain im Unterhaus, "daß im Falle einer Aktion, welche die polnische Unabhängigkeit klar bedrohen und gegen welche die polnische Regierung dementsprechend den Widerstand mit ihrer nationalen Wehrmacht als unerläßlich ansehen würde, Seiner Majestät Regierung sich während dieser Zeit verpflichtet fühlen würde, der polnischen Regierung sofort alle in ihrer Macht liegende. Unterstützung zu gewähren".
Als der französische Botschafter in Warschau den Text der Polen-Garantie gelesen hatte, rief er theatralisch aus: "Die Würfel sind gefallen." Auch Chronist Hoggan konstatiert: "Halifax hatte eine epochale Entscheidung gefällt."
Erst nach Bekanntwerden der britischen Polen-Garantie habe Hitler, so folgert Hoggan, zum erstenmal einen Feldzug gegen Polen in Erwägung gezogen: Am 3. April gab OKW-Chef Keitel die erste Weisung zum "Fall Weiß" (Polenfeldzug) an die Befehlshaber der Wehrmachtteile.
Aus dieser Ereigniskette, die vom 15. März (Einmarsch in Prag) bis zum 3. April 1939 (Vorbereitung des Polenfeldzugs) reicht, liest David Hoggan heraus, der britische Außenminister habe die Weichen so raffiniert gestellt, daß er jederzeit in der Lage gewesen sei, den Friedenszug entgleisen zu lassen.
Der Bund mit Polen - so Hoggan habe Halifax von dem Alpdruck befreit, Warschau und Berlin könnten sich einigen, denn der Lord rechnete fest "mit Danzig als Vorwand für einen deutschenglischen Konflikt".
Diese Auslegung dichtet jedoch dem britischen Außenminister die Rolle einer "grauen Eminenz" an, die Lord Halifax nie gespielt hat. Englands autokratischer Premierminister Neville Chamberlain hätte niemals einen mächtigen Außenminister neben sich geduldet
- und der zurückhaltende Lord war zu
klug, an der Seite des bei seinen Ministern als Haustyrann abgestempelten Premiers herbe Machtansprüche zu stellen.
"Ich kann niemals vergessen", schrieb Chamberlain selbstbewußt in sein Tagebuch, "daß die letzte Entscheidung ausschließlich bei mir liegt, jenes Ja oder Nein, das nicht nur das Schicksal dieser ganzen Generation, sondern auch des britischen Empire entscheiden kann."
Englands außenpolitische Entscheidungen trugen auch Chamberlains Handschrift. Über die angeblich von Halifax konzipierte Bündnisidee notierte sich der Premier: "Wir brauchen eine Erklärung der vier Mächte Großbritannien, Frankreich, Rußland und Polen, in der sie sagen müssen, daß sie gemeinsam vorgehen werden, falls weitere Anzeichen aggressiver Ambitionen Deutschlands vorliegen. Ich habe selber die Formel entworfen."
Ebenso war die Polen-Garantie Chamberlains Idee, nicht Halifaxens. Am 30. März 1939 hatte Chamberlain "eigenhändig", wie der britische Historiker Taylor berichtet, die Erklärung für Warschau zu Papier gebracht.
Erweist sich schon die personalpolitische Voraussetzung der Hogganschen Halifax-ist-an-allem-schuld-These als falsch, so müssen auch Korrespondenz und Tagebücher des Premierministers darüber Auskunft geben, ob die mißtrauische Vermutung des Amerikaners zutrifft, Englands Staatsmänner hätten die Polen-Garantie zu dem Zweck erlassen, jederzeit "mit Danzig als Vorwand für einen deutsch-englischen Konflikt" rechnen zu können.
Der Premier hielt bis zum letzten Augenblick einen englisch-deutschen Krieg für vermeidbar. "Was auch immer kommen mochte", so umschreibt Chamberlains Biograph Sir Keith Feiling den Generaltenor aller vertraulichen Notizen des Premiers, "niemals würde er den Krieg als unvermeidlich akzeptieren."
Chamberlain habe stets geglaubt, berichtet Sir Keith, "der Krieg könne aufgehalten werden, wenn man Deutschland nicht nur davon überzeuge, daß man sich jedem Mißbrauch der Gewalt sofort widersetzen werde, sondern daß auch jede seiner rationalen Förderungen Gehör finde".
Daraus folgt, daß die Polen-Garantie kein raffinierter Kriegstrick der Briten war. Die Wahrheit ist schlichter: Die Garantie war die Folge eines Irrtums.
Kurz nach der Besetzung Prags gelangten Gerüchte nach London, daß ein Angriff deutscher Truppen gegen Polen bevorstehe. Zu diesen Meldungen gesellte sich ein Bericht des von den Nazis ausgewiesenen Berliner Korrespondenten der Londoner Zeitung "News Chronicle", hitlerfeindliche Wehrmachtgeneräle hätten ihm bestätigt, daß der deutsche Aufmarsch bereits begonnen habe.
Angesichts des erst wenige Tage alten Prag-Coups hielt Chamberlain ein neues Abenteuer Hitlers für möglich. Seit Prag rechnete der Premier mit einem deutschen Schlag gegen Polen oder Rumänien. Hastig entwarf er die Garantie -Erklärung für Polen.
Erst später sollte er erfahren, daß die Deutschen keinen Angriff geplant hatten - gerade zu jener Zeit, am 25. März, verhieß eine "Führerweisung": "Führer will die Danziger Frage nicht gewaltsam lösen."
Die ersten Angriffsgerüchte gingen auf die polnische Regierung zurück, die sich mit diesem Streich dem forcierten Liebeswerben Hitlers zu entziehen versuchte. England aber saß nun auf einer Garantie-Erklärung, die es bitter bereuen sollte.
Chamberlain hatte das britische Hilfsversprechen bedingungslos gegeben und den Text so unpräzise abgefaßt, daß es in das Belieben Polens allein gestellt war zu bestimmen, wann es sich bedroht fühle. Urteilte der britische Diplomat Cadogan: Zum erstenmal in seiner Geschichte habe Großbritannien die Entscheidung über einen Krieg außerhalb seines Landes einer fremden Macht überlassen.
Die Seelenqualen Neville Chamberlains vor Kriegsausbruch rührten nicht zuletzt von der Verzweiflung darüber her, daß er keine Handhabe hatte, Polen zu beeinflussen. Denn die britische Politik jener Tage war nicht so grobknochig, wie Hoggan und Hofer in seltsamer Übereinstimmung - nur mit unterschiedlichen Vorzeichen - annehmen.
Chamberlain und Halifax hatten keineswegs der Beschwichtigungspolitik völlig entsagt, vielmehr visierten sie eine politische Lösung an, die Polen das Schicksal der Tschechoslowakei ersparen und zugleich die deutschen Forderungen (Danzig, polnischer Korridor) berücksichtigen sollte.
Halifax und sein Premier hielten sogar ein zweites München für erstrebenswert, da dem inzwischen militärisch und bündnispolitisch gestärkten Britannien nicht mehr - wie einst in der Sudetenkrise - die Gefahr einer Demütigung durch die Nazis drohe und ein neues München Hitler eher schaden als nützen werde.
"Wenn Hitler jetzt dazu kommt", notierte der Lord am Rande eines Berichts seines Botschafters in Berlin, "in eine gemäßigte Lösung einzuwilligen, dann ist es vielleicht nicht nur Wunschdenken zu glauben, daß seine Stellung in Deutschland mit Sicherheit eine Einbuße erleiden muß."
Diese doppelgleisige Politik setzte allerdings voraus, daß die Polen einer "gemäßigten Lösung" zustimmten. Keine Macht der Welt aber konnte Warschau zwingen, mit Hitler zuverhandeln. Polen lehnte das ab. Und bis zum bitteren Ende hielt es an seiner Weigerung fest.
England mußte dulden, daß die Vabanquespieler in Berlin und Warschau die letzten Friedenschancen zerstörten. Vergebens putschten die Briten Hitlers italienischen Bundesgenossen auf, der braunen Kriegsmaschine in den Arm zu fallen; vergebens appellierte Chamberlain an Amerika, die Polen zu mäßigen.
Immer verzweifelter wurden die Friedensgesten Neville Chamberlains.
- Am 23. August 1939: "Die Briten erwarten von uns (Amerikanern) dies und nur dies, nämlich, daß wir Druck auf die Polen ausüben, Sie spüren, daß sie wegen ihrer Verpflichtungen nichts Derartiges tun können, aber wir könnten es." (Telephonische Durchsage des Londoner US-Botschafters Kennedy an das State Department.)
- Am 25. August: Halifax warnt Warschau, "daß die polnische Regierung einen großen Fehler mache, wenn sie versuche, eine Stellung zu beziehen, in der die Diskussion über eine friedliche Veränderung des Status von Danzig ausgeschlossen wäre". (Telegramm Halifaxens an den britischen Botschafter in Warschau.)
- Am 29. August: "Offen gesagt, macht
Chamberlain sich mehr Sorgen darüber, wie er die Polen als wie er die Deutschen zur Vernunft bringt." (Kennedy an das State Department.)
Spätestens an dieser Stelle wird auch dem einfältigsten Leser des Hoggan -Buches deutlich, daß die Thesen des Amerikaners mit den Fakten nicht mehr übereinstimmen. Je mehr sich der diplomatische Kampf seinem Höhepunkt nähert, desto unglaubwürdiger wird die antibritische Auslegungskunst des US -Professors.
Hoggan muß sich in krampfige Formulierungen flüchten, um seine These von der britischen Kriegsschuld durchhalten zu können. Die Friedensbemühungen des Lord Halifax, flunkert er, seien nur Manöver "seiner grenzenlosen Scheinheiligkeit" gewesen, seiner "listenreichen Kunst der Massentäuschung".
Derartiger Verrenkungen bedarf es, wenn ein Historiker die Geschichte des Kriegsausbruches schreibt, ohne das entscheidende, auslösende Moment zu erkennen: die Kriegspolitik Hitlers. Hoggan verschweigt, daß Hitler nur auf den Augenblick wartete, da die Verbindung zwischen London und dem allzu martialischen Warschau abriß und er die Chance erhielt, Polen auf die Knie zu zwingen.
Seit Hitler seinen polnischen Partnerschaftsplan aufgegeben und beschlossen hatte, "die polnische Wehrkraft zu zerschlagen" (Weisung an das OKW vom 3. April 1939), war er darauf erpicht, Polen von seinen britischen Beschützern zu trennen.
Als der Führer am 23. Mai 1939 seinen in der Reichskanzlei versammelten Militärs den "Entschluß, bei erster passender Gelegenheit Polen anzugreifen", bekanntgab, protokollierte Führer -Adjutant Schmundt: "Aufgabe ist es, Polen zu isolieren. Das Gelingen der Isolierung ist entscheidend."
Schon machte die französische Regierung Miene, sich von ihrem unheimlichen Bundesgenossen in Warschau zu trennen, schon verlockte der Abschluß des Russenpaktes Hitler derartig, daß er sich am Ziel seiner Wünsche glaubte und den Beginn des Krieges gegen Polen auf Sonnabend, den 26. August 1939, früh 4.30 Uhr, festlegte.
Da aber trafen Hitler am Nachmittag des 25. August zwei Hiobsbotschaften, die seinen ganzen Kriegsplan in Frage stellten. Wütend ließ er den OKW-Chef Keitel kommen: "Umgehend alles stoppen, sofort (Heeres-OB) Brauchitsch holen. Ich brauche Zeit für Verhandlungen."
Die beiden Hiobsbotschaften am Nachmittag des 25. August spiegelten zwei Erfolge der britischen Krisendiplomaten wider:
- Nicht zuletzt auf Drängen des britischen Botschafters in Rom teilte Mussolini seinem deutschen Partner mit, Italien könne sich an dem bevorstehenden Krieg mit Polen "militärisch" nicht beteiligen, da ihm das erforderliche Kriegsmaterial fehle.
- England und Polen wandelten die
Chamberlain-Garantie in ein Militärbündnis um, womit London deutlich machte, es werde Polen nicht im Stich lassen.
Premier Chamberlain stieß außerdem mit einem Warnbrief an Hitler vor. Man solle, schrieb Chamberlain, ja nicht glauben, daß nach Unterzeichnung des Stalin-Hitler-Paktes "eine Intervention Großbritanniens zugunsten Polens nicht mehr eine Eventualität darstellt, mit der zu rechnen notwendig ist. Kein größerer Fehler könnte begangen werden."
Hitler nutzte jedoch seine "Zeit für Verhandlungen" nur, um eine neue Mine gegen das britisch-polnische Bündnis zu legen. Am 29. August rief er den britischen Botschafter Sir Nevile Henderson in die Reichskanzlei und eröffnete ihm, er wolle mit Polen in direkte Verhandlungen eintreten; England möge in Warschau veranlassen, daß ein polnischer Unterhändler bis zum 30. August in Berlin eintreffe.
Sofort jagte der Friedensfreund Sir Nevile Henderson durch die diplomatische Kolonie Berlins. Er telephonierte mit seiner Regierung, er bestürmte die französischen Diplomaten, er scheuchte den polnischen Botschafter Lipski auf und flehte ihn an: Beck müsse sofort nach Berlin kommen.
Und Hitler trieb den Keil zwischen Briten und Polen noch um ein kräftiges Stück tiefer: Als um Mitternacht des 30. August noch immer kein polnischer Unterhändler aufgetaucht war, spielte Ribbentrop seinem Besucher Henderson die modifizierten Forderungen zu, die Hitler angeblich einem polnischen Unterhändler vorgelegt hätte - Forderungen, die überaus gemäßigt klangen: Rückkehr Danzigs zum Reich, Volksentscheid über die Zukunft des Korridors, Festlegung der Grenzen von Gdingen, notfalls durch ein internationales Schiedsgericht.
Endlich hatten Chamberlain und Halifax ein deutsches Verhandlungsprogramm in Händen, aber nichts konnte die Polen bewegen, auf das Programm einzugehen. Fast wütend telegraphierte Halifax noch in der späten Nacht des 31. August nach Warschau: "Ich begreife nicht, worin die, polnische Regierung Schwierigkeiten sehen sollte, den polnischen Botschafter (in Berlin) zu autorisieren, ein Dokument der deutschen Regierung in Empfang zu nehmen."
Doch die britischen Ratschläge stießen auf taube Ohren. Denn schon am 29. August hatte Beck, dem der deutsche Aufmarsch an der Grenze nicht verborgen geblieben war, die Generalmobilmachung der polnischen Wehrmacht angeordnet, die laut Hoggan den Krieg bedeutete.
"Die polnischen Militärpläne", behauptet Hoggan, "sahen vor, daß eine Generalmobilmachung nur für den Fall empfohlen würde, daß Polen sich für Krieg entschiede." Er zitiert den polnischen General Kazimierz Soskowski, wonach "der Generalmobilmachungsbefehl den deutsch-polnischen Krieg unvermeidlich gemacht" habe.
Die alliierte Diplomatie versuchte denn auch sofort, Beck die Mobilmachung wieder auszureden. Während die französische Regierung in Warschau scharf protestierte, gab Halifax zu bedenken, Becks Schritt müsse "in der ganzen Welt den Eindruck hervorrufen, daß sich Polen auf Krieg einlasse".
Die polnische Regierung zeigte sich jedoch nur bereit, den Versand der Gestellungsbefehle um einige Stunden hinauszuzögern - am Nachmittag des 30. August war auch der letzte Befehl verschickt.
Diese Vorgeschichte der polnischen Mobilmachung hat die Kriegsschuld - Revisionisten dazu verleitet, Polen mit der Schuld am Zweiten Weltkrieg zu belasten. Die Meldungen über die polnische Mobilmachung, so rekonstruierte Tansill den Vorgang, "befanden sich bald in der Hand Hitlers und warfen ihn aus seinem labilen, nervösen Gleichgewicht" - mit anderen Worten: lösten den Polenfeldzug aus.
Tatsache aber ist, daß keine polnische Provokation den deutschen Kriegsbefehl bewirkt hat. Schon am Nachmittag des 28. August hatte Hitler zu Generaloberst von Brauchitsch gesagt, er versuche nur noch, Polen diplomatisch ins Unrecht zu setzen, bis er losschlage.
Und am Nachmittag des 30. August, zur selben Zeit, da die polnischen Einberufungsbefehle ausgetragen wurden, erhielt die Wehrmacht Befehl, sich für den 1. September zum Angriff auf Polen vorzubereiten.
Niemals hat Hitler in seinen Weisungen die polnische Generalmobilmachung als Grund für seinen Angriffsbefehl angeführt. Hitlers Angriffs- und Becks Mobilmachungsbefehl bleiben Gesten, die über die Kriegsschuld von 1939 mehr verraten als gewichtige Dokumente.
Am 31. August gegen 12.40 Uhr - noch mühte sich Halifax um polnische Verhandlungsbereitschaft - tickten die Fernschreiber der Reichskanzlei Adolf Hitlers verhängnisvollste Geheime Kommandosache: "Der Angriff gegen Polen ist nach den für Fall Weiß getroffenen Vorbereitungen zu führen. Angriffstag: 1. September 1939. Angriffszeit: 4.45."
Europa stürzte in den Abgrund des Zweiten Weltkriegs.
* David L. Hoggan: "Der erzwungene Krieg".
Verlag der Deutschen Hochschullehrer-Zeitung, Tübingen; 896 Seiten; 48 Mark.
** Zum Vergleich: Das ausführlichste Buch
dir deutschsprachigen Kriegsschuld-Forschung, Walther Hofers "Die Entfesselung des zweiten Weltkrieges", nennt nur drei polnische Titel.
* A. J. P. Taylor: "Die Ursprünge des Zweiten Weltkrieges". Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh; 384 Seiten; 18,80 Mark.
** Die Oberaufsicht über den 1919 geschaffenen Freistaat Danzig führte ein Hochkommissar des Völkerbundes, die auswärtigen Beziehungen und das Zollwesen Danzigs unterstanden polnischer Kontrolle, während die innere Verwaltung dem Danziger Landtag (Volkstag) oblag, der seit 1933 von den Nationalsozialisten beherrscht wurde.
* Walther Hofer: "Die Entfesselung des zweiten Weltkrieges". Fischer-Bücherei, Frankfurt am Main und Hamburg; 1960; 379 Seiten; 3,60 Mark.
* Charles C. Tansill: "Die Hintertür zum Kriege". Droste-Verlag, Düsseldorf; 1958; 733 Seiten; 25.50 Mark.
Hitler vor dem Reichstag (1. September 1939): Deutschlands Größenwahn ...
... und Polens Starrsinn zerstörten den Frieden: Polnischer Außenminister Beck (M.), Gastgeber auf dem Obersalzberg (Januar 1939)
Polenfreunde Halifax, Chamberlain: Kriegsvollmacht aus Irrtum
US-Historiker Hoggan
Freispruch für Hitler
Polens Berlin-Botschafter Lipski War der Führer bereit ...
Amerikas London-Botschafter Kennedy
... die Welt zu umarmen?
Kriegsherr Hitler, Generale Rommel (l.), Keitel (2. v. r.] im Polenfeldzug: Angriffsplan im April, Alibi im August

DER SPIEGEL 24/1962
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