20.06.1962

KZ-VERBRECHENEdel georgelt

Das Fernsehteam aus Hamburg hatte seinen Aufnahmewagen gerade in Stellung gefahren, da brauste mit Martinshorn ein Polizeiauto heran. Die Polizisten zu den Fernsehleuten, nachdem sie deren Personalausweise kassiert hatten: "Ihr seid festgenommen."
Team-Chef Schier-Gribowsky mußte
mit zur Wache. Seine Begleiter wurden im zurückgebliebenen Aufnahmewagen von einem Polizisten bewacht. Als einer von ihnen nach den Kameras griff, zog der Schupo seinen Revolver: "Wenn Sie etwas machen, schieße ich."
Anlaß dieses forschen Polizeieinsatzes im nordrhein-westfälischen Geldern: Die Fernsehreporter hatten - am Mittwoch vorletzter Woche - den ehemaligen SS-Oberscharführer und KZ-Bewacher in Buchenwald Wolfgang Otto filmen wollen, den die in Ostberlin lebendeWitwe des einstigen KP-Führers Thälmann unlängst wegen Beihilfe zum Mord an ihrem Mann angezeigt hat.
Pädagoge Otto unterrichtete bis vor kurzem an der katholischen Volksschule in Geldern. Am 1. Juni jedoch verbot ihm der Düsseldorfer Regierungspräsident Kurt Baurichter "mit sofortiger Wirkung die Ausübung seiner Dienstgeschäfte". Grund: "Beschuldigungen, die gegen Otto im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Mitglied der Wachmannschaft im KZ Buchenwald erhoben werden."
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der naziverfolgte Regierungspräsident nichts dabei gefunden, daß der frühere SS-Mann Otto bundesdeutschen Nachwuchs unterrichtete. Obschon er wußte, daß Otto seiner Dienste für Heinrich Himmler wegen von den Amerikanern zu 20 Jahren Freiheitsentzug verurteilt worden war, hatte er ihn vor acht Jahren als Lehrer eingestellt.
Otto, 1911 in Kattowitz geboren, hatte dem Baurichter erzählt, er sei 1933 in die Allgemeine SS eingetreten, habe 1936 seine erste Lehramtsprüfung bestanden und sei dann 1939 zur SS nach Buchenwald einberufen worden. Dort habe man ihn als Rechnungsführer und Schreiber beschäftigt.
Mit 30 bis 35 Kameraden, berichtete Otto weiter, sei er 1947 von den Amerikanern "ohne juristisch genaue Urteilsbegründung wegen Teilnahme und Mithilfe an den Operationen in Buchenwald" verurteilt, aber schon am 6. März 1952 wegen guter Führung vorzeitig entlassen worden.
Erinnert sich Baurichter heute an die Vorstellung des Lehrers Otto: "Gewisse Bedenken hatte ich schon, aber Otto hat eine ganze Reihe Persilscheine gehabt."
Der wichtigste Persilschein kam aus dem Bundesinnenministerium. Auf Anfrage aus Düsseldorf hatte der Bonner Amtsrat Grigo am 1. Dezember 1953 mitgeteilt, daß "nach Prüfung der mir zugänglichen Unterlagen nicht beabsichtigt" sei, gegen Lehramtsbewerber Otto ein Disziplinarverfahren einzuleiten.
Baurichter: "Damit war praktisch die Entscheidung gefallen, daß wir Otto unterbringen mußten."
Damals glaubte Baurichter, die Akten seien in Bonn sorgfältig geprüft worden, und bestellte den einstigen KZ-Bewacher, der noch weitere Persilscheine hatte, zum Lehrer an der katholischen Volksschule in Goch bei Kleve.
Der französische Politiker Léon Blum, der mit seiner Frau im Prominentenbereich des KZ Buchenwald inhaftiert war, hatte dem SS-Mann schon 1947 bescheinigt, daß er der "Verbindungsmann zwischen dem Kommandanten und uns" war.
Und der katholische Pfarrer Karl Morgenschweis, der den Otto im US -Gefängnis Landsberg geistlich betreut hatte, rühmte den "edlen Stil des Orgelspiels" dieses Gefangenen: Otto sei bei jedem Gottesdienst als Organist tätig gewesen; er sei "liturgisch geschult".
Als katholischer Volksschullehrer in Goch erhielt Otto 1954 ohne weiteres die sogenannte Missio vom Bischof zu Münster; damit war ihm gestattet, auch katholischen Religionsunterricht zu erteilen.
Als er 1959 in die 11 000-Seelen-Stadt Geldern versetzt wurde, erzählte er dem dortigen Schulrat von Treek wiederum, daß er im KZ "nur Rechnungsführer" gewesen sei und "nur mit Zahlen zu tun gehabt" habe.
Just zur selben Zeit aber wurde im Rahmen der bundesweit beginnenden Untersuchungen gegen ehemalige KZ -Aufseher auch ein Ermittlungsverfahren gegen Otto eingeleitet. Verdacht: Er habe an der Exekution deutscher Häftlinge teilgenommen.
In seiner ersten Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft Kleve kramte Otto die Details hervor, die zu der Verurteilung durch die Amerikaner geführt hatten, die er aber dem- Regierungspräsidenten verschwiegen hatte:
- Zu seinen Obliegenheiten als Oberscharführer habe es gehört, bei "offiziellen Hinrichtungen" anwesend zu sein;
- in 35 Fällen habe er bei der Erhängung von Gefangenen im Keller des Krematoriums Protokoll geführt;
- in acht Fällen habe er als Schütze
eines Hinrichtungskommandos bei der Erschießung ausländischer Agenten im Pferdestall mitgewirkt;
- schließlich sei er auch dem Hinrichtungskommando zugeteilt gewesen, das den früheren Lagerführer Koch, dessen Frau, Ilse, heute noch in einem Münchner Gefängnis sitzt, erschossen habe.
Nachdem die "Zentralstelle Nordrhein-Westfalen zur Verfolgung von KZ-Massenverbrechen" bei der Staatsanwaltschaft Köln das Verfahren von der Staatsanwaltschaft Kleve übernommen hatte, erklärte Erster Staatsanwalt Dr. Gierlich im Dezember 1961, von einem Antrag auf Erlaß eines Haftbefehls (gegen Otto) sei abgesehen worden. Es fehle der dringende Verdacht, daß Otto Verbrechen begangen habe, die nicht schon von den Amerikanern in Dachau abgeurteilt worden seien.
Die Klever und Kölner Staatsanwälte hatten in der Tat nicht den Namen eines deutschen Häftlings feststellen können, an dessen Exekution SS-Mann Otto hätte beteiligt sein können. Eine Anklage wäre nach dem Überleitungsvertrag zwischen der Bundesregierung und den Alliierten aber nur noch wegen nicht verfolgter Verbrechen gegen deutsche Häftlinge möglich gewesen.
In diesem Stadium begann der Vorsitzende der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" in Niedersachsen, Ludwig Landwehr, in der DDR eine Kampagne gegen Otto: Der SS -Oberscharführer habe sich an der Ermordung des deutschen Kommunisten-Chefs Ernst Thälmann in der Nacht vom 17. zum 18. August 1944 beteiligt.
Landwehr berief sich auf die Aussage des polnischen Häftlings Marian Zgoda. Der Pole will als Leichenträger nachts um 0.10 Uhr beobachtet haben, wie der SS-Oberscharführer Otto in einem Pulk von SS-Führern drei Zivilisten am Eingang des Krematoriums erwartete, "von denen offensichtlich zwei den dritten, der in der Mitte ging, bewachten. Den Gefangenen sah ich von hinten. Er war groß, breitschultrig und hatte eine Glatze."
Zgoda hörte dann, wie drei Schüsse fielen. "Etwa drei Minuten später fiel ein vierter Schuß ... Offensichtlich war es der übliche Fangschuß."
Weiter will Zgoda wahrgenommen haben, wie 20 bis 25 Minuten später der Rapportführer Hofschulte beim Verlassen des Krematoriums den Oberscharführer Otto fragte: "Weißt du, wer das war?" Otto, laut Zgoda: "Das war der Kommunistenführer Thälmann."
Nach Feststellung des Kölner Ersten Staatsanwalts Dr. Gierlich hat Zgoda diesen Bericht schon 1946 oder 1947 für den Deutschlandsender gesprochen. 1960 wurde er in einer kommunistischen Dokumentation abermals veröffentlicht.
Staatsanwalt Dr. Gierlich hatte nun endlich den Namen eines deutschen Häftlings, über den er Otto befragen konnte. Aber der Lehrer versicherte: "Ein Häftling namens Thälmann war mir niemals bekannt." Nur aus der Presse habe er damals erfahren, daß Thälmann bei einem Bombenangriff auf das KZ Buchenwald getötet worden sei.
Der Frankfurter Rechtsanwalt Dr. Konrad Morgen berichtete in einem Brief an Otto, Buchenwald-Kommandant Pister habe ihm damals erzählt,
daß Thälmann von Staatspolizeibeamten vom Zuchthaus Bautzen nach Buchenwald übergeführt und dann "von den ihn begleitenden Beamten" erschossen worden sei. Die Leiche sei sofort verbrannt worden.
Erster Staatsanwalt Dr. Gierlich zweifelt, daß es nach den Aussagen Zgodas und Morgens zur Anklage gegen Otto kommen wird. Der einzige Augenzeuge, dessen er bisher habhaft geworden ist, der vom, Neuen Deutschland" ebenfalls als "Thälmann-Mörder" bezeichnete Bankangestellte Alfred Werner Berger in Rottweil, ehedem Unterscharführer in Buchenwald, bestreitet, daß sein Kamerad Wolfgang Otto in jener Nacht auf Thälmann geschossen hat. Von den anderen SS-Führern fehlt jede Spur.
Erst nach den Ostberliner Attacken und durch die Recherchen westdeutscher Journalisten erhielt Regierungspräsident Baurichter Kenntnis von den jüngsten Beschuldigungen gegen Otto. Mitte Mai stieß er in Ottos Akten auf dessen Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft Kleve und erfuhr, weshalb der Lehrer von den Amerikanern eigentlich verurteilt worden war.
Baurichter: "Wenn ich damals diese Details gekannt hätte, hätte ich mich trotz der Haltung des Bundesinnenministers gewehrt, ihn einzustellen."
Und: "Es macht doch einen verheerenden Eindruck, wenn so ein Mann bei uns Kinder unterrichtet."
Lehrer Otto wird künftig nicht nur auf seine Schulstunden verzichten müssen: Der stellvertretende Leiter der Polizeiabteilung im Düsseldorfer Innenministerium; Ministerialrat Dr. Sporrer, hat inzwischen die Gelderner Polizisten angewiesen, den einstigen SS-Mann weniger eifrig zu schützen.
Bei den Hamburger Fernsehleuten, die im Düsseldorfer Ministerium gegen ihre Festnahme protestiert hatten, entschuldigte sich der Ministerialrat für das "Mißverständnis junger, eifriger Polizisten".
Ermordeter KP-Chef Thälmann Wer schoß im Krematorium?

DER SPIEGEL 25/1962
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/1962
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KZ-VERBRECHEN:
Edel georgelt

Video 01:12

Dashcam-Video Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch

  • Video "Anklage eines Fahrlehrers: Zur Unselbstständigkeit erzogen" Video 04:22
    Anklage eines Fahrlehrers: "Zur Unselbstständigkeit erzogen"
  • Video "Streit um Grenzmauer: Das muss gestoppt werden" Video 02:27
    Streit um Grenzmauer: "Das muss gestoppt werden"
  • Video "Endlich verständlich: Wann kann in den USA der Notstand ausgerufen werden?" Video 01:46
    Endlich verständlich: Wann kann in den USA der Notstand ausgerufen werden?
  • Video "Feuerwehreinsätze in Berlin: Alarm rund um die Uhr" Video 48:27
    Feuerwehreinsätze in Berlin: Alarm rund um die Uhr
  • Video "Twitter-Beef zwischen Kevin Kühnert und Herrn Wang: Arroganter Politikerschnösel!" Video 02:21
    Twitter-Beef zwischen Kevin Kühnert und Herrn Wang: "Arroganter Politikerschnösel!"
  • Video "Wladimir Putin: Malheur beim Judo" Video 00:44
    Wladimir Putin: Malheur beim Judo
  • Video "Amateurvideo: Kreuzfahrtschiff rammt Anleger" Video 01:17
    Amateurvideo: Kreuzfahrtschiff rammt Anleger
  • Video "Grenze USA-Mexiko: Lebensgefährliche Flucht" Video 01:47
    Grenze USA-Mexiko: Lebensgefährliche Flucht
  • Video "Airbus  A380: Scheitern eines Giganten" Video 02:33
    Airbus A380: Scheitern eines Giganten
  • Video "Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen" Video 01:14
    Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen
  • Video "Syrerin heiratet Deutschen: Wenn Liebe Grenzen überwindet" Video 05:09
    Syrerin heiratet Deutschen: Wenn Liebe Grenzen überwindet
  • Video "Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen" Video 01:14
    Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen
  • Video "Hohe Durchfallquote: Woran Fahrschüler scheitern" Video 02:25
    Hohe Durchfallquote: Woran Fahrschüler scheitern
  • Video "Auftragsflaute: Airbus stellt Produktion des A380 ein" Video 00:35
    Auftragsflaute: Airbus stellt Produktion des A380 ein
  • Video "Dashcam-Video: Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch" Video 01:12
    Dashcam-Video: Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch