11.07.1962

GRÄFIN WALDERSEEBismarck im Unterrock

Der amerikanische Amateurhistoriker
Alson J. Smith hat entdeckt, daß die Allianz zwischen amerikanischer Missionsidee und deutschem Militärwesen nicht erst seit Nato-Tagen besteht: Schon vor 80 Jahren fügte sich die deutsche Armee den Weisungen einer dunkelblonden Amerikanerin, zu deren häufigsten Besuchern Kaiser Wilhelm II. zählte.
Sie war die Tochter eines New Yorker Lebensmittelhändlers, residierte im zweiten Stock der Berliner Herwarthstraße Nummer 2, der Zentrale des deutschen Generalstabs, und versuchte dem letzten Thron-Hohenzollern die Liebe zu pornographischen Bildern, Zigarren und Kasinowitzen auszutreiben.
Des Kaisers amerikanische Lady, so kommentierte damals die "New York Tribune", sei "so sehr Oberbefehlshaber der Armee, daß sie jeden General vom höchsten Posten stürzen kann". Und die New Yorker Zeitung "Graphic" klagte: "Diese Amerikanerin repräsentiert alles, was im preußischen Leben und in der deutschen Politik besonders aggressiv, bigott und herrschsüchtig ist."
An amerikanischen Feiertagen versammelte die Hausherrin der Herwarthstraße 2 befreundete deutsche Militärs zur gemeinsamen Huldigung Amerikas. Dann ließ die Lady auf dem Dach des Generalstabsgebäudes Seiner Majestät das Sternenbanner aufziehen. Während eine deutsche Regimentskapelle US -Lieder spielte, an der festlichen Dinertafel amerikanische Delikatessen (Narragansett-Muscheln, Austern und Mais) gereicht wurden, belehrte die Dame des Hauses Offiziere, die Zukunft Deutschlands liege allein in einer "Heiligen Allianz" zwischen Berlin und Washington.
Die Prophetin der deutsch-amerikanischen Militärallianz war die 1837 geborene Kalvinistin Mary Esther Lee, Ehefrau des späteren Generalfeldmarschalls und Bogerkrieg-Feldherrn Alfred Graf von Waldersee (1832 bis 1904), deren absonderliches Leben Autor Smith zum erstenmal in einer detaillierten Biographie beschrieben hat*.
Alson J. Smith ruft damit eine Frau in die geschichtliche Erinnerung zurück die zu Unrecht von der deutsch-amerikanischen Geschichtsschreibung vergessen worden ist.
Dabei kannten Mary Lees Zeitgenossen keine umstrittenere Dame der höfischen Gesellschaft als die Gräfin von Waldersee. "Einen Bismarck im Unterrock" nannte sie der Berliner Volksmund wegen ihrer Hofkabalen, und für den Linksliberalen Eugen Richter war sie eine "heilige Pompadour". Daß Autor Smith sie nun neu entdeckt hat, verdankt er einem genealogischen Zufall:
Seine Mutter ist eine geborene Lee, er selbst mithin ein Großneffe der hochadligen Krämerstochter.
Zudem hatte Expastor Smith in alten Familienpapieren den Hinweis gefunden, die Gräfin von Waldersee und deren Mutter hätten Briefe hinterlassen, die in der Houghton-Bibliothek der Harvard-Universität lagerten. Smith fand die Aufzeichnungen und begann die Biographie der "Lady des Kaisers" zu schreiben.
Aus den Lee-Waldersee-Papieren rekonstruierte Smith das Bild einer Frau, in der sich christliche Demut mit einem "machiavellistischen Intrigentalent" verband. Seit die damals 18jährige Mary Lee nach dem Tode ihres Vaters 1855 den Boden Europas betreten hatte, war sie entschlossen, "Geld und Position, die ihr ein gnädiger Schöpfer verliehen hatte, zu genießen und ihr Herz jedem zu verschließen, der sie von der Macht fernhielt" (Smith).
Ihr unersättlicher Ehrgeiz erschien Mary stets gottgewollt. Als sie 1864 den verwitweten, damals 64 Jahre alten Prinzen Friedrich zu Schleswig-Holstein heiratete, das prinzliche Testament zu ihren Gunsten ändern ließ und den erschöpften Hochzeiter auf einer bizarren Orientreise verlor, sah die Witwe darin nur ein Werk Gottes.
Auch die jahrelangen Prozesse, die Verwandte des Prinzen gegen die vermeintliche Erbschleicherin und Mörderin führten, stand Mary gottesfürchtig durch. Sie kassierte das gesamte Vermögen des Prinzen und stöhnte:
"Hätte mich Gott nicht unterstützt, wäre ich verloren gewesen."
Ebenso zielstrebig wählte sie sich den zweiten Ehemann aus, den ehrgeizigen Obersten Alfred Graf von Waldersee,
"einen eleganten Ulanen, wegen seines früh erbleichten Haares, die weiße Maus' genannt und einer Mesalliance des fürstlichen Hauses Anhalt entsprossen", wie ihn der neueste Chronist der Bismarck-Zeit, Werner Richter, beschreibt*.
Im April 1874 heiratete Mary den weißen Mäuserich, und bald bemerkten Waldersees Kameraden eine sonderbare Veränderung an dem weichlichen Oberst, über den Bismarck gespottet hatte, er komme ihm vor, "als ob er vom Gänsesteiß gegessen" hätte.
Die hartnäckige Gräfin schickte den kränkelnden Grafen in die Kur, gewöhnte ihm das Zigarrenrauchen ab und las mit ihm jede Nacht ein Kapitel aus der Bibel. Bald entwarf Mary ein Programm Walderseeschen Ehrgeizes, das Geschichte machen sollte. Letztes Ziel, laut Smith: "Alfred zum Reichskanzler und sich selber zur Herrin der mächtigsten Kanzlei Europas zu machen".
Der solcherart gestärkte Ulan erfüllte manchen Punkt des eheweiblichen Programms. Er avancierte zum Generalstabschef des X. Armeekorps, 1881 folgte die Ernennung zum Generalquartiermeister, 1888 zum Generalstabschef der Armee.
Dieser Aufstieg des Grafen wäre freilich undenkbar gewesen, hätte nicht Marie von Waldersee einen "charmanten, aber neurotischen jungen Mann"
- so Biograph Smith - in ihren Bann gezogen, der zunächst entschlossen war, das Ehepaar Waldersee herrlichen Zeiten entgegenzuführen: den Prinzen Wilhelm, späteren Kaiser Wilhelm II. Die Bekanntschaft zwischen Mary und "Willy" begann, nach Smith, "um das Jahr 1880 herum". Bei einer Inspektion des X. Armeekorps in Hannover hatte der Prinz die Amerikanerin kennengelernt, und "fast auf Anhieb verstand sie ihn, wie ihn keine andere Frau, nicht einmal seine Mutter, verstand".
Das innige Verständnis wurde noch durch eine Gefälligkeit gefördert, mit der die US-Gräfin den Prinzen und den Hof aus einer Verlegenheit befreite. Sie offerierte dem seit langem zur Heirat abkommandierten Prinzen als Ehepartnerin eine Großnichte ihres ersten Gatten, die Prinzessin Auguste Viktoria ("Dona") zu Schleswig-Holstein.
Der Hof akzeptierte die "dumme Gans" - so Bismarck -, und von nun an übte die Gräfin auf das junge Prinzenpaar einen Einfluß aus, der sich noch verstärkte, nachdem Generalquartiermeister von Waldersee in die Berliner Herwarthstraße 2 eingezogen war und Mary just im Generalstabsgebäude "den brillantesten, politisch mächtigsten und einflußreichsten Salon Europas" (Smith) eingerichtet hatte.
Dort empfing die Gräfin den Prinzen jeden Vormittag zum Zweiten Frühstück und erzog den in Potsdamer Offizierskasinos verwilderten Thronfolger in den Grundsätzen einer Weltanschauung, in der sich die Prädestinationslehren der Kalvinisten mit den christlich-sozialen Thesen des antisemitischen Weltverbesserers Adolf Stoecker mischten.
Von Jahr zu Jahr wuchs der Einfluß der amerikanischen Kalvinistin auf den künftigen Kaiser. Mary
- setzte die Ernennung ihres christlich-sozialen Gesinnungsfreunds Stoecker zum Hofprediger durch,
- arbeitete gemeinsam mit Wilhelm das Sozialprogramm aus, mit dem sich der Kaiser 1890 den Zorn des Kanzlers Bismarck zuzog, und
- wirkte gemeinsam mit ihrem Mann
beim Sturz Bismarcks mit
Gleichwohl wagt Biograph Smith die Frage nicht zu beantworten, ob die Gattin des deutschen Generalstabschefs zugleich die Geliebte des Kaisers war. Zwar sei Mary, urteilt der Autor, zwanzig Jahre älter als Wilhelm gewesen, dennoch "war sie augenscheinlich mehr als nur Freundin, Vertraute und Beraterin des Prinzen".
Smith nimmt an, Marie von Waldersee sei für den Kaiser "eine hochwillkommene Kombination von Geliebter und Mutter" gewesen: "Er brauchte eine Mutter; sie aber, die Kinderlose, brauchte jemanden, den sie bemuttern konnte. Fühlte er sich von ihrer Erfahrung und Stärke angezogen, so lockte sie seine Unreife und Schwäche."
Indes, der junge Kaiser wurde allmählich seiner ältlichen Pompadour und ihrer frömmelnden Intrigen überdrüssig. Marie von Waldersee verlor just in dem Augenblick, da sie durch die Entlassung Bismarcks am Ziel ihrer Wünsche schien, den Einfluß auf Wilhelm II. Das Tor der Reichskanzlei blieb den Waldersees verschlossen.
Graf und Gräfin stürzten kurz nacheinander: Vom Frühjahr 1890 an vernachlässigte der Kaiser die Vertraute, deren legendäre Macht hinter dem Thron ihm mit seiner kaiserlichen Würde nicht mehr vereinbar schien; 1891 schied auch Generalstabschef von Waldersee aus, nachdem er gewagt hatte, die militärischen Fähigkeiten seines kaiserlichen Herrn öffentlich anzuzweifeln.
Biograph Smith findet Genugtuung in der Tatsache, daß Marie von Waldersee im kaiserlichen Schloß keine Nachfolgerin fand. Sie verlor ihren Einfluß an eine Gruppe blasser Schöngeister, die sich um den Kaiser geschart hatte und jeden weiblichen Einfluß aus der Umgebung Wilhelms II. verbannen wollte.
Seufzt Biograph Smith: "Wenn man jemals die Rolle, die der Sex in seiner normalen und abnormen Form in der deutschen Geschichte gespielt hat, in einer Doktorarbeit behandeln wollte, dann würde man dazu viele Bände benötigen."
* Alson J. Smith: "A View of the Spree".
The John Day Company, New York; 308 Seiten; 5.95 Dollar.
* Werner Richter: "Bismarck". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 664 Seiten; 34 Mark.
Kaiser-Freundin Marie von Waldersee, Gatte: Eine heilige Pompadour...
... gegen Pornographie und Zigarren: Kaiser Wilhelm II., Gattin

DER SPIEGEL 28/1962
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 28/1962
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GRÄFIN WALDERSEE:
Bismarck im Unterrock

Video 02:48

Webvideos der Woche Polizist von eigener Kamera entlarvt

  • Video "Webvideos der Woche: Polizist von eigener Kamera entlarvt" Video 02:48
    Webvideos der Woche: Polizist von eigener Kamera entlarvt
  • Video "Trump-Sprecher: Bye, Bye, Sean Spicer!" Video 02:41
    Trump-Sprecher: Bye, Bye, Sean Spicer!
  • Video "Pottwal in Paris gestrandet: Echt oder Fake?" Video 01:58
    Pottwal in Paris gestrandet: Echt oder Fake?
  • Video "Abschreckungsvideo: US-Polizei verschrottet nagelneue Quads und Motorräder" Video 00:59
    Abschreckungsvideo: US-Polizei verschrottet nagelneue Quads und Motorräder
  • Video "Abschluss der royalen Deutschlandreise: Kate dirigiert Hamburger Philharmoniker" Video 00:51
    Abschluss der royalen Deutschlandreise: Kate dirigiert Hamburger Philharmoniker
  • Video "Verstorbener Linkin-Park-Sänger: Chester Bennington singt Hallelujah" Video 01:32
    Verstorbener Linkin-Park-Sänger: Chester Bennington singt "Hallelujah"
  • Video "Shitstorm gegen Audi-Werbung in China: Sucht Ihr Vieh aus?" Video 00:44
    Shitstorm gegen Audi-Werbung in China: "Sucht Ihr Vieh aus?"
  • Video "US-Amateurvideo: Notlandung auf dem Highway" Video 00:47
    US-Amateurvideo: Notlandung auf dem Highway
  • Video "Zwei Tote, mehr als hundert Verletzte: Amateurvideos zeigen Seebeben in der Ägäis" Video 00:47
    Zwei Tote, mehr als hundert Verletzte: Amateurvideos zeigen Seebeben in der Ägäis
  • Video "Neuartiger Roboter: Robo-Wurm wächst seinen Weg" Video 00:57
    Neuartiger Roboter: Robo-Wurm wächst seinen Weg
  • Video "Kate und William in Berlin: Die royale Charme-Offensive" Video 03:06
    Kate und William in Berlin: Die royale Charme-Offensive
  • Video "Streit mit der Türkei: Man weiß nie, ob es auch einfache Urlauber treffen wird" Video 02:21
    Streit mit der Türkei: "Man weiß nie, ob es auch einfache Urlauber treffen wird"
  • Video "Schwimmtechnik von Buckelwalen: Saugnapf-Kamera lüftet Flossen-Geheimnis" Video 01:08
    Schwimmtechnik von Buckelwalen: Saugnapf-Kamera lüftet Flossen-Geheimnis
  • Video "Saudi-Arabien: Frau im Minirock erst festgenommen, dann freigelassen" Video 00:57
    Saudi-Arabien: Frau im Minirock erst festgenommen, dann freigelassen
  • Video "NSU-Prozess in Zahlen: 101, 5, 815, 280.000" Video 01:41
    NSU-Prozess in Zahlen: 101, 5, 815, 280.000