11.07.1962

DIE ROTEZum Kriechen verdammt

Die Nachmittagsvorstellung im Westberliner Zoopalast dauerte bereits eine Stunde. Das Kichern im Parkett schwoll an. Die Heiterkeit der Zuschauer entzündete sich ah Dialogsätzen wie
"Wir sind nun einmal dazu verdammt, auf einer Kugel herumzukriechen" oder
"Der Terror zieht mich an".
Und als Ruth Leuwerik sprach: "Sie glauben, ich spinne?", pflichtete das Publikum mit höhnischem Applaus bei.
So wurde bereits während der Premiere offenbar, was die Kritiker anderntags mit vernichtenden Verrissen bestätigten: Deutschlands einziger Spielfilm-Beitrag zu den XII. Internationalen Filmfestspielen in Berlin, Helmut Käutners Film "Die Rote" nach dem gleichnamigen Roman von Alfred Andersch, war durchgefallen.
"Die Rote" entpuppte sich als eine wie das "Hamburger Abendblatt" formulierte - "ganz und gar verquollene Geschichte": Eine deutsche Frau namens Franziska (Ruth Leuwerik) tritt in Mailand an den Fahrkartenschalter. "Wann geht der nächste Zug?" - "Wohin?" -
"Irgendwohin."
Der Zug geht nach Venedig. Die Frau verläßt Mann und Geliebten und fährt
- fast ohne Geld, auf der Suche nach
einem neuen Leben - in die winterliche Lagunen-Stadt.
Während sie, unausgesetzt monologisierend, durch Venedig wandelt, macht sie die Bekanntschaft von drei Männern.
Sie trifft
- einen britischen Homosexuellen, der in deutscher Gefangenschaft zum Verräter wurde und nun in Venedig den Nazi; der ihn einst überlistete, mit vergiftetem Bier zur Strecke bringt;
- diesen deutschen SS-Mann Kramer, der venezianische Halbstarke mobilisiert, um die Frau am Verlassen der Stadt zu hindern;
- den italienischen Schriftsteller Fabio, mit dem sie Gedanken über die kartographische Erschließung der Erde austauscht.
Zum Schluß tritt sie wieder an einen Fahrkartenschalter: "Wann geht der nächste Zug?"
Regisseur Käutner hat nicht nur Anderschs hausbackenes Happy-End verändert (im Buch bleibt Franziska bei Fabio), er hat die Romanhandlung auch insofern abgewandelt, als er aus der Doppelgeschichte Franziska - Fabio die Geschichte Franziskas machte. Zudem nahm er der Frau die Schwangerschaft.
Dialoge und Monologe wurden jedoch auf weite Strecken aus dem Roman übernommen - Kritiker Friedrich Luft:
"Dialoge, die im Buch noch lesbar und verdaubar sind, die aber, von der Leinwand kommend, Schmerzen an der Ästhetik bereiten und unfreiwillig komisch wirken". Der Film sei "aufgeblasen, präpotent und oberflächlich".
"Die Rote" zeugt von einer verhängnisvollen Fehlkonzeption: Käutner eiferte einerseits, nach eigenem Eingeständnis, dem italienischen Filmmodernisten Michelangelo Antonioni ("Die Nacht") nach, indem er die Aktionslosigkeit betrieb; andererseits jedoch verstopfte er die Fabel mit reißerischen Effekten. Einzig der italienische Kameramann Otello Martelli fand den Beifall der Berlinale -Kritiker.
So wurde "Die Rote" der vorläufige Höhepunkt in Helmut Käutners schwacher Welle ("Schwarzer Kies", "Der Traum von Lieschen Müller"). Das Hamburger "Film-Telegramm" resümierte:
"Helmut Käutner hat letzthin drei ganz verschiedenartige Filme ins Zelluloid-Unglück gesteuert. Dreimal ist er rettungslos im Kitsch steckengeblieben. Was soll jetzt eigentlich noch kommen?"
Regisseur Käutner freilich witterte ein Komplott. Die Störungen bei der Premiere, so sprach er, "waren gezielt; sie wurden wieder von einigen deutschen Journalisten ausgelöst". Dagegen "Rote"-Autor Andersch:
"Käutner fühlt sich von der deutschen Presse persönlich verfolgt; er ist fest davon überzeugt, daß seine Filme Meisterwerke sind." Er, Andersch, müsse sagen: Käutner sei "keinerlei Selbstkritik fähig".
Anders Andersch: Er gestand "Peinlichkeiten des Dialogs" ein, an denen er "auch schuld" habe. Und Andersch war es auch, der nun ein bis dahin von Produktion und Verleih sorgsam gehütetes Geheimnis preisgab: Erhebliche Unstimmigkeiten zwischen dem Literaten und dem Regisseur hatten das Projekt "Die Rote" während der gesamten Filmarbeiten belastet.
Autor Andersch hatte die deutschen Filmleute im April vergangenen Jahres mit einem Aufsatz im "Merkur" auf sich aufmerksam gemacht. Die Misere des deutschen Films, war da zu lesen, sei "nicht . . . auf die Unbildung und Profitgier der Produzenten zurückzuführen", sondern auf die "vollständige Interesselosigkeit der deutschen Literatur am Film".
Denn: "Der deutscheDichter geht nicht ins Kino. Würde die Haltung des deutschen Schriftstellers zum Film sich aus aristokratischer Verachtung und passivem Abwarten in aktiven Anspruch verwandeln, so wäre der deutsche Film morgen die Kunst, die er sein könnte."
Der Hamburger Filmproduzent Walter Koppel machte dem kinobeflissenen Dichter ein. Angebot: Andersch möge seinen Erfolgsroman "Die Rote", der mittlerweile in zehn Sprachen übersetzt worden war, zu einem Drehbuch umschreiben.
So geschah es. Doch während Andersch heute behauptet, Koppel und Käutner hätten sein Drehbuch "sehr schön" gefunden ("Herr Käutner sollte nur noch mit der Meisterhand etwas darübergehen"), erinnert sich Käutner, in Anderschs. Schreibarbeit lediglich
"eine Vorstufe zu einem Drehbuch" gesehen zu haben.
Mit diesem "ersten Aufriß" zog sich Käutner Anfang November in seine Grunewald-Villa zurück. Der nächste Akt spielte wieder bei Andersch, zehn Tage vor Weihnachten. Es kam Besuch:
Koppel. Der Produzent brachte ein neues, von Käutner verfaßtes Drehbuch mit, und nun wickelte sich - wie Andersch meint - "ein vollkommen einmaliger Vorgang" ab: "Herr Koppel bat und beschwor mich, gegen dieses Drehbuch Stellung zu nehmen. Ich kann den Ausdruck nicht preisgeben, mit dem Herr Koppel dieses Drehbuch bezeichnet hat."
Andersch schrieb denn auch "einen ganz harten Brief, drei Seiten lang", an Käutner. Daraufhin kam es, zehn Tage vor dem angesetzten Drehbeginn, in Mailand zu einerKonferenz. Andersch gedachte anfangs "aus der Titelei auszuscheiden", doch dann machte er - wie er heute rekapituliert - "den größten Fehler": Er habe sich "weich machen lassen".
Gegen die Versicherung, er dürfe noch einige Szenen umschreiben, konnte der erfahrene Koppel den Autor bei der Stange halten und somit einen vorzeitigen Eklat vermeiden.
Vergebens versuchte nun der Regisseur Käutner, "gegen verblasene und verschwollene Romanstellen zu opponieren" und dem Schriftsteller "den Unterschied zwischen einem geschriebenen und einem gesprochenen Satz klarzumachen": "Ich bin nicht durchgekommen." Umgekehrt sah Autor Andersch in Regisseur Käutner ein unüberwindliches Hindernis. "Wie hat der (Hauptdarsteller) Albertazzi den Käutner in Venedig bekniet, noch einiges zu ändern - es ist nicht mal ihm gelungen..."
Während der Film Anfang Juni in den Hamburger Synchronstudios fertiggestellt wurde, trat schließlich ein, was Käutner nach eigenem Bekunden unter allen Umständen zu verhindern versucht hatte: Die Filmauswahlkommission benannte "Die Rote" als deutschen Berlinale-Beitrag.
Der Europa-Verleih, der den Film vertreibt, gab sich noch optimistisch. Der Umstand, daß Andersch und Käutner das Drehbuch gemeinsam verfaßt hätten, wurde von den Verleih-Propagandisten als "ein besonderer Glücksfall" gefeiert.
Es wurde ein Trauerfall. Zehn Minuten, nachdem das Lagunen-Schicksal der "Roten" in der Premierenvorstellung belacht worden war, saßen die Filmmacher Koppel, Käutner, Andersch sowie die Darsteller Ruth Leuwerik und Giorgio Albertazzi den Festival -Journalisten gegenüber. Der Eklat war nicht mehr aufzuhalten: Filmneuling Andersch, von seinem eigenen Film zutiefst enttäuscht, übte Selbstkritik.
Als Koppel die drohende Katastrophe abwenden wollte ("Ich glaube, daß die Zusammenarbeit bei diesem Film so intensiv war, wie ich sie noch nie bei einem Film beobachtet habe"), klärte Andersch auf: "Ich finde es nicht richtig, daß von der ersten Antwort an der Versuch gemacht worden ist, den Eindruck eines absoluten monolithischen Blocks von Produktion, Regie und Autorschaft zu erwecken. Das ist nämlich einfach nicht wahr."
"Man konnte es", notierte später der Westberliner "Tagesspiegel", "Star, Regisseur und Produzenten an den säuerlich-pikierten Gesichtern ablesen, daß sie ihn zum Teufel wünschten."
Käutner: "Ich finde' es feige, aus einem Boot auszusteigen, das kippelt." Ruth Leuwerik weinte und sagte:
"Verrat."
"Rote"-Darsteller Albertazzi, Ruth Leuwerik, Autor Andersch: "Sie glauben, ich spinne"
"Rote"-Produzent Koppel
Verraten
Rote"-Regisseur Käutner
Verrissen

DER SPIEGEL 28/1962
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