18.07.1962

SALZGITTERGesang der Erzengel

Der imposante Plan einer kleineuropäischen Erz-Autarkie wurde dieser Tage still zu den Akten gelegt. In Krupps Hotel "Essener Hof" in der Ruhr-Metropole kamen die sieben größten Eisenhütten* des Reviers überein, von Beginn des Jahres 1963 an kein Erz mehr aus Salzgitter zu beziehen und nur noch Auslandserze zu verhütten. Die Ruhr ahmte das Beispiel ihrer westlichen Montan-Partner nach, die neuerdings ebenfalls die Salzgitter-Erze verschmähen.
Damit hat für den Salzgitter-Konzern die schwerste Stunde seit seiner Gründung durch den Erz-Autarkisten Hermann Göring im Jahre 1937 geschlagen. In einer Entschließung stellten die sieben Hüttenwerke, die seit Jahrzehnten Salzgitter-Erz verarbeiten, übereinstimmend fest, daß die "wirtschaftlichen Voraussetzungen" für die Verhüttung "nicht mehr gegeben sind". Die berühmte Schmelzanlage in Salzgitter-Watenstedt, die schon 1937 in einem Spezialverfahren Niedersachsen-Erz für die Ruhr aufbereitete, soll im kommenden Jahr stillgelegt werden.
Den Beschluß der Ruhrhütten begründete der Hoesch-Generaldirektor Dr. Willy Ochel: "Der deutsche Erzbergbau wird nie mehr als zehn Prozent des Erzbedarfs der deutschen Hüttenwerke decken können ... Er kann auch in Notzeiten nicht annähernd unsere Erzversorgung sicherstellen."
Um das Nazi-Reich für den großen Amok zu rüsten, hatte Göring als Chef der Vierjahresplan-Behörde 1937 die seit langem bekannten Erzlagerstätten im Raum Salzgitter aufschließen lassen. Sodann gründete er die Reichswerke Hermann Göring, heute Salzgitter AG, und befahl der Ruhr, zusätzlich zum Auslandserz (mit einem Eisengehalt von 60 Prozent) das Salzgitter-Erz zu verwenden, das nur 30 bis 35 Eisen-Prozente enthält.
Die in Salzgitter-Watenstedt errichtete sogenannte Rennanlage diente dazu, das ärmere Niedersachsen-Erz für die Schmelzöfen der Ruhr aufzubereiten. Im Rennverfahren muß das Roherz ungefähr 110 Meter lange Röhrenöfen durchlaufen. Während der Schmelzdauer von zwölf Stunden verwandelt sich das eisenarme Roherz in sogenannte Luppen, das sind erbsengroße Kugeln, die einen Eisengehalt von über 90 Prozent aufweisen und als Rohstoff für die Stahlgewinnung geeignet sind. Nach Kriegsende wurde das Nazi-Kombinat in Salzgitter demontiert.
Erst als der Konjunktur-Boom die westdeutsche Stahlerzeugung hochpeitschte und das Ausland nicht genügend Erz liefern konnte, entsann sich die Ruhr wieder des Rennverfahrens. Mit einem Kostenaufwand von mehr als 33 Millionen Mark bauten die sieben Ruhr-Unternehmen im Jahre 1957 eine neue Rennanlage. Seither konnte der Salzgitter-Konzern jährlich 620 000 Tonnen Erz-Luppen an die Ruhr liefern.
Überdies stellte Salzgitter, das nach dem Kriege in Bundeseigentum übergegangen war, in einem eigenen Hüttenwerk jährlich 1,7 Millionen Tonnen Stahl her und wurde damit das neuntgrößte Stahlunternehmen der Bundesrepublik.
Angesichts des weltweiten Erz-Engpasses im Jahre 1957 richteten auch Westdeutschlands Montanpartner ihr Augenmerk auf die Eisenkügelchen aus Niedersachsen. Die Begehrlichkeit wuchs, als Erzsucher bei der nahegelegenen Stadt Gifhorn eines der größten Erz-Reservoire der Welt aufstöberten. In der Folge trafen unaufhörlich Experten -Transporte in Niedersachsen ein. Die
Fachleute taxierten, daß unter Gifhorns Matten etwa zwei Milliarden Tonnen Erz liegen.
Vor den Montan-Pilgern entwarf Direktor Heinrich Kreutzer von der Ilseder Hütte ein ehernes Kolossalgemälde: Im Großraum Salzgitter sollten zusätzlich 20 neue Super-Schachtanlagen (Baukosten 1,5 Milliarden Mark) jährlich 30 Millionen Tonnen Erz ans Licht bringen, viermal mehr als die normale Jahresproduktion in Salzgitter. Die Fachleute der Luxemburger Hohen Montan-Behörde waren sich einig, daß Westeuropa schon sehr bald auf die traditionellen Einfuhren aus Skandinavien und Übersee würde verzichten können.
Als man jedoch über den Plänen saß, schlug der Markt unversehens um. Die schwedischen Grubenbesitzer hatten mittlerweile ihre Kapazitäten erheblich vergrößert und boten seit 1958 ihr Erz zu immer niedrigeren Preisen an.
Für eine Tonne Schweden-Erz aus Kiruna, die 1952 noch 63,69 Mark frei Ruhr gekostet hatte, brauchten die Ruhr-Stahlwerke 1960 nur noch 53,80 Mark zu zahlen. Die Industrie griff begierig nach dem hochwertigen und billigen Auslandserz. Allein von 1959 bis 1960 stieg die westdeutsche Erzeinfuhr von 20 auf 33,7 Millionen Tonnen pro Jahr.
Als im Sommer 1961 die Stahlkonjunktur abbröckelte, begann die Ruhr zu sparen und ihre eigenen Erzgruben an der Lahn und im Siegerland zu schließen. Zugleich drosselten die Unternehmen ihre Erzbezüge aus Salzgitter, das mit der schwedischen Konkurrenz ebenfalls nicht mithalten konnte. Eine Tonne Roheisen aus Salzgitter-Luppen kostet etwa 225 Mark, eine Tonne Roheisen aus Schwedenerz hingegen nur 175 Mark. Von den Schlägen der Konkurrenz erschüttert, hörte man in Salzgitter die Erzengel singen.
Das Bundesunternehmen mußte zu Beginn dieses Jahres seine Monatsförderung von durchschnittlich 570 000 auf 500 000 Tonnen Erz reduzieren. Und obwohl 350 Bergleute entlassen wurden, sah sich Salzgitter-Generaldirektor Dr.-Ing. Konrad Ende genötigt, 1,365 Millionen Tonnen Erz auf Halden zu kippen. Ende ahnte bereits im vergangenen April
Böses: "Wenn die Ruhrhütten aus der anhaltenden Senkung der Kosten für Auslandserz die Konsequenz ziehen ... wird auch die Lieferung von Salzgitter-Erz an die Ruhr über kurz oder lang zum Erliegen kommen."
Ende sollte recht behalten. Hoesch -Boß Ochel rechnete vor: "Wenn die Westfalenhütte (eine Tochterfirma der Hoesch AG) keine deutschen Erze mehr verarbeitet, erzielt sie Kostenersparnisse von nahezu sechs Millionen Mark jährlich." Hoesch und die anderen Ruhr-Trusts verlängerten den ultimo 1962 ablaufenden Liefervertrag mit der Salzgitter AG nicht mehr und beschlossen, die erst 1957 erbaute Rennanlage stillzulegen.
Vergeblich protestierte die Industriegewerkschaft Bergbau und Energie gegen den Beschluß der Ruhr, aufgrund dessen die Erzgruben "Ida" in Othfresen und Fortuna" in Groß Döhren schon bald schließen müssen. Der Bergarbeiter-Chef Gutermuth verlangte von der Bundesregierung, sie solle in ihrem Salzgitter-Unternehmen die Arbeitsplätze, koste es was es wolle, erhalten. Ende jedoch lehnt eine derartige Päppel-Wirtschaft ab.
Der Chef des Hauses Salzgitter hat einen anderen Rettungsplan. Sollten die Preise für Auslandserz weiter fallen, möchte Ende, der über eines der größten Erzlager der Welt verfügt, den Rohstoff für seine Schmelzöfen ebenfalls in Skandinavien besorgen.
* Dortmund-Hörder Hüttenunion AG, Hütten- und Bergwerke Rheinhausen AG, Phoenix-Rheinrohr AG, AugustThyssen-Hütte AG, Hüttenwerk Oberhausen AG, Hoesch AG und Klöckner-Werke AG
Salzgitter-Chef Ende
Die Ruhr verzichtet ...
... auf Görings Erbe: Rennanlage in Salzgitter

DER SPIEGEL 29/1962
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