01.08.1962

SOWJET-UNION / KRIEGSAUSBRUCH 1941

Von Stalin provoziert?

Die Nacht war bereits vorüber, als Friedrich Werner Graf von der Schulenburg, Botschafter des Deutschen Reiches in Moskau, zum letztenmal in den Kreml fuhr. -Es war am frühen Morgen des 22. Juni 1941. Die Panzer der großdeutschen Wehrmacht rasselten schon über die sowjetische Grenze.

Wenige Minuten später stand der deutsche Botschafter vor Sowjetrußlands Außenminister Wjatscheslaw Molotow. Mit müder Gebärde zog der, Graf ein Stück Papier hervor und schnarrte den Text einer in Berlin verfaßten Note herunter, die Adolf Hitlers katastrophalste Militärentscheidung - den Krieg gegen Rußland - bemänteln sollte.

Als Schulenburg geendet hatte, starrten die beiden Männer einander schweigend an. Dann fragte der Sowjetmensch leise: "Glauben Sie, daß wir das verdient haben?".

Die Frage Molotows hat die Historiker immer wieder beschäftigt. Seit Hitlers Armeen die Sowjet-Union überfielen und damit den europäischen Krieg zum Zweiten Weltkrieg ausweiteten, sahen sich die Geschichtsschreiber stets von neuem vor die Frage gestellt, ob nicht doch die Sowjets den Angriff Hitlers provoziert hätten.

Den Führern des Dritten Reiches fiel die Antwort leicht: Angesichts einer "ständig zunehmenden Konzentrierung der gesamten verfügbaren russischen Streitkräfte auf einer langen Front von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer", wie Reichsaußenminister von Ribbentrop formulierte, sei Deutschland einem sowjetischen Angriff "nur um ein halbes Jahr zuvorgekommen" - so Heinrich Himmler auf einer SS-Führer-Tagung im Jahre 1943.

Fast - ebenso simpel argumentierte nachdem Ende Hitlers eine dominierende Schule westlicher Historiker. Ihre These: Hitler habe gänzlich unprovoziert die ahnungslose und um jeden Preis verständigungsbereite Sowjet-Union überfallen.

"Trotz aller sichtbaren Beweise für Hitlers Absichten", schrieb der amerikanische Amateurhistoriker William L. Shirer in seinem Bestseller "Aufstieg und Fall des Dritten Reiches", "hofften die Männer im Kreml blindlings, daß Rußland irgendwie noch dem Wüten Hitlers entrinnen würde,"

Shirer: "Solch verblüffende Sorglosigkeit, solch abgrundtiefe Unwissenheit."

Diese Interpretation würde glaubwürdiger klingen, ginge sie nicht vorsichtig an einer Tatsache vorbei, die offenkundig nicht in Shirers Konzept paßt: dem Aufmarsch sowjetischer Truppen, die sich im Frühsommer 1941 an der russischen Westgrenze massierten, bevor Hitlers Armeen zum Angriff aufmarschierten.

Interpret Shirer behalf sich mit der Behauptung, der Sowjetaufmarsch sei eine alte Legende. Die deutschen Generale seien eben "so stark dem suggestiven Einfluß Hitlers" erlegen, "daß Halder, Brauchitsch, Manstein und andere noch nach dem Kriege behaupteten, zu Beginn des Sommers seien die sowjetischen Truppenkonzentrationen sehr bedrohlich gewesen".

Aus diesem Irrgarten der Thesen und Antithesen führt jetzt zum erstenmal die Arbeit eines westdeutschen Historikers heraus: Der junge Studienassessor Dr. Philipp W. Fabry hat in seinem Buch "Der Hitler-Stalin-Pakt 1939-1941" nachgewiesen, daß jede Darstellung über den Kriegsausbruch von 1941 verfehlt ist, die nicht die Rolle der Sowjetarmee "als Vollstreckerin der sowjetischen Absichten" berücksichtigt*.

Urteilt Fabry: "Die Präventivkriegstheorie läßt sich nicht halten, denn die sowjetische Westfront war noch in einem Zustand, der ein Offensivwerden (der Russen) in kürzester Frist ausschloß. Bereit war die Sowjet-Union dagegen auf dem Balkan. Hier also hatte Hitler im Laufe des Jahres 1941 oder später mit sowjetischen Aktionen zu rechnen."

Fabry sammelte -alle verfügbaren Lageberichte, Tagebücher und Dokumente der militärischen Führer beider Seiten und rekonstruierte daraus das militärische Kräfteverhältnis an der deutsch-sowjetischen Demarkationslinie im Frühsommer 1941 (siehe Karte Seite 50).

Aus diesem Kräfteverhältnis liest nun Falbry heraus, es sei völlig abwegig, "daß der sowjetische Aufmarsch eine Folge des deutschen gewesen sei, denn er war bereits zu einer Zeit erfolgt, als Hitler noch nicht zu dem Überfall auf, die Sowjet-Union entschlossen war". Unvermeidliche Folgerung: Hitler hatte manchen Anlaß, sich vom sowjetischen Aufmarsch bedroht zu fühlen.

Der junge Geschichtsforscher ist freilich vorsichtig genug, trotz solcher Fakten mit keinem Wort Hitlers Rußlandkrieg zu rechtfertigen. Das "Unternehmen Barbarossa" (Rußlandfeldzug) bleibt für ihn "nichts weiter als ein Abenteuer, unzulänglich vorbereitet und von vornherein mit einem Risiko belastet, das niemand, der das Schicksal eines Volkes verantwortungsvoll abweg, eingehen durfte".

Allerdings weigert sich der Studienassessor - und darin unterscheidet er sich grundlegend von anderen Chronisten des Rußlandfeldzugs -, an das gängige Bild einer arglosen, von Hitler ganz unmotiviert überfallenen Sowjet -Union zu glauben. Fabry meint vielmehr, die Auseinandersetzung zwischen Stalin und Hitler sei unvermeidlich gewesen, seit Moskau den deutschen Westfeldzug dazu benutzt hatte, auf außenpolitische Eroberung zu gehen.

Tatsächlich spielte Hitler zum erstenmal im Sommer 1940, nachdem Stalin dank dem im Westen abgelenkten Reich: die baltischen Staaten und Bessarabien besetzen konnte, mit dem Gedanken, die Sowjet-Union zu überfallen. Am 21. Juli 1940 gab Hitler die erste Studie für das Unternehmen Barbarossa in Auftrag.

Was Hitler zu seiner Wendung gegen Stalin veranlaßte, war vor allem das sowjetische Vordringen auf dem Balkan. Das rumänische Bessarabien war bereits an Rußland gefallen, und immer stärker griff Stalin zu "Maßnahmen, die eindeutig, darauf abzielten, die Sowjet -Union zum Herrn des Balkan zu machen" (Fabry).

Dieser sowjetische Vormarsch gefährdete den empfindlichsten Nerv der deutschen Kriegswirtschaft: den Ölstrom aus dem rumänischen Petroleumreservoir Ploesti. Hitler drohte vom sowjetischen Partner abhängig zu werden - fiel Ploesti in sowjetische Hand, war Hitler auf Stalins Wohlwollen angewiesen.

Zunächst versuchte der deutsche Führer den sowjetischen Vormarsch mit diplomatischen Mitteln zu stoppen. Außenminister Ribbentrop erhielt Order, die Sowjets vom Balkan abzulenken, Stalins Blicke nach dem Persischen Golf zu dirigieren und Moskau für einen Kontinentalblock wider England zu gewinnen.

Der Berliner Besuch Wjatscheslaw Molotows im November 1940 zerstörte jedoch solche Hoffnungen. Sowjetrußland ließ sich nicht vom Balkan ablenken. Kaum 'hatte Molotow die Reichshauptstadt verlassen, da erging Hitlers Weisung Nr. 21: "Die deutsche Wehrmacht muß darauf vorbereitet sein, auch vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrußland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen."

Gleichwohl glaubt Historiker Fabry, daß Hitler selbst damals noch nicht endgültig zum Krieg gegen die Sowjet -Union bereit war.

Nicht einmal den deutschen Feldzug gegen Griechenland im Mai 1941, den Militärhistoriker bisher als eine Plankensicherung für den geplanten Rußlandfeldzug deuteten, sieht Fabry als Vorspiel zum Unternehmen Barbarossa, war doch der griechische Feldzugsplan "zu einem Zeitpunkt gefaßt worden, als der Angriff auf die Sowjet-Union noch keineswegs beschlossene Sache war".

Noch zögerte Hitler, den Angriffsbefehl zu geben. Da liefen plötzlich im Führerhauptquartier Meldungen über einen weitverzweigten sowjetischen Militäraufmarsch an der Ostgrenze ein, der "Hitler davon überzeugte, mit einem sowjetischen Eingreifen gegen Deutschland müsse früher oder später gerechnet werden" - so Fabry.

Der Aufmarsch der sowjetischen Verbände zeichnete sich schon Anfang 1941 auf den Lagekarten des Wehrmachtführungsstabes ab. Noch im August 1940 hatte Generalmajor Marcks, der mit ersten Barbarossa-Studien beauftragte Generalstabschef der 18. Armee, berechnet, die deutschen Angriffsarmeen müßten mit sowjetischen Verbänden in Stärke von 96 Infanterie- und 23 Kavalleriedivisionen sowie 28 motorisierten Brigaden rechnen.

Die Meldungen um die Jahreswende jedoch bereiteten den deutschen Militärs eine arge Überraschung: Allein im europäischen Rußland waren 150 gegnerische Divisionen stationiert

OKW-Chef Keitel befahl daraufhin der Abteilung "Fremde Heere Ost", die zahlemäßige Entwicklung der sowjetischen Streitkräfte zu untersuchen. Die geheimdienstliche Generalstabsabteilung, die später von Oberst Gehlen übernommen wurde, der heute den Bundesnachrichtendienst kommandiert, meldete damals: Seit dem 1. Januar 1939 habe die Sowjet-Union die Zahl ihrer Divisionen von 100 auf 150 erhöht, deren Mannschaftsstärke verdoppelt - kurz: die Sowjetarmee war auf Kriegsstärke gebracht worden.

Von Monat zu Monat schlossen die sowjetischen Verbände immer dichter an der deutsch-russischen Demarkationslinie auf:

- Im März 1941 bezifferten deutsche Abwehr-Stellen die Stärke der sowjetischen Truppen an der russischen Westgrenze auf 84 Infanterie-Divisionen

und 8 motorisierte Brigaden (Deutschland im April: 56 Divisionen).

- Ende April waren die sowjetischen

Aufmarschverbände auf 106 Infanterie-Divisionen (Deutschland Mitte Mai: 72 Divisionen) angewachsen.

- Anfang Juni zählte die Abwehr 111 sowjetische Infanterie-Divisionen, 20 Kavallerie-Divisionen und 40 motorisierte Brigaden (Deutschland: 93 Divisionen).

Der finnische Generalstab meldete den Anmarsch sowjetischer Seestreitkräfte in der Ostsee.

Die deutschen Militärs befürchteten denn auch, die Sowjets könnten jeden Augenblick dem deutschen Angriff durch einen Gegenschlag zuvorkommen. Am 22. März 1941, zwei Monate vor dem deutschen Barbarossa-Aufmarsch, notierte sich Generalstabschef Halder: "Die Frage der Sicherung des Ostens gegen ein russisches Praevenire (Zuvorkommen) tritt in den Vordergrund."

Anfang Juni hatte die deutsche Nervosität ihren Höhepunkt erreicht: Während der deutsche Militärattache in Moskau und de japanische Militärattache in Berlin übereinstimmend vor einem sowjetischen Angriff warnten, telegraphierte Hitler an Rumäniens Diktator Marschall Antonescu, er müsse augenblicklich mit einem sowjetischen Überfall auf das Erdölgebiet von Ploesti rechnen.

Dennoch glaubt Chronist Fabry nicht, daß Stalin damals einen Krieg gegen Deutschland geplant hat. Fabry: "Wir können allerdings folgern, daß er kriegerische Verwicklungen in diesem Raum (an der sowjetischen Westgrenze) für möglich hielt."

Von den vier sowjetischen Heeresgruppen an der russischen Westgrenze - so argumentiert Fabry - sei nur die des Generals Kirponos an der rumänischen Grenze wirklich bedrohlich gewesen. Seine vier Armeen und drei Panzerkorps "waren kriegsbereit; ihr Aufmarsch hatte das letzte Stadium erreicht. Die Verbände standen frontnah, sie waren außergewöhnlich stark und verfügten über viel mehr Panzer, als von der deutschen Abwehr erwartet worden war".

Aus dem Aufmarsch der Kirponos -Armee schließt der Historiker, Stalin habe vermutlich ein von der Sowjetarmee unterstütztes Pressionsmanöver gegen Rumänien geplant, um diesen Staat von Hitlers Achse loszulösen und sich den Weg zum Bosporus freizusprengen.

Doch Stalin wollte sich Zeit lassen. Entscheidet Fabry: "Seine Hoffnung war ein langer Krieg zwischen den kapitalistischen Staaten. Ein Angriff auf Deutschland, solange es auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, wäre gefährlich gewesen. Aber es ist klar, daß ein späteres Eingreifen gegen Deutschland wahrscheinlicher war als der umgekehrte Fall."

* Dr. Philipp W. Fabry: "Der Hitler-Stalin -Pakt 1939 - 1941". Fundus-Verlag, Darmstadt; 536 Seiten; 29,80 Mark.

Historiker Fabry

"Fremde Heere Ost" meldete...

... den Aufmarsch der Roten Armee: Deutsche Truppen an der Ostfront (1941)


DER SPIEGEL 31/1962
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