15.08.1962

DE-GAULLE-BESUCHZu Wasser und zu Lande

Für die Landespolizei in fünf deutschen Bundesprovinzen, die Hundertschaften der Bereitschaftspolizei zwischen Isar und Elbe sowie die Schupos in einem Halbdutzend westdeutscher Großstädte ist vom 4. bis zum 9. September Großeinsatz mit allen Hubschraubern, Kraftfahrzeugen und Waffen befohlen: Frankreichs Charles de Gaulle kommt zur ersten offiziellen Staatsvisite über den Rhein.
Allerdings, kaum drei Wochen bevor der französische Staatspräsident auf Bonns Paradeflughafen. Wahn landen will, wissen die Innenminister der Bundesländer und die Polizeipräsidenten der Städte immer noch nicht, für welche Besuchsrouten sie das Schutzgeleit zu Lande, zu Wasser und in der Luft aufbieten sollen.
Die polizeiliche Abschirmung de Gaulles belastet die Sicherheitsinstanzen um
so mehr, als gleich zwei Drittel der Bundesrepublik bewacht werden müssen. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Franz Meyers, in dessen Hoheitsgebiet de Gaulle sich an drei von sechs Besuchstagen aufhalten will: "Ich bin froh, wenn der Mann heil wieder 'raus ist."
Der 71jährige Charles de Gaulle, der eine ausgeprägte Neigung zu dekorativem Zeremoniell hat, plant nämlich in Generalstäbler-Manier alle Details seiner Staatstour durch Westdeutschland ebenso sorgfältig, wie er den Staatsbesuch des Bundeskanzlers im Juli (SPIEGEL 28/1962) vorbereitet hatte. Entgegen dem' traditionellen Protokoll nennt er selbst die Stätten, die er besichtigen, die Termine, die er wahrnehmen, und die Etappen, die er abfahren will.
Schon seit Wochen bemüht sich Außenamts-Protokollchef Sigismund von Braun, seinen letzten Zeremonien -Auftrag vor der Übersiedlung als deutscher Beobachter zur Uno nach New York form- und fristgerecht zu erfüllen.
Zugleich produzieren das Bundespräsidialamt, die Landesregierungen von Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern, Baden-Württemberg, der Hamburger Senat und die. Stadtverwaltungen von Bonn, Köln, Düsseldorf, Hannover, München und Stuttgart immer neue Variationen des Sightseeing-Programms für den hohen und langen Gast.
Die Vorschläge werden im Auswärtigen Amt gebündelt und über Frankreich-Botschafter Herbert Blankenhorn der Kanzlei de Gaulles in Paris zugeleitet. Der Herr im Palais de l'Elysée prüft, streicht, ergänzt, ändert und schickt den jeweils korrigierten Festivitäten-Fahrplan nach Bonn zurück.
Bereits zum vierten Male muß die Bundesregierung das Besuchs-Diktat ihres prominenten Gastes hinnehmen. Die ersten drei Male weilte Staatspräsident de Gaulle freilich nur halboffiziell auf westdeutschem Boden.
Am 26. November 1958 traf Frankreichs General-Staatschef den deutschen Kanzler in Bad Kreuznach. Der General fühlte sich durch alte Erinnerungen mit dem Städtchen an der Nahe verbunden: Knapp vier Jahrzehnte vorher, nach Ende des Ersten Weltkrieges, hatte er dort als Major im Hauptquartier der französischen Besatzer gedient. Alte Kreuznacher erinnern sich heute noch, vor de Gaulle damals den Gehweg geräumt und mit zivilen Ehrenbezeigungen im Rinnstein verharrt zu haben.
Am Pfingstsamstag 1961 beehrte de Gaulle erstmals die provisorische
Bundeshauptstadt; er kam genau für neuneinhalb Stunden. Ausbedungen hatte er sich, Bonn möge von allen staatlichen Ehrungen absehen; überdies bestimmte er als Treffpunkt des Kanzlers Heim in Rhöndorf, und schließlich tat er auch noch unverblümt kund, daß ihm an anderen Gesprächsteilnehmern nicht gelegen sei.
Bei der Abfahrt ließ de Gaulle den Bonner Regierungs-Mercedes-300 stoppen. Ohne Brille stieg der kurzsichtige General aus und schritt auf das Publikum am Zaun zu, wo er wahllos Hände schüttelte.
Zu seinem dritten Deutschland-Trip - der Begegnung mit Adenauer am 15. Februar dieses Jahres in Baden-Baden - entschloß sich de Gaulle erst vier Tage vorher.
Für seine erste reguläre Staatsvisite hat sich de Gaulle höchstselbst ein Mammutpensum auferlegt, das die Strapazen jüngerer Staatsbesucher bei weitem übertrifft. Den in Bonn verfertigten Besuchsfahrplan, der lange Ruhepausen vorsah, wischte er gekränkt beiseite: Er wolle keine Erholungsreise machen.
Noch am Ankunftstag beehrt de Gaulle den Bundespräsidenten Lübke in dessen Villa Hammerschmidt, wo ihm hernach das in Bonn akkreditierte Diplomaten-Korps präsentiert wird. Abends geht es zum Schloß Brühl zwischen Bonn und Köln, wo der Bundespräsident ein Festdiner gibt und das Musikkorps des Bundeswehr-Wachbataillons den Großen Zapfenstreich darbietet.
Anderntags sucht de Gaulle seinen Europa-Dioskuren Adenauer zu trautem Gespräch im Palais Schaumburg auf; im Kanzleramt wird noch geprüft, ob die Herren besser das abhörsichere Teehaus im Palais-Park wählen,
Am späten Vormittag will de Gaulle von der Freitreppe des Bonner Rathauses aus zum Volk sprechen.
Mittags folgt ein Ausflug nach Köln mit Stadtrundfahrt, Empfang im Gürzenich und Dombesichtigung. Die Kölner Stadtverwaltung dementiert nicht, daß Charles de Gaulle die große Domorgel einmal spielen wolle.
Von Köln läßt sich der Franzose zu Tee und einem zweiten Gespräch mit Konrad Adenauer nach Rhöndorf eskortieren. Für den Abend bittet der Kanzler zum Essen auf den Petersberg.
Soweit ist fast alles klar, zumal der offizielle Gastgeber, Heinrich Lübke, in Bonn dem Protokoll gebietet.
In Düsseldorf hingegen, wo de Gaulle am dritten Tag seiner Deutschland-Tournee erwartet wird, sind die präzisen Wünsche des hohen Gastes heute noch nicht zweifelsfrei bekannt.
Zunächst war geplant, dem Schloß -Liebhaber de Gaulle ein Festmahl auf Schloß Benrath zu servieren. Kurz vor Düsseldorf sollte der Besucher vom Auto auf ein Schiff umsteigen und am alten Schloßturm von Ministerpräsident Meyers und Oberbürgermeister Müller an Land geholt werden.
Nun aber will de Gaulle die ganze Strecke von Köln bis Düsseldorf per Schiff bewältigen. Düsseldorfs Innenminister Willi Weyer: "Da brauche ich nur die Wasserschutzpolizei."
Ursprünglich waren zwei Stunden Aufenthalt in Düsseldorf eingeplant. Die zeitraubende Wasserreise jedoch macht den Abstecher nach Schloß Benrath zunichte. De Gaulle bleibt nur eine Stunde in der Manager-Metropole.
In dieser Stunde will er durch die Stadt fahren, die für den Verkehr gesperrt wird, dem Landeskabinett im "Haus des Ministerpräsidenten" aufwarten und vom Balkon dieses Hauses wiederum zum Volk sprechen, und zwar auf deutsch. Die mitgliederstarken Schützenvereine Düsseldorfs und die Ministerialbeamten der Landeshauptstadt sollen das Publikum bilden.
Eine Volksrede ist auch für die August Thyssen-Hütte in Duisburg-Hamborn vorgesehen, wohin sich de Gaulle von Düsseldorf zu Schiff begibt. Erst auf dem Schiff wird gespeist.
Am vierten Besuchstag wollte de Gaulle zunächst Niedersachsen inspizieren. Mittlerweile schwankt er jedoch zwischen mehreren Projekten.
Laut Urplan sollte der Staatsbesucher vom Bonner Flughafen Wahn zum hannoverschen Flughafen Langenhagen fliegen und von dort im Kraftwagen - ohne die Stadt Hannover zu berühren - über Lüneburg nach Hamburg fahren.
Plan Nummer 2: Stadtrundfahrt durch Hannover und Vorstellung des Kabinetts im Gästehaus der Regierung.
Nächste Variante: De Gaulle fliegt von Wahn zum Militärflughafen Faßberg bei Celle, fährt im Auto durch die Heide nach Lüneburg und entlang der Zonengrenze über Lauenburg nach Kiel; Hannover und auch Hamburg sollten ausgeklammert werden.
An Niedersachsen interessierte den französischen Reisenden vor allem eine Attraktion: die Lüneburger Heide, ideales Terrain für den massierten Panzerangriff, von dem der Major de Gaulle, der Erfinder von "Frankreichs Stoßarmee", schon vor 30 Jahren Sieg und Ruhm erhofft hatte.
Militärisches Interesse bestimmte noch zwei weitere Wünsche de Gaulles: Gelegentlich der Fahrt durch die Heide will er den Truppenübungsplatz
Munsterlager inspizieren. Und beim Besuch in Hamburg will der General -Präsident vor den Generals-Aspiranten der Bundeswehr - Führungsakademie eine Rede halten, wiederum auf deutsch.
Vergebens suchte Kanzler Adenauer die militärischen Passionen seines Pariser Freundes zu mäßigen: Der Besuch in Munsterlager und die Ansprache in Hamburg - meint Adenauer - seien im Hinblick auf die gespannte Lage inopportun; die Sowjets könnten sich durch diese Demonstration deutsch-französischer Waffenbrüderschaft provoziert fühlen.
De Gaulle bestand aber darauf, die Generalstabsschüler in Hamburg europäisches Denken zu lehren. Das ursprünglich für diesen Tag angesetzte Generalstäbler-Sportfest fällt aus.
Er verzichtete - falls der Reiseplan nicht noch einmal umgestoßen wird - dafür nun ganz auf den Besuch Hannovers und die Fahrt durch die Heide, weil anders das Programm in Hamburg nicht zu bewältigen ist, und will nun im Flugzeug direkt von Köln-Wahn in die Hansestadt fliegen. Charles de Gaulle wird Hamburg auch wieder mit dem Flugzeug verlassen.
In Richtung München. An der Isar erwartet ihn ein ähnliches Programm wie vorher schon an der Elbe, mit Stadtfahrten, Galaempfängen und Diners. Hamburg bietet zusätzlich eine Hafenrundfahrt, München ein Hochamt in der Frauenkirche - am frühen Morgen nach der letzten Nacht de Gaulles auf deutschem Boden.
Speziell die Nachtruhe des Lübke-Gastes machte dem Bonner Protokoll Kopfzerbrechen. Für drei Nächte in Bonn, eine Nacht in Hamburg und eine in München mußte ein angemessenes Lager für den 195 Zentimeter langen Franzosen beschafft werden.
Am Rhein steht bereits ein passendes Bettgestell für den General. Frankreichs inzwischen abgelöster Bonn-Botschafter Seydoux hatte für den Pfingstbesuch de Gaulles im Jahre 1961 ein Spezialbett von 220 mal 170 Zentimeter anfertigen und in seiner Residenz, dem Schloß Ernich, aufstellen lassen, wo der französische Staatspräsident dreimal nächtigen wird.
Auch Bayerns Regierung wußte Rat: Für Charles de Gaulle wird im Münchner Stadtschloß der Wittelsbacher ein Prunkbett von drei Meter Länge - unter einem fünf Meter hohen Baldachin - entstaubt, das derzeit noch für 50 Pfennig von Touristen besichtigt werden kann. Auf der fast quadratischen Fürstenliege erholte sich zuletzt der römische Kurienkardinal Testa von den Strapazen des Eucharistischen Weltkongresses in München 1960.
Ungewiß ist, wo sich de Gaulle in Hamburg zur Ruhe legen wird: Nirgendwo ist dort ein Bett von mehr als zwei Meter Länge aufzutreiben, und Schräglage in einem Doppelbett mag Hamburgs Senat dem langen Gast nicht zumuten. Einziger Ausweg: Anfertigung einer zweiten Sonder-Bettstatt.
Zum Abschluß seiner Deutschland-Reise kehrt de Gaulle wieder in einem Schloß ein: in Ludwigsburg bei Stuttgart. Zum letztenmal will der hohe Gast dort reden - "vor Jugendlichen beiderlei Geschlechts' (Bundessprecher von Hase), bei Sonnenschein im Schloßhof, bei schlechtem Wetter im Ordenssaal.
Bonn-Besucher de Gaulle*: Alarm zwischen Isar und Elbe
Münchner de Gaulle-Liegestatt: Nach dem Kardinal der General
* Bei seiner letzten Visite in der Bundeshauptstadt, Mai 1961.

DER SPIEGEL 33/1962
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