08.08.1962

SOWJET- UNION / CHRUSCHTSCHOWDer Weg noch oben

Nikita Chruschtschow griff zu einem Glas Wasser. Von seinem Rednerpult aus musterte er die 4799 Delegierten, die sich Ende Oktober 1961 in Moskaus neuer Kongreßhalle zum XXII. Parteitag der KPdSU versammelt hatten.
Jeder Zoll seiner Bewegungen verriet, daß er sich auf dem Höhepunkt einer historischen Stunde fühlte: Nikita Chruschtschow rechnete mit der unbewältigten Vergangenheit ab - den Verbrechen der stalinistischen Schreckenszeit.
Dann hob Sowjetrußlands Partei - und Regierungschef an, den Genossen
- "schmerzlich bewegt", wie er sagte -
eine düstere Geschichte zu erzählen. Es war die Geschichte des sowjetischen Generals Jona Emmanuilowitsch Jakir, der 1937 zusammen mit dem Armee-Idol Tuchatschewski von den stalinistischen Säuberern liquidiert worden war.
"Ich kannte den Genossen Jakir gut", erinnerte sich Chruschtschow. "Ich war einmal in Alma-Ata bei einer Konferenz. Da kam sein Sohn, um mich zu sprechen. Er fragte mich nach seinem Vater. Was konnte ich ihm sagen?"
Was Chruschtschow damals dem jungen Jakir vorenthielt, erfuhren nun die Delegierten: Vater Jakir war völlig unschuldig wegen angeblichen Landesverrats zum Tode verurteilt worden. Noch vor seiner Hinrichtung hatte er Stalin geschrieben: "Wenn ich sterbe, werden meine letzten Worte Worte der Liebe zu Dir, zur Partei und zum Vaterland sein."
Doch der Diktator notierte auf dem Jakir-Brief: "Lump und Halunke". Und Stalins engste Mitarbeiter bekräftigten: "Eine vollkommen richtige Bezeichnung" (Woroschilow) und: "Verdient nur eine Strafe, den Tod" (Kaganowitsch).
Entrüstete sich Parteitags-Redner Chruschtschow: "Ihr habt gehört, was sie auf die Briefe schrieben, die Stalin erhalten hatte. Was können sie heute sagen?"
Nikita Chruschtschow versäumte freilich zu sagen, welche Rolle er selber bei der Vernichtung Jakirs und anderer Kritiker Stalins gespielt hatte.
Ebensowenig vermochten die Gegner im Westen Chruschtschows Vergangenheit als stalinistischer Säuberer mit konkreten Details zu belegen. Erst jetzt hat der renommierte amerikanische Ostexperte Lazar Pistrak die stalinistische Karriere des Entstallnisierers minutiös nachgezeichnet.
Lazar Pistrak, ehemaliger Mitarbeiter am Institut für Neurophysiologie in Leningrad und heute Archivar in Washington, hat in seiner soeben in Westdeutschland erschienenen Arbeit "Chruschtschow unter Stalin" fast ausschließlich sowjetisches Material gesammelt, mit dessen Hilfe er die von Sowjethistorikern übertünchten Stellen der Chruschtschow-Biographie freilegt*.
Pistrak: "Es läßt sich leicht nachweisen, daß Chruschtschow die 'unverbesserlichen' Stalinisten Molotow, Malenkow und Kaganowitsch weit übertraf, als es darum ging, das Massaker zu propagieren, zu popularisieren und die niedrigsten Instinkte der Menschen anzustacheln."
Chruschtschow-Biograph Pistrak weist nach, daß derselbe Mann, der sich heute als Freund des hingerichteten Jakir ausgibt, einst laut genug den Tod des Generals und dessen vermeintlicher Komplicen aus dem Kreise des Marschalls Tuchatschewski forderte.
Chruschtschow 1938: "Die Jakirs und die anderen Halunken haben versucht, die deutschen Faschisten ins Land zu lassen und die ukrainischen Arbeiter und Bauern zu Sklaven zu machen." Und später: "Die Jakirs wollten die Ukraine zu einer Kolonie der polnisch deutschen Faschisten erniedrigen."
Die Affäre Jakir ist nur einer von vielen Fällen, mit denen Lazar Pistrak seine These belegt, Chruschtschow sei in der Stalin-Ära ein lautstarker Apologet des Kreml-Diktators gewesen und erst 1957 zum Entstallnisierer geworden, als es ihm opportun erschien, die antistalinistischen Gefühle der sowjetischen Bevölkerung für seinen Kampf gegeh die Rivalen Malenkow und Bulganin einzuspannen. Andere Fälle:
- Nach dem Tode Stalins rehabilitierte
Chruschtschow den umgekommenen obersten Politkommissar der Roten Armee, Gamarnik, als "ehrlichen Kommunisten" - 1937 hatte Chruschtschow die Hinrichtung des "trotzkistischen Verräters, des Verräters am Vaterland, des Volksfeindes" gefordert, bevor die parteiamtliche Untersuchung gegen Gamarnik abgeschlossen war.
- Chruschtschow rehabilitierte den 1940 hingerichteten KP-Führer Stanislaw Kossior als "hervorragenden Arbeiter der Partei" - 28 Jahre zuvor hatte er Kossior aus der ukrainischen KP hinausgesäubert, dessen Amt übernommen und ihn als "Volksfeind" denunziert.
- 1956 rehabilitierte Chruschtschow den sowjetischen Generalleutnant Podlas, im deutsch-sowjetischen Krieg Befehlshaber im Raum Charkow, als "hervorragenden Kommandeur, der an der Front umgekommen ist" - im Sommer 1942 hatten Offiziere der 57. Sowjetarmee im deutschen Kriegsgefangenenlager Hammelsburg zu Protokoll gegeben, Chruschtschow habe am 17. Mai trotz der aussichtslosen Lage der Podlas-Armee unter schweren Drohungen zur Gegenoffensive gezwungen und ihn damit in den Selbstmord getrieben. Chruschtschow-Biograph Pistrak wertet den sowjetischen Parteichef jedoch nicht nur als willenloses Werkzeug und bewußten Nachahmer Stalins ab: Chruschtschow habe sich immer "von den übrigen Erben des Diktators in einer Hinsicht unterschieden: Er ist nicht das Durchschnittsprodukt dieser (Stalin-)Epoche"; vielmehr sei er "der fähigste Mann, den der Kreml hat, ein Mann aus dem Volk' mit den für seine Herkunft bezeichnenden Gaben der Schlichtheit, des Erfindungsreichtums, der auf die Sache gerichteten, angeborenen Energie, verbunden mit Rücksichtslosigkeit und Zynismus". Aber gerade die negativen Züge Chruschtschows - so argumentiert Pistrak weiter - hätten sich zu einem "bösen Temperament" in einer Zeit verdichtet, in der jeder Sowjetfunktionär nur überleben konnte, wenn er bereit war, jeder Laune Stalins nachzugeben.
Der junge ukrainische Maschinenschlosser Chruschtschow war entschlossen, im Schatten Stalins Karriere zu machen. Schon seine Jungfernrede auf der Ersten Allukrainischen Parteikonferenz am 17. Oktober 1926 offenbarte den linientreuen Eifer des Jungkommunisten Chruschtschow.
Der Ukrainer forderte damals "repressive Maßnahmen" gegen selbständige Altbolschewisten vom Typ,Trotzkis und übte sich dabei zum erstenmal in jener Art des mündlich vorgetragenen Angriffs, der für die Stalinisten charakteristisch war.
Die aggressive Rhetorik und das organisatorische Talent des jungen Mannes waren so überzeugend, daß ihn der ukrainische Parteichef
und Stalin-Vertraute Kaganowitsch 1930 als Sekretär der Parteizelle an die Moskauer Industrieakademie berief. Doch beinahe wäre Chruschtschow der neue Posten zum Verhängnis geworden. Auf der Industrieakademie trat ihm als schärfster Kritiker der stalinistischen Kollektivierungspolitik die Diktatoren -Ehefrau Nadeschda Allilujewa Stalin entgegen, die damals Chemie studierte. Der Ukrainer sah sich in einer argen Klemme: Berichtete er Stalin über die eheweibliche Kritik, konnte die Denunziation leicht Chruschtschows Ende bedeuten; schwieg er aber, brachte es ihn in den Verdacht der Konspiration.
Zellenleiter Nikita muß einen Ausweg gefunden haben. "Wahrscheinlich
berichtete er", vermutet Pistrak, "nicht offiziell an die vorgeordneten Dienststellen über die subversive Stimmung an der Akademie, sondern er unterrichtete einige der höheren Funktionäre inoffiziell, zum Beispiel Kaganowitsch. Es war jetzt dessen Angelegenheit, zu entscheiden, was über die Abweichungen weitergemeldet werden sollte."
Zudem befreite der Selbstmord der Nadeschda Allilujewa den Zellenleiter von aller Qual, und bald kletterte Nikita Chruschtschow die Leiter der Moskauer Parteihierarchie hinauf: Er avancierte zum Zweiten Sekretär des Parteikomitees von Moskau, 1934 zum Ersten Sekretär, ein weiteres Jahr danach stand er den beiden Parteikomitees von Moskau (Stadt und Land) vor. Schon galt Chruschtschows Aufnahme in das Politbüro als sicher, da brach der stalinistische Säuberungswahn über die Sowjet-Union herein. Wer von nun an, erläuterte Chruschtschow 23 Jahre später, Stalin. "widersprach und seine abweichende Ansicht oderMeinung als richtig zu belegen suchte, wurde aus dem Kollektiv der oberen Führung verbannt und zu anschließender moralischer und physischer Vernichtung verurteilt".
Der Moskauer Parteichef ließ sich nicht von der stalinistischen Säuberungswoge hinwegspülen. Zusammen mit dem NKWD-Chef Jeschow, den er seit 1931 kannte und dessen "entartete Praktiken" er 1956 verdammte, stellte sich Chruschtschow an die Spitze der Säuberungs-Fanatiker, die jeden abgeschlagenen Kopf als Sieg des Sozialismus feierten.
Im August 1936 erklärte Chruschtschow vor den Parteifunktionären der Stadt Moskau, "für die gedungenen faschistischen Hunde der trotzkistischsinojewistischen Bande" könne jeder Bürger "nur ein Wort haben. Dieses Wort lautet: Hinrichtung". Er prophezeite sogar bereits damals den gewaltsamen Tod des "Volksfeindes" Trotzki im Exil.
Mochte auch später Entstalinisierer Chruschtschow den Davongekommenen des Stalin-Regimes zurufen, "daß es in eben dieser Zeit des sozialistischen Sieges keinen. Grund für einen Massenterror im Lande gab" - diese Erkenntnis war dem treuen. Stalinisten Chruschtschow fremd gewesen.
1939 erklärte er: "Wessen Hände zittern und Knie schwach werden, ehe er zehn Feinde auslöscht, der gefährdet die Revolution. Für jeden Tropfen Blut eines ehrlichen Arbeiters werden wir einen Eimer vom schwarzen Blut der Feinde vergießen."
Der Barde des Terrors erhielt bald Gelegenheit, Taten folgen zu lassen. Im Januar 1938 entsandte ihn Stalin nach Kiew mit der Order, die Volksfeinde in der ukrainischen KP zu liquidieren.
Chruschtschow kam, sah und säuberte. Er löste höchste Partei- und Regierungsfunktionäre ab, stieß den ukrainischen KP-Chef von dessen Posten und übernahm das Amt selber. Von den Offizieren der Armee bis zu den Literaten der Ukraine gab es keinen Prominenten, den Stalins Sendbote ungeschoren ließ.
Wie radikal Nikita Chruschtschow in seiner ukrainischen Domäne säuberte, zeigt Biograph Pistrak am Beispiel des Zentralkomitees (ZK) der ukrainischen Partei: Nach fünfmonatiger Herrschaft ließ Chruschtschow im Juni 1938 ein neues ZK wählen, in das nur drei Mitglieder des alten ZK zurückkehren durften, und das - so hat Premier Chruschtschow später eine ähnliche Säuberung im ZK der Gesamtpartei beschrieben - hieß praktisch, daß 97 Prozent der alten ZK-Mitglieder "zu 'Volksfeinden und Parteifeinden' gestempelt
wurden, man ehrliche Kommunisten verleumdete, gegen sie Anklagen konstruierte und die revolutionäre Legalität aufs schwerste verletzte".
Nikita säuberte sich bis auf die höchsten Posten hinauf: Stalin ernannte seinen Gefolgsmann schließlich zum Partei- und Regierungschef der Ukraine. Der ukrainische NKWD-Chef Uspenski stellte im Juni 1938 fest: "Erst nachdem ,der gläubige Stalinist Nikita Sergejewitsch Chruschtschow in die Ukraine kam, hat die Vernichtung der Volksfeinde ernsthaft begonnen."
Chruschtschow war denn auch emsig bemüht, stets im Einklang mit seinem Herrn zu stehen. Während er den Georgier Stalin 'durch Parteibeschluß zum größten Sohn der Ukraine erhob, ließ er dreizehn ukrainische Schriftsteller in einem von 9 316 973 Unterschriften verzierten Gedicht reimen:
Wie erste Liebe rein und wahr
liegt neu das Land, wir sind vereint.
Und frisch und jung im Silberhaar
Nikita Chruschtschow, Stalins Freund.
Gleichwohl glaubt Pistrak nicht, daß Chruschtschow zu Stalins engsten Vertrauten zählte. Zwar wußte Stalin die Beweglichkeit und praktische Lebensart "unseres tüchtigen Nikita Sergejewitsch" zu schätzen, doch wahrte der Diktator stets eine gönnerhaft-ironische Distanz zu dem provinzlerischen Ukrainer.
Der Diktator ließ, jedoch den übereifrigen Chruschtschow ziemlich ungehindert gewähren und griff nur selten ein, um Nikita zu dämpfen. Als der Ukrainer Chruschtschow im Frühjahr 1944 weite Gebiete Polens für die Ukraine beanspruchte und sich dabei mit den polnischen KP-Führern in der Sowjet-Union überwarf, brachte ihn ein Stalin-Ukas zum Schweigen.
Anfang 1947 traf ihn ein härterer Strahl allerhöchster Ungnade: Wegen mangelnder Leistungen der ukrainischen Landwirtschaft setzte Stalin den Parteichef Chruschtschow ab - doch zehn Monate später hatte der Abgesetzte den Diktator wieder besänftigt.
Aus solchen Episoden schließt Biograph Pistrak, nach einer Zeit "wirklich tiefer Liebe und Treue" gegenüber Stalin sei in Chruschtschow "die Unterwürfigkeit an die Stelle der Bewunderung" getreten.
Pistrak: "Immerhin war er erfolgreich. In der Art, wie er die Idee von Stalins Größe propagierte und durchsetzte, war er sicherlich nützlicher als Malenkow und andere stalinistische Intellektuelle."
Stalinist Chruschtschow, Freund (1937): Wie erste Liebe
* Lazar Pistrak: "Chruschtschow unter Stalin". Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 334 Seiten; 19,80 Mark.
Stalin-Gattin Nadeschda Allilujewa (1930)*: Von Chruschtschow verraten?
* Im Hintergrund: Moskaus Industrieakademie.

DER SPIEGEL 32/1962
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