15.08.1962

LZ HINDENBURGSabotage in Zelle 4

Der Brief kam aus Milwaukee. Er Du trug das Datum des 8. April 1937 und war an die Deutsche Botschaft in Washington gerichtet.
Eine Mrs. Kathie Rauch beschwor den "lieben Herrn Botschafter": "Bitte, benachrichtigen Sie die Zeppelin-Gesellschaft in Frankfurt am Main, daß der Zeppelin 'Hindenburg' auf seinem Flug in ein anderes Land durch eine Zeitbombe zerstört werden wird." Und: "Dies ist kein Scherz. Wenn Sie
Menschenleben retten wollen, dann stoppen Sie diese Flüge."
Die Flüge wurden nicht gestoppt. Zwar befahl Reichsluftfahrtminister Hermann Göring, die Gestapo solle das 245 Meter lange Luftschiff durchsuchen, dann aber gab er - da nichts Beunruhigendes entdeckt wurde - den Start der "Hindenburg" frei,
Doch in den Abendstunden des 6. Mai ereignete sich über dem Landeplatz von Lakehurst nahe New York, was Kathie Rauch einen Monat zuvor prophezeit hatte.
Das mit zweieinhalb Millionen Dollar versicherte Luftschiff - offizielle Nummer: LZ 129 - schwebte schon so niedrig über dem Boden, daß ein Mann vom Bodenpersonal seinen Namenszug erkennen konnte, den er ein Jahr zuvor auf die Heckflosse der "Hindenburg" gekritzelt hatte, da züngelte plötzlich eine bläuliche Flamme aus der Ballonhülle des Zeppelins.
"Er geht in Flammen auf, er brennt", schluchzte der amerikanische Rundfunkreporter Herb Morrison ins Mikrophon, "er explodiert und fällt auf den Landemast ... O, mein Gott, das ist schrecklich, mein Gott ... Das ist eine der schlimmsten Katastrophen in der Welt! Es ist schrecklich, ich finde keine Worte, meine Damen und Herren - ich muß mich einen Augenblick sammeln ... O, die Menschheit und all die Passagiere."
Die Katastrophe von Lakehurst - bei der 36 Menschen umkamen - war "eine der erschütterndsten und zugleich geheimnisvollsten Katastrophen in der Vorkriegsgeschichte der Luftfahrt" (so Raketenvater Wernher von Braun) und beschäftigte seit 1937 viele Techniker,
Kriminalisten und Amateurdetektive, die immer wieder nach den Ursachen des Unglücks fahndeten.
Eine sofort nach der Katastrophe eingesetzte Untersuchungskommission der Vereinigten Staaten entschied, der Absturz des Luftschiffes sei auf Naturereignisse zurückzuführen. Wahrscheinlich hätten - so vermutete die Kommission - statische Elektrizität, Elmsfeuer oder Blitzschläge den mit 200 000 Kubikmeter hochexplosivem Wasserstoffgas gefüllten Zeppelin entzündet.
Auch Hermann Göring deklamierte nach der Lektüre eines deutschen Expertenberichts: "Eine höhere Macht hat in wenigen Sekunden zerstört, was Menschenhand mit unendlicher Sorgfalt konstruierte. Wir beugen uns dem Willen Gottes."
Deutsche und amerikanische Experten nahmen an, die Gestapo habe das Luftschiff gründlich genug gefilzt; daher entfalle auch der Verdacht, die LZ "Hindenburg" sei einem Sabotageakt zum Opfer gefallen. Erst jetzt hat ein Amateurhistoriker zum erstenmal diese Annahme in Frage gestellt: In seinem Buch "Wer zerstörte die Hindenburg?" behauptet der amerikanische Publizist Adolplh A. Hoehling, der Zeppelin sei durch eine Zeitbombe vernichtet worden*.
Der 48jährige Adolph August Hoehling, Redakteur der Washingtoner "Army Times" und Verfasser von acht Büchern, darunter zwei Bestseller, hatte sich seit seiner Ausbildung zum Ballon-Piloten in der US-Marine für das Schicksal des deutschen Zeppelins interessiert.
Ein Interview mit dem ehemaligen Kommandanten von Lakehurst, Fregattenkapitän Rosendahl, ließ in Hoehling den Verdacht aufkeimen, die "Hindenburg" sei möglicherweise von antinazistischen Saboteuren zerstört worden. Hoehling machte sich auf, seine These zu beweisen.
Er fuhr in die Heimat seiner deutschen Vorfahren, studierte die amtlichen Untersuchungsberichte und interviewte die Überlebenden der Katastrophe.
Fast alle Besatzungsmitglieder berichteten, das Schreiben der von spiritistischen Erlebnissen angetriebenen Kathie Rauch sei keineswegs die einzige Warnung vor dem Unglück gewesen; die Deutschen Botschaften im Ausland, die Zeppelin-Reederei und Görings Ministerium hätten vielmehr eine Fülle solcher prophetischen Schreiben erhalten.
Alle Warnungen wurden jedoch von den Behörden des Dritten Reiches als nicht ernst zu nehmende Drohungen betrachtet, mit denen man nur das nationalsozialistische Deutschland dahin bringen wolle, auf den Einsatz der Zeppeline - seiner wirksamsten, weil unpolitischen Propagandainstrumente - zu verzichten.
Die Untersuchung der "Hindenburg" am Vorabend ihres Amerika-Fluges war denn auch über eine Routine-Besichtigung nicht hinausgegangen. Zwar hatten Beamte der Gestapo die Luftpost für Amerika und das Gepäck der Passagiere sorgfältig durchleuchtet, eine Kontrolle der Mannschaftsmitglieder war hingegen unterblieben.
Amateurdetektiv Hoehling aber behauptet, eben dieses Versäumnis habe den Untergang der "Hindenburg" besiegelt. Bei einer Überprüfung der "Hindenburg"-Mannschaft wären der Gestapo wahrscheinlich der Bordmechaniker Eric Spehl und seine Freundin aufgefallen, eine üppige Brünette mit "tiefliegenden Augen und grüblerischem Blick" (Hoehling), die der Gestapo nicht unbekannt war.
Der Amerikaner ermittelte, daß die Brünette, die er unter dem Pseudonym "Hilda Schmidt" vorstellt, Stammgast obskurer Bars und Kaschemmen war, in denen Kommunisten und andere Hitler-Gegner verkehrten. Die rote Hilda - unterstellt Hoehling - habe den mürrischen Schwarzwälder Spehl zum Anschlag auf den Zeppelin angestiftet.
Der Amerikaner stützt sich dabei nicht nur auf die Tatsache, daß sich Hilda Schmidt nach dem Start der LZ 129 Tag für Tag im Büro der Zeppelin-Reederei erkundigte, ob die "Hindenburg" - inzwischen in New York sicher gelandet sei; Hoehling trug außerdem gewichtiges Material zusammen, das den Bordmechaniker Spehl belastet.
Lobte Klaus F. Pruss, der Sohn des inzwischen verstorbenen "Hindenburg" -Kommandanten Max Pruss: "Hoehlings Schlußfolgerung (Sabotage) ist zwingend."
Ermittler Hoehling stellte fest, daß Eric Spehl
- ständig Zugang zu dem Teil des aus 16 Gaszellen bestehenden Luftschiffes hatte, in dem das Feuer ausbrach - der Zelle 4;
- für die Landung eine Position bezogen hatte, die so weit wie möglich vom Explosionsort entfernt lag - bei der Gaszelle 16 im Bug des Schiffes;
- während des Fluges mehrfach von Alpträumen gepeinigt wurde, seinen Kameraden aber nicht anvertraute, was ihn quälte;
- als begeisterter Amateur-Photograph in der Lage war, eine primitive Höllenmaschine aus einer Trockenbatterie, einer Taschenuhr und einer Blitzlichtbirne zusammenzubasteln, deren Explosionshitze (rund 3800 Grad Celsius) ausgereicht hätte, das Wasserstoffgas zu entzünden. Daß die gefährliche Wasserstoffladung des Luftschiffes mit einer solchen Höllenmaschine zur Explosion gebracht wurde, steht für Hoehling außer Zweifel:
- Schon der renommierte amerikanisehe Elektrotechniker - Professor Whitehead hatte vor dem US-Untersuchungsausschuß erklärt: "Es gibt keinen Beweis für die Theorie, daß die Katastrophe durch irgendwelche elektrischen Entladungen verursacht wurde. Es gibt auch keinen Beweis für die Elmsfeuer-Theorie."
- Das amerikanische "Bureau of Standards" und die deutschen Zeppelin-Werke stellten zur gleichen Zeit nach unabhängigen Versuchen fest, daß eine Entzündung des Wasserstoffgases durch die elektrischen Leitungen an Bord der "Hindenburg" un- möglich war.
- Wenige Minuten vor seinem Tode sagte "Hindenburg"-Kapitän Ernst Lehmann dem Lakehurst-Chef Rosendahl: "Es muß eine Höllenmaschine gewesen sein."
Zudem stöberte Adolph Hoehling zwei ehemalige Mitglieder der "Hindenburg"
auf, die ebenso 'wie der Amerikaner an die Sabotage-These glauben: den einstigen Chefsteward Heinrich Kubis und den Chefingenieur Rudolph Sauter, der sich bei der Landung in Lakehurst in Nähe der Zelle 4, wo das Feuer ausbrach, aufhielt und heute noch davon überzeugt ist, der erste Feuerstrahl habe dem grellen Lichtschein geähnelt, den eine Blitzlichtbirne erzeugt.
Aus Sauters Aussagen und dem Bericht des Chefstewards Kubis rekonstruierte Amateurdetektiv Hoehling, wie der Attentäter Spehl seine Tat vorbereitet haben und zugleich an ihr zugrunde gegangen sein mußte:
Nach dem 59stündigen Transatlantikflug waren die Gaszellen der "Hindenburg" so schlaff und faltig geworden, daß es dem Attentäter leichtfiel, seine Höllenmaschine zwischen den Falten zu verbergen.
"Ich bin überzeugt", bekennt Chefsteward Kubis, "daß irgend jemand eine Zeitbombe versteckte, die drei oder vier Stunden nach der Landung explodieren sollte. Die Bombe wurde meiner Meinung nach in Griffhöhe zwischen zwei Zellen befestigt. Dabei ist wohl die Zelle 4 beschädigt worden, so daß Gas austrat."
Tatsächlich bemerkte Spehls Vorgesetzter, der Chefmechaniker Ludwig Knorr, kurz vor der Landung einen schwachen Gasgeruch in der Nähe der Zelle 4, dem er jedoch keine Bedeutung beimaß, da im mittleren Laufgang des Luftschiffes bei schwülem Wetter oft Gas zu riechen war, ohne daß deshalb eine Zelle beschädigt sein mußte.
Als Knorr den Gasgeruch wahrnahm, stand Spehl - so nimmt Hoehling an bereits im Bug des Zeppelins und "fieberte der Landung entgegen".
Denn: Spätestens beim Überqueren New Yorks muß Spehl erkannt haben, daß auch er in Lebensgefahr schwebte. .Der tödliche Blitz konnte jeden Augenblick ausgelöst werden, da sich die "Hindenburg" wegen des schlechten Wetters verspätet hatte und länger als erwartet über Lakehurst kreisen mußte.
Spehl konnte die Höllenmaschine nicht mehr stoppen, denn Steward Kubis wachte darüber, daß nur die für den Dienst im Heck eingesetzten Besatzungsmitglieder durch den Mittellaufgang gingen - Spehl aber hatte sich für die Zeppelin-Spitze einteilen lassen.
Eric Spehl verlor den Wettlauf mit der Zeit. Wenige Sekunden vor der Landung wurde die Blitzbirne ausgelöst, das Luftschiff explodierte, und Spehl kam in den rauchenden Trümmern um.
Hoehlings gewagter Theorie fehlt zwar noch mancher schlüssige Beweis, dennoch kann er nachweisen, daß man in den Trümmern der LZ "Hindenburg" Überreste einer Höllenmaschine gefunden hat.
Jahrelang fahndete Hoehling nach Indizien der Höllenmaschine, jahrelang war seine Jagd vergeblich. Da endlich offenbarte sich ihm der ehemalige Lakehurst-Kommandant Rosendahl.
Er zeigte Hoehling einen Brief, den er im Mai 1937 von dem Sprengstoff-Dezernat der New Yorker Polizei erhalten und an die amerikanische Untersuchungskommission weitergegeben hatte, die das Schreiben jedoch unbeachtet ließ.
Berichtete Harry Campbell, stellvertretender Chefinspektor des Dezernats: "Detektiv George McCartney hat unserem Chef-Chemiker eine Materialprobe (des Zeppelin-Wracks) mit der Bitte um eine Analyse übergeben. Der Gegenstand war von einem dünnen Stück Baumwolle umgeben und bestand aus einer festen schwarzen Substanz. Der Inhalt der Baumwollumhüllung bestand aus einer Mischung von Magnesiumdioxyd, Zinkoxyd und Graphit."
Schlußfolgerung des Chefchemikers: "Aufgrund der Zusammensetzung dieses Stoffes kann gesagt werden, daß es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um die unlöslichen Reste einer Trockenbatterie handelt." Eine mit Baumwolle umhüllte Trockenbatterie aber gehörte nicht zur Ausrüstung der "Hindenburg".
Damit war für Hoehling der Ring geschlossen: Spehl mußte im Auftrag einer Anti-Hitler-Gruppe die Zeitbombe gefertigt und versteckt haben. Dabei sei ihm jedoch ein verhängnisvoller Fehler unterlaufen: Er hatte eine Verspätung der "Hindenburg" nicht einkalkuliert.
* A. A. Hoehling: who destroyed the Hindenburg?" Verlag Little, Brown and Company, Boston; 244 Seiten; 4,95 Dollar.
Explodierendes Luftschiff "Hindenburg": In den Trümmern die Reste einer Höllenmaschine
Amateurdetektiv Hoehling
Vor der Katastrophe ...
Amateurphotograph Spehl
... ein verräterisches Blitzlicht

DER SPIEGEL 33/1962
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 33/1962
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LZ HINDENBURG:
Sabotage in Zelle 4

Video 00:55

Video aus Portugal Notlandung nach Kontrollverlust

  • Video "Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft" Video 02:27
    Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft
  • Video "Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer" Video 01:24
    Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer
  • Video "Pfusch am Bau: Kleiner Fehler, fatale Folgen" Video 13:47
    Pfusch am Bau: Kleiner Fehler, fatale Folgen
  • Video "Debatte im Unterhaus: Theresa May verteidigt Brexit-Einigung" Video 01:47
    Debatte im Unterhaus: Theresa May verteidigt Brexit-Einigung
  • Video "Waldbrände in Kalifornien: Forensiker suchen nach menschlichen Überresten" Video 00:41
    Waldbrände in Kalifornien: Forensiker suchen nach menschlichen Überresten
  • Video "Nach Kollision: Norwegisches Kriegsschiff gesunken" Video 01:11
    Nach Kollision: Norwegisches Kriegsschiff gesunken
  • Video "Bisher unbekannte Spezies: Forscher filmen kuriose Tiefsee-Aliens" Video 00:38
    Bisher unbekannte Spezies: Forscher filmen kuriose Tiefsee-"Aliens"
  • Video "Phänomen Trumpy Bear: Commander in Plüsch" Video 01:11
    Phänomen "Trumpy Bear": Commander in Plüsch
  • Video "Tijuana: Migranten erklimmen US-Grenzzaun" Video 01:11
    Tijuana: Migranten erklimmen US-Grenzzaun
  • Video "Michelle Obama im TV-Interview: Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben" Video 01:46
    Michelle Obama im TV-Interview: "Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben"
  • Video "Game of Thrones - Staffel 8: #ForTheThrone" Video 01:15
    Game of Thrones - Staffel 8: #ForTheThrone
  • Video "88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur" Video 00:42
    88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur
  • Video "Anruf bei Krankenschwester im Jemen: Der Hunger ist so groß, dass die Menschen Blätter essen" Video 04:51
    Anruf bei Krankenschwester im Jemen: Der Hunger ist so groß, dass die Menschen Blätter essen
  • Video "Meinungen zur Super League: Sollen die Idioten doch machen, was sie wollen" Video 03:10
    Meinungen zur "Super League": "Sollen die Idioten doch machen, was sie wollen"
  • Video "Video aus Portugal: Notlandung nach Kontrollverlust" Video 00:55
    Video aus Portugal: Notlandung nach Kontrollverlust