29.08.1962

LUFTZWISCHENFALL

Zweimal monatlich

BUNDESWEHR

Kapitänleutnant Knut Anton Winkler, stationiert beim 1. Marine -Flieger-Geschwader der Bundeswehr, hatte mit seinem düsengetriebenen Jagdbomber Typ "Sea Hawk" vom USFlugzeugträger "Saragota" aus im Atlantik See-Einsatz geübt.

Am Freitag vorletzter Woche bewältigte er die erste Etappe seines Rückflugs, von Gibraltar bis Bordeaux, und am Sonnabend früh kletterte er wieder in die Kanzel seiner Maschine, um nach Jagel bei Schleswig heimzukehren.

Winkler kam vom Kurs ab. Um 13.20 Uhr - bei anhaltendem Westwind - überquerte er in 11 000 Meter Höhe mit rund 850 Stundenkilometer Geschwindigkeit die Zonengrenze bei Eisenach.

Mindestens zweimal im Monat verfranzen sich Nato-Maschinen über die Ostblockgrenze und verletzen damit die Anweisung, keinesfalls in die "Air Defense Identification Zone" längs des Eisernen Vorhanges einzufliegen.

Nur die wenigsten Fehlflüge werden bekannt. So verirrten sich beispielsweise im Dezember 1961 gleich vier Fluglehrer der Luftwaffenschule Fürstenfeldbruck nach Osten; im April dieses Jahres flogen zwei französische Maschinen- in das Hoheitsgebiet der DDR ein, und im Mai landete ein US-Hubschrauber auf einem Acker bei Wismar. Der Pilot fragte die verblüfften Bauern nach dem Weg gen Lübeck und entflog.

Andererseits registrierte die westdeutsche Flugüberwachung allein in vier Wochen, von Mitte August bis Mitte September des vergangenen Jahres, 38 Verletzungen des bundesrepublikanischen Luftraums durch sowjetische oder sowjetzonale Militärmaschinen.

Unübersichtlichkeit der Zonengrenze macht es westlichen wie östlichen Fliegern schwer, Feindesland zu meiden. Außerdem veranstalten beide Seiten Grenzverletzungen zur Beobachtung der gegnerischen Abwehrreaktion, an denen deutsche Piloten allerdings nicht teilnehmen dürfen. Aus diesen Gründen verzichten Ost und West in der Regel darauf, die gewollten oder ungewollten Irrflüge gleich zu einer Staatsaktion aufzublasen.

Der Kapitänleutnant Winkler jedoch

hatte Pech. Ehe die Flugüberwachung ihn noch in westdeutsche Luft zurücklotsen konnte, hatten "die für die Luftverteidigung auf dem Gebiet der DDR verantwortlichen Kräfte" (so die Zonen-Nachrichten-Agentur ADN) reagiert.

Ein Düsenjäger des Typs Mig 21 - der bisher nur von den Sowjets, nicht aber von den DDR-Luftstreitkräften geflogen wird - beschoß den Irrflieger. Winklers Maschine wurde getroffen, und der Kapitänleutnant mußte wegen eines Defektes am Fahrwerk auf dem Bundeswehr-Flugfeld Ahlhorn, rund 45 Kilometer südwestlich von Bremen, bäuchlings notlanden.

Die DDR sprach von einer "vorsätzlichen Luftprovokation", ähnlich wie nach jenem Irrflug der Augsburger Jabo-Piloten Eberle und Pfefferkorn aus dem Geschwader des Oberstleutnants Siegfried Barth, die im September letzten Jahres aus Versehen tief in die DDR eingeflogen waren und in Berlin -Tegel landeten.

Nach nächtlichem Plausch mit Luftwaffen-Inspekteur Kammhuber hatte Oberbefehlshaber Strauß damals jene als "Bier-Order 61" berühmt gewordene Weisung formuliert, wonach jeder Kommodore, durch dessen Geschwader Grenzverletzungen verübt würden, in

Zukunft grundsätzlich erst einmal abgelöst werde (SPIEGEL 19/1962).

Barth wurde seines Kommandos enthoben, seine fällige Beförderung zum Obersten storniert. Erst mit Hilfe des Wehrbeauftragten Heye und des Münchner Bundesdisziplinarhofes war es Barth schließlich gelungen, seinem Oberbefehlshaber Strauß die Rehabilitierung abzutrotzen (SPIEGEL. 30/1962). Eberle und Pfefferkorn wurden zum Bodenpersonal ihres Augsburger Heimathorstes strafkommandiert und haben noch heute Flugverbot.

Befragt, ob der Kommandeur der See-Luftstreitkräfte, der Kapitän zur See Hans Hefele, nun wegen der Grenzverletzung seines Kapitänleutnants Winkler mit sofortiger Ablösung bestraft worden sei, wich Strauß-Sprecher von Raven aus: Es stehe "nicht fest, was für Folgerungen gezogen werden".

Straußens Luftfahrer sind sicher, daß der Minister seine Lehren aus der Barth-Affäre gezogen hat. Beim Marine -Flieger-Kommando zu Kiel-Holtenau, dem der Kapitänleutnant Winkler untersteht, rechnet niemand mit einem Disziplinarverfahren.

Bundeswehr-Jagdbomber "Sea Hawk" (in Jagel): Luftkampf über der Zone


DER SPIEGEL 35/1962
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