29.08.1962

NIEDERLANDE / KOLONIALISMUSMesser auf dem Tisch

Hollands christ-konservative Politiker vereinten sich Ende August zu
einem heftigen Angriff auf Amerika, der noch lange in der Nato nachwirken wird: Sie klagten Washington an, das seit Woodrow Wilson heiligste Prinzip amerikanischer Außenpolitik verletzt zu haben - das Selbstbestimmungsrecht der Völker.
"Holland kann nicht mehr mit der Unterstützung seiner Verbündeten rechnen", jammerte der niederländische Ministerpräsident Jan de Quay, während sein baumlanger Außenminister Joseph Luns "die drastische Wendung Amerikas" gegen die Niederlande beklagte. Ein anderer Minister stöhnte: "Man hat uns in eine Sache hineingezwungen, die gegen unsere Ehre geht. Wir sind beschämt."
Anlaß der niederländischen Klagelaute war eine Zeremonie im Sitzungssaal des Weltsicherheitsrates in New York, mit der am Abend des 15. August 1962 zwischen 18.05 Uhr und 18.30 Uhr
das Ende des niederländischen Kolonialreiches definitiv besiegelt wurde. Holländische und indonesische Diplomaten unterzeichneten ein unter dem Druck Amerikas zustande gekommenes Abkommen, das auch die letzte holländische Kolonie dem asiatischen Nationalismus ausliefert: das Dschungelparadies West - Neuguinea (siehe Karte Seite 36).
Zwar war es dem US-Vermittler Ellsworth Bunker noch in letzter Minute gelungen, die niederländische Kapitulation - die Inselhälfte West-Neuguineas wird erst nach einem kurzen Übergangsregime der Uno an Indonesien fallen - notdürftig zu verschleiern, dennoch äußerte sich der verletzte Stolz der Holländer in harten Ausfällen gegen die USA.
Die Holländer reagierten um so derber, als Sprecher ihrer Regierung (Luns: "Das ist Erpressung! Die Niederlande werden nicht vor dem Messer auf dem Verhandlungstisch kapitulieren") immer wieder versichert hatten, Den Haag werde West-Neuguinea so lange halten, bis auch die Uno den Einwohnern der Kolonie das von Holland längst zugestandene Selbstbestimmungsrecht konzediere.
Daß sich die biederen Holländer derart eifrig für 700 000 Kopfjäger und Nomaden auf einer fernen Südseeinsel engagierten, läßt sich freilich mit rationalen Kategorien kaum begreifen.
West-Neuguinea war für viele Holländer mehr als nur eine Kolonie; West-Neuguinea war im Unterbewußtsein der Nation eine Art Sühnebeitrag, mit dem sich die Niederländer von ihrer kolonialistischen Vergangenheit befreien wollten.
Denn seit das Elf-Millionen-Volk der Niederländer vor 13 Jahren eines der größten Kolonialreiche der Geschichte verlor, leidet es unter einem kolonialen Verfolgungswahn, der ihm den Verdacht eingibt, Angelsachsen und Asiaten setzten gemeinsam das kolonisatorische Werk Hollands in Indonesien herab.
Das Mißtrauen gegen die Angelsachsen knüpft an die Frühgeschichte des niederländischen Kolonialismus an, in der sich die Ostindien-Kompanien Englands und Hollands einen- erbitterten Konkurrenzkampf um die Inselwelt des südlichen Pazifik lieferten.
Seit die ersten Holländer 1596 an der Westküste Javas landeten und den Grundstein zu dem niederländischen Kolonialreich in Südostasien legten, rangen Briten und Holländer um die Oberherrschaft über diesen Raum. 1685 setzten sich die Briten auf Sumatra fest, in der Napoleonischen Zeit fiel das ganze Kolonialreich Hollands in britische Hand - erst 1824 definierte ein britisch-holländischer Vertrag die Einflußzonen der beiden Mächte.
Aus dem primitiven Machtkampf wurde im späteren 19. Jahrhundert ein verfeinerter Wettkampf um die besseren Kolonialmethoden. Zwar hatte Holland längst das brutale ,Pfeffersäcke'-Regime der Ostindien-Kompanie liberalisiert, das als Beispiel schlimmster Kolonialpraktiken in die Geschichte eingegangen war, aber auch jetzt noch offenbarte sich die ganze Gegensätzlichkeit britischer und holländischer Kolonisatoren.
Während die Briten in ihrem Bereich dazu übergingen, eine eingeborene Verwaltung aufzubauen und die Mitarbeit des Kolonialvolkes zu gewinnen, beschränkten sich ihre Rivalen auf die Ausbeutung des Öl- und Kautschukparadieses Indonesien.
Die holländischen Kaufleute waren nur daran interessiert, ihre Kolonie wirtschaftlich zu nutzen. Dieses Ziel steuerten sie freilich mit der Vorurteilslosigkeit moderner Wirtschaftsmanager an: Sie öffneten holländischindonesischen Mischlingen den Weg in die weiße Kolonistengesellschaft, schufen das fortschrittlichste Gesundheitswesen des Kolonialismus und schützten sogar die indonesischen Plantagenarbeiter vor den schlimmsten Auswüchsen kapitalistischer Ausbeutung.
Was jedoch abseits wirtschaftlicher Nutzbarkeit lag, kümmerte die holländischen Kolonialherren nicht. Noch 1949 waren 90 Prozent der 80 Millionen Indonesier Analphabeten; die Verwaltung blieb in der Hand der einheimischen Fürsten, die ebensowenig wie die Holländer die Massen für die Selbstregierung vorbereiteten.
Die holländischen Kolonialherren verließen sich allzu blind auf die Passivität des malaiischen Volkscharakters. Aus solchen Illusionen wurden sie im Januar 1942 durch den Kanonendonner der japanischen Asien-Befreier aufgeschreckt, die - das Kolonialreich der "weißen Teufel" überrannten.
Die Japaner mobilisierten den indonesischen Nationalismus für ihre Ziele. Als die geschlagenen Samurai-Söhne im August 1945 kapitulierten, ließen sie die nationalistischen Banden des Ingenieurs Achmed Sukarno, mit japanischen Waffen ausgerüstet, als Herren des Inselreiches zurück.
Die Ironie der Zeitgeschichte überließ es den Briten, den letzten Anstoß zur Liquidierung des holländischen Kolonialreiches in Indonesien zu geben. Ende September 1945 landete der britische Generalleutnant Sir Philip Christison in Java mit einem Aus,spruch, den,ihm die Holländer nie verzeihen konnten: '"Ich bin nicht nach Java gekomnnen, "um das Land den Holländern zurückzugeben!"
Während die Holländer noch hinter dem Stacheldraht japanischer Konzentrationslager hockten und Christison die Landung holländischer Truppen auf Java verbot, begannen die Briten Verhandlungen mit dem Nationalisten Sukarno," die den einstigen Japan-Freund in London und Washington gesellschaftsfähig machten.
Noch versuchte Holland durch zwei grausame Feldzüge, die indonesischen Nationalisten auf die Knie zu zwingen, doch Washington drängte schließlich so unerbittlich, daß auch Den Haag nichts 'anderes übrigblieb, als seinen Frieden mit Sukarno zu machen. Im Dezember 1949 akzeptierte Holland die unabhängige Republik Indonesien.
Indes, die Holländer konnten den Verlust ihres Kolonialparadieses nie verwinden, sie lehnten sich um so beleidigter auf, als die Demagogen der neuen Republik ihre administrative
Unfähigkeit mit dem Argument entschuldigten, Holland habe als Wegbereiter der Unabhängigkeit versagt.
Da entstand in niederländischen Kolonistengehirnen die Idee, Holland solle durch ein uneigennütziges Werk in den Kolonien beweisen, daß es dem Land stets nur darum, gegangen, sei, Zivilisation und Wohlfahrt unter den kolonialen Völkern zu verbreiten.
Zum Schauplatz dieses Experiments würde die einzige Kolonie auserwählt, die den Niederlanden im Fernen Osten geblieben, war: West-Neuguinea.
Die zweitgrößte Insel der Welt im Nordosten Australiens war in der Tat ein idealer Platz kolonisatorischer. Uneigennützigkeit. Das Land,- dessen Bewohner - die Papuas - noch in der Wirtschaftsordnung der Steinzeit leben und dessen Gebiet nur zu fünf Prozent erforscht ist, hatte stets Kolonisatoren abgeschreckt.
Zwar hatten die Holländer- schon 1826 den westlichen Teil Neuguineas für sich beansprucht, dennoch schraken
sie vor dem schier undurchdringlichen Dschungel der Kopfjäger und Kannibalen zurück. Die Deutschen hatten sich 1884 im Nordosten der Insel festgesetzt, den sie an den australischen Besitzer des restlichen Neuguinea verloren.
In diese Hölle der Hoffnungslosigkeit aber verlagerten nun die in ihrem Stolz verwundeten Kolonisatoren Hollands ihren Tatendrang. Die Regierung in Den Haag versprach den 700 000 Papuas die Selbstregierung für das Jahr 1970, benannte West-Neuguinea in West-Papua um und leitete ein Entwicklungsprogramm ein, das im Ausland Erstaunen erregte.
Doch das holländische Projekt hatte einen argen Konstruktionsfehler: Das westliche Neuguinea wurde von Indonesien beansprucht. Seit Gründung der Sukarno-Republik wußten die Niederländer, daß keine Macht der Erde - wie fragwürdig auch die Rechtsansprüche der Indonesier waren - Sukarno bewegen konnte, seinen Anspruch auf Den Haags letzte Kolonie aufzugeben.
Anstatt beizeiten die Kolonie fallenzulassen, versteiften sich die Holländer in einen schier irrationalen Widerstand gegen Indonesien, dem schließlich alle wirtschaftlichen Positionen Hollands in Südostasien zum Opfer fielen:
- Im Jahre 1957 ließ Staatschef Sukarno
das niederländische Eigentum in Indonesien beschlagnahmen,
- wies die 50 000 Indonesien-Holländer zum Lande hinaus und
- brach später auch die diplomatischen Beziehungen mit Holland ab.
Bis zum letzten Augenblick hofften jedoch Hollands christ-konservative Politiker, die Uno und Amerika würden, notfalls Den Haag zu Hilfe eilen, stützten sich doch die Holländer auf den Artikel 73 der Uno-Satzung, der es allen Mitgliedstaaten zur Pflicht macht, "die Selbstverwaltung zu fördern".
Doch Amerikas Politiker sahen die Pein ihres holländischen Verbündeten in einer realistischeren Perspektive. Vor, die Wahl gestellt, entweder für das kleine Holland oder für die zweitgrößte Macht der neutralistischen Staatengruppe zu optieren, entschied sich Washington für Sukarno, zumal ein Krieg um West-Neuguinea die Gefahr einer sowjetischen Intervention in sich barg.
Als schließlich Staatschef Sukarno im Frühsommer dieses Jahres seine Fallschirmjäger in West-Neuguinea landen ließ griff Washington ein: Zuckerfabrikant und Exbotschafter Ellsworth Bunker wurde vom Weißen Haus ermuntert, einen Vermittlungsvorschlag auszuarbeiten, der Indonesien die ersehnte Inselhälfte sicherte, ohne die Niederländer zu verprellen.
Zuckerfabrikant Bunker fand eine Lösung. West-Neuguinea wird am 1. Oktober in die Hände einer Uno-Verwaltung übergehen, die das Land dann am 1. Mai nächsten Jahres dem Sieger Sukarno ausliefern wird.
Mochte auch Hollands Außenminister Luns mit seinem Rücktritt drohen - die Niederländer mußten sich fügen. Konstatierte die "Neue Zürcher Zeitung": "Das einzige Opfer sind die hohen Prinzipien der Satzung der Vereinigten Nationen und die 700 000 Papuas."
Sieger Sukarno, Tanzpartnerin*: Selbstbestimmung für Kopfjäger?
Hollands Außenminister Luns
"Das ist Erpressung !"
* Mit der Indonesischen Filmschauspielerei
Mieke Widjaya beim Neujahrsfest 196... in Djakarta.

DER SPIEGEL 35/1962
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