05.09.1962

DE-GAULLE-REISEBlut in Dosen

Konserven, angefüllt mit Ersatzblut der Blutgruppe Charles de Gaulles, stehen in den Kühlschränken aller Krankenhäuser von Bonn und Umgebung. Die Chirurgen haben Bereitschaftsdienst. Auf dem Weg vom Bonner Regierungsflughafen Wahn bis zur Residenz des französischen Botschafters auf Schloß Ernich bei Remagen werden in Abständen von drei Kilometern Sanitätsautos postiert, die den Patienten sofort in einen der vorbereiteten Operationssäle karren können, falls de Gaulle Unbill widerfährt.
Wenn Frankreichs Staatspräsident am Dienstag dieser Woche in der provisorischen Hauptstadt des Bundes am Rhein
Visite macht, stehen rund 3000 uniformierte Polizisten der Bereitschaftspolizei Nordrhein-Westfalens, 780 deutsche Kriminalbeamte in Zivil und 30 französische Sureté-Spezialisten von der "Protection rapprochée" (Leibgarde) aus dem Pariser Elysee-Palais in höchster Alarmbereitschaft.
Medizinische Sofort-Hilfsbereitschaft wie polizeilicher Großeinsatz sind Teile jener Manöver, mit denen die Sicherheitsbehörden der Bonner Republik garantieren wollen, daß die OAS-Zielscheibe Charles de Gaulle lebend nach Frankreich zurückkehrt. Meint Nordrhein-Westfalens Innenminister Weyer: "Wir glauben, das Menschenmögliche getan zu haben."
Den deutschen Grenzwächtern sind Listen mit den Namen von rund 100 OAS-verdächtigen Franzosen zugestellt worden. Die Pariser Polizeibehörden teilten ihren deutschen Kollegen dabei mit, der OAS-Freund Jacques Soustelle verfüge über einen Paß auf den Namen Jean Albert Seneque; dieses Papier hatte Soustelle erhalten, als er noch Minister in de Gaulles Kabinett war und des öfteren inkognito nach Algerien reisen mußte.
Der in Frankreich steckbrieflich gesuchte Expremier Georges Bidault, Präsident des im Untergrund wirkenden "Nationalen Widerstandsrates" der OAS, hält sich bereits in Süddeutschland auf.
Und der derzeitige militärische Chef der OAS, Ex-Oberst Antoine Argoud, Inspizierte insgeheim die Lüneburger Heide, weil eine Autofahrt durch dieses Gebiet zunächst auf dem Besuchsprogramm de Gaulles stand.
Seit Sowjetrußlands Vizepremier Anastas Mikojan im April 1958 dem westdeutschen Geschäftspartner am Rhein seine Aufwartung machte, hat die Bundeshauptstadt keinen derart geschützten Gast beherbergt.
Selbst als im August 1959 der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, Dwight D. Eisenhower, zur Stippvisite an den Rhein kam, wurde zwar das Essen, das Konrad Adenauer für seinen Gast bestellt hatte, zweimal auf Giftzusätze vorgekostet, aber um den Präsidenten vor Bomben- oder Revolverattentaten zu bewahren, hatte die Bonner Sicherungsgruppe - eine Außenstelle des Wiesbadener Bundeskriminalamtes - nur rund 500 Mann aufgeboten.
Auch Gast de Gaulle, der sich noch Pfingsten 1961 bei einem "Arbeitsbesuch" in Bonn ohne Rücksicht auf seine persönliche Sicherheit händeschüttelnd unter das Volk mischte, ist von der Notwendigkeit seines Geleitschutzes überzeugt, seit in der vorletzten Woche 12 OAS-Kugeln in den Präsidenten -Citroen einschlugen: Der Staatschef läßt sich von insgesamt 12 mit Kriminalpolizisten besetzten Polizeiwagen und 13 Motorrädern begleiten.
Der Sicherheitschef des Elysée-Palastes, André Ducret, zum Zeitpunkt des Attentats just mit den Vorkehrungen für seines Präsidenten Besuch am Rhein beschäftigt, erkundigte sich bei seinen deutschen Kollegen, ob der General nicht in einem gepanzerten Wagen die 27 Kilometer vom Wahner Flughafen nach Bonn zurücklegen könne.
Die Deutschen bedauerten. Für de Gaulle ist jene Sonderanfertigung bei den Mercedes-Werken ausgeliehen worden, in der bereits das zypriotische Staatsoberhaupt Erzbischof Makarios durch Bonn kutschiert worden ist. Dieser Leihwagen hat zwar besonders hohe Türen, aber keinerlei Panzerung.
Präsident Lübkes Fahrer Ulbrich, der seinen Chef und de Gaulle vom Flughafen in die rheinische Residenz fahren soll, hat zur Stärkung seiner Nerven bis zum Montag dieser Woche Erholungsurlaub.
Kanzler-Fahrer Klockner, dessen Chef laut Protokoll nicht mit de Gaulle zusammen in einem Wagen sitzen darf, sondern hinter dem Präsidenten-Auto herfahren muß, ist erleichtert: "Ein Glück, daß ich da raus bin."
OAS-Chef Bidault
Planen die Feinde des Generals...
... einen Anschlag in Deutschland?: De Gaulle-Attentat vom 22. August 1962*
* Französische Rekonstruktion.

DER SPIEGEL 36/1962
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