05.09.1962

GEDÄCHTNISWissen ist eßbar

Der Gelehrte dressierte Würmer. Du Immer wieder versetzte er {den winzigen Versuchstieren Elektroschocks, die jeweils durch einen Lichtblitz angekündigt wurden.
Nach mehreren Hundert Übungen hatten die Tiere, Plattwürmer der Gattung Planaria, die Aufeinanderfolge von Licht und Elektroschock offenbar kapiert. Sie zuckten schon zusammen, sobald nur das Licht aufleuchtete.
Die nächste Phase des Experiments leitete der Forscher ein, indem er die derart trainierten Tiere zerschnitzelte. Das Gehackte verfütterte er an undressierte Plattwürmer, mit denen er schließlich denselben Lehrstoff (Licht-Schock-Übungen) durchzunehmen begann.
Der Dressurakt vermittelte dem Dompteur, dem Psychologen Dr. James McConnell von der US-Universität Michigan, eine verblüffende Erkenntnis: Wissen ist eßbar.
Denn die Plattwürmer, die mit zerkleinerten Artgenossen fortgeschrittener Bildung gefüttert worden waren, lernten doppelt so schnell wie Würmer, die ungelernte Artgenossen verspeisten.
Der Vortrag, in dem Psychologe McConnell seine Entdeckungen vor einem wissenschaftlichen Forum in San Francisco enthüllte, trug denn auch den Titel: "Übertragung von Gedächtnisinhalten durch Kannibalismus bei Planarien".
McConnells Beobachtungen sind das jüngste Ergebnis amerikanischer Forschungen über den Mechanismus des Lernens. Bevorzugtes Studienobjekt sind Plattwürmer der Gattung Planaria, die primitivsten Lebewesen, die noch einem echten Lernprozeß unterworfen werden können. Es handelt sich um Strudelwürmer, die mit den schmarotzenden Saug- und Bandwürmern verwandt sind.
Die ein bis zwei Zentimeter langen Würmer gelten als ideale Versuchstiere, seit sich zu Beginn des vergangenen Jahres zwei Physiologen des Zentrums für Gehirnforschung der Universität Rochester (US-Staat New York) Aufschlüsse über die Natur sogenannter nervöser Substanzen zu verschaffen suchten.
Die Hirnforscher, Dr. Corning und Dr. John, dressierten milchigweiße Planarien, die unter Bachgeröll aufgelesen worden waren, mit Lichtblitz und elektrischem Schlag. Sobald die Würmer das Lichtsignal durch Muskelzuckung beantworteten, schnitten die Forscher die Planarien in der Mitte durch. In den folgenden vier Wochen ergänzten sich die Kopf- und Schwanzteile der - regenerationsfähigen - Tiere wieder zu kompletten Plattwürmern.
Als die Forscher nun ihre Dressurübungen wiederholten, stellte sich heraus, daß nicht nur die regenerierten Kopfteile den Dressurakt beherrschten; auch die aus dem Schwanzabschnitt gewachsenen Tiere beantworteten prompt das Lichtsignal.
Da sich die Wissenschaftler zuvor vergewissert hatten, daß Würmer, denen das Hirn entfernt worden war, nichts lernen konnten, ließ das Versuchsergebnis nur eine Deutung zu: Die Lehr -Information wird zwar im Gehirn verarbeitet und gespeichert, dann aber vervielfältigt und überall im Nervensystem des Wurms abgelegt. Auf diese Weise bleibt der Erfahrungsschatz auch denjenigen Würmern erhalten, die sich aus einem. Hinterteil ergänzen müssen. Ihr regeneriertes Gehirn im Vorderteil wird mit den einst gesammelten Informationen vom Schwanz her wieder aufgeladen.
In ihrer Versuchsanordnung sahen nun die beiden Forscher eine Möglichkeit, die Theorie zu prüfen, daß Gedächtnisinhalte charakteristisch veränderte Bestandteile (nach der jüngsten Theorie der Nervenphysiologen: sogenannte Ribonukleinsäure) von Nervenzellen seien. Sie wiederholten das Experiment noch einmal, setzten jedoch dem Wasser, in dem sich die zerschnittenen Würmer komplettierten, einen Stoff zu, der die Ribonukleinsäure der Nervenzellen auflöste.
Nach dieser Behandlung konnten sich nur noch die aus Vorderteilen regenerierten Würmer (denen also das Gehirn verblieben war) an den Dressurakt erinnern. Bei den aus Schwänzen gewachsenen Tieren hatte sich der Gedächtnisinhalt durch den Chemikalien -Zusatz aufgelöst.
Dieser Befund legte nahe, daß die Nukleinsäuren etwa dem Lochband -Material entsprechen, mit dem Elektronengehirne gefüttert werden. Tatsächlich zeigten sich von den Plattwurm -Forschungen der Doktoren Corning und John nicht nur die Nervenphysiologen fasziniert, die sich um die Aufklärung der Gedächtnisfunktion bemühen. Auch Biotechniker und Kybernetiker*, die nach neuen Prinzipien zur Verbesserung ihrer Elektronengehirne suchen, begannen mit ähnlichen Wurm-Experimenten. Sie interessieren sich vor allem für den sinnreichen Mechanismus der Wurmnerven, die gespeicherten Nachrichten im Bedarfsfall automatisch zu vervielfältigen und weiterzureichen.
Den bislang aufschlußreichsten Hinweis erhielten sie von dem Psychologen James McConnell von der Michigan -Universität, der einen Schwarm frisch gefangener Plattwürmer in zwei Gruppen geteilt, die eine mit einem Mus aus zuvor trainierten Artgenossen, die andere mit einem Brei aus untrainierten Würmern gefüttert hatte.
Daß jene Würmer, die dressierte Artgenossen gefressen hatten, doppelt so schnell lernten wie die Kontrolltiere, ließ sich nur so erklären: Die Nervenzellen-Bestandteile der dressierten Futterwürmer (mitsamt den gespeicherten Gedächtnisinhalten) waren vom Darmsaft der Kannibalen nicht einfach verdaut worden; sie mußten die Darmwände unzerstört passiert haben und von den Nervenzellen wieder aufgenommen und gespeichert worden sein.
Welche Möglichkeiten sich der Forschung aufgrund dieser Erkenntnisse erschließen, deutete Psychologe McConnell vor einem arterikanischen Forschergremium mit einer nur zur Hälfte scherzhaften Frage an: Warum sollten wir das ganze Wissen eines angesehenen Professors, das er über Jahre hinweg angesammelt hat, einfach verschwenden - nur weil er das Emeritierungsalter erreicht hat?"
"Aber noch bevor seine entsetzten Zuhörer", berichtete das Münchner Mediziner-Magazin "Selecta", "die Assoziation zu den Würmern, die gelehrte Würmer fressen, zu Ende gedacht hatten, ergänzte McConnell: Er habe keine inhumane Lösung des Pensionierungsproblems im Auge, sondern, daß die pharmazeutische Forschung endlich solche Gedächtnismoleküle synthetisiert, die dem Studiker erlauben, Pillen zu schlucken, statt in Hörsälen zu dösen."
Das angesehene "Journal of the American Medical Association" aber ließ sich die Pointe nicht entgehen. Es überschrieb seinen Bericht über McConnells Forschungen mit der Schlagzeile: "Möchten Sie gern intelligent sein? Dann verspeisen Sie einen Professor zu Abend."
* Kybernetik (vom griechischen kybernetes - Steuermann) umfaßt mehrere wissenschaftszweige, zwischen Technik und Biologie, die Steuerungs- und Regelungsvorgänge behandeln.
Wurm-Forscher McConnell: Klug durch Kannibalismus?

DER SPIEGEL 36/1962
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