19.09.1962

KUNST-DIEBSTAHL

Steuerlich absetzbar

PRESSE

Der Hamburger Sterndeuter Milo Renelt ist bereits aus dem Rennen ausgeschieden, der Hamburger "Stern" -Chefredakteur Henri Nannen noch nicht.

Beide hatten sich auf die Spur einer gestohlenen Madonna gesetzt:

- Der Hellseher verhieß den Bestohlenen, das Kunstwerk werde sich noch im (verstrichenen) August wieder anfinden.

- Der Chefredakteur versprach den Dieben ein kleines Vermögen und Diskretion, falls sie ihre Beute bis zum 30. September wieder herausrückten.

Die Täter waren am frühen Morgen des 7. August in die Wallfahrtskirche von Volkach bei Würzburg eingedrungen und hatten Tilman Riemenschneiders" "Maria im Rosenkranz" sowie zwei andere Plastiken mitgenommen (SPIEGEL 35/1962). Die Kunstwerke waren weder ge- noch versichert.

Kaum war die Freveltat bekanntgeworden, trat "Stern"-Chef Nannen, studierter Kunsthistoriker, in Aktion. In seiner Wochen-Kolumne rief er die Kirchenräuber auf, das Kunstwerk wieder herzugeben. Dafür würde der "Stern" sie mit "hunderttausend baren D-Mark ins Dunkel der Anonymität zurücktreten" lassen. Nannen verpfändete sein Ehrenwort und will es um jeden Preis halten, "daß wir sie der Polizei nicht verraten werden".

Bevor der Lösegeld-Appell erschien, hatte Nannen Kontakt mit der Madonnen-Eigentümerin - der katholischen Kirche - aufgenommen. Behutsamkeit schien ihm geboten, denn Anfang des Jahres hatte der "Stern" mit einem provokanten Artikel ("Brennt in der Hölle wirklich ein Feuer?") den Zorn von Gläubigen und Klerikern erregt.

Doch Nannen erlebte eine "angenehme Überraschung", als er sich telephonisch ins betroffene Volkach vortastete. Kirchenpfleger Hart vergaß angesichts der Stern-Taler den Höllen-Ärger und versprach, an der guten Sache mitzuarbeiten.

Noch am Abend desselben Tages flog der Volkacher Stadtkaplan Adalbert Dolata nach Hamburg und erkundigte sich in der "Stern"-Redaktion: "Herr Chefredakteur, was hat Sie zu diesem Angebot bewogen?"

Nannen: "In Volkach soll keiner deswegen Dankeschön sagen. Neben ideellen Gründen ist das eine reine Public -Relations-Sache für mich, steuerlich absetzbar."

Auf dieser Basis einigte man sich schnell. Kaplan Dolata: "Dann ist es ja ein richtiges rundes Geschäft ...

Um das runde Geschäft noch auszuweiten, ging Nannen daran, den geistlicherseits wohlgelittenen Aufruf breiter unter das Volk zu streuen: Er ließ ihn in den Anzeigenteil von 100 Zeitungen einrücken, die im mainfränkischen Raum erscheinen. 980 andere Redaktionen bat er, seine Aktion im Textteil zu erwähnen.

Lediglich der Justitiar des Springer -Konzerns sträubte sich gegen Nannens Inserate, die der "Welt" und dem "Bild" zugedacht waren: Die Sache rieche nach Begünstigung. Nannens Eloquenz zersiebte schließlich die Bedenken des Juristen. Die Anzeigen erschienen; doch die "Welt" erstaunte sich: "Ist es zu fassen? Räuber werden als Ehrenmänner behandelt, ihnen wird öffentlich quasi eine Belohnung ... in Aussicht gestellt."

Tatsächlich könnte der "Stern"-Chef, falls sein Geschäft mit den Gaunern klappen sollte, durchaus wegen Begünstigung belangt werden, und - sofern etwa Nannen bei richterlicher Vernehmung die Täter deckte - auch wegen unberechtigter Auskunftsverweigerung.

Dazu Nannen: "Diese Bombenreklame wäre ja gar nicht zu bezahlen, wenn ich allwöchentlich aus dem Kittchen an die Sternleser schriebe."

Kleinere Tageszeitungen hängten sich an Nannens Reklamefischzug an. So ein niedersächsisches Lokalblatt mit der Dachzeile: "Der 'Stern' fahndet mit dem 'Helmstedter Kreisblatt' und der 'Schöninger Rundschau'"; Überschrift: "100 000 DM für die Diebe - Die Verleger Henri Nannen und Erwin Jungfer verbürgen sich für Auszahlung."

Nannen: "Wenn ich bloß wüßte, wer Jungfer ist."

Zu solcher Team-Arbeit vermochte sich indes in Tatortnähe der Chefredakteur des "Würzburger Katholischen Sonntagsblatts", Hochwürden Dr. Helmut Holzapfel, keineswegs durchzuringen. Das "Organ des Bischofs von Würzburg" zeterte vielmehr unter der Überschrift "Sensationsgeschäft":

"Ausgerechnet jenes Magazin, das sich mit dem Höllenartikel so viel Sympathien unter den Katholiken verdorben hat ... glaubte, sich besonders engagieren zu müssen ... Vor allem pikant dabei ist, daß Chefredakteur Henri Nannen mit einem ausgeklügelten Coup den Stadtkaplan von Volkach, Adalbert Dolata, nach Hamburg in die 'Stern' -Redaktion zitierte und ihn journalistisch nach allen Regeln der Kunst über die Vorgänge in seiner Pfarrgemeinde ausfragte."

Holzapfels Schuß traf ins eigene Lager. Der katholische Konservator Muth des Mainfränkischen Museums in Würzburg bekannte sich in einem Brief an das Sonntagsblatt als "mitverantwortlich an dem ausgeklügelten Coup", da er als erster mit Nannen verhandelt habe.

Tatsache war nämlich:

- Kaplan Dolata war auf Vorschlag des Kirchenpflegers von Volkach nach Hamburg gereist;

- das Bischöfliche Ordinariat in Würzburg hat von Anfang an von der "Stern"-Aktion gewußt und sie gebilligt.

Fragte Muth den Glaubensbruder Holzapfel: "Ist eine kirchliche Institution so doppelzüngig?"

Auch Kaplan Dolata gedachte nicht, sich unwidersprochen der Teilhaberschaft an "schnödem Mammonismus" zeihen zu lassen. Er schrieb gleichfalls an das Bischofsorgan und verwahrte sich unter anderem: "Ich bin nicht nach Hamburg 'zitiert' worden, um über interne pfarramtliche oder ähnliche Dinge 'ausgefragt' zu werden. Bei einem Alter von 31 Jahren und nach über sechs Kaplansjahren bin ich längst darüber hinausgewachsen, vom fremder Hand zitiert und ausgefragt zu werden."

Einen Durchschlag seines Schreibens verlas der Kaplan zwecks Wiederherstellung seines öffentlich lädierten Leumunds mehrmals in der Kirche vor versammelter Gemeinde. Er verhalf damit dem "Stern" zu einem Echo ("Die Redaktionssitzung des 'Stern' ... verlief ... frei von jeder Sensationslüsternheit"), das sich die Illustrierten-Leute nie erträumt hätten: Lob von katholischer Kanzel.

Die Madonna freilich konnte bislang trotz geistlicher Fürbitte, Illustrierten -Scheck und Polizeifahndung nicht wieder herbeigeschafft werden. Bis zum letzten Septembertag will Nannen noch auf die Täter zu den alten Bedingungen warten: zahlen und schweigen. Dann aber soll das Geld "auf eine sehr wirksame Weise für die Ergreifung der Täter" ausgegeben werden.

Madonnen-Sucher Nannen: Mit hunderttausend baren Mark ins Dunkel


DER SPIEGEL 38/1962
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