26.09.1962

BUNDESWEHROnkel Aloys

"Wenn Sie mir eine allgemeine Bemerkung gestatten", so instruierte der Zeuge Franz-Josef Strauß die sieben Mitglieder des Bonner Fibag-Untersuchungsausschusses am Vormittag des 13. April, "dann darf ich wohl sagen, daß gerade auf dem Arbeitsgebiet des Verteidigungsministeriums, das eine ungeheure Reichweite hat, man immer ein gewisses Risiko läuft, wenn man dieses oder jenes Projekt verfolgt."
Vorsitzender und Parteifreund Hoogen nickte heftig - berechtigterweise, denn der unter Eid stehende Minister schweifte im Augenblick zwar ab, bekannte aber ansonsten die Wahrheit:
"Wir wandern hier immer auf einem schmalen Grate."
Strauß: "Man (hat es) auch mit Persönlichkeiten zu tun ... im ganzen Bereich, wo Rüstung und Rüstungsbauten zu vergeben sind, die man jedenfalls unterschiedlich bezeichnen möchte, um mich sehr vorsichtig auszudrücken."
So treffend jedoch der Zeuge mit diesen Floskeln die eigene Gratwanderung beschrieb, so wenig hatte sein Bekenntnis mit dem in Rede stehenden Fibag-Skandal zu tun: Das Housingproject der Kapfinger, Schloß und Co. fiel nicht in das Arbeitsgebiet des Verteidigungsministeriums, es bezog sich weder auf Rüstung noch auf Rüstungsbauten.
Tatsächlich hat es Franz-Josef Strauß, dem seine Umgebung willig dient, im eigenen Zuständigkeitsbereich auch gar nicht nötig, sich bei Hilfsaktionen mit Empfehlungsschreiben zu exponieren, wie er es im Fibag-Fall auf Anordnung Kapfingers zweimal tun mußte.
Andererseits pflegen Strauß-Freunde, die am Rüstungsboom partizipieren wollen, nicht - wie die Fibag-Menschen - leer auszugehen.
Bis heute blieb den Ausschuß-Mitgliedern wie den deutschen Zeitungslesern denn auch verborgen, an wen speziell der Minister wohl dachte, als er von "unterschiedlichen Persönlichkeiten" sprach, mit denen er es im Rüstungsgeschäft zu tun habe: nicht an Johann Evangelist Kapfinger jedenfalls, der ihn lediglich als erster Spezi in den Verdacht brachte, aus Freundesdiensten auch finanziellen Nutzen zu ziehen.
Viel eher hatte der Minister einen gewissen Peter Deeg im Fadenkreuz, ein anderes Exemplar aus der Sammlung seiner bajuwarischen Freunde. Dieser Deeg, Dr. iuris utriusque, dient in Bad Kissingen als Advokat im kleinen Stil dem Rechte, als Besitzer zweier Sanatorien diente er im großen Stil der Volksgesundheit.
Darüber hinaus aber darf er sich noch rühmen, der Bundesverteidigung im Frühjahr 1957 sozusagen nebenberuflich und auf Anhieb zu Granaten vom Kaliber 203 Millimeter verholfen zu haben.
Dabei war es für westdeutsche Beschaffer damals nicht etwa mühsam, Lieferanten für 203-Millimeter-Granaten zu finden. Zwar werden solch schwere Kaliber in Westdeutschland nicht produziert, indes verfügten die befreundeten Nachbarn über genügend unausgelastete Kapazitäten zur Herstellung der begehrten Sprengkörper; das Strauß-Ministerium hinwiederum zahlte in fester Valuta, die den Verbündeten zum Ausgleich ihrer notleidenden Zahlungsbilanzen tauglich erschien.
Sonderlich in Italien hatte man nicht ohne Neid verfolgt, mit welcher Generosität die Bundesrepublik soeben in der Türkei (Vertrag vom 29. August 1956) Munition aller Art bestellt hatte - für 740 Millionen Mark.
Da die staatlichen türkischen Munitionsfabriken Kirikkale, Elmadag, Kayas, Gazi, Ankara und Istanbul gar nicht in der Lage waren, derartige Munitionsmengen herzustellen, hatte sich Bonn sogar verpflichtet, 255 Millionen Mark vorab zu zahlen. Die Türken sollten damit erst einmal ausreichende Produktionsstätten einrichten.
Aus der amtlichen Begründung für dieses Karitativ-Geschäft (Anlage 2): "Die Abneigung gegen Rußland, insbesondere das Sowjetsystem, ist traditionelles National-Eigentum jedes Türken."
Unwidersprochen konnte die SPD-Bundestagsfraktion anschließend in einer "Mitteilung für die Presse" behaupten: "Von CDU-Seite wurde zugegeben, daß 'wir bei dem Vertrage draufzahlen'."
Italiens Produzenten meinten nun, ihre Fließbänder liefen leer, auch ließen sich in Italien gedrehte Granaten billiger in westdeutsche Depots verfrachten als türkische. Überdies gebe es, wie bei den Türken auf weltanschaulich-militärischer, so bei den Italienern auf weltanschaulich-politischer Ebene wertvolle Gemeinsamkeiten mit Bonn.
Führungskräfte der Democrazia Cristiana ließen durchblicken, ihre Partei stehe der westdeutschen Regierungspartei so nahe, daß es nur billig sei italienischen Konzernen aus dem offenbar unerschöpflichen deutschen Rüstungsetat Aufträge zu verschaffen - wofür die begünstigten Konzerne dann die Parteikasse des Amintore Fanfani dotieren müßten.
Noch verhandelten Strauß-Männer mit Fiat über die Lieferung von 88 Flugzeugen des Typs F 86 K (Wert 196 Millionen Mark), da zogen auch schon die ersten italienischen Munitionsvertreter über den Brenner: von der Firma Simmel beispielsweise, deren Werk im venetischen Castelfranco liegt.
Hektisch kreuzten Simmel-Generaldirektor Viola und sein Subdirektor Antonelli im Bundesgebiet. Die beiden wohnten im Mannheimer Hotel "Augusta", im "Breidenbacher Hof" zu Düsseldorf, im "Frankfurter Hof" zu Frankfurt und natürlich auch im Godesberger "Rheinhotel Dreesen". Als Mittler diente ihnen zunächst ein deutscher Fabrikant kleineren Formats, aber verwandter Branche. Während die Italiener Granaten produzierten, hatte er sich der Erzeugung von Spezial-Textilien für Kartuschbeutel verschrieben.
Doch, es stiegen zwar die Spesen, der für einen Abschluß offenbar entscheidende Kontakt mit der Bundeswehr-Spitze wollte sich nicht einstellen. Daran änderte sich auch nichts, als die Italiener einen neuen Mann zu Hilfe riefen: einen Manfred Josef, der zu Brüssel im eigenen Betriebchen Feuerwerkskörper erzeugt.
Auch Monsieur Josef zirkulierte wie die anderen Simmel-Figuren monatelang vergeblich zwischen Koblenz, Bonn und der Stadt Köln, wo der italienische Handelsrat Morabito residierte.
Schon wollten die Italiener aufgeben, als der Brüsseler Knallfrosch-Fabrikant - "Wir werden doch machen das Geschäft" - eines Tages stolz versicherte, er kenne jetzt den Leiter des Bundesrats-Stenographenbüros. Der Regierungsrat Kübel sei der augenblicklich beste Bonner Schrittmacher für diffizile Geschäfte.
Tatsächlich konnte der gerühmte Kurzschriftler zwar nicht selbst helfen, zierte sich aber sonst in keiner Weise. Das Simmel-Ensemble atmete auf, als es ihn sagen hörte: "Ich bringe Sie mit einem Mann zusammen, der den Minister sehr gut kennt. Der regelt solche Sachen, ist aber freilich nicht billig."
Man verabredete sich auf den 26. November 1956 in die Kübel-Wohnung, Bonn, Schedestraße - und alsbald tauchte, korpulent und laut, ein graulockiger Mensch auf, der von dem akkuraten höheren Beamten Kübel nicht ohne Hochachtung als Dr. Deeg, ein bayrischer Bekannter des Herrn Ministers, präsentiert wurde.
Deeg: Das Anliegen der Granaten-Macher finde seinen Beifall, sei aber natürlich, wie man ja wisse, äußerst schwierig zu erfüllen.
Der Bayer mochte, wie Kübel prognostiziert hatte, nicht tätig werden, bevor die Honorierung klar war. So wurden formlos auf einer Visitenkarte verteilt: "K. (Kübel) 1 Prozent; J. (Josef) 2 Prozent; D. (Deeg) 2 1/2 Prozent" und schließlich "V. (Viola) 1/2 Prozent". Mit dem halben Prozent sollte der Italiener weitere deutsche Hilfswillige abfinden.
Bei ihren Berechnungen verfuhren die vereinigten Rüstungs-Mittler pauschal. Als Kontraktsumme wurden 3 927 000 000 Lire unterstellt, das entsprach damals 26 315 800 Mark, die Provisionen indes wollte man, der Einfachheit halber, lediglich aus 25 Millionen errechnen - das Prozent mithin zu 250 000 Mark.
Deegs Partner, die monatelang vergebens antichambriert hatten, glaubten falsch zu hören, als sich der Strauß-Spezi nun abrupt erhob und erklärte, man könne bei Kübel auf ihn warten, er werde das Geschäft sofort im Ministerium perfekt machen.
Genau eine Stunde später schnaufte Deeg wieder ins Zimmer: Alles in Ordnung.
In den nächsten Wochen ließ sich der Mann, dem bis dahin lediglich gewisse Belange der CSU und des Franz-Josef Strauß geläufig waren, in Castelfranco die Geheimnisse moderner Granatherstellung erläutern und von der Firma Simmel als deutscher Bevollmächtigter bestätigen.
Auf den 23. Januar 1957 bestellte er dann den Generaldirektor Viola nach Bonn - und führte ihn geradewegs zu jenem Oberst Becker, Abteilung X (Verteidigungswirtschaft) des Verteidigungsministeriums, der sich bis auf den heutigen Tag rühmen darf, wie kein anderer Beamter oder Offizier die Intentionen seines Chefs zu begreifen.
Auch der von dem CSU-Menschen Deeg eskortierte Besucher brauchte bei Becker keine Zeit mit Präliminarien zu verlieren. Der höfliche Oberst bat den Italiener lediglich, als Unterlage bis zum nächsten Tage noch ein schriftliches Angebot über 120 000 Granaten einzureichen. Viola, der auf soviel ministerielle Kulanz keineswegs vorbereitet war, mußte im Hotel Nachtschicht einlegen.
Am 24. Januar lieferten Mittler Deeg und Handelsrat Morabito die improvisierte Offerte in der Ermekeilkaserne ab. Und abends unterzeichneten die Rüstungs-Hiwis einen neuen Provisionsvertrag: Josef war jetzt auf 1,3 Prozent abgefallen, Deeg dafür auf 6 Prozent gestiegen. Die Siegesfeier fand im "Dreesen" statt.
In seinem Appartement durfte der Dr. utriusque dort, so erinnern sich die Simmel-Provisionäre, auch einen hochgestellten Offizier begrüßen, den Ermekeil-Oberst Becker.
Noch allerdings hatte Deeg seine Provision nicht ganz erarbeitet. Der Auftrag wurde zwar in Bonn alsbald bestätigt, mußte aber hinsichtlich der technischen Details vom Koblenzer Beschaffungsamt ausgefertigt werden.
Dieses Amt wurde seinerzeit noch von dem Ministerialdirektor Dr. Rentrop geleitet (Rentrop später vor Freunden, "Strauß ist gut beraten, wenn er verhindert, daß ich je unter Eid über meine Koblenzer Erfahrungen aussagen muß"), der samt Mannschaft aus der Ära Blank überkommen war. Auch etliche von Rentrops Beamten hatten offenbar noch nicht begriffen, wie ernst sie nicht nur die Wünsche des Bonner Becker, sondern auch die bestimmter Bayern zu nehmen hatten.
Als sich das Hick-Hack mit Koblenz hinzog, ließ sich Deeg - am 13. Februar - zu den Beschaffern kutschieren, wo ihn ein Ministerialrat Bolk mit der Erklärung zu irritieren wagte, es sei in Sachen der Haubitz-Granaten noch nichts entschieden. Seit längerem werde auch mit anderen italienischen Firmen verhandelt.
Deeg, laut eigenem "Telephon- und Besprechungsvermerk": "Der Unterzeichnete erklärte Herrn Ministerialrat Bolk, daß er dessen Stellungnahme hierzu, wonach es sich um eine in der Luft hängende Sache handle, zur Kenntnis genommen habe. Er, der Unterzeichnete, werde sich deshalb sofort wieder nach Bonn zum Bundesverteidigungsministerium begeben, um diesen wohl einzigartigen Widerspruch zu klären."
Eine Stunde später schon saß der CSU-Kämpe dem Oberstleutnant Buksch gegenüber, dem damaligen Persönlichen Referenten des CSU-Genossen Strauß. Anschließend stapfte Deeg zu Oberst Becker.
Der Oberst, wiederum laut Deeg -Notiz: "Er (Becker) werde sich sofort einschalten, um hier die erforderliche Aufklärung zu schaffen."
Noch einmal wagten die Koblenzer zu bremsen. Einzelheiten des Auftrags seien noch zu klären. Für den 22. März wurde eine Plenar-Besprechung vereinbart, zu der für das Beschaffungsamt die Herren Steinhäuser, Kouczka und Rotzoll erschienen, für Simmel kam Deeg mit Viola und Antonelli.
Steinhäuser hatte gerade begonnen, seinen Fragen-Katalog abzuspulen, als dem Spezi die Geduld riß. Die Zeugen vermeinten aus Deegs gutturalen Kehllauten herauszuhören, daß jener wissen wollte, wer denn hier eigentlich zu bestimmen habe. Ferner schien Deeg die drei Subalternen zu unterrichten, welch einflußreiche Persönlichkeit er selbst sei.
Die Beamten hielten es für geboten, die Rüpelszene abzubrechen. Anschließend verbot der verstörte Viola seinem deutschen Agenten weitere Besuche im Beschaffungsamt.
Das war freilich ohnehin Deegs letztes Gefecht in Koblenz. Der Spezi bediente fortan nur noch den langen Bonner Hebel: Die 203-Millimeter-Granaten rollten an.
Franz-Josef Strauß aber eröffnete jene Reihe fragwürdiger Antworten auf Kleine Anfragen der SPD im Bundestag, die er am 13. Juli 1961 mit der Antwort auf die Fibag-Anfrage - vorläufig - abschloß.
Ollenhauer und Fraktion hatten sich unter dem 12. Dezember 1957 erkundigt: "Sind der Bundesregierung irgendwelche Tatsachen bekannt, welche die in der Schweizer Zeitung 'Die Tat' am 21. November 1957 wiedergegebenen Behauptungen über den Zusammenhang zwischen den deutschen Aufträgen an Fiat und der Finanzierung der italienischen christlich-demokratischen Partei entkräften können?"
Und: "Ist die in der Zeitung ("Die Welt") enthaltene Meldung richtig, wonach italienische Firmen 'erhebliche Provisionen an private deutsche Vermittlungsagenten' gezahlt haben sollen?"
Der Bundesminister für Verteidigung antwortete am 30. Dezember auf die erste Frage mit einem schlichten "Nein", woraus die Genossen schließen mußten, daß der Bundesregierung keine Tatsache eingefallen war, die den Vorwurf einer indirekten Finanzierung der Democrazia Cristiana aus deutschen Steuergeldern hätte entkräften können.
Von ähnlicher Zurückhaltung zeugte auch die zweite Antwort: "Der Bundesregierung ist nichts davon bekannt, ob italienische Firmen 'erhebliche Provisionen an private deutsche Vermittlungsagenten' bezahlt haben."
Offenkundig hatten weder Strauß noch sein Becker den Bad Kissinger Rechtsanwalt gefragt, weshalb er denn die Bundeswehr mit Haubitz-Granaten aus Castelfranco einzudecken wünsche - genausowenig wie Strauß späterhin von Kapfinger wissen wollte, was wohl einen niederbayrischen Provinzverleger dazu bewege, sich um den Wohnkomfort amerikanischer Besatzer in Heidelberg und Mannheim zu kümmern.
Freilich, der Rechtsanwalt Deeg redet auch so munter geradeaus, daß selbst seine besten Freunde wenig Gelegenheit haben, ihn zu unterbrechen. Überdies pflegt sich Deeg, wenn ihm doch einmal eine heikle Frage gestellt wird, der Situation gewachsen zu zeigen.
So erzählte er in vorgerückter Stunde den Simmel-Kameraden, im Grunde sei er wissenschaftlich und literarisch interessiert: "Zwei Werke habe ich bereits geschrieben."
Und als die Hörer, die lediglich kaufmännische Meriten aufzuweisen hatten, neidvoll Näheres wissen wollten: "Das erste war ein juristisches Spezialwerk, das andere griff ein historisches Thema auf, 'Die Julier'."
Granaten-Deeg hatte kaum beschönigt. Tatsächlich erschien aus seiner Feder ab 1939 in insgesamt drei Auflagen ein Buch, dessen Inhalt juristisch sowohl wie speziell war: "Die Judengesetze Großdeutschlands".
Im Vorwort, datiert aus "Nürnberg - Stadt der Reichsparteitage", wünschte der Autor: "Mögen dem deutschen Volk diese Gesetze immer erhalten bleiben."
Auch das historische oeuvre des Wissenschaftlers Deeg läßt sich in besser assortierten Bibliotheken, etwa in der des deutschen Bundestages, die auch den Bundesministern zugänglich ist, leicht ausfindig machen. Es behandelt allerdings nicht das julisch-claudische Herrscherhaus im alten Rom, dessen Ende die Geschichtsschreibung auf das Jahr 68 nach Christus verlegt, sondern widmet sich der neueren Geschichte, beginnend mit dem Jahre 1510, als Kurfürst Joachim I. von Brandenburg seine Landeskinder mosaischen Glaubens Urfehde schwören und hernach emigrieren ließ.
Unter der Widmung "Julius Streicher, dem Förderer von Wissenschaft und Kunst" verbreitete sich Peter Deeg nicht über "Julier", sondern über "Hofjuden".
Kunstförderer Streicher erlebte allerdings an seinem Star-Autor nicht nur Freude. Im Jahre 1941 ließ ein ordentliches Gericht den Deeg sechs Monate einsitzen. Grund: betrügerische Manipulationen zum Nachteil des Stürmer -Verlags.
Andererseits versichert der Doktor, der sich später selbst zum Widerstandskämpfer beförderte, durchaus wahrheitsgemäß, er sei niemals NSDAP-Mitglied gewesen. Freilich: Das zuständige Parteigericht lehnte Deegs Aufnahme-Anträge wegen "charakterlicher Unzuverlässigkeit" des Petenten ab.
Erst nach dem Kriege durfte Streichers Juden-Autor Parteimitglied werden - in der CSU, deren heutiger Chef Strauß neben dem heutigen Stellvertretenden Landesvorsitzenden Weiss im Münchner Vorzimmer des CSU -Gründers Josef Müller (Ochsensepp) das demokratische Einmaleins erlernte. Deeg erwarb die Freundschaft des Ochsensepp-Eleven Weiss, als er bei Josef Müller Visite machte. Weiss wiederum brachte seinen offenbar vielseitigen Duzbruder Deeg mit dem Ochsensepp-Eleven Strauß zusammen, der das Kissinger Talent bald nicht minder schätzte.
Nachdem es sich so gefügt hatte, daß der CSU die stärkste politische Position in Bayern zugefallen war, konnte auf die Dauer natürlich nicht ausbleiben, daß Freund Deeg nunmehr endlich auch als Anwalt zugelassen wurde: Bis 1945 hatte sich die Kammer beharrlich geweigert, einen Vorbestraften als Kollegen aufzunehmen - obschon sich dieser Peter bereits 1925 im nationalsozialistischen Sinne bewährt hatte, indem er als Klassenältester seine jüdischen Mitschüler Kissinger, Jeidel und Tachauer von der inoffiziellen Schulschlußfeier ausschloß.
Kaum war 1952 der Münchner Weiss Oberbürgermeister von Bad Kissingen geworden, da erhielt der CSU-Anwalt Deeg einen ebenso interessanten wie verantwortungsvollen Auftrag. Er sollte die Stadt in ihren Verhandlungen mit etlichen Spielbank-Anwärtern vertreten.
Das Rennen um die Kissinger Konzession machte schließlich ein gewisser Simon Gembicki - der sich zur Freude der Stadtväter auch bereit erklärte, den städtischen Anwalt Deeg an Stelle der Stadt zu honorieren: Gembicki bewertete Deegs Dienste für Kissingen mit 20 000 Mark.
Nachdem Weiss und seine Gemeinderäte den Konzessionsvertrag gebilligt hatten, präsentierte sich der bisherige Stadt-Anwalt Deeg zur allgemeinen Verblüffung plötzlich als künftiger Gembicki-Repräsentant.
Was Deeg für den Konzessionär zu tun hatte, formulierte der Spielbanken-Ausschuß des bayrischen Landtags im Mai 1957 dann so: "Gembicki war ... bemüht, über Dr. Deeg die ablehnende Haltung der CSU gegenüber der Zulassung von Spielbanken überhaupt zu korrigieren."
Der solcherart auf oberster christlich-sozialer Ebene engagierte Anwalt fand für seine Praxis wenig Zeit. Dafür baute er neben der zerstörten Burg des Kissinger Minnesängers Otto von Botenlauben einen schneeweißen Herrensitz mit gekacheltem Schwimmbad und Blick auf das Kurhaus Hohenzollern sowie auf die Schieferkuppeln des Kurpark-Sanatoriums, die beide ebenfalls sukzessive in das Eigentum des Streicher-Barden und CSU-Spezi gelangten.
Bei aller Aktivität aber verlor der angelnde Monokelträger Deeg niemals das Interesse der Bundeswehr aus den Augen - seit diese Einrichtung von einem Parteifreund verwaltet wurde. Erst kürzlich wieder durfte er der bayrischen Landesverteidigung ein 150-Hektar-Gut in Guselried bei Peißenberg, südwestlich von München und unweit Schongau, verkaufen, das ein Mandant des Deeg im Jahr 1957 zu dem damals schon als überhöht geltenden Preise von 450 000 Mark erworben hatte: Deeg nahm vom Fiskus anderthalb Millionen.
Freilich, obwohl dieser CSU-Geschäftsmann seit vielen Jahren sein Bestes gibt, wenn es gilt, alte Beziehungen zu kapitalisieren, so ist doch zweifelhaft, ob Deeg allein dem Franz-Josef Strauß vor Augen stand, als der Minister dem Fibag-Ausschuß von den "schmalen Graten" des Rüstungsgeschäfts berichtete. Dafür sind die CSU-Spezis, die von dem emporgekommenen Parteigenossen zehren wollen, zu zahlreich.
Möglicherweise dachte Zeuge Strauß daher an einen Mann, der ihm gar nicht von parteiwegen verbunden ist: an einen gewissen Aloys Brandenstein nämlich, der weit unter Deeg anfing und um Millionen über Deeg endete.
Dr. Brandenstein war - nach allerlei mißglückten Anläufen - um die Weihnachtszeit des Jahres 1957 derart abgebrannt, daß er sich Sorge machte, wie er wohl die Miete für seine 60-Quadratmeter-Wohnung in Frankfurt-Sachsenhausen, Holbeinstraße 62, aufbringen könnte. Nicht einmal mehr seine Sachsenhausener Stammkneipe in der Schweizer Straße durfte er betreten: Brandensteins Freunde aus jener Zeit erinnern sich genau, daß der durstige Doktor mit rund sechs Mark in der Kreide stand und der "Äppelwoi"-Wirt Bargeld sehen wollte.
Der Gastronom konnte nicht ahnen, daß sein Zechschuldner binnen Jahresfrist als unsichtbare Säule der westdeutschen Rüstung nicht nur im Inland, sondern selbst in Brüssel, Zürich oder Lissabon für sechsstellige Beträge gut sein würde.
Tatsächlich brachte den bankrotten Brandenstein erst ein emeritierter Bankkaufmann namens Moetzing darauf, welche Fähigkeiten seiner Person innewohnten. Mit Hans Georg Moetzing, der einen Wagen und etwas Bewegungsgeld besaß, hatte sich Brandenstein zusammengetan, um auf Provisions-Basis kleine Industrie-Aufträge zu vermitteln.
Die Kompagnons tauschten auf gemeinsamen Fahrten durch die Bundesrepublik Lebenserinnerungen aus. Dabei erzählte Brandenstein, daß er ehedem im bayrischen Bad Aibling einen Betrieb besessen habe, der 1952 einging. Seinerzeit und in den folgenden Jahren habe er im Hause des Dr. Max Zwicknagl, eines Brauereibesitzers, in Rott am Inn verkehrt. Der Brauer sowie dessen drei Töchter seien ihm, dem Brandenstein, recht wohlgesinnt gewesen.
Brandenstein zu Moetzing: "Für die Mädel war ich der Onkel Aloys."
Es war Moetzing, der die Chance witterte: Jener Zwicknagl sei gerade zum Schwiegervater des Verteidigungsministers Franz-Josef Strauß und zum deutschen Konsul in Innsbruck aufgestiegen.
Moetzing: "Da müssen Sie telephonieren. In der Rüstung kann jeder verdienen. Und wenn Sie die Frau Minister kennen ..."
Brandenstein klingelte in Innsbruck an. Moetzing erlegte die Gebühren und hörte voll Genugtuung, daß sein Partner nach einigen Tagen zurückrufen solle, um Weiteres zu erfahren.
Fazit des zweiten Gesprächs: Brandenstein möge sich in Bonn beim Persönlichen Referenten des Ministers melden, der schon Bescheid wisse.
Nach diesem Anfang war der Bankmann bereit, zu den Telephonkosten auch noch das Benzin für eine Bonn-Reise vorzuschießen. Er wartete (wie weiland Architekt Suske) im Wagen vor der Ermekeilkaserne, während der Freund des Hauses Zwicknagl beim Minister antichambrierte.
Brandenstein kam optimistisch zurück, der Adjutant habe ihn zu einem Oberst Becker geschickt, der sehr freundlich gewesen sei. Der Oberst habe sogar einen Scherz gemacht.
Zu Moetzing: "Becker meinte, der Herr Minister wünscht, aber die Frau Minister kontrolliert." Das war im Frühsommer 1958.
Dennoch mußte Moetzing noch mehrfach nach Bonn fahren, bis der Oberst eine Position an der Hand hatte, die für einen Schützling der Familie Strauß angemessen erschien. Erst nach dem vierten Besuch kam Brandenstein mit der Meldung zum Parkplatz: "Es tut sich was. Becker sagt, ich komme in die Remscheider Firma Backhaus."
Moetzing: "Was stellen die her?"
Brandenstein: "Panzerketten."
Moetzing freute sich so, das er dem kommenden Mann - am 12. August 1958 - einen Barscheck über 100 Mark aushändigte, "damit Brandenstein sich auf Abruf in Bonn aufhalten konnte".
Die Erwin Backhaus K.G., ein angejahrter Familienbetrieb, hatte die Armeen des Führers mit Ausgleichern und anderem Zubehör für 8,8-cm-Flak-Geschütze beliefert und damals ihren Maschinenpark ganz auf schweres Militär-Gerät umgestellt. In den Jahren, in denen selbst Franz-Josef Strauß die Grenzen nicht "verteidigen mochte, die die Dummheit der anderen geschaffen hat", wurden in den Backhaus-Hallen notdürftig Metalldekorationen und Elektrogeräte, etwa Waffeleisen, gebastelt, bis endlich wieder die ersten branchennahen Aufträge einliefen, von den Besatzern.
Backhaus durfte Steuerungen und Bremsteile für englische Militärlastwagen liefern. Dann entdeckten die Belgier, daß sie auch die Raupen ihrer gepanzerten Karretten am schnellsten und preiswertesten in Remscheid reparieren lassen konnten.
Bald fertigt Backhaus nur noch Ketten. Die Firma experimentierte und ließ sich eine Reihe von Verbesserungen patentieren. Als gegen Ende des Jahres 1955 die Bundeswehr auf dem Markte erschien, arbeitete man in Remscheid schon wieder mit etwa 500 Mann.
Vater Erwin Backhaus nebst Söhnen Erwin und Dieter wähnten nun aller Sorgen ledig zu sein: Ihre K.G. besaß eine Art Monopol für Panzerketten, von denen die Bundeswehr Riesenmengen benötigen würde. Da solche Ketten eine ganz bestimmte, vergleichsweise geringe Lebensdauer von allenfalls 5000 Fahrkilometern haben, mußte sich zwangsläufig sogar jedes Manöver in den Auftragsbüchern niederschlagen.
Indes, obschon die Bundeswehr der Backhäuser bedurfte, obwohl auf der anderen Seite der Remscheider Betrieb keinen Großabnehmer mehr außer dem Koblenzer Beschaffungsamt hatte, so entwickelten sich die Geschäftsbeziehungen doch anders, als im Interesse der beiden Partner zu liegen schien.
1955 wurden lediglich Sondierungs-Gespräche geführt, und auch im folgenden Jahr setzten die Kettenhersteller kaum 10 Millionen Mark um. Erst 1957 wurde sich die Bundeswehr über ihren Bedarf einigermaßen klar: Backhaus durfte nun für 17 Millionen liefern. Trotzdem aber klagte man in Remscheid.
Erwin Backhaus junior, der sich mittlerweile als Ketten-Ingenieur spezialisiert hatte: "Mal waren wir über-, mal unterbeschäftigt. Für kaufmännische Argumente waren die Leute in Koblenz nicht zugänglich. Jeder wollte sich absichern. War dann der Auftrag endlich erteilt, so sollte alles über Nacht gehen. Mein Alter wurde zum Choleriker."
Die Ketten-Beschaffer wiederum fanden es ebenfalls nicht einfach, mit den Backhaus-Chefs umzugehen, die bei jeder Gelegenheit betonten, mit ihren Erzeugnissen auf dem europäischen Waffenmarkt an der Spitze zu liegen. Vater Erwin Backhaus widmete seine Freizeit überdies den friedlichen Zwecken der Nächstenliebe und versuchte nach Brauch der bergischen Sekte "Ecclesia" - durch Handauflegen Segen zu stiften. Zu Bonn und Koblenz hatte man für seine Tiraden wenig Verständnis.
Im Frühjahr 1958 waren die Beziehungen zwischen den militärischen Kunden und ihren zivilen Lieferanten auf einem Tiefpunkt angelangt. Andererseits: Die Bundeswehr war auf die Backhaus-Ketten mehr denn je angewiesen; nach Lage der Dinge hätte die Firma Millionengewinne abwerfen müssen.
In diese Zeit fiel der erste Besuch des Aloys Brandenstein bei Straußens Ober-Beschaffer Becker - jene Visite, nach der Moetzing hörte, der Oberst werde Brandenstein auf Wunsch des Ministers unterbringen, sobald etwas Geeignetes vorhanden sei.
Dazu Moetzing heute: "Daß meine Nummer dann schon einige Wochen später so groß herauskam, hätte ich damals natürlich selbst nicht zu hoffen gewagt."
In der Erinnerung des jungen Backhaus, der von Moetzing nichts weiß, sind die folgenden Wochen nicht weniger eingegraben: "Mit den Koblenzern war plötzlich überhaupt nichts mehr zu machen, kein Auftrag, keine Zahlung. Wir aber konnten den Löhnen nicht ausweichen."
Den Backhaus senior dünkte es unter solchen Umständen eine himmlische Fügung, als bei ihm an einem Tag im August - gerade nachdem Brandenstein dem Moetzing in Bonn erstmals von der Remscheider Zukunft geschwärmt hatte - der Neußer Kaufherr Christian Steinrücke erschien, Bonner Lobby-Mann der damals noch solventen Firma Willy Schlieker. Steinrücke kannte nicht nur den Schlieker-Abnehmer Backhaus, sondern durfte sich mit Fug auch als Vertrauter des Obersten Becker bezeichnen.
Der Becker-Emissär überredete den in Druck geratenen Firmenchef, einen gewissen Dr. Brandenstein - "den Onkel der jungen Frau Minister" - als Verbindungsmann zu Ministerium und Beschaffungsamt anzustellen: "Dann klappt das mit den Aufträgen garantiert."
Dazu Backhaus senior: "Brandenstein, das war für mich ein ganz unbeschriebenes Blatt. Ich hatte keine Ahnung, wer das überhaupt war."
Dem Ecclesia-Handaufleger blieb freilich nichts anderes übrig, als zuzustimmen. Den Anstellungsvertrag hatte Steinrücke schon unterschriftsfertig: Monatsfixum für Brandenstein 7500 Mark, Vertrauensspesen, Wohnung in Remscheid und Mercedes mit Chauffeur.
Zum letzten Male ließ sich Brandenstein von Moetzing fahren. Diesmal ins Bergische Land nach Remscheid, wo er sich unverzüglich für 30 000 Mark in der Vertragswohnung einrichtete.
Im Betrieb stiftete er zunächst allgemeine Euphorie. Er verlangte von diesem und jenem Apparat aus Frau Strauß: "Hier Onkel Aloys", sicherte den Backhäusern kontinuierliche Vollbeschäftigung zu und ermittelte für sie in Koblenz auch tatsächlich einmal die sonst vertraulich behandelten Preise, zu denen die Konkurrenz Ketten anbot: "Wir müssen fünf Pfennig billiger sein!"
Da mochte man sich in Remscheid denn auch nicht an der Gründlichkeit stoßen, derer sich der aufgepfropfte Lobbyist beim Studium von Fertigung, Kalkulation und Absatz befleißigte. Selbst Brandensteins Spesenrechnungen wurden achselzuckend toleriert, obschon sie nicht nur wegen ihrer Höhe Aufsehen erregten, sondern offenbar auch auf Backhaus-fremden Reisen entstanden sein mußten, wie etwa nach Portugal, wohin noch niemals eine Panzerkette geliefert worden war.
Solche Großzügigkeit wich allerdings schmerzlicher Enttäuschung, als zu Anfang des Jahres 1959 Koblenz abermals völlig verstummte. Schon im Mai wußten die Backhäuser wieder nicht, wie sie die Lohntüten ihrer mittlerweile auf 700 Köpfe angewachsenen Belegschaft füllen sollten.
Ihre schier verzweifelten Bemühungen, die Lage durch persönlichen Einsatz zu wenden, führten schließlich nur dazu, daß die Staatsanwaltschaft Koblenz gegen den jungen Backhaus zu ermitteln begann: Was Erwin als legitime Aufgabe eines bedrohten Firmenchefs ansah, dem plötzlich ohne sichtbaren Grund die Aufträge gestoppt werden, nämlich "notfalls gegen Bezahlung" Informationen einzuholen, das Interpretierten die Staatsanwälte als aktive Bestechung; Anklage wurde jedoch bisher in keinem Fall erhoben.
Im Sommer war die Backhaus K.G. am Ende. Als der Bonner Verbindungsmann einen seiner rar und kurz gewordenen Besuche abstattete, stöhnte der Seniorchef, er verkaufe jetzt.
Vater Backhaus: "Da packte mich der Onkel aufgeregt am Arm und rief: 'Den richtigen Käufer für Sie habe ich schon, der zahlt den Laden hier aus der Westentasche, die Sache ist in fünf Tagen perfekt'."
Brandenstein wußte wirklich den richtigen Käufer: Wenige Tage später, am 1. August 1959, trat Backhaus sein Werk an den Nürnberger Industriellen Carl Diehl ab.
Diehl hatte das Backhaus-Trio innerhalb von 48 Stunden auf den nackten Buchwert heruntergedrückt, auf rund fünf Millionen Mark. Für die Übernahme sämtlicher Fertigungsunterlagen und aller Patente sowie als Abfindung des im Betrieb tätigen Ingenieurs Erwin Backhaus legte er schließlich noch zwei Millionen drauf.
Dabei hatte die K.G. einen Realwert von annähernd 20 Millionen Mark, wenn man einen - nach der Marktlage durchaus normalen - Umsatz von jährlich 25 Millionen nebst entsprechendem Rohgewinn von etwa zwei Millionen zugrunde legt.
Freilich, Backhaus konnte nicht einmal den existenz-notwendigen Umsatz erzielen, wenn Bonn nicht bestellte.
Dazu Diehl damals: "Ihr kriegt ja keine Aufträge."
Dazu Backhaus junior heute: "Er konnte den gesamten Kettenbedarf der Bundeswehr als kontinuierlichen Auftrag kalkulieren und den Stau noch dazu. Der Brandenstein war nur vorgeschickt worden, um unseren Betrieb auf seine Kapazität zu röntgen."
Tatsächlich hatte Carl Diehl, wie beispielsweise auch schon 1956 beim preiswerten Erwerb der Aktien-Mehrheit an der Schramberger Uhren-Fabrik Junghans, beim Kauf des Remscheider Kettenwerks eine geradezu frappante Witterung für Rüstungschancen an den Tag gelegt: Kaum war die Umschreitung im Handelsregister vorgenommen, da begann die Bundeswehr großzügig einzukaufen.
1960 schnellte der Umsatz auf 35 Millionen, die Zahl der Beschäftigten stieg auf über 1000. Heute liefert die Remscheider Diehl K.G. monatlich für rund vier Millionen Panzerketten in die Strauß-Läger - die Kette zu 72 Glieder, das Glied zu 95 Mark.
Jetzt erst, als sie von ihren Villen aus Zeugen des spektakulären Erfolges wurden, den Diehl mit den von ihnen entwickelten, mittlerweile nicht einmal verbesserten Ketten errang, kamen den depossedierten Firmenchefs einige späte Einsichten bei. Beispielsweise erfuhren sie nun, wie umsichtig der Nürnberger Aufrüster in ihrem speziellen Fall die Belange der bayrischen CSU mit denen seines Konzerns verbunden hatte.
Der neue kaufmännische Chef Friedrich Krapf nämlich rühmte sich zum bassen Erstaunen der alten Backhaus-Angestellten, daß er von Diehl schon seit sechs Monaten als Remscheider Direktor besoldet werde: Sechs Monate vor dem Verkauf aber hatte von den Backhäusern niemand auch nur entfernt mit dem Debakel gerechnet.
Als sie sich dann nach dem Werdegang des vorfabrizierten Diehl-Direktors erkundigten, staunten die Backhäuser noch mehr. Krapf hatte sich bis Ende 1958 lediglich politisch betätigt als mit 800 Mark besoldeter Geschäftsführer des Bayernpartei-Kreisverbandes München Stadt und Land, den der hünenhafte Ludwig Maximilian Lallinger kommandierte. Vier Wochen vor den auf November anberaumten letzten Landtagswahlen erst, am 27. Oktober 1958, hatte sich der Funktionär von seinem Arbeitgeber demonstrativ getrennt.
Grund, wie Krapf zum nicht geringen Schaden der Bayernpartei öffentlich bekanntgab: Lallingers "unqualifizierte und persönliche Angriffe" gegen den Stellvertretenden CSU-Landesvorsitzenden, den Verteidigungsminister Strauß.
Plausibler Grund: eine CSU-Dotation von 1500 Mark, die dem Bayernpartei-Geschäftsführer noch während seiner Amtszeit monatlich zuteil geworden war.
Den Erwin Backhaus freilich interessierten weniger die Motive des Krapfschen Frontwechsels, als vielmehr die Zusammenhänge zwischen Diehl-Dispositionen und Strauß-Dispositionen: Machte doch Carl Diehl offenbar einen um die Strauß-Partei verdienten politischen Renegaten zum Direktor einer Firma, die dem Diehl-Konzern erst viel später zufallen sollte - als Frucht der Auftrags-Politik des Strauß-Ministeriums.
Selbst die von ihnen bezahlten Reisen ihres ehemaligen Kontakters Brandenstein erschienen den Ketten-Fabrikanten nun plötzlich in anderem Licht: Aloys hatte, wie er in Remscheid erzählte, dem portugiesischen Verteidigungsministerium Erzeugnisse von Firmen angeboten, die von Diehl beherrscht werden, beispielsweise Uhrwerkzünder der Firma Junghans oder Messingband der Sundwiger Messingwerke, vormals Gebrüder von der Becke K.G., in Hemer-Sundwig, Kreis Iserlohn.
Mithin hatte Brandenstein schon im Herbst 1958, ein Jahr vor dem Verkauf, durchaus in Vorahnung kommender Ereignisse gehandelt, als er der Backhaus K.G., einer künftigen Diehl-Tochter, anscheinend betriebsfremde Spesen anlastete.
Sei es, daß der Oberst Becker glaubte, mit der Backhaus-Pfründe noch nicht genug für den Nenn-Onkel getan zu haben, sei es, daß er den Brandenstein aus anderen Gründen brauchbar fand, jedenfalls durfte sich der Protegé gleich nach seinem Remscheider Amtsantritt nach Brüssel begeben und dort mit der Firma U. M. A. L., 75, Rue de Trone, über Lieferungen an die Bundeswehr verhandeln. Erzählte er dem Moetzing: "Da sind Millionen drin, dreiviertel Prozent für mich."
Anschließend flog der eben ernannte Ketten-Vertreter - wiederum im Auftrage Beckers - an den Tejo und sprach bei der Firma Norte Importadora Ltd., War material, Avenida da Republica 94, in Lissabon vor. Hier war ihm vergönnt, 5000 US-Fallschirme des Musters T-10 und einen Posten sogenannter Dreiecks-Fallschirme zu erstehen - unter Berechnung einer Provision natürlich.
Der Norte-Chef hielt es für angezeigt, den wichtigen Mann, der offenkundig auf intimste Weise mit der deutschen Aufrüstung verknüpft war, im Lissaboner Verteidigungsministerium einzuführen.
Dort grübelte man nämlich gerade, wie wohl auch das gut katholische, von Salazar sanft dirigierte Portugal mit seinen vielen fleißigen Analphabeten und seinen wenigen Kommunisten dazu beitragen könne, die verbündete Bundeswehr zu munitionieren. Prinzipiell hatten sich die Nato-Freunde am Rhein schon bereit erklärt, die Hilfe anzunehmen oder besser: zu gewähren.
Dem Bonner Verteidigungsausschuß war bereits plausibel gemacht worden, weshalb - nach der Türkei und Italien - nun auch noch Portugal am Granaten-Geschäft partizipieren müsse. Es sei wichtig, daß die Bundeswehr auch dann noch Munition zu verschießen habe, wenn Chruschtschows Rotarmisten schon über den Rhein vorgedrungen sind.
Nun war es aber so, daß die Portugiesen zwar in der Lage waren, beliebig viel Infanterie-Munition im Lande herzustellen, für eine Granaten-Produktion größeren Umfangs hingegen mußten Halbfabrikate (sogar Stahlknüppel) importiert werden: aus der Bundesrepublik. Brandenstein versprach dem Ministero do Exército do Governo, das nötige Material mit der gebotenen Diskretion zu vermitteln.
Hatten die Portugiesen den Brandenstein als umsichtigen Verkäufer der Halbfabrikate aus Deutschland schätzen gelernt, so mochten sie nun seine Dienste auch nicht ausschlagen, als es darum ging, die fertigen Granaten nach Deutschland zurückzuliefern.
Am 5. Juni 1959 unterschrieben für das Koblenzer Beschaffungsamt dessen Präsident Dr. Stammbach und für den Lissaboner Verteidigungsminister der Coronel dos Santos Paiva zwei seither streng gehütete Verträge:
‣ den ersten über die Lieferung von Patronen 7.62 Millimeter im Werte von 26 400 000 Mark, zinslose Vorauszahlung 7 920 000 Mark, und
‣ den zweiten über die Lieferung von 105-mm-Haubitz-Munition im Werte von 51 592 500 Mark, zinslose Vorauszahlung 15 477 750 Mark.
In beiden Dokumenten heißt es unter dem Paragraphen 13: "Deutsche Vertretung Dr. A. Brandenstein, Remscheid, Frh.-Stein-Str. 15."
Steinstraße 15 war die Wohnung, die von der Firma Backhaus noch nicht einmal ein Jahr zuvor dem mittellosen, von Moetzing nach Remscheid beförderten Nenn-Onkel der Marianne Strauß beschafft worden war.
Im Rhythmus der Lieferungen, die von nun an - Konnossemente: Schenker & Co., Bremen, Hochhaus-Doventor; Notify: Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung, AB III, Koblenz - regelmäßig gelöscht wurden, erreichten Brandensteins Lissaboner Konto-Auszüge rasch siebenstellige Ziffern.
Auch in der Bundesrepublik war er längst nicht mehr auf das vergleichsweise bescheidene Backhaus-Salär von 7500 monatlich angewiesen: Die Nato-Granaten, die aus strategischen Gründen in Portugal hergestellt werden mußten, schlugen sich - noch als Einzelteile - auf Brandensteins deutschen Guthaben nieder.
Selbst der spontane Rat, Backhaus solle doch an Diehl verkaufen, trug Zinsen. Wieviel jener glückliche Einfall dem Konzernherrn wert war, bekundet das Handelsregister zu Remscheid (Firmen-Nummer HR A 3378) unter dem 17. September 1959: "Der Kaufmann Dr. Aloys Brandenstein in Remscheid ist zu gleicher Zeit (wie der persönlich haftende Gesellschafter Diehl) als Kommanditist mit einer Vermögenseinlage von 200 000 in die Gesellschaft eingetreten."
Brandenstein in Champagner-Stimmung: "Der Diehl hat mir eine Million geschenkt."
Schätzt Erwin Backhaus vorsichtig: "Zur Zeit des Verkaufs war die Einlage vielleicht etwas weniger wert. Wir hatten ja keine Aufträge. Später wurde der Anteil natürlich immer fetter. Diehl ist Spezialist für Rüstungsgeschäfte."
Das ist der Nürnberger Diehl wirklich.
Der letzte Aufschwung seines Konzerns begann 1956, in dem Jahre, in dem Strauß zum westdeutschen Verteidigungsminister berufen wurde, und in dem Diehl die Firma Junghans erwarb, Europas größte Uhrenfabrik: Gegenwärtig beschäftigt die Diehl-Gruppe allein in Deutschland über 15 000 Menschen, ihr Umsatz liegt bei einer halben Milliarde Mark.
Diehls eigene Angabe: "Ein Viertel davon Rüstung."
Diehl-unabhängige Fachleute freilich meinen, daß der CSU-Gönner, der nicht nur das Parteiorgan "Bayern-Kurier" - "Herausgeber Dr. Strauß" - mit Inseraten stützt, damit weit untertrieben habe: Es gebe praktisch keinen großen Bundeswehr-Auftrag, an dem nicht eine oder mehrere Diehl-Firmen partizipierten.
Sicher ist jedenfalls, daß sich der Nürnberger nach dem Backhaus-Coup auf seiner Besitzung "Casa Vera" am Cap d'Antibes (Katalog-Stichwort: "Grand luxe") wieder einmal sagen durfte, er verstünde sich wie kein anderer deutscher Industrieller auf die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr.
Seit 1960, als eben die Früchte der Backhaus-Inspiration heranreiften, wurde dem Konzernchef an der Riviera sogar noch eine besondere Genugtuung zuteil. Auch ein naher Freund von ihm kann seither das weiche mediterrane Klima genießen: Auf den Namen Strauß, dessen spektakulärer Hochzeit Carl Diehl 1957 als Ehrengast beiwohnte, wurde Mitte jenes Jahres in Calanques des Issambres, zwischen St. Raphael und St. Tropez, eine knappe Autostunde von der "Casa Vera" entfernt, ein Landsitz eingetragen.
Marianne Strauß, geborene Zwicknagl, die mit Irmgard Diehl, geborene Schoedel, kaum weniger befreundet ist, als es die beiden Eheherren sind, brachte es ebenfalls zu Grundbesitz an der europäischen Society-Küste. Sie wurde Eigentümerin eines 1100 Quadratmeter großen Areals im "Sirenenviertel", das von einer kleinen Villa im provencalischen Stil bekrönt wird.
Hinter dem weißgestrichenen, hölzernen Portal lebt sie dort unten von Zeit zu Zeit, etwa auch in den kommenden Wochen, mit ihrem überaus beanspruchten Ehemann zusammen, den sie sonst nach eigener Bekundung kaum vor halb zehn Uhr abends sieht.
Frau Strauß zum "Welt"-Korrespondenten Schröder: "Aber es geht ja jetzt um Milliarden-Aufträge für die Bundeswehr, und wenn er mir dann sagt, durch das lange Verhandeln hätten 50 Millionen gespart werden können, soll ich mich dann beklagen? Das ist ja immerhin ein Unterschied."
Noch wenige Jahre zuvor steuerte die in solchen Beträgen denkende Ehefrau auf ihrer Vespa neueröffnete Lokalitäten an den Münchner Ausfallstraßen an, um dort das väterliche Kaiser-Bier einzuführen; die mit durchschnittlich 20 Mann arbeitende solide Zwicknagl-Brauerei ist seither in ihrem Umsatz nahezu konstant geblieben und gilt keinesfalls als ein Unternehmen, das erhebliche Entnahmen erlaubt.
In München und Rott am Inn, wo die Familien Strauß und Zwicknagl genau bekannt sind, zweifelte denn auch niemand daran, daß Ehemann Strauß, Besitzer mehrerer Wohnblocks in München, seiner Frau die Villa in Calanques des Issambres zum Geschenk gemacht hatte. Der portugiesische Generalvertreter Aloys Brandenstein hatte seinem alten Kompagnon Moetzing schon Anfang 1960 anvertraut: "Und für das Mariandl besorge ich jetzt ein Grundstück an der Riviera, im Auftrag natürlich."
Moetzing sinnierend: "Er erzählte gerade wieder einmal, wie Diehl die Backhäuser auskaufte."
Tatsächlich: Während sich Franz-Josef Strauß niemals seines bayrischen Industriefreundes oder eigener Reichtümer rühmt, bramarbasierte der hochkommende Brandenstein um so leichtsinniger.
Per Barscheck kaufte er - "Meine Unterschrift ist noch viel mehr wert" - eine Villa im exklusivsten Godesberger Quartier, am Stadtwall 34. Er erzählte von seinen portugiesischen Millionen, die er anlegen müsse, von der Verbindung zur Strauß-Familie und von seiner Beziehung zu Oberst Becker: "Na klar, mit dem komme ich oft zusammen."
Die kometenhafte Karriere des Lobby-Manns mobilisierte schließlich nicht nur die Steuerfahnder, sondern machte auch die Koblenzer Strafverfolgungsbehörde mißtrauisch. Auch dem Team des Oberstaatsanwalts Hempler war aufgefallen, daß sowohl Brandensteins Eintritt bei Backhaus als auch - ein Jahr später - der plötzliche Verkauf der Backhaus K.G. an Diehl in merkwürdigem Zusammenhang mit den Dispositionen des Strauß-Ministeriums standen.
Und weil diese Beamten nicht wissen konnten, auf welch liebenswürdig-privatem Umweg das Bonner Faible für den Frankfurter Klein-Geschäftsmann entfacht worden war, wandte sich ihr berufliches Mißtrauen ausgerechnet gegen den Offizier, der das besondere Vertrauen seines Ministers genießt: gegen den Obersten Becker, der letzten Endes bei den Kettenbestellungen ebenso maßgeblich mitwirkte wie bei sämtlichen Munitionskäufen im Ausland.
Die Backhaus-Herren, die ob verflossener Gebefreudigkeit von den Staatsanwälten ständig kontaktiert wurden und werden, sparten zudem nicht mit Verdächtigungen. Mit einem gewissen Recht machten sie den Oberst für den Verlust des Familienbetriebes verantwortlich.
Doch, obschon die Hempler-Crew selbst die ausgefallensten Hinweise verfolgte - bis zur Gefälligkeits-Einladung auf Bock und Hase -, so ließ sich doch kein strafrechtlich relevanter Zusammenhang zwischen den dienstlichen Entschlüssen und den privaten Abschüssen des Weidmanns Becker aufspüren.
Die unter dem harmlosen Arbeitstitel "Gegen Schmidt und andere" als Verschlußsache - 16 Jf/890/60 - verbuchten Ermittlungen gegen den Strauß-Gehilfen wurden schließlich eingestellt: Was immer der Oberst zugunsten bayrischer Rüstungsmittler - Deeg, Brandenstein oder Diehl - geleistet haben mochte, die direkten Nutznießer schienen ihn jedenfalls nicht dafür honoriert zu haben.
Dieser Offizier diente ausschließlich seinem Obersten Befehlshaber - und der war es denn auch, der ihm die diskrete Treue anrechnete.
Dem ostpreußischen Feuerwerker Becker, der sich aus dem Mannschaftsstande hochgedient hatte, war nach Wehrmachts-Usancen eine höhere Karriere versagt. Daß er es im Kriege doch bis zum Obersten brachte, hatte er neben seinen vielfältigen Fähigkeiten zum einen strammer Gesinnung und dem kriegsbedingten Personalmangel, zum anderen seinem guten Verhältnis zum I a der Danziger Division, dem Oberst i. G. a. D. Fett, zu danken.
Kaum hatte Fett im neugegründeten Amt Blank Stellung bezogen, als er den Feuerwerker nachkommen ließ. Als Angestellte, wie die anderen Kameraden auch, bereiteten die beiden den Aufbau der Bundeswehr vor.
Becker bearbeitete zuerst den sogenannten Nato-Fragebogen, ein ständig zu ergänzendes Mittelding zwischen Tätigkeitsbericht und Offenbarungseid. Später wurde er Sachbearbeiter für die sogenannte Außenhilfe - für jene kostenlosen Lieferungen von US-Material, die zur Erstausstattung der Bundeswehr über den Atlantik schwammen.
Im Jahre 1955 installierte das Parlament dann den Personalgutachter-Ausschuß, der endgültig befand, wer würdig war, demokratischer Offizier zu werden. Becker-Förderer Fett wurde abgelehnt. Den Becker, für den sich Blank verwendete, tolerierten die Gutachter schließlich nur unter zwei Auflagen:
‣ Becker sollte in der Bundeswehr auf den durch seine Laufbahn gesetzten Rahmen beschränkt bleiben, mithin den Rang eines Obersten nicht überschreiten, und
‣ Becker sollte nur auf dem von ihm bis dahin bearbeiteten Spezialgebiet der Außenhilfe tätig sein.
Auf der - schrumpfenden - Plattform der Außenhilfe stand der Oberst Becker auch noch, als Ende 1956 an die Stelle des peniblen Theo Blank der großzügige Strauß trat. Strauß und Becker gefielen sich sofort.
Ohne daß dies ausdrücklich fixiert wurde, räumte der neue Behördenchef dem Feuerwerker Zug um Zug auch einen entscheidenden Einfluß auf alle anderen Lieferungen aus dem Ausland ein. Und unversehens redete Becker, immer gedeckt vom Minister, auch bei den großen Inlandsaufträgen mit.
1959 schließlich setzte sich Strauß auch formal über das Veto des Gutachter-Ausschusses hinweg. Er gliederte die Abteilung Verteidigungswirtschaft, die erst von dem Ministerialdirektor Holtz und dann von dem Ministerialdirektor Knieper geleitet wurde, gegen den Widerspruch der betroffenen Beamten und Offiziere um und fügte den bisherigen zwei Unterabteilungen eine völlig neue, dritte Unterabteilung an, die aus dem Aufgabenkreis der beiden anderen dotiert wurde.
Chef dieser Unterabteilung wurde Becker.
Der Oberst aber, der mittlerweile schon so viel für bayrische Rüstungsmänner getan hatte, wollte nicht nur die Planstelle eines Generals. Er begehrte den Rang.
Das letzte Tauziehen um Becker begann zu der Zeit, als Zwicknagl-Hausfreund Brandenstein Generalvertreter der portugiesischen Munitionsfabriken und Strauß-Freund Diehl Eigentümer der Kettenfabrik Backhaus wurde. So leicht aber Brandenstein ins Lissabon(n)er und Diehl ins Remscheider Geschäft geglitten waren, so schwierig erwies es sich für den Minister, aus dem Obersten Becker einen General Becker zu machen.
Der Feuerwerker genoß unter Offiziers-Kameraden bei weitem nicht das Ansehen wie etwa bei dem Schriftsteller Peter Deeg oder dem Vertreter Aloys Brandenstein.
Zum Wortführer gegen die ominöse Beförderung warf sich der Chef der militärischen Personalabteilung im Hause Strauß auf, der General Hansen. Das Ministerium könne ein Verbot des Parlaments nicht einfach mißachten; hier handele es sich keineswegs um eine Ermessensfrage, die Strauß nach Gutdünken so oder so entscheiden könne.
Im übrigen, so insistierte der Personalchef, halte er den Obersten Becker auch noch aus anderen Gründen nicht für geeignet zur Beförderung.
Solange Hansen im Amt war, drückte Franz-Josef Strauß seinen Willen nicht durch - aber Hansen blieb nicht im Amt: Zu Anfang des Jahres 1960 wurde der Chef der militärischen Personalabteilung zur Truppe entlassen, ähnlich wie 1957 schon sein freilich viel spektakulärer weggeschickter Vorgänger Mueller-Hillebrand.
Und ehe das Jahr ablief, war Becker am Ziel: General.
Die Affäre Hansen, wiewohl in der Öffentlichkeit fast unbekannt, trug nun weder dazu bei, den langohrigen Ostpreußen (CSU-Jargon: "Ohren-Becker") beliebter zu machen, noch brachte sie das Lobbyisten-Geraune über das traumhafte Glück der bayrischen Rüstungsfreunde zum Schweigen. Insbesondere der geschwätzige Brandenstein erschien dem Minister jetzt als Security-risk, lag doch nahe, daß böse Zungen Zusammenhänge zwischen der Karriere dieses Nenn-Onkels und der des umstrittenen Offiziers erfanden.
Der Minister jedenfalls, dessen General den Ober-Vermittler Brandenstein ins Geschäft gebracht hatte, hielt es plötzlich für angezeigt, sich demonstrativ von allen Rüstungs-Vermittlern zu distanzieren. Am 10. Januar 1961, vier Wochen nach der Becker-Beförderung, veröffentlichte er die "Dritte Bekanntmachung über die Vergabe öffentlicher Aufträge im Bereich des Bundesministers für Verteidigung".
Kernsatz des Erlasses: "Der Auftragnehmer darf sich im Verkehr mit den Dienststellen des Auftraggebers der Vermittlung Dritter nicht bedienen."
Der barsch formulierte Selbstschutz-Ukas zeitigte freilich gänzlich unbeabsichtigte Nebenwirkungen. Er fachte die bis dahin vagen Gerüchte erst richtig an. Kaum war die Anordnung heraus, da sprach man von ihr in Fachkreisen nur noch als vom "Onkel-Aloys-Erlaß".
Aloys Brandenstein seinerseits fühlte sich zu einem merkwürdigen Schritt gedrängt. Am 6. Februar 1961 erschien er vor dem Kölner Notar Pascal Maubach und gab eine "Erklärung" ab, in der es einigermaßen unvermittelt heißt: "Ich kenne die Familie Dr. Zwicknagl aus der Zeit nach dem Kriege, als Herr Dr. Zwicknagl Landtagsabgeordneter war. Ich stelle gleichzeitig fest, daß ich weder zur Familie Zwicknagl noch zur Familie Strauß in irgendwelchen verwandtschaftlichen Beziehungen stehe."
Bis dahin stimmte der Text mit den Tatsachen überein. Nun aber: "Ich sehe es als meine Verpflichtung an, allen Behauptungen entgegenzutreten, ich sei von irgendjemandem irgendwie protegiert worden ..., dies stelle ich mit besonderem Nachdruck hinsichtlich der Person und der Familien von Konsul Dr. Zwicknagl und Bundesminister Strauß fest."
Schließlich dementierte Brandenstein dann etwas, woran niemand zu denken gewagt hatte: "Ich möchte ausdrücklich betonen, daß selbstverständlich weder Familie Dr. Zwicknagl noch Familie Strauß an meinen Geschäften in irgend einer Form beteiligt sind ..."
Die von Maubach bestätigte Stilübung gab Brandenstein alsbald im Vorzimmer des Verteidigungsministers ab, wo der Persönliche Referent am 17. Februar eine Abschrift fertigen ließ, deren Übereinstimmung mit der Urschrift per Dienstsiegel beglaubigte und das Dokument dann sorglich zu den Handakten des Ministers nahm.
Auch damit ließ es Franz-Josef Strauß noch nicht genug sein. Unter dem 20. Februar schrieb er an seinen bayrischen Platzhalter und Duzfreund, den CSU-Generalsekretär Zimmermann, München 19, Hengelerstraße 7: "Wie ich Ihnen bereits mündlich mitteilte, habe ich auf Grund der von gewisser Seite an mich herangetragenen Behauptungen verfügt, daß die zuständige Abteilung des BMVtdg. sowie das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung Herrn Dr. Aloys Brandenstein nicht mehr als Verhandlungspartner akzeptieren ..."
Weiter: "Als Grund für meine Verfügung habe ich angegeben, daß nach den mir gemachten Mitteilungen Herr Brandenstein sich auf gute Beziehungen zu mir bzw. meiner Familie berufen habe, und der Behauptung, er hätte sogar verwandtschaftliche Verbindungen, anscheinend nicht energisch genug entgegengetreten ist."
Schließlich fügte es der Zufall, daß gleichzeitig mit dem Minister auch ein Privatmann in Sachen Brandenstein aktiv wurde: Der bestinformierte westdeutsche Rüster, der Strauß-Spezi Carl Diehl, löste ebenfalls die sichtbare Verbindung zum kompromittierten Onkel.
Am 15. Februar 1961, 36 Tage nach dem Aloys-Erlaß und fünf Tage vor dem Strauß-Brief an den CSU-Menschen Zimmermann, wurde zu Remscheid das Handelsregister geändert: "Der Kommanditist Dr. Aloys Brandenstein ist mit Wirkung vom 31. Januar 1961 aus der Gesellschaft ausgeschieden." Diehl hatte den lauten Teilhaber ausbezahlt.
Brandenstein selbst beeilte sich, einen Wohnsitz im Ausland zu begründen: Offiziell residiert er seit über einem Jahr in Oberägeri am Ägeri-See*, in einem selbst für seine Verhältnisse standesgemäßen Winkel der Schweiz.
* Auch der Bundesminister für Verteidigung interessierte sich im vergangenen Jahr für Schweizer Grundbesitz. Unter Beachtung aller Geheimhaltungsvorschriften verhandelte er mit Hilfe des Bad Homburger Maklers Josef-Georg Gindes über den Barkauf eines von der Maklerfirma Thommen S. A. fellgebotenen Objektes oberhalb Asconas - auf den Namen Zwicknagl. Das ministerielle Interesse an der Eineinhalb-Millionen-Villa "Casa Roccavipsa" verflüchtigte sich allerdings, als der SPIEGEL im Juli 1961 bei Straußens Presseoffizier Schmückle ("Ich weiß wirklich von nichts") nach dem Stand der Verhandlungen fragte.

DER SPIEGEL 39/1962
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