03.10.1962

GEBÜRENPreugo in der Praxis

Im Wartezimmer von Ludwig Erhards
Referenten für staatlich kontrollierte Preise und Tarife, Hellmut Bormann, drängelten sich in jüngster Zeit die Abgesandten der empfindlichsten und reizbarsten Standesvertretung. Westdeutschlands organisierte Ärzte laborieren erneut an einem alten Standesleiden: Sie wähnen, daß ihre Honorarsätze zu niedrig seien, und verlangen von Erhard Abhilfe.
In einem Schreiben an Erhards Ministerialrat Bormann greinte die Bundesärztekammer: "In den vergangenen fünf Jahren... sind... im Gefüge und Niveau der Preise Veränderungen in einem Ausmaß eingetreten, das es dringend berechtigt und geboten erscheinen läßt, auch die Amtliche Gebuhrenordnung für Ärzte dieser Entwicklung anzupassen."
Die Bundesärztekammer, deren Präsident Dr. Ernst Fromm bereits vor zwei Jahren beim Abschuß von Theo Blanks Krankenkassenreform, Standesmeriten gesammelt hatte, trug ihre Forderung ohne zeitraubende Präliminarien vor. Fromms Ärztegewerkschaftler forderten Erhard auf, er möge die Mindestsätze der Preußischen Gebührenordnung (Preugo), nach denen sich die Höhe des Arzthonorars bemißt, um 35 Prozent heraufsetzen. Zugleich verlangten sie, Bonn solle ihrem "Antrag in vollem Umfange und ohne Zeitverzug" stattgegeben.
Eine Erhöhung der Preugo-Sätze hätte zur Folge, daß die Kassenärztlichen Vereinigungen, die auf Länderebene mit den Krankenkassenverbänden die sogenannte ärztliche Gesamtvergütung* aushandeln, von den Krankenkassen mehr Geld verlangen müßten. Die Kassen wären ihrerseits gezwungen, die Beiträge der Versicherten heraufzusetzen. Von der Gebührenerhöhung würden mithin alle Versicherten betroffen, vornehmlich die gesunden.
Einmal mehr gaben sich die Ärztefunktionäre den Anstrich eines sozial unterentwickelten Standes, den Bonn sträflicherweise im Stich gelassen habe. In einem Brief an Ministerialrat Bormann stimmte der Verband der Ärzte Deutschlands (Hartmannbund) e.V. Trauergesänge an: "Die Entwicklung der allgemeinen Wirtschaftsverhältnisse, der Löhne und Preise und der Kostenstruktur der ärztlichen Praxis ist in den verflossenen Jahren so eindeutig, daß selbst bei kritischer Beurteilung dem Antrag (auf Erhöhung der Gebühren) die Berechtigung nicht wird abgesprochen werden können."
Die vom Hartmannbund verfaßte Bettler-Ballade indes steht in einem bemerkenswerten Widerspruch zu den mittlerweile vorliegenden Ergebnissen einer Untersuchung, die das Statistische Bundesamt über das materielle Wohl der Heilkundigen angestellt hat. Nach den Untersuchungen gibt die wirtschaftliche Lage der Ärzte zu keinerlei Besorgnis Anlaß. Das durchschnittliche Nettoeinkommen der Ärzte betrug bereits 1960 nach Abzug sämtlicher Steuern rund 2400 Mark Im Monat gegenüber 1350 Mark im Jahre 1954.
Noch 1950 hatten nur fünf Prozent der frei praktizierenden Ärzte einen Jahresumsatz von mehr als 50 000 Mark. 1960 setzten 54,5 Prozent der Praktiker mehr als 50 000 Mark um. Die Einnahmen je Kassenschein haben sich seit 1954 mehr als verdoppelt.
Hinzu kommt, daß sich das Verhältnis zwischen Umsatz und Kosten der Arztpraxen im Gegensatz zu den Erscheinungen etwa in der Industrie sehr günstig entwickelt hat. Verschlangen die Praxiskosten 1954 noch etwa 50 Prozent des Umsatzes, so rechnet das Statistische Bundesamt derzeit nur noch mit einem Kostenanteil von etwa 35 Prozent.
Dieses für den freien Arztberuf zweifellos erfreuliche Ergebnis wurde nicht zuletzt durch zwei umfangreiche Gebührenerhöhungen erzielt. Am 11. Dezember 1952 setzte Bonn zum erstenmal seit 1924 die Preugo-Sätze mittels Rechtsverordnung herauf, und zwar um 31 Prozent; am 8. Juli 1957 bedachte die Bundesregierung die Ärzte noch einmal mit einem Gebührenaufschlag von 27 Prozent. Zugleich erklärte Erhard, dem die Preugo antiquiert erscheint, er werde In Zukunft keine lineare Gebührenerhöhung mehr vornehmen.
Aus propagandistischen Gründen vergleicht die Ärztekammer daher neuerdings die bisher vorgenommenen Gebühren-Erhöhungen um insgesamt 66 Prozent mit dem Anstieg der Preise, der von 1936 (statistisches Basisjahr vor dem letzten Krieg) bis 1961 etwa 128 Prozent ausmacht. Daraus schließt der Verband, daß seine Forderung nach höheren Tarifen "angemessen und dringend geboten" sei.
Unerwähnt ließen die Bundesärztekämmerer, daß sich das durchschnittliche Einkommen der frei praktizierenden Ärzte von 1936 bis 1960 mehr als verdreifacht hat.
* Ihre Höhe richtet sich nach dem Beitragsaufkommen der in diesem Bundesland ansässigen Versicherten. Die Kassenäraztlichen vereinigungen verteilen die Pauschalsumme auf die einzelnen Arzte, wobei der Wert der insgesamt im Quartal abgerechneten ärztlichen Einzelleistungen die Hohe des Arztverdienstes bestimmt.
Gebühren-Beamter Bormann
Über die Hälfte der praktischen Arzte...
Ärztepräsident Fromm
... kassierten mehr als 50 000 Mark

DER SPIEGEL 40/1962
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