03.10.1962

RAKETEN-KRUGFreunde der Braut

Die Deutschen, die Raketen bauten, verachteten ihn: Er verstand nichts von ihrer Wissenschaft und verdankte ihr doch seinen Millionen-Job.
Die Ägypter, die Raketen brauchten, schätzten ihn: Er verstand sein Geschäft und versorgte das Land Nassers mit Strahl-Geschossen.
In vier Jahren stieg Dr. jur. Heinz Krug vom Versicherungsangestellten mit altersschwachem Opel zum größten bundesdeutschen Raketenhändler mit fabrikneuem Mercedes 300 SE auf.
Am 11. September brach die Raketen -Karriere ab: Der 49jährige Münchner aus Oberschlesien kam abhanden. Einzige Spur blieb bislang sein Mercedes, den die Polizei am 13. September in München sicherstellte.
Bayrische Fahnder vermuten neuerdings, daß der Krug zu Nasser gegangen ist - allerdings nicht freiwillig.
Diesen Verdacht hegt die Frau des Händlers schon länger. Sie brachte ihre Kinder Beate, 14, und Kai, 10, bald nachdem sie ihren Mann als vermißt gemeldet hatte, "in Sicherheit", um einen Abtransport von der Isar an den Nil zu verhindern.
Größere Gefahr als den beiden kleinen Krugs droht den beiden Unternehmen, die Krug leitete: der "Intra-Handelsgesellschaft mbH" und der Münchner Vertretung der "United Arab Airlines". Sie sind so sehr auf ihren Chef zugeschnitten, daß sie von ihm zumindest ferngelenkt werden müßten, wenn sie weiterhin respektable Gewinne abwerfen sollen.
Im Mai 1958 war Krug aus der Münchner Luftfahrtabteilung der Allianz in das Stuttgarter "Forschungsinstitut für Physik der Strahlenantriebe e.V." übergewechselt. Dort sollte er als Geschäftsführer dem wissenschaftlichen Leiter Professor Eugen Sänger die Verwaltungsarbeit abnehmen.
Erinnert sich Adalbert Seifriz, Vizevorstand des Instituts und hauptberuflich Präsident des baden-württembergischen Landesarbeitsamtes: Krug "war ein gewandter, geschickter Mann sowie ein guter Jurist. Wir konnten ja nicht irgendeinen 08/15-Juristen nehmen. Er mußte schon etwas auf dem Kasten haben".
Geschäftsführer Krug war sogar eifriger, als dem Institutschef Sänger ("Ich hatte sehr viele Schwierigkeiten mit ihm") lieb war. Schon in den ersten Monaten kam es zu Differenzen, und Sänger forderte die Abberufung Krugs.
Eineinhalb Jahre später wurde der Geschäftsführer auch vom Bundesrechnungshof gerügt. Revisoren überprüften in dem Stuttgarter Institut, das überwiegend vom Bund und von dem Land Baden-Württemberg finanziert wird, die Verwendung der öffentlichen Gelder und monierten Krugs Spesenrekorde.
Weder die Kritik des Bundesrechnungshofs noch Sängers Klagen waren dem Institutsvorstand jedoch Anlaß genug, den Geschäftsführer zu entlassen.
Einige Monate später vertrugen sich der Professor und sein Manager wieder. Sie hatten ein gemeinsames Hobby entdeckt: die Ägyptenhilfe.
Sänger und zwei seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter, Professor Paul Goercke und Diplom-Ingenieur Wolfgang Pilz, fanden sich damals bereit, die ägyptische Regierung an Ort und Stelle beim Aufbau von Raketenzentren zu beraten.
Jurist Krug erläuterte den Instituts -Physikern, eine Entwicklungshilfe für Nasser sei als "private Nebentätigkeit" einzustufen. Der Vertrag zwischen der Sänger-Truppe und der ägyptischen Regierung sah denn auch vor, daß Sänger, Krug, Goercke und Pilz privat Honorare in Höhe von insgesamt zwei Millionen Mark kassieren sollten. Krugs Anteil: 20 Prozent.
Mit 400 000 Mark wollte sich der geschäftstüchtige Hausjurist aber nicht begnügen. Am 14. Juli 1960 ließ er in das Stuttgarter Handelsregister die "Intra-Handelsgesellschaft mbH" eintragen. Gesellschafter waren Krug, der als alleiniger Geschäftsführer fungierte, mit 20 000 Mark und Dr. Elisabeth Habermeyer aus München mit 5000 Mark Einlage. Gegenstand des Unternehmens: "Innen- und Außenhandel mit Waren aller Art sowie Entwicklung technischer Geräte".
Mit Hilfe von zwei Angestellten und zwei Bürodamen vermittelte Intra-Chef Krug überwiegend Waren, die Nassers Raketenbauer brauchten: Spezialbleche, Meß- und Prüfgeräte, Maschinen und Ventile. Krug widmete sich seiner Firma so intensiv, daß Freunde die Intra seine "Braut" nannten.
Die Umsätze stiegen so zügig, daß der vielseitige Jurist noch die Vertretung der "United Arab Airlines" übernahm, um den Abtransport der von der Intra vermittelten Waren und der vom Sänger-Institut an Nasser ausgeliehenen Wissenschaftler nach Kairo selber zu managen.
Zum Eklat kam es, als Anfang Juli 1961 die ägyptischen Privatjobs des Juristen und der drei Physiker amtsbekannt wurden.
Knapp drei Monate später entschied das baden-württembergische Wirtschaftsministerium auf Anraten der Bonner Verkehrs- und Verteidigungsministerien, die "Dienstverhältnisse der betroffenen Persönlichkeiten" sollten gelöst werden. Der Institutsvorstand sorgte dafür, daß die Nil-Fans ihre Arbeitsplätze räumten.
Krug, der meistbeschäftigte Entwicklungshelfer, wurde sogar fristlos entlassen. Nur um Prozesse zu vermeiden, verlautbarten die Stuttgarter Ministerialbeamten damals, man habe sich von ihm "in gegenseitigem Einvernehmen" getrennt.
Während Sänger, der "lediglich 48 Urlaubstage" für Nasser tätig gewesen sein will und nach Bonner Informationen in Kairo 600 000 Mark kassiert haben soll, sich aus dem Ägypten -Geschäft zurückzog, machten der geschaßte Krug und die ebenfalls - allerdings nicht fristlos - entlassenen Raketenbauer Goercke und Pilz die bis dahin nebenberufliche Entwicklungshilfe zum noch lukrativeren Hauptjob.
Goercke und Pilz zogen von Stuttgart in das ägyptische Raketenzentrum "Militärfabrik 36" unweit von Kairo (SPIEGEL 36/1962); Krug erweiterte seine beiden Firmen und zog von Stuttgart nach München um.
In der bayrischen Hauptstadt nahm Krug seine beiden alten Freunde aus Stuttgarter Instituts-Zeiten, Goercke und Pilz, als neue Gesellschafter in seine Intra auf. Am 2. März 1962 ließ Krug die Namen der beiden Raketenbauer Nassers in das Register eintragen.
Bislang blieb ungeklärt, warum Krug ein halbes Jahr später seine Intra und München verließ oder verlassen mußte.
Die erste Vermutung einiger Zeitungen und Kriminalisten, der Ägypten -Helfer sei vom israelischen Geheimdienst gekidnappt worden, findet heute kaum noch Anhänger.
Raketen-Professor Sänger: "Das wäre sinnlos. Er kann ja doch keinerlei technische und sachliche Auskünfte geben." Und der Stuttgarter Instituts-Vizevorstand Seifriz: "Einen Verwaltungsjuristen zu schnappen ist (für die Israelis) doch reizlos. Das müßte ein dummer Geheimdienst sein."
Deutsche und israelische Kriminalisten halten es für wahrscheinlich, daß der ägyptische Geheimdienst den Raketenkaufmann eingefangen hat.
Die Tel Aviver Zeitung "Haboker" hat nämlich berichtet, daß der Münchner Krug an seiner Geschäftstüchtigkeit gescheitert sei: Er habe seine Intra an Israel verkaufen und damit den Erzfeinden Nassers beim Raketenbau helfen wollen.
Vermißter Krug
Wie dumm ist ein Geheimdienst?

DER SPIEGEL 40/1962
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RAKETEN-KRUG:
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