26.09.1962

ÖSTERREICH / TALERFür Beduinen

Der Kaiser wollte keine Taler, der Kaiser wollte Gulden - neue glänzende Silbergulden mit seinem eigenen Bild. Deshalb verfügte die Habsburger Majestät Franz Joseph Anno 1858, daß der Maria-Theresien-Taler, seit 117 Jahren in Österreich im Umlauf, außer Kurs zu setzen sei.
Mit diesem k.u.k. Dekret begann für die 28 Gramm schwere massive Silbermünze mit dem Bildnis der dekolletierten Kaiserin Maria Theresia (1740 bis 1780) eine erstaunliche Karriere:
Statt zu verschwinden, gelangte das Geldstück jenseits der habsburgischen Landesgrenzen zu so hohem Ansehen, daß die "österreichische Weltwährung" (Wiener "Presse") zeitweise in sechs verschiedenen Münzwerkstätten zweier Kontinente geprägt wurde.
Ende vergangenen Monats jedoch verzichtete die letzte Konkurrentin des Wiener Hauptmünzamts, die Londoner "Royal Mint", Englands Königliches Münzamt, auf das weitere Prägen von Maria-Theresien-Talern. Jetzt kommen die Münzen wieder allein aus Österreich, das seine Prägerechte bis vor zwei Jahren auch noch mit Italien hatte teilen müssen: 1935 ließ sich Italiens Diktator Benito Mussolini von der österreichischen Regierung die Rechte zum Prägen des zwischen Madagaskar und dem Persischen Golf seit 150 Jahren hochgeschätzten Wander-Talers übereignen. Der Duce bedurfte der klingenden Münze für seinen Feldzug gegen Abessinien, wo der Maria-Theresien-Taler seit dem 19. Jahrhundert Landeswährung war.
Der österreichisch-italienische Vertrag vom Oktober 1935 sah vor, daß die Wiener Regierung
- der "Regia Zecca", dem Königlichitalienischen Münzamt, eine Garnitur ihrer eigenen Prägestempel überläßt,
- in den 25 Jahren der Laufzeit des
Abkommens jährlich selber nur noch 10 000 Stück der begehrten Taler prägt und
- ausländische Aufträge in diesem Zeitraum völlig ablehnt.
Das Abkommen verärgerte die Briten, die bis dahin den Maria-Theresien-Taler für die von ihnen beherrschten orientalischen und afrikanischen Länder aus Österreich bezogen hatten.
Da Rom, das allein zwischen 1935 und 1937 mehr als 18 Millionen Stück der silbernen Münzen schlug, sich weigerte, die Engländer oder deren Einflußgebiete mit dem Taler zu beliefern, schritt Großbritanniens Königliches Münzamt zur Selbsthilfe: Es begann bald nach dem italienisch-österreichischen Vertragsabschluß Maria-Theresien -Taler in eigener Regie zu schlagen. Denn die Münze mit Österreichs Majestät war längst
- das meistverwendete Geldstück im
Vorderen Orient und in Ostafrika,
- als Zahlungsmittel selbst in Indonesien, China und Brasilien hochgeschätzt.
Mit Maria-Theresien-Talern waren an Afrikas Küsten schwarze Sklaven für die Südstaaten der USA eingehandelt und während des amerikanischen Bürgerkrieges die Baumwoll-Importe der Nordstaaten aus Ägypten bezahlt worden.
Von 1936 bis Kriegsbeginn prägten die Briten annähernd neun Millionen Taler, dann verschifften sie, weil die Taler-Transporte in ihre afrikanischen und asiatischen Besitzungen von deutschen U-Booten bedroht waren, einige Prägestöcke nach Bombay, wo in der Folgezeit insgesamt 19 Millionen silberne Abbildungen der österreichisch-ungarischen Majestät hergestellt wurden. Auch die staatlichen Münzen in Paris und Brüssel prägten zeitweilig Maria -Theresien-Taler.
Als der italienisch-österreichische Vertrag im Oktober 1960 ablief, reiste der Diplom-Ingenieur Josef Abseher vom Wiener Hauptmünzamt rasch nach Rom, um die Prägestöcke heimzuholen.
Obwohl der Taler inzwischen nur noch in einigen Winkeln Arabiens - so Aden, Jemen, Hadramaut und Oman - als Zahlungsmittel galt und Äthiopien das Silberstück 1946 aus dem Verkehr gezogen hatte, sannen die Österreicher darauf, auch die Briten vom weiteren Prägen des Talers abzuhalten.
Ende letzten Monats gaben die Engländer dem Drängen des österreichischen Außenministeriums nach. Sie hatten in den letzten Jahren ohnehin kaum noch Taler hergestellt: 1959 waren es noch ganze 202 Exemplare gewesen, die auf Bestellung angefertigt wurden.
Österreich hingegen prägte 1961 schon wieder über 2,1 Millionen der "prächtigen Münzen" (so die Londoner "Times") und verdiente daran nicht schlecht. Für jeden Taler kassiert der österreichische Staat 70 Groschen (11 Pfennig) Prägegebühr. Für 25,40 Schilling - in Deutschland für etwa fünf Mark - kann jeder Interessent das Geldstück heute wieder am Bankschalter erwerben.
Während ein Teil der fortan wieder ausschließlich in Wien fabrizierten Münzen noch im Auftrage englischer Banken via Triest nach Aden verschifft wird, schmücken andere Taler die Erzeugnisse der österreichischen Souvenir -Industrie. Als Ketten-Anhänger, auf Leder-Schatullen oder als Trinkglas -Boden hat die Münze, von der bis heute insgesamt 330 Millionen Stück geprägt wurden, neue Liebhaber gefunden.
Wien hofft, nachdem die Londoner "Royal Mint" auf die Ausprägung verzichtet hat, im nächsten Jahr wieder mehr als drei Millionen Stück herstellen zu können.
Weltwährung Maria-Theresien-Taler
England verzichtete

DER SPIEGEL 39/1962
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