26.09.1962

DEREUX-ORGELKonservierte Pfeifen

Mit verbundenen Augen saßen in diesem Frühjahr zwei Experten der Klavierbau-Firma Steinway & Sons in der belgischen Abtei Averbode und hörten Orgelmusik. Sie stammte einmal von einer nach herkömmlicher Art gebauten Pfeifenorgel, ein andermal aus einem kleinen, fünf viertel Meter breiten Instrument, das an eine Steckdose angeschlossen war. Resultat der Probe: Den Gästen aus Hamburg gelang es nicht, einen Unterschied zwischen beiden Instrumenten herauszuhören.
Das kleinere und ungleich billigere Instrument reproduziert nämlich auch Töne echter Pfeifenorgeln, allerdings ohne Pfeifen; die Töne sind auf elektrostatische Art - vergleichbar einer Tonbandaufnahme - festgehalten und durch die Bedienung der Manuale und Pedale abrufbar.
Das Experiment in der Abtei Averbode überzeugte die Vertreter von Steinway derart, daß sich die Firma die Vertriebsrechte an der neuen Orgel für die Bundesrepublik sicherte. Fabrikant und Erfinder der nach ihm benannten Orgel ist der Pariser Ingenieur Dr. Jean Adolphe Dereux.
Viele Jahre hat Dereux seinen Plan verfolgt, ein Instrument zu entwickeln, das billiger zu produzieren und leichter als eine herkömmliche Pfeifenorgel aufzustellen sein, dem traditionellen Instrument kirchlicher Musik aber an Klangfülle nicht nachstehen sollte. Die klassische Orgel, im dritten Jahrhundert vor der Zeitrechnung als "Wasserorgel" bekannt und im kaiserlichen Rom der Spätantike vornehmlich bei Zirkusspielen verwendet, hatte zwischen dem neunten und dreizehnten Jahrhundert einen so festen Platz in den christlichen Kirchen erobert, daß ihr Klang zum Bestandteil der Liturgie und ihre Placierung zu einem mitbestimmenden Faktor des Kirchenbaus wurden.
Die Möglichkeiten und Klangvolumina des Instruments wurden - vornehmlich durch den Hamburger Orgelbauer Arp Schnitger (um 1700), durch Johann Sebastian Bachs Zeitgenossen Gottfried Silbermann und, im neunzehnten Jahrhundert, durch den Franzosen Aristide Cavaillé-Coll - so ausgebildet und verfeinert, daß die Orgel im Jargon der Musik-Lexika als "Königin der Instrumente" figuriert.
Die Töne einiger Orgeln, darunter Instrumente des Pariser Orgelbauers Cavaillé-Coll, hat Dereux über ein Mikrophon aufgenommen, die Original -Tonschwingungen durch einen Oszillographen aufgezeichnet und mit einer Silberlegierung auf runde Plastikscheiben übertragen. Durch eine Abtastvorrichtung werden sie zu Tönen zurückverwandelt, sobald der Spieler die Register und gleichzeitig die Tasten der Dereux-Orgel bedient, deren Spieltisch genau dem Regierwerk üblicher Orgeln entspricht.
Anders als bei üblichen Orgeln aber macht die Aufstellung des für Dereux patentierten Instruments kaum Schwierigkeiten: Wo sonst mitunter eine Anzahl Orgelbauer mehrere Monate zu arbeiten hat, bis eine herkömmliche mittlere Orgel (Preis: etwa 45 000 bis 60 000 Mark) den akustischen Bedingungen des Kirchenraumes angemessen eingebaut ist, braucht die etwa neunzig Kilogramm schwere Dereux-Orgel (Preis: 12 000 Mark) nur von zwei Arbeitern an die richtige Stelle gerückt und an die nächste Steckdose angeschlossen zu werden. Ein herkömmliches Instrument wird durchschnittlich zweimal im Jahr gestimmt, die Dereux-Orgel bedarf keiner Wartung.
Weil die Dereux-Erfindung in den Vereinigten Staaten, aber auch in Westeuropa gut verkauft wurde, versprach sich die Hamburger Steinway-Filiale auch in der Bundesrepublik ein gutes Geschäft. Der Leiter der Orgelabteilung rechnete sich vor: "Jährlich werden in der Bundesrepublik rund dreihundertfünfzig neue Kirchen, Kapellen und Gemeindesäle sämtlicher Konfessionen geplant."
Bei kleineren Gemeinden, die sich eine teure Orgel nicht leisten können, sich aber vielleicht auch nicht mit einem Harmonium begnügen wollen, das an Klangfülle weit hinter der Orgel zurückbleibt, sah die Firma Steinway gute Vertriebschancen.
Steinway hatte nicht damit gerechnet, daß die Landeskirchenämter und andere kirchliche Instanzen elektronisch erzeugte oder elektrostatisch konservierte Musik für den liturgischen Gebrauch offenbar als eine Art Sakrileg ansehen.
Tatsächlich haben die evangelischen Kirchenleitungen von Bayern, Bremen, Hamburg, Westfalen und Berlin ihre Gemeinden schon vor Jahren davor gewarnt, elektronische Orgeln anzuschaffen, und die Kirchen von Württemberg, Lippe und Kurhessen-Waldeck haben die Anschaffung solcher Instrumente direkt verboten. Warnung und Verbot bezogen sich dabei allerdings auf Instrumente, die dem Pfeifenorgelklang ähnliche oder gleiche Töne auf elektronische Weise erzeugen.
Noch auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Berlin im vergangenen November über die Frage "Elektronische Musik im Gottesdienst?" erinnerte ein Diskussionsteilnehmer daran, daß zwar grundsätzlich keine Bedenken gegen technische Neuerungen, wie etwa die Einführung des elektrischen Lichts, beständen, daß aber die Altarkerzen niemals durch Elektrizität ersetzt werden könnten, weil ihre Aufgabe nicht das Beleuchten sei. Die Pfeifenorgel, erklärte der theologische Referent, gleiche nicht der Deckenbeleuchtung in den Kirchen, sondern den Altarkerzen.
So war es dem Hause Steinway, dessen Dereux-Orgel trotz des abweichenden Prinzips auch zu den elektronischen Instrumenten gerechnet wird, nicht einmal möglich, in der Zeitschrift "Der Kirchenmusiker" für das neue Instrument zu werben. Das Blatt, offizielles Organ der "Zentralstelle für evangelische Kirchenmusik", schickte einen Anzeigenauftrag mit dem Bemerken zurück: "Die Landeskirchen lehnen die Verwendung von elektronischen Orgeln in den Kirchen ab."
Orgelbauer Dereux
Die Kirchenleitungen warnten ...
... vor dem elektronischen Sakrileg: Dereux-Orgel

DER SPIEGEL 39/1962
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