12.09.1962

PORTERDas Narrenschiff

Ihr Leben lang habe sie, schrieb Katherine Anne Porter 1930 im Vorwort zu einem Erzählungsband, "unter der Drohung einer Weltkatastrophe gelebt" und sich Mühe gegeben, die "Logik dieses majestätischen und zugleich schrecklichen Scheiterns des menschlichen Lebens in der westlichen Welt zu verstehen". Sie avisierte damals einen "viel größeren Plan, den ich ausführen möchte".
Mehr als drei Jahrzehnte nach dieser Ankündigung hat die heute 68jährige Texanerin, die in den Vereinigten Staaten als Verfasserin stilvoller Kurzgeschichten berühmt geworden ist, ihren ehrgeizigen Plan verwirklicht. Katherine Anne Porters 500-Seiten-Roman "Ship of Fools", zu deutsch: "Narrenschiff", rangiert seit zwanzig Wochen an der Spitze der amerikanischen Bestseller-Listen*.
Der Book-of-the-Month-Club wählte das Buch für seine Mitglieder aus, der Regisseur Stanley Kramer ("Urteil von Nürnberg") bereitet die Verfilmung des Romans vor; Übersetzungsverträge mit mehreren europäischen Verlagen sind abgeschlossen worden. In Deutschland wird das Buch voraussichtlich im Herbst des nächsten Jahres bei Rowohlt erscheinen.
"Dieser Roman", stimmte die "New York Times" in das Lob anderer Zeitungen ein, "ist von einer ganzen literarischen Generation erwartet worden ... Wer nach vergleichbaren Werken forschen wollte, müßte die größten Romane der letzten hundert Jahre nennen."
Weniger begeistert waren deutsche Kritiker vom Stapellauf des modernen "Narrenschiffs". Washington - Korrespondent Herbert von Borch etikettierte in der "Welt" das Porter-Buch als ein "Dokument des Hasses", und die "Frankfurter Allgemeine" warnte: "Seit einer Dekade hat kein amerikanischer Roman mehr einen so jähen, durch keine kritische Stimme getrübten Erfolg gehabt... Nicht jeder deutsche Leser wird in diesen Jubelchor einstimmen."
Tatsächlich verdeutlicht der Roman, dessen Personal sich zu einem großen Teil aus Deutschen rekrutiert, recht drastisch die Antipathie der Autorin gegen teutonische Mentalität, in der sie als gewichtige Wesenszüge Fanatismus und Grausamkeit zu erkennen glaubt.
Die Deutschen, sagte Katherine Anne Porter erst kürzlich in einem Fernsehinterview, "haben niemand zum Freund als sich selbst. Wir werden mit ihnen wieder viel Ärger haben, es hat schon angefangen damit. Sie wollen die Welt regieren, aber das würde Sklaverei bedeuten, und das will und kann ich nicht ertragen".
Die versöhnlichere Einstellung westlicher Politiker, "diese behaglich-gemütliche Haltung gegenüber Deutschland", findet Katherine Anne Porter, der "Saturday Review" zufolge, "einfach entsetzlich", und im Sinne solchen Pauschal-Urteils ist auch ihr Erfolgsbuch angelegt: Die "Narrenschiff"-Parabel zeichnet den Deutschen als Schreckgespenst, als den Schwarzen Mann der Weltgeschichte. Vorwand für die Erläuterung des Vorurteils ist eine 27 Tage dauernde Reise des "Lloyd"-Schiffs "Vera" von Veracruz nach Bremerhaven im Spätsommer 1931.
Autorin Porter hat auf dieser Überfahrt in das pränazistische Europa die meisten der Luxuskabinen für deutsche Passagiere reserviert - so für einen "schweineschnäuzigen" Antisemiten, für das hysterische Fräulein Spöckenkieker und für die arrogante Frau Rittersdorf, die in ihrem Tagebuch über "den allmächtigen Willen meiner Rasse" sinniert. Ein Mann namens Wilhelm Freytag hat eine jüdische Frau, deren "befleckten Blutstrom" er mit Hilfe noch zu zeugender Nachfahren "in deutschen Adern reinigen" will.
Viel glimpflicher kommen allerdings auch die Vertreter anderer Nationen nicht weg, die Schiff und Buch beleben. Sowohl die rauschgiftsüchtige spanische Gräfin als auch der jüdische Devotionalienhändler Löwenthal, sowohl kubanische Medizinstudenten als ausgewiesene Zarzuela-Tänzer, Dirnen wie Zuhälter zeigen sich in barbarischer Narrheit, in Hochmut, Gewalttätigkeit und Perfidie und exemplifizieren so die pessimistische Philosophie ihrer Urheberin vom "Scheitern des menschlichen Lebens in der westlichen Welt" der dreißiger Jahre.
Nur die im Zwischendeck zusammengepferchten spanischen Arbeiter, die wegen einer Absatzkrise auf dem kubanischen Zuckermarkt ihre Stellung verloren haben und in die Heimat abgeschoben werden, bekunden mitten im makabren Panoptikum des "Narrenschiffs" andeutungsweise humane Empfindungen.
Der "Narrenschiff"-Roman hat keine geradlinige Handlung, sondern beschreibt in einer Folge zwanglos aneinandergereihter Porträtstudien und Episoden das In- und Gegeneinander von
Gefühlen, Affekten und Vorurteilen; das Buch registriert, wie unter den Atlantik-Reisenden Argwohn und Heuchelei anwachsen und in der letzten, festlichen Reisenacht kulminieren.
Das Maskenfest an Bord bietet den Passagieren zwischen Reling und Kajütenkoje hinreichend Gelegenheit, die Maske fallenzulassen. Sogar die 46jährige Dame Treadwell, die einzige Figur, der von der Autorin Charme, Rückgrat und möglicherweise auch etliche autobiographische Züge mitgegeben worden sind, beteiligt sich am orgiastischen Maskentreiben und bearbeitet schließlich mit dem Metallabsatz ihrer Sandale das Gesicht eines Betrunkenen.
Nach eigener Aussage hat die Schriftstellerin aus Texas in einigen Schreckbildern des Romans Erfahrungen verarbeitet, die sie während ihrer ersten Passage nach Europa im Jahre 1932 gemacht hatte. Auch der Buchtitel, "Ship of Fools", ist Frucht ihrer damaligen Europa-Reise: Während ihres Aufenthalts in Basel las Katherine Anne Porter das 1494 erschienene Buch "Das Narrenschiff" von Sebastian Brant, in dem der deutsche Autor eine satirische Allegorie über die Torheiten der Welt entwarf.
Mrs. Porter: "Als ich über meinen eigenen Roman nachzudenken begann, übernahm ich dieses einfache, beinahe universale Bild des Schiffes dieser Welt auf seiner Reise in die Ewigkeit... Ich bin ein Passagier auf diesem Schiff."
Der außerordentliche Erfolg, den Passagier Porter und Narrenschiff beim amerikanischen Publikum haben, dürfte allein durch das Ansehen der Autorin nicht erklärt sein. Er bestätigt vielmehr abermals die gegenwärtig guten Geschäftserfolge mit antideutschen Ressentiments, die auch William L. Shirers scheinhistorisches Buch "Aufstieg und Fall des Dritten Reiches" auf Monate, in die Höhen des Bestselling spülten. Nach Ansicht einiger Literaturbeobachter spiegelt sich im Verkaufserfolg des "Narrenschiffs" aber auch ein Leserinteresse, das sich nach den berühmten zwanziger Jahren nun den frühen dreißiger Jahren zuwende.
"Dreißig Jahre meines Lebens habe ich in dieses eine Buch investiert", teilte Katherine Anne Porter mit, sie wolle es damit genug sein lassen. Einen neuen Roman plane sie nicht: "Um Himmels willen, nein... Aber in meinem Arbeitszimmer muß ich noch vierzig Kurzgeschichten haben."
Und: "Zunächst werde ich Ferien machen. Ich werde nach Irland reisen, dann nach Rom, dann nach Paris, aber sobald ich wieder zurück sein werde, will ich mich gleich an die Geschichten machen."
Durch Deutschland führt ihre Reiseroute nicht.
* Katherine Anne Porter: "Ship of Fools". Little, Brown and Company, Boston; 498 Seiten; 6,50 Dollar.
Autorin Katherine Anne Porter Teutonen an Bord

DER SPIEGEL 37/1962
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