16.01.1963

BONN / VON HASSELWeitermachen

Zweimal haben die Brüder Lübke,
Deutschlands berühmtestes Geschwisterpaar der Politik, in das Schicksal des Kai-Uwe von Hassel entscheidend eingegriffen.
Der 1954 an Kehlkopfkrebs verstorbene ältere Bruder, Friedrich Wilhelm Lübke, erkor in seinem Todesjahr den jungen Berufspolitiker zu seinem Nachfolger als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein.
Der jüngere Bruder, Bundespräsident Heinrich Lübke, veranlaßte vergangenen Monat in einem Gespräch unter vier Augen den meerumschlungenen Regierungschef, nach acht Amtsjahren in Kiel das Bonner Verteidigungsministerium zu übernehmen und den Oberbefehl über die Bundeswehr in Friedenszeiten anzutreten.
"Hoffentlich erreicht mich kein Telegramm des Bundeskanzlers" hatte - von bösen Vorahnungen geplagt - Kai -Uwe von Hassel Ende November in der nigerischen Haupt- und Hafenstadt Lagos geseufzt, als ihn während eines Staatsbesuches in afrikanischen Entwicklungsländern bedrohliche Nachrichten von der Bonner SPIEGEL-Kabinettskrise erreichten.
Wenige Tage später, am 2. Dezember, hielt er in Togo die befürchtete Kanzler -Depesche in seinen Händen: CDU-Chef Konrad Adenauer beorderte seinen stellvertretenden Geschäftsführenden Parteivorsitzenden zur Regierungsumbildung von der Sklavenküste an die Ufer des Rheins.
Bis zum 15. Dezember hatte die Afrika-Visite von Hassels als Vertreter des Bundespräsidenten dauern sollen. Nun brach er sie vorzeitig ab. Am Spätnachmittag des 4. Dezember, einem Dienstag, landete von Haasel in Köln-Wahn.
Was er in Bonn vorfand, erschreckte ihn: Es war die Woche der Großen Koalition. In seinem Spiel um Kopf und Kabinett verhandelte Kanzler Adenauer auch mit der SPD. Davon hielt Hassel nichts: "Wie man weiß, bin ich aus staatspolitischen Gründen prinzipiell ein Gegner Großer Koalitionen."
Schon am Tag nach seiner Ankunft erfuhr der Afrika-Heimkehrer jedoch, daß seine Sorge übertrieben und der wieder einmal auf zwei Gleisen zugleich rangierende alte Herr keineswegs fest zu einem Bündnis mit der SPD entschlossen war.
Nacheinander konferierte von Hassel an jenem Mittwoch mit Kronprinz Ludwig
Erhard (anderthalb Stunden), Bundespräsident Lübke (zwei Stunden) und Kanzler Adenauer (anderthalb Stunden). Dabei offerierte der CDU-Gesprächspartner der SPD, Konrad Adenauer, dem erklärten Gegner einer Großen Koalition, Kai-Uwe von Hassel, das Verteidigungsministerium.
Hassel: "Der Kanzler wies mit allem Ernst auf die Situation der Bundeswehr hin, auf Einordnung der Bundeswehr in Nato und Verteidigungspolitik. Adenauer bat mich dringend, das Amt zu übernehmen. Ich lehnte ab."
Begründung: "Es ist notwendig, daß es Männer gibt, die unabhängig wirken können, ohne dabei ihre Person in die Überlegungen einzubeziehen. Ich hatte mich mehrfach geäußert, ein Wechsel im
Verteidigungsministerium sollte eintreten. Ich wollte daher das Amt nicht haben."
Hassels Entschluß ließ die Regierungsbildung für Konrad Adenauer und die CDU immer komplizierter werden. Zwar brach der Kanzler am 6. Dezember die Gespräche mit der SPD über eine Große Koalition endgültig ab. Aber auch eine Wiederherstellung der Kleinen Koalition war nicht möglich ohne Neubesetzung des Verteidigungsministeriums, da durch die Strauß-Verstrickungen in die SPIEGEL-Affäre der Kommandoposten in der Ermekeilkaserne zur Schlüsselposition der Kabinettsneubildung geworden war.
Das Strauß-Erbe wollte zunächst jedoch kein qualifizierter Christdemokrat
antreten. Wohnungsbauminister Paul Lücke hatte als Befürworter der Großen Koalition, Parteimanager Josef Hermann Dufhues als Gegner eines Fortbestandes des Adenauer-Regimes abgelehnt, das Amt zu übernehmen.
Immer stärker konzentrierte sich daher in den folgenden Tagen der Druck auf Kai-Uwe von Hassel: "Ich wurde auf das entschiedenste von meinen Parteifreunden gedrängt." Auch der Bundeskanzler bat den Kieler Regierungschef am Montag, dem 10. Dezember, noch einmal zur Seelenmassage zu sich. Den Ausschlag aber gab der Wunsch des um das Wohl der Bundeswehr besorgten Bundespräsidenten.
Der ältere Bruder Heinrich Lübkes, der ehemalige Windjammerkapitän Friedrich Wilhelm Lübke, der einst Weizen und Salpeter um Kap Horn und durch die Magellanstraße schiffte und
später in Schleswig-Holstein ans Ruder kam, war es gewesen, der nach dem Krieg die Karriere des politischen Kadetten Kai-Uwe von Hassel eingeleitet und gefördert hatte. Und noch heute treffen Nachfolger und Bruder des Verstorbenen zuweilen auf dem Witwensitz Hof Augaard bei Glücksburg zusammen, wenn der Bundespräsident dort seine Schwägerin besucht.
Angesichts des Notstands in Partei, Staat und Wehrmacht entschloß sich Kai-Uwe von Hassel schließlich doch, der Bitte des Staatsoberhauptes zu entsprechen und die militärische Macht zu übernehmen.
Kaum hatte er den Kanzler am Montag, dem 10. Dezember, mit seinem Ja -Wort beglückt, da gab der Oberbefehlshaber in spe beim Verlassen des Palais Schaumburg den wartenden Reportern sein erstes Kommando: "Weitermachen!"
Später kommentierte er vor Journalisten ernsthaft: "Ich bin sonst nicht empfindlich, aber die Version, 'der Hassel ist ehrgeizig, es hat ihn nach Bonn gezogen', sie ist falsch. Die Bundesebene ist wichtiger als das Land Schleswig-Holstein. Das Ganze ist wichtiger als seine Teile."
In der Tat: Es geht diesmal ums Ganze. Die Bürde, die über die Kraft eines Franz-Josef Strauß ging und die sich nun Kai-Uwe von Hassel freiwillig aufgeladen hat, ist zur Zeit die schwerste Hypothek, die den Staat von Bonn belastet. Sie besteht aus zwei gleich gewichtigen, gleich drückenden Aufgaben:
- Der Auftrag nach innen: die in der
sechsjährigen Amtszeit von Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß verschlissene moralische Autorität der Bundeswehrführung gegenüber Truppe und Nation wieder aufzurichten.
- Der Auftrag nach außen: unter Wahrung der Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik die unter Verteidigungsminister Strauß verlorengegangene, erforderliche Übereinstimmung mit der Verteidigungskonzeption der US-Schutzmacht wiederherzustellen.
Sosehr die politische Dynamik des Franz-Josef Strauß der Bundeswehr in ihren Aufbaujahren zugute kam, sosehr hat das politische Machtstreben des Wehrministers ihr geschadet.
Franz-Josef Strauß hat der Bundeswehr zum Durchbruch in der Öffentlichkeit verholfen. Er hat dem Soldatenberuf wieder Ansehen verliehen und die Streitkräfte mit seinem breiten Rükken gegen alle politischen Angriffe abgeschirmt (wenn er sich auch bei persönlichen Angriffen hinter einzelnen Untergebenen verschanzte).
Als Gegenleistung nahmen es die Generäle murrend, aber tatenlos hin, daß dieser Mann die Bundeswehr als seine politische Hausmacht benutzte, um sowohl in die Innen- als auch in die Außenpolitik des Bundes einzugreifen.
Seine Bestrebungen sollten in eine gesetzlich bestimmte Sonderstellung des Verteidigungsministers einmünden, die ihm in Notstandszeiten ein Veto-Recht über die Richtlinien der Bundespolitik eingeräumt hätte.
Parallel dazu wurde die Bundeswehr zwangsläufig in die zahlreichen Affären ihres Oberbefehlshabers verstrickt, von Fibag bis Onkel Aloys, wobei die Grundlagen der Disziplin ebenso zwangsläufig Schaden erlitten. Denn jeder Makel, mit dem der höchste Vorgesetzte einer Armee behaftet ist, muß die Disziplin in der Truppe erschüttern.
So ergab sich das Paradox, daß der Minister, der den Streitkräften in der Demokratie zunächst wieder Achtung und Respekt verschafft hatte, mit der Zeit zu einer ständig größeren Belastung für das Bild und den Geist der Bundeswehr wurde.
Diese Belastung wurde durch die keinen Widerspruch duldende Manier verstärkt, mit der Strauß der Bundeswehr seine Verteidigungskonzeption einer atomaren Abschreckung aufzwang.
In dieser Konzeption schien vielen Offizieren der Sinn des Soldatseins erloschen. Bei der atomaren Abschrekkung blieb kein Raum für die traditionellen Aufgaben des Militärs.
Im Generalstab der Bundeswehr führte die Strauß-Konzeption darüber hinaus zu einer unheilvollen Spaltung: Generäle und Obristen in der Führung der Streitkräfte fürchten, daß die atomare Abschreckung nicht in jedem Fall erfolgreich sein könnte und dann - bei einem Kriegsausbruch - der Bundesrepublik mangels konventioneller Streitkräfte für eine Vorwärts-Verteidigung nur die Alternative bliebe, entweder atomares Schlachtfeld oder überrollt zu werden.
Diesen tiefgehenden Riß in der militärischen Führung - in der SPIEGEL -Titelgeschichte über Generalinspekteur Foertsch dargestellt und von Strauß -Staatssekretär Hopf als "tragisches Mißverständnis" kaschiert - muß nun Kai -Uwe von Hassel heilen, wenn er die Bundeswehr in ihrem inneren Kern wieder gesunden lassen will.
Hier nun verzahnt sich sein Auftrag nach innen mit seinem Auftrag nach außen: den Widerspruch zwischen der deutschen und der amerikanischen Verteidigungskonzeption zu beseitigen.
Dieser Widerspruch gipfelt in der vom US-Verteidigungsminister McNamara auf der Pariser Nato-Konferenz im Dezember verkündeten Umkehrung der "Schild und Schwert"-Theorie.
Galten bisher die konventionellen Streitkräfte als Nato-Schild und die Atomwaffen als Nato-Schwert, so soll künftig wegen der gegenseitigen Neutralisierung des sowjetisch-amerikanischen Atompotentials das Schwert von den konventionellen Streitkräften gebildet werden, während die Atomwaffen die Rolle des deckenden Schildes übernehmen.
Der strategische Purzelbaum kann aber nur gelingen, wenn die konventionellen
Streitkräfte erheblich verstärkt werden. Denn nur dann ist das neue Nato-Schwert scharf. Die notwendige konventionelle Verstärkung sollen nach dem Willen des US-Präsidenten Kennedy und gegen den bisherigen Widerstand von Strauß die Europäer stellen, vor allem Deutsche und Franzosen.
In der Bundesrepublik stößt die Erfüllung dieser Forderung vor allem auf ein Personalproblem: Es gibt noch zu wenig Freiwillige für die Offiziers - und Unteroffiziers-Laufbahnen.
Die amerikanische Schwert-Forderung allein hätte genügt, um einen amerikanisch-europäischen Interessenkonflikt heraufzubeschwören. Er wird nun noch verschärft durch europäische Zweifel am Atom-Schild: Die Alte Welt, angeführt von den Bonnern, fürchtet, daß die Neue Welt im Ernstfall angesichts des ostwestlichen Atom-Patts nur zögernd bereit wäre, Europa mit ihrem atomaren Schild zu decken.
Die Befürchtungen haben sich in den letzten Wochen verstärkt, nachdem deutlich geworden ist, daß die US-Vorschläge für eine Nato-Atommacht im Gegensatz zu unterschiedlichen Plänen von Strauß, de Gaulle und Macmillan darauf hinauslaufen, die amerikanische Atom -Hegemonie 'auf viele Jahre hinaus zu wahren.
Die Regierung Kennedy will zwar vorerst Atombomber-Verbände der strategischen US-Luftwaffe und später atomare Mittelstreckenraketen vom Typ Polaris* dem (amerikanischen) Nato -Oberbefehlshaber in Europa unterstellen. Aber der Einsatz soll in keinem Fall ohne Einwilligung des US-Präsidenten befohlen werden können.
Für Bonn bringt dieser US-Plan schließlich noch eine zusätzliche Sorge: daß bei einer solchen Nato-Regelung die halbstarken Atommächte England und Frankreich bevorzugt behandelt werden sollen. Damit ist das alte Schreckgespenst eines atomaren Dreier-Direktoriums in der Nato wiederaufgelebt, durch das die Bundesrepublik ins zweite Glied verwiesen würde.
Denn im Bahamas-Abkommen vom Dezember wurde zwischen US-Präsident Kennedy und Briten-Premier Macmillan vereinbart, daß England Polaris-Atomraketen käuflich erwerben kann. Eine ähnliche Offerte wurde im Januar General de Gaulle gemacht. Der Bonner Kanzler, der seine Sorgen diese Woche mit dem stellvertretenden US-Außenminister Ball in Bonn bespricht, ging
hingegen bisher leer aus, obwohl die Bundesregierung an Mittelstreckenraketen als späteren Ersatz für den Starfighter - Düsenjagdbomber außerordentlich interessiert ist.
Der neue Verteidigungsminister Kai -Uwe von Hassel übernimmt angesichts solcher moralischen und militärischen Probleme die Bundeswehr in ihrer bisher schwersten Stunde. Und er ist sich dessen auch bewußt. Er trat dennoch in die Verantwortung, weil, wie er der Londoner "Times" nach seiner Berufung erklärte, "ich es für notwendig hielt, die Dinge in der Bundeswehr wieder in Ordnung zu bringen. Ich kenne die Stimmung und dachte, ich könnte vielleicht helfen".
Warum er das von sich denkt, erläutert von Hassel so: "Ich glaube, daß man aus meinem Herkommen schließen kann, daß ich mich mit den Fragen, die jetzt vor uns stehen, so auseinandersetzen werde, daß dabei ein Instrument in der deutschen Bundeswehr entsteht, auf das sich das deutsche Volk verlassen kann."
Hatte der neue Verteidigungsminister damit zum Ausdruck gebracht, daß sich seiner Ansicht nach das deutsche Volk auf die Bundeswehr des Franz-Josef Strauß bisher nicht voll verlassen konnte, so klang doch auch zugleich seine Zuversicht mit, daß er und die Streitkräfte
die vor ihnen liegenden Aufgaben würden lösen können.
Sämtliche sieben Wehrminister, die es bisher in einer deutschen Republik gab, sind gescheitert, weil sie von ihrer eigenen Partei im Stich gelassen oder von ihrem Regierungschef verabschiedet wurden*.
Gerade weil Kai-Uwe von Hassel, 49, sich aber in nahezu allen Wesenszügen - in Herkunft, Auftreten und im Verhältnis zur Macht - von seinem Vorgänger Franz-Josef Strauß, 47, abhebt, bringt er doch zumindest die Voraussetzungen mit, das angeschlagene Erbe, das er vorfindet, vor weiteren Schäden zu bewahren. Mit ihm könnten Ruhe und Solidität in die Streitkräfte einziehen, derer die Bundeswehr so dringend bedarf.
Hassel ist Preuße, Protestant und konservativ; Strauß ist Katholik, Bayer und hat keine Beziehungen zur Tradition.
Hassel besitzt weder die volkstribunenhafte Rednergabe noch die schillernde Intelligenz seines Vorgängers. Seine Rede ist gemessen bis zur Langstieligkeit; er mißtraut allen Intellektuellen; er verläßt sich auf seinen nüchternen Verstand, der Tatsachen zu erkennen und zu durchdringen weiß. Franz-Josef Strauß hatte lauter Einsen im Abitur -Zeugnis (laut Walter Henkels "nur im Betragen eine Drei"); der Nachfolger blieb in Unterprima hängen (laut Walter Henkels "sagt er es ohne Stottern").
Wo Strauß zu Extremen neigt, verbürgt
Hassel abgewogenes Mittelmaß; darin legen seine Stärke und Begrenzung. Er meidet schon aus Gesundheitsgründen den Alkohol und liebt es, schon in der Kleidung - vom Homburg bis zum dunklen Anzug - stets seine Seriosität zu betonen.
Der Norddeutsche ist ordnungsliebend, korrekt bis zur Pedanterie und diszipliniert: Er war nie, wie der unbeherrschte Strauß; in Skandale verwikkelt. Er kennt keine Spezis und hält selbst seine engsten Mitarbeiter auf kühle Distanz. Während sein Vorgänger aus dem Kleinbürgertum aufstieg, waren seine Vorfahren Offiziere und Pastoren.
Die Familie erscheint urkundlich zuerst 1673 mit Heinrich Hassel im sächsischen Cochstedt bei Quedlinburg. Geadelt wurde das Geschlecht zwei Jahrhunderte später in Preußen.
Der Großvater des neuen Verteidigungsministers, Friedrich Julius Hassel, der im preußisch/österreichisch-dänischen Krieg 1864 als preußischer Premierleutnant
unter dem Generals-Urgroßvater des heutigen Staatssekretärs im Bundespräsidialamt, Herwarth von Bittenfeld, focht und sich bei der legendären Erstürmung der Düppeler Schanzen durch die Vernagelung dänischer Kanonen auszeichnete, wurde 1887 durch den König von Preußen in den Adelsstand erhoben, ehe er als Generalleutnant Seiner Majestät verschied*.
Das Wappen der Sippe, das der neue Oberbefehlshaber auf seinem Siegelring trägt, erinnert an Großvaters Heldentat: Es zeigt ein Boot mit der preußischen Flagge am Mast und dem Danebrog, dem dänischen Reichsbanner, am Heck.
Wie beim Großvater, so verkörperte sich auch im Elternpaar des Verteidigungsministers in privater Sphäre ein Stück neudeutscher Reichsgeschichte:
Seine Mutter war die Tochter des nationalliberalen Reichstagsabgeordneten und Reeders Jebsen aus dem vom Großvater miteroberten nordschleswigschen Apenrade; sein Vater diente als aktiver Hauptmann der kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika, wo er noch vor dem Ersten Weltkrieg den Dienst quittierte und Pflanzer wurde. Er besaß schließlich drei Farmen für Kaffee, Kautschuk und Vieh.
Als drittes von fünf Kindern wurde Kai-Uwe von Hassel am 21. April 1913 im Neuköln (heute: Gare) der Kolonie Deutsch-Ostafrika (heute: Tanganyika) geboren - nicht weit von jenem äquatornahen Breitengrad entfernt, auf dem ihn jetzt der Ruf nach Bonn erreichte.
Nach Weltkrieg I, in dem Vater von Hassel bis zu seiner Gefangennahme unter Lettow-Vorbeck kämpfte, wurde die Familie enteignet und ausgewiesen. Sie siedelte in ein anspruchsloses Landhaus in Glücksburg an der Flensburger
Förde über, unweit vom Wasserschloß des Prinzen Friedrich Ferdinand zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, eines Duzfreundes des neuen Oberbefehlshabers der Bundeswehr, der seinerseits noch heute in seinem bescheidenen Vaterhaus wohnt.
Nach dem Abitur in Flensburg erlernte Kai-Uwe von Hassel auf einem Gut, einer Handelsschule und in einer Maschinenfabrik den Beruf des Pflanzungskaufmanns und folgte 1935 seinem wieder in den Schwarzen Erdteil zurückgekehrten Vater, der dort im gleichen Jahr verstarb. Hassel wurde Leiter der kaufmännischen Abteilung für Pflanzungen der ehemaligen Deutschen Ostafrikanischen Gesellschaft in seinem inzwischen britisch gewordenen Geburtsland.
Am Tag des Kriegsausbruchs mit England wurde er in Daressalam interniert und fünf Monate später, im Februar 1940, zum zweiten Mal nach Deutschland repatriiert.
Im gleichen Jahr heiratete er Elfriede (von Hassel: "Min Deern" oder "Elfi") Fröhlich, die er in den dreißiger Jahren
in Glücksburgs Kolonialjugend kennengelernt hatte.
Auch sie war in Übersee, in der ehemaligen deutschen Südseekolonie Samoa als Tochter des dortigen Hafenkapitäns geboren worden, der noch heute als Siebenundneunzigjähriger in einem städtischen Pflegeheim Flensburgs lebt.
Nicht nur dem jungen Kolonial-Heimkehrer war die Schönheit der blonden Elfriede aufgefallen; jahrelang hatte sie als Nivea-Idol auf Dosen und Anzeigen für die Weltfirma Reklame gelächelt. Das hörte mit der Heirat auf. 1941 wurde Sohn Joachim geboren, der sich im vergangenen Monat in Köln als Freiwilliger für die aktive Offizierslaufbahn bei den Marinefliegern meldete; 1943 folgte Tochter Barbara.
Der Vater war schon im Jahr seiner Heimkehr nach Deutschland und Eheschließung zur Wehrmacht eingerückt. Er wurde Dolmetscher für Englisch und Suaheli bei der Nachrichtentruppe, geriet als Leutnant in Norditalien 1945 in englische Gefangenschaft und traf im Herbst des Kapitulationsjahres wieder in Glücksburg bei seiner Familie ein.
Kai-Uwe von Hassel wurde kleiner Kreisangestellter mit einem Anfangsgehalt von 400 wertlosen Reichsmark. Unter dem Landrat des Landkreises Flensburg, Friedrich Wilhelm Lübke, arbeitete er als "Leiter der Schlichtungsstelle für Wohnungssachen", trat in die CDU ein und wurde 1946 Vorsitzender des Ortsverbandes seiner Partei in Glücksburg.
Bereits im nächsten Jahr war er Bürgermeister seiner Heimatstadt Glücksburg, deren Bürgervorsteher (Präsident des Kommunalparlaments) er bis zur vergangenen Woche blieb. Erst als designierter Verteidigungsminister trat er das Amt an seinen Duzfreund, den Prinzen aus dem Wasserschloß, ab.
Sein gleichermaßen ausgeprägter Fleiß und Ehrgeiz, verbunden mit der Freundschaft zu seinem Protektor Friedrich Wilhelm Lübke, der 1951 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein wurde, ließen Kai-Uwe von Hassel die Stufenleiter in der Parteihierarchie geschwind emporklettern. Schon im Juli 1950 war er Stellvertretender Landesvorsitzender der CDU.
Regierungschef Lübke baute seinen jungen Mann in den folgenden Jahren systematisch als seinen Nachfolger auf. Im Oktober 1954 wurde der Kommandowechsel im Kieler Landeshaus, einer ehemaligen Kaiserlichen Marineakademie, vollzogen. Mit 41 Jahren war Kai -Uwe von Hassel "Landesvater" geworden.
Der Benjamin unter den deutschen Länderchefs hatte ein Armenhaus übernommen, das von Zuschüssen des Bundes lebte und in dem jeder zweite Einwohner ein Vertriebener war.
Schleswig-Holstein wies nicht nur die größte Flüchtlings-, sondern auch die höchste Arbeitslosenquote auf. Noch 1950 hatte es 178 000 Arbeitslose und 138 000 Barackenbewohner gegeben.
Das politische Klima im nördlichsten Land der Republik war und ist durch einen rauhen konservativen Nationalismus geprägt. Es ist ein Bauernland, offen für Rassen-Ideologie und Schollen -Romantik, in dem die Landwirte in den 20er Jahren mit Bomben gegen die Berliner Regierungspolitik zu Felde zogen und in dem die NSDAP schon 1933
prozentual stark vertreten war - übertroffen nur von Ostpreußen und Pommern. Und eben von dort hatten sich 1945 die endlosen Flüchtlingstrecks in die Halbinsel zwischen den Meeren ergossen.
Die deutsch-nationale Grundhaltung des Auslandsdeutschen Kai-Uwe von Hassel ("Ich bin ein moderner Deutsch -Nationaler") entsprach dieser geistig seelischen Landschaft.
Er verkörperte trotz seiner jungen Jahre, was die Bevölkerung von ihrem Regierungschef erwartete, und er sprach aus, was sie dachte. So als er 1960 in Heide unter frenetischem Beifall seiner Zuhörer dem damaligen Kanzler-Kandidaten der SPD, Willy Brandt, dessen Emigrationszeit vorwarf:
"Ich bekenne mich als Deutscher und bin bereit, das Schicksal des deutschen Volkes und Vaterlandes zu tragen und zu teilen. Ich fühle mich diesem Schicksal verpflichtet in guten wie in bösen Tagen. Ich verleugne nicht meine Volks - und Staatsangehörigkeit persönlicher oder sonstiger Vorteile wegen. Ich kann diese Schicksalsgemeinschaft nicht verlassen, wenn es mir persönlich gefährlich erscheint, und ihr wieder beitreten, wenn das Risiko vorüber ist."
Das Risiko für ehemalige NS-Anhänger war in Schleswig-Holstein gering. In Kai-Uwe von Hassels achtjähriger Ministerpräsidentschaft wurden immer wieder braune Affären ans Licht gezerrt,
die in dem durch jüngere Geschichte und Sozialstruktur begünstigten deutsch-nationalen Naturschutzgebiet zwischen Watt und Förden offensichtlich besonders üppig gedeihen konnten:
- Der ehemalige Euthanasie-Professor
der SS, Hleyde, dem heute in einer Anklage hunderttausendfacher Mord vorgeworfen wird, amtierte unter dem Namen Sawade zehn Jahre lang ungeschoren als Gutachter höchster Landesgerichte.
- Der ebenfalls in Hitlers Euthanasie -Programm verstrickte Professor Catel war Direktor der Universitäts -Kinderklinik in Kiel; die KZ-Ärztin (Menschenversuche) Hertha Oberheuser praktizierte im Kreis Segeberg als Landärztin.
- Hitlers amtierender Justizminister (1941 bis 1942) Staatssekretär a.D. Professor Franz Schlegelberger und Hitlers Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof, Lautz, bekamen unangefochten Pensionen, bis ihre Fälle öffentlich ruchbar wurden.
- Der ehemalige SS-General Reinefarth, dem Kriegsverbrechen bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands (1944) vorgeworfen werden, war jahrelang Bürgermeister des Badeortes Westerland und zog sogar als BHE-Abgeordneter in den Landtag von Schleswig-Holstein ein.
An keiner dieser Affären war von Hassel unmittelbar beteiligt. Doch er bewältigte die Fälle auf eine politisch so vorsichtige Art, daß er dabei auch nicht die Gunst der tonangebenden Rechtskreise seines Landes verlor.
Im Gegenteil: Es gelang ihm, in der CDU dem liberalen Flügel des ehemaligen Landtagspräsidenten Walther Böttcher jeden Einfluß zu nehmen. Im Parlament wurden unter seiner robusten Parteiführung - bis auf eine geschrumpfte FDP - die Fraktionen aller rechts der CDU stehenden Parteien restlos aufgerieben: der BHE, die DP, der Schleswig-Holstein-Block und die GDP.
So geartete Durchschlagskraft, verbunden mit einer erfolgreichen Amtsführung, die Schleswig-Holstein aus dem Geruch des Armenhauses herausbrachte, beeindruckten den Parteivorsitzenden und Bundeskanzler Konrad Adenauer im fernen Bonn. Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, seit 1956 einer der vier stellvertretenden Parteivorsitzenden der CDU, avancierte Zug um Zug zum gewichtigsten Christdemokraten Norddeutschlands.
In dieser Rolle wurde er 1959 sogar überraschend als krasser Außenseiter Ins parteiinterne Rennen um die Bundespräsidentschaft geschickt.
Fraktionsvater Krone, seit je um die konfessionelle Balance und das geographische Gleichgewicht in der Partei besorgt, hatte am Montag, dem 23. Februar, selbst darauf verzichtet, das Erbe des schwäbischen Liberalen Theodor Heuss zu übernehmen, der zehn Jahre lang als moralische Instanz an der Spitze des Bonner Staates stand. Krones Vorschlag an den Kanzler: Kürt den norddeutschen Protestanten von Hassel.
Noch am selben Tag rief Konrad Adenauer in Oberstdorf an, dem Urlaubsquartier des Kieler Regierungschefs. Hassel sagte zu, reiste ab und
war vierundzwanzig Stunden später zur Stelle.
Ein Dutzend führende Christdemokraten hatten sich an jenem Dienstagnachmittag im Palais Schaumburg versammelt, um das neue Staatsoberhaupt auszuwählen.
Es war in dieser Sitzung der damalige Bundesinnenminister Gerhard Schröder, der die Außenseiter-Kandidatur kalt abwürgte: "Der Kandidat ist zu jung."
Der anschließenden Diskussion über seine Qualitäten entzog sich der Jung -Premier; verstört wanderte er in den Gängen des Palais Schaumburg auf und ab, bis ihn Heinrich Krone zurückholte, damit Hassel aus optischen Gründen freiwillig auf eine Kandidatur verzichtete. Hassel erwies der Partei auch noch diesen Dienst.
Aber ebenso bezeichnend ist für ihn die Konsequenz, die er damals aus seiner bisher bittersten politischen Niederlage zog: Mit entsagungsvoller Beharrlichkeit machte er sich von nun an daran, einen nächsten Ruf nach Bonn gründlicher vorzubereiten.
Bis zu 14 Stunden saß er an seinem Schreibtisch im ersten Stock des Kieler Landeshauses oder baute auf Reisen seine Beziehungen zu anderen Parteiverbänden der CDU aus. Er hatte sich Diktiergerät und Schreibpult in seinen Dienstwagen einbauen lassen, hörte seine Reden vom Tonband ab und studierte sich selbst am Fernsehschirm, um sein Auftreten zu polieren. Die Familie,
Boxer "Gangster" und seine Ausrüstung als Photo-Amateur sah er immer seltener. Fast ein Drittel seiner Arbeitszeit widmete er in den letzten Jahren seiner Partei. Im November 1959 wurde er Bundeswahlkampfleiter der CDU mit Verbindungen und Freundschaften bis in die höchsten und entferntesten Partei-Organisationen.
Gleichzeitig mit seiner verstärkten Parteiarbeit begann Kai-Uwe von Hassel sich intensiv mit zwei überregionalen Aufgaben zu beschäftigen: aus Neigung als Afrika-Deutscher mit der Entwicklungshilfe, aus Pflicht als Regierungschef eines strategisch exponierten Landes mit der militärischen Verteidigung.
Er unternahm mehrere Studienreisen nach Afrika, prägte das Schlagwort "Keinen Pfennig für goldene Betten" und erarbeitete in einem 47-Seiten Memorandum das Organisationsschema für eine halbstaatliche Gesellschaft für Entwicklungshilfe (Stammkapital 75 Millionen Mark), deren Aufsichtsratsvorsitzender er im November 1962 wurde.
Im Unterschied zur gängigen Vorliebe für klotzige Industrialisierungs-Projekte ist Pflanzersohn von Hassel der Ansicht, daß es in erster Linie darum geht, mit Hilfe deutscher Unternehmen die Landwirtschaft der Entwicklungsländer auszubauen und deren Produkte in kleinen und mittleren gewerblichen Betrieben zu veredeln.
Ähnlich unorthodoxe Gedanken entwickelte der Kieler Regierungschef auf dem militärischen Sektor. Erste Kenntnisse für die in seinem Lande besonders wichtige amphibische Kriegführung sammelte von Hassel mit all seiner Vorliebe für technische Details 1959 bei einem Besuch der 6. US-Flotte im Mittelmeer.
Schleswig-Holsteins Verteidigung ist schwierig, da diese Landzunge von der Nato-Front in Mitteleuropa durch die Elbe abgeschnitten wird, die den Nato -Abschnitt Mitte vom Nato-Abschnitt Nord trennt.
Zugleich ist das Bundesland aber ein Eckpfeiler der gesamten Nato-Verteidigung, weil es den Landzugang zu den drei Ostseeausgängen - Kleiner Belt, Großer Belt, Öresund - bildet.
Während die übrige Nato-Front von Norden nach Süden verläuft, muß Schleswig-Holstein im Falle eines sowjetischen Durchbruchs nördlich der Elbe auf einer ost-westlichen Linie abgeriegelt werden. Außerdem ist mit kombinierten See- und Luftlandungen zu rechnen.
Bei den gegenwärtigen Kräfteverhältnissen der konventionellen Streitkräfte In Ost und West war es bisher unmöglich, in Schleswig-Holstein mehr als eine hinhaltende Verteidigung zu garantieren. Regierungschef von Hassel am 6. Januar 1960 in Pinneberg: "Schleswig-Holstein ist bislang nicht ausreichend verteidigt."
Aus diesen Gegebenheiten zog der Kieler Ministerpräsident, beraten durch den damaligen Befehlshaber im Wehrbereich I, Konteradmiral Bernhard Rogge, einen doppelten Schluß:
- Verstärkung der konventionellen Nato-Streitkräfte in Schleswig-Holstein. Im März 1960 forderte Hassel die Stationierung einer Division
amerikanischer Marine-Infanterie ("Ledernacken") in seinem Land.
- Aufbau einer Heimatverteidigung in Schleswig-Holstein. In einer Denkschrift des Wehrbereichskommandos I, die Hassels volle Billigung hatte und die Ende 1959 weitgehend von dem heutigen Verteidigungsberater des Kanzlers, Oberst i.G. von Blumröder, verfaßt worden war, wurden konkrete Vorschläge für eine "Landeswehr" aufgestellt.
Als Befehlshaber der "Landeswehr" hatte der Ministerpräsident seinen Duzfreund aus dem Wasserschloß und Landesvorsitzenden des "Verbands Deutscher Soldaten", Prinz Friedrich Ferdinand, ins Auge gefaßt. Hassels organisatorische Vorstellungen für eine Heimatverteidigung orientierten sich an skandinavischen Vorbildern.
Dort halten freiwillige Bürger Uniformen und leichte Waffen im häuslichen Kleiderschrank bereit, um auf ein Stichwort hin zum Schutz eines vorher bestimmten Objektes (Industrieanlagen, Brücken und Versorgungsbetriebe) auszurücken. Norwegens Regierungschef Gerhardsen beispielsweise ist für einen solchen Notfall als MG -Schütze dem Vormann der Stauerleute in Oslos Hafen zugeteilt.
So weit gediehen die Pläne in Schleswig-Holstein nicht. Vierspaltig berichteten die "Kieler Nachrichten" im Januar 1960 über das Schicksal des Memorandums zur Heimwehr-Organisation: "Strauß gegen Rogges freiwillige Landeswehr."
Ob Kai-Uwe von Hassel als neuer Oberbefehlshaber von 398 000 deutschen Soldaten und Herr über einen 17-Milliarden-Etat nun seine alten Ideen einer Heimatverteidigung wiederaufleben lassen wird, weiß er selbst noch nicht mit Gewißheit. Er will sich erst gründlich einarbeiten und informieren, ehe er militärpolitische Entscheidungen trifft.
Die gleiche Zurückhaltung legte von Hassel in der Form seiner Amtsübernahme an den Tag. Während der Vorgänger sich mit einem pompösen Zapfenstreich in Wahn verabschiedete, fuhr der Nachfolger am Mittwoch vergangener Woche nach Antrittsbesuchen beim Bundespräsidenten, beim Kanter und Teilnahme an einer Kabinettssitzung vor dem Eingang des Verteidigungsministeriums vor, wo ihn Staatssekretär Hopf und der Generalinspekteur Foertsch erwarteten, als wäre es nicht seine erste, sondern eine alltägliche Ankunft.
Wie wesensfremd die beiden Verteidigungsminister sind, hatte sich auch bereits wenige Tage zuvor auf der Gratulationscour im Palais Schaumburg am 87. Geburtstag Konrad Adenauers wieder einmal gezeigt:
Strauß drängelte sich an den Kanzler heran, um ostentativ mit ihm zu tuscheln und dann bei Abgang so laut zu rufen, daß alle Empfangsbeobachter es hören mußten: "Also dann in dem Sinne, wie wir es besprochen haben."
Hassel stand hinter dem Bundestagspräsidenten Gerstenmaier unauffällig im zweiten Glied, bis der Kanzler ihm mit seinem durch das vordere Glied gestreckten Glas Sekt zuprostete: "Zum Wohl, Herr von Hassel".
Hassel auf dem Empfang lakonisch über seinen Amtsantritt: "Am Mittwoch bin ich da."
An jenem Mittwoch ließ von Hassel sich nach seiner Ankunft in der Ermekeilkaserne von seinem Vorgänger den führenden Beamten und Militärs des Ministeriums vorstellen. Eine Betriebsversammlung von etwa dreihundertfünfzig Angehörigen des Hauses suchte Strauß dazu zu nutzen, den Nachfolger auf seine in die Krise geratene Militärpolitik zu vergattern: "Die Richtung bleibt die alte."
So leicht war Kai-Uwe von Hassel jedoch nicht festzulegen. Zwar versicherte er pauschal: "Kein neuer Kurs wird abgesteckt." Aber jede materielle Äußerung zur gegenwärtigen militär politischen Diskussion lehnte er in einer
Konferenz mit den Abteilungsleitern des Ministeriums und dem Führungsstab der Bundeswehr unter Hinweis auf seine bevorstehende Einarbeitung ab.
Und zugleich ließ er in der Besprechung den neuen Stil deutlich werden, der mit ihm in der Bundeswehr einziehen soll. Während ein wesentlicher Teil der Amtsführung von Strauß einer verschlungenen Personalpolitik gewidmet war, dämpfte von Hassel schon in dieser ersten Sitzung sofort die spürbare Unruhe über mögliche personelle Veränderungen. (Außer der Ablösung des Presse-Obristen Schmückle ist auch die Versetzung des Staatssekretärs Hopf im Gespräch.) Man solle auf "Spekulationen und den Klatsch" nichts geben.
Auch für seine eigene Person hatte der neue Minister zu diesem Zeitpunkt bereits umsichtig das Fundament für eine dauerhafte Arbeit zementiert:
- Er bleibt trotz seiner Berufung nach Bonn CDU-Landtagsabgeordneter und CDU-Landesvorsitzender in Schleswig-Holstein und befehligt damit weiter eine eigene christ demokratische Hausmacht.
- Kronprinz Ludwig Erhard hat ihm zugesichert, daß in einem Kabinett Erhard der Verteidigungsminister weiter von Hassel heißen wird.
- FDP-Major Erich Mende, der sich zur Übernahme eines Ministeramtes nach Adenauers Rücktritt bereithält, hat dem Minister beteuert: "Wir haben uneingeschränktes Vertrauen zu Ihnen als Verteidigungsminister."
- SPD-Wehrpolitiker Fritz Erler versicherte: "Die Sozialdemokraten wollen von Hassel mit gutem Willen entgegenkommen."
Eine so breite politische Absicherung hält der neue Oberbefehlshaber selbst für bitter notwendig, weil er - wenn auch aus der Ferne - miterlebt hat, wie einst Strauß dem Theodor Blank im Nacken saß und ihn im Oktober 1956 aus dem Verteidigungsministerium drängte. Hassel rechnet mit der Neuauflage eines solchen Zermürbungskriegs:
"Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß die CSU darauf dringt, daß Strauß wieder Verteidigungsminister wird."
Obgleich Kai-Uwe von Hassel in dieser Situation - wäre er nur auf seinen taktischen Vorteil bedacht - mitziehen müßte, die Kanzlerschaft Konrad Adenauers so weit wie möglich auszudehnen, um selbst Zeit zu gewinnen, die eigenen Bastionen in der Ermekeilkaserne zu befestigen, hat er in vertraulichen Gesprächen mit Parteifreunden bekannt: "Der Kanzlerwechsel muß sich meiner Meinung nach vor den parlamentarischen Sommerferien 1963 vollziehen." Und: "Die Zeit des Absolutismus ist vorbei."
Dieses Urteil wiegt um so schwerer, weil es von einem Christdemokraten stammt, der jahrelang als einer der gläubigsten Kanzleranhänger in der CDU-Führung wirkte. Hassels Hochachtung
vor dem alten Herrn reichte bis zur Demut. Als Konrad Adenauer 1961 das Zweite Fernsehprogramm in den Griff der Bundesregierung bringen wollte, war Kai-Uwe von Hassel der einzige westdeutscheLänderchef, der dieser verfassungswidrigen Manipulation öffentlich Beifall zollte.
In der Treue zum Kanzler kam ihm in jenen Jahren nur einer seiner Generation und seines Ranges gleich: sein natürlicher Rivale Gerhard Schröder, der 1959 die Präsidentschaftskandidatur des Kai-Uwe von Hassel torpedierte und wie der Glücksburger jung, ambitioniert, protestantisch und mit meßbarem deutsch-nationalen Einschlag versehen ist.
Auch Gerhard Schröder hat sich - genau wie Kai-Uwe von Hassel - im letzten Jahr von der Faszination, die der Kanzler so lange Zeit auf ihn ausübte, sichtbar gelöst. Und dennoch ist gerade heute, da die beiden als Außen- und Verteidigungsminister die zwei mächtigsten Kabinettsposten verwalten, ihre alte Rivalität einer bisher nicht gekannten Solidarität gewichen.
Beide - so wie sie sind und dort, wo sie sind - müssen und können sich selbst als potentielle Kanzler-Kandidaten betrachten. Sie scheinen aber bereit, den für ihre Partei so riskanten Übergang von der Ära Adenauer zu neuen Ufern gemeinsam zu planen und vorzunehmen.
Schon vor Weihnachten fanden sie, die einander bisher mieden, im Gespräch unter vier Augen eine Operationsbasis. Schröder wird von Hassel gegen Strauß abdecken. Hassel wird darauf verzichten,
mit Hilfe der Militärpolitik wie Strauß eine eigene Außenpolitik zu betreiben.
Diese Allianz der beiden protestantischen Herzöge im Bonner Reich wird erleichtert durch eine gemeinsame Anglophilie. Für Hassel wie für Schröder gehört England zu Europa. Beide sprechen fließend englisch. Beide vertrauen auf die amerikanische Militär-Macht.
Daß umgekehrt jetzt endlich auch in der Bundeswehr eine Militärmacht entsteht, auf die Amerika vertrauen darf und auf die sich "unsere Freunde in der Nato verlassen können" (von Hassel), das ist Auftrag und Ziel des neuen Oberbefehlshaber mit dem beziehungsträchtigen altfriesischen Vornamen Kai
- "der für den Gegner Gefährliche".
* Zur Zeit lieferbar in zwei Ausfertigungen mit einer Reichweite von 1900 oder 2800 Kilometer und einer Sprengkraft von je 500 Kt (gleich 500 000 Tonnen Sprengstoff).
* Gustav, Noske, Otto Geßler, Wilhelm Groener, Kurt von Schleicher, Werner von Blomberg, Theodor Blank und Franz-Josef Strauß.
* Auch ein Urgroßonkel Kai-Uwe von Hassels, der österreichische General Theodor von Lereh, kämpfte im Krieg von 1864 gegen Dänemark; Lerchs Sohn führte als deutscher Ausbilder der japanischen Armee 1911 im Reich der aufgehenden Sonne das Skifahren ein, was ihm die Japaner im vorletzten Jahr verspätet durch den Bau eines Denkmals in Takatschi dankten,
Neuer Verteidigungsminister von Hassel, Bundespräsident: Von zwei Brüdern erkoren
Togo-Gast von Hassel, Togo-Chef Olympio: In Afrika geboren, aus Afrika gerufen
Repub ikonische Wehrminister Noske, Geßler, Groener, v. Schleicher, v. Blomberg, Blank, Strauß: Sieben gab es, sieben scheiterten
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A Preiß als Verteidigungsminister - wie heißt "Saupreiß" auf preißisch?
Hassel-Wappen
Ein Stück neudeutscher Reichsgeschichte..
... in Grenzgebiet und Kolonien: Hassel-Wohnsitz in Glücksburg
Hassel-Ehefrau Elfriede, Boxer "Gangster"
Aus Übersee gekommen
US-Flotten-Besucher von Hassel
Auf See gelernt
Alter OB Strauß (r.), Kanzler in Wahn
Abschied mit Musik
Neuer OB von Hassel, Staatssekretär Hopf, General Foertsch: Antritt ohne Pomp
Verbündete Rivalen von Hassel, Schröder: "Für den Gegner gefährlich"

DER SPIEGEL 3/1963
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