09.01.1963

LETZTE WORTEAm Jenseits

Der französische Schriftsteller Anatole France und der russische Tänzer Waslaw Nijinski riefen sterbend nach "Maman" und nach "Mamascha"; der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832) und der englische Kriegskorrespondent Laurence Oliphant (1829 bis 1888) forderten auf ihrem Sterbelager "mehr Licht" und der amerikanische Industrielle Abram S. Hewitt (1822 bis 1903) zog sich die Sauerstoffmaske vom Gesicht und proklamierte das Ende seines 80 Jahre währenden Lebens: "Jetzt bin ich offiziell tot."
So jedenfalls versichert Hewitts 40jähriger Landsmann Barnaby Conrad In seinem Buch "Famous Last Words« (Berühmte letzte Worte), das vor wenigen Wochen in Großbritannien veröffentlicht wurde.
Conrad, der einst als dilettierender Stiertöter in spanischen Arenen Todesverachtung geübt hatte - er amtierte außerdem als amerikanischer Vizekonsul in Sevilla, war für kurze Zeit Sekretär des Literatur-Nobelpreisträgers Sinclair Lewis und verfaßte, vom Leben und Tod des ruhmvollen Manolete inspiriert, einen Bestseller-Roman mit dem Titel "Matador" -, hat in seiner nekrophilen Anthologie rund 1000 Aussprüche gesammelt, mit denen berühmte
und berüchtigte, bekannte und weniger bekannte Gestalten aus Altertum, Mittelalter und Neuzeit ihr Dasein beendeten oder zumindest der Legende nach beendet haben sollen.
Er zitiert in alphabetischer Ordnung, im übrigen freilich recht sorglos und ungenau, die klagenden und resignierten, die verzweifelten, frivolen, gelassenen und arroganten Äußerungen von Königen, Mätressen, Philosophen und Mördern zum eigenen Exitus, wie sie von Witwen Anverwandten, Freunden und Biographen überliefert und ohne Zweifel oft auch erfunden wurden, und summiert nach abgeschlossener Kollektion "überrascht und getröstet, daß der Tod als verhältnismäßig angenehm beschrieben wird, besonders wenn man ihn mit anderen Prüfungen vergleicht -mit dem Leben zum Beispiel".
Als "verhältnismäßig angenehm" hat, laut Sprüche-Sammler Conrad, allem Anschein nach der Dichter und Moralprofessor Christian Fürchtegott Gellert (1715 bis 1769) sein Lebensende empfunden. Der "Gewissenrat für ganz Deutschland" (Goethe) quittierte die Auskunft seines Arztes, er habe nur noch eine Stunde zu leben, mit Erleichterung: "Gott sei Dank - nur noch eine Stunde!"
"Das also Ist der Tod, na ja ..." murmelte der schottische Historiker Thomas Carlyle, und der Norweger Edvard Grieg gab sich gleichermaßen gefaßt: "Na ja, wenn es denn sein muß ..."
Gleichgültig übte sich der cholerakranke Philosoph Friedrich Hegel im dialektischen Sprung: "Nur ein Mensch hat mich je verstanden", sinnierte er in Todesnähe, fügte dann jedoch hinzu: "Und auch der verstand mich nicht."
Weniger gelassen sah der Romancier Honoré de Balzac seinem Tod entgegen. Im Delirium gedachte er einer Romanfigur aus seiner "Menschlichen Komödie", des Wunderdoktors Horace Bianchon, und flüsterte: "Wenn Bianchon hier wäre, würde er mich retten." Verzweifelter noch starb Leonardo da Vinci:
"Ich habe Gott und die Menschen beleidigt, weil mein Werk nicht die Qualität erreichte, die es hätte haben sollen."
"Sie wollen mir weh tun! Oh, bitte tun Sie mir nicht weh", flehte die Favoritin Ludwigs XV., die Gräfin Dubarry, in Todesangst ihren Henker an, der sie 1793 zur Guillotine schleifte. Die Gemahlin Ludwigs XVI., Marie Antoinette, bewahrte dagegen königliche Haltung und Höflichkeit, als sie im selben Jahr das Schafott erstieg und dabei dem Scharfrichter auf die Füße trat. "Verzeihen Sie, Monsieur", entschuldigte sie sich artig, "ich habe es nicht absichtlich getan."
Der Revolutionär Georges Jacques Danton, der im April 1794 als Opfer Robespierres der Königin und der Dubarry auf die Richtstätte der Place de Grève folgte, bekundete noch größere Souveränität. "Zeigen Sie dem Volke mein Haupt", befahl er dem Bürger Henker, "es hat es verdient."
Während der sterbende Römerkaiser Nero sich selbst beklagte ("Welch ein großer Künstler geht mit mir zugrunde"), sah Kaiser Vespasian (9 bis 79) seiner Apotheose entgegen: "Ich glaube, ich werde jetzt ein Gott."
Für den moribunden Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. (1688 bis 1740) blieb geringere Selbstherrlichkeit und weniger günstige Aussicht aufs Jenseits. Gegen das Zitat des Geistlichen aus dem Buch Hiob allerdings - Ich bin nackt von meiner Mutter Leib gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren"
- begehrte er bei aller Bereitschaft zur
Demut aber dann doch auf. Er korrigierte: "Nein, nicht ganz nackt. Ich werde meine Uniform anhaben."
Dem französischen Dichter und Kritiker Francois de Malherbe - er starb 1628 - bereitete geistlicher Beistand noch größeres Ärgernis. Wütend vertrieb er den Priester von seinem Totenbett: "Halten Sie den Mund! Ihr elender Stil widert mich an!" Den spanischen Staatsmann und General Ramòn Maria Narváez (1800 bis 1868) vermochte priesterliche Milde ebenfalls nicht zu beeindrucken. Auf die Frage, ob er seinen Feinden verzeihe, antwortete er ironisch: "Ich brauche meinen Feinden nicht zu vergeben. Ich habe sie alle erschießen lassen."
Mit Ironie reagierte auch der amerikanische Mörder James W. Rodgers, als er 1960 zur Hinrichtung vor ein Erschießungskommando geführt wurde. Nach seinem letzten Wunsch befragt, erbat er sich "eine kugelsichere Weste". Der fast legendäre Revolverheld Tom Horn aus der Wildwest-Epoche Amerikas demonstrierte sogar echten Galgenhumor. "Du wirst doch wohl nicht nervös, wie?", fragte er den Sheriff, der Ihn zum Galgen führte. "Meine erste Hinrichtung", entschuldigte sich der Sheriff mit zittriger Stimme. Horn, lachend: "Meine auch."
Durchaus gottesfürchtig, wenn auch nicht ganz ohne listige Hintergedanken, verbrachte, Barnaby Conrads "Berühmten letzten Worten" zufolge, der Habsburger-Kaiser Franz Joseph die letzten Minuten seines Lebens. Er sang die österreichische Kaiserhymne: "Gott erhalte Franz den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz."
* Barnaby Conrad: "Famous Last Words". Verlag Alvin Redman, London; 208 Seiten; 16 Shilling,
Königin Marie Antoinette auf dem Schafott: "Verzeihen Sie, Monsieur"

DER SPIEGEL 1/1963
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