23.01.1963

FRANKREICH / DE GAULLEDer Hahn krähte

Der General sprach anderthalb Stunden lang, länger als je zuvor auf einer Pressekonferenz.
Als Hofstaat hatte Frankreichs General-Staatschef Charles de Gaulle sein gesamtes Kabinett mitgebracht. In dem von acht überdimensionalen Kristallleuchtern festlich illuminierten Hauptsaal des Elysee-Palastes harrten 500 Journalisten.
Die Schau war bereits im vergangenen Dezember angekündigt worden. Und die gaullistische Presse hatte in den letzten Wochen nicht mit bedeutungsschweren Anspielungen gespart, daß der Staatschef bei diesem Anlaß seine Vorstellungen von der Weltpolitik in aller Klarheit darlegen werde.
Die Botschaft, die Frankreichs Führer schließlich am Montag vergangener Woche zu verkünden hatte, entsprach Aufwand und Erwartungen.
In langen Monologen, für die ausgewählte Journalisten Stichwort-Fragen lieferten,
- lehnte de Gaulle das Kennedy-Projekt einer multilateralen Atommacht unter US-Kontrolle ab;
- tat er seinen Willen kund, Großbritannien den Weg in die EWG zu versperren.
"Ich wiederhole, was ich schon oft gesagt habe", rief der Präsident in den Saal, "daß Frankreich darauf besteht, seine eigene, nationale Verteidigung zu behalten. Die eigene freie Entscheidung ist eine unabdingbare Notwendigkeit für ein großes Volk, da Bündnisse niemals einen absoluten Wert haben."
Und, noch deutlicher: "Frankreich wird, wenn die Not es gebietet, nach eigenem Ermessen von seinen Atomwaffen Gebrauch machen."
Diese Absage an den amerikanischen Verbündeten kam nicht unerwartet. Überraschend aber war die Abfuhr für den britischen Alliierten.
"Der (EWG-)Vertrag von Rom", so meditierte der General über das ihm genehme Europa, "wurde zwischen sechs kontinentalen Staaten abgeschlossen, die von gleicher Art sind. In ihren Lebensgewohnheiten gibt es viel mehr Gemeinsames als Trennendes. Diese Sechs haben keine politischen Streitigkeiten, keine Grenzprobleme, und sie kennen auch keine Macht-Rivalitäten."
Was de Gaulle aber an dieser Gemeinschaft noch besonders vorteilhaft erschien: "Die Solidarität dieser Völker des Kontinents wird verstärkt durch die Tatsache, daß kein Staat durch einen politischen oder militärischen Vertrag außerhalb der gemeinsamen Verpflichtungen gebunden ist."
Das schöne Idyll sah der mit gewohnter Leidenschaft deklamierende Franzose durch die hinzudrängenden Inselmenschen von jenseits des Kanals schwer gefährdet.
De Gaulle erinnerte daran, daß die Briten sich zunächst geweigert hätten, sich an einer europäischen Integration zu beteiligen, und hielt ihnen sodann all ihre Fehler vor, die seines Erachtens England als völlig ungeeignet erscheinen lassen, ein Teil des Europas zu werden, das er sich vorstellt.
"England ist insular, maritim, durch seinen Handel und Verkehr den verschiedenartigsten und weit auseinanderliegenden Ländern verbunden, das Land hat in all seinem Tun sehr eigenwillige Gewohnheiten und Traditionen."
Der Franzose ließ keinen Zweifel daran, daß er in den Briten nur das Trojanische Pferd sieht, mit dessen Hilfe die USA aus seinem Europa der Sechs eine atlantische Gemeinschaft unter amerikanischer Oberherrschaft machen wollen, in der das Gewicht eines Charles de Gaulle naturgemäß nicht mehr entscheidend wäre.
Das Äußerste, was er unter solchen für ihn wenig erbaulichen Auspizien den Engländern zugestehen wollte, war eine Assoziierung an die EWG.
Diesen Vorschlag hatte der französische Präsident bereits Mitte Dezember dem britischen Premier Macmillan unterbreitet, als dieser im Schloß Rambouillet bei Paris die Absichten des Franzosen zu ergründen suchte.
Gegen eine Assoziierung Englands an die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft hätte de Gaulle nichts einzuwenden, da ein lediglich assoziierter Staat keinerlei politisches Mitspracherecht im Rat der EWG besitzt: Frankreich brauchte in diesem Fall nicht zu befürchten, daß sich das Gewicht im Gemeinsamen Markt zu seinen Ungunsten verändert.
Die Briten konterten kalt Europaminister Heath, der eben in Brüssel mit den EWG-Unterhändlern die letzten Hindernisse eines EWG-Beitrittes Großbritanniens aus dem Wege zu räumen suchte, kommentierte am vergangenen Dienstag nur, an einer Assoziierung sei London nicht im mindesten interessiert. Der Minister erhielt von Premier Macmillan Anweisung weiterzuverhandeln.
Drastischer lasen sich die Kommentare der englischen Presse über de Gaulles Auftritt. "Größenwahn", befand die konservative "Daily Mail". Der "Daily Sketch" stufte die Auslassungen des Generals als "Frechheit" ein. Und der "Daily Telegraph" zürnte: "In Europa ist für ein französisches Drittes Reich kein Platz."
Selbst die traditionell zurückhaltende "Times" griff zu starken Worten. "Geh nach Hause, und versuche es noch einmal, wenn du älter geworden bist. So und nicht anders lautet der Rat, den de Gaulle der britischen Regierung und dem britischen Volk gegeben hat", empörte sich die Zeitung.
Zum Zorn der Engländer gesellte sich alsbald die Schadenfreude: Sie konnten registrieren, daß sie in ihrer Empörung über de Gaulle nicht allein waren. Die vom General mit so warmen Worten gepriesene kontinentale Gemeinschaft, die er vor den britischen Störenfrieden zu bewahren gedachte, stob angesichts der nationalistischen Manifestationen des Franzosen auseinander, als sei ein Fuchs in einen Hühnerhof eingefallen. Alle fünf EWG-Partner Frankreichs bekundeten, daß sie nicht im entferntesten daran dächten, England aus Europa zu verbannen.
"Die belgische Regierung kann keinesfalls die Verantwortung für eine Politik übernehmen, wie sie der französische Staatschef gegenüber England praktizieren will", konstatierte Belgiens Außenminister Spaak. Er erinnerte daran, welche Zugeständnisse die fünf EWG-Partner seinerzeit gegenüber dem protektionistischen Frankreich gemacht hatten. "Die Schwierigkeiten, die wir beim Abschluß des EWG-Vertrages mit Frankreich hatten, waren zumindest so groß wie die jetzigen Probleme mit England."
Dem Belgier pflichteten Italiener, Niederländer, Luxemburger und auch der Bonner Außenminister Schröder bei.
Die Briten schöpften aus dem gemeinsamen Protest gegen de Gaulle neue Hoffnung. "Der Hahn krähte laut", spottete "Daily Mail". "Aber es hat wenig Sinn, wenn er allein kräht."
Die Regierung Macmillan überprüft inzwischen drei mögliche Folgerungen, die sie aus dem Pariser Kraftakt ziehen kann:
- Forderung nach einer europäischen Gipfelkonferenz, auf der geklärt werden soll, ob de Gaulles Absage ein endgültiges Veto gegen den EWG-Anschluß Englands ist und ob die übrigen Kontinentalen sich damit abfinden;
- Verzicht Englands auf einen EWG -Beitritt, was eine enge Partnerschaft der Briten mit den USA und eine Verstärkung der Bande zum Commonwealth nach sich ziehen müßte; zu warten, bis sich die Verhältnisse auf dem Kontinent durch den Abgang de Gaulles und Adenauers entscheidend zugunsten Englands geändert haben.
Daß auch Frankreichs Staatschef sich schon über diese letzte Möglichkeit Gedanken macht, gestand er vergangenen Freitag auf einem Empfang für französische Abgeordnete im Elysee-Palast: "Eines Tages werden die Engländer in den Gemeinsamen Markt eintreten, aber dann werde ich zweifellos nicht mehr da sein."
General-Staatschef de Gaulle, Reporter: Fuchs im Hühnerhof

DER SPIEGEL 4/1963
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